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SPAZIERGANG NACH SYRAKUS
D 2026, 97 Min.
Regie: Lars Jessen
mit Charly Hübner, Lina Beckmann, Thorsten Merten
Ostalgisches Roadmovie von der Sehnsucht, die aus Träumen geboren
Trailer zu SPAZIERGANG NACH SYRAKUS
Weiterlesen... Sehnsucht wird aus Träumen geboren. Ein Traum von Italien, vom Reisen: Paul Gompitz will den Sehnsuchtsort der Deutschen selbst erleben, das Land, das von Goethe bereist wurde und von Johann Gottfried Seume, der 1981 ans Ende der Welt lief: Spaziergang nach Syrakus hieß sein Reisebericht. Anfang der 1980er überfällt dieser Rappel Paul, da ist er Kellner – auf der Weißen Flotte zwischen Hiddensee, Rügen, Usedom. Ostsee irgendwie, aber nicht das offene Meer, und vor allem: DDR.
Lars Jessen ist so etwas wie der Haupt-Heimatfilmer Norddeutschlands, mit Charly Hübner hat er einen kongenialen Partner gefunden, der diesen Paul zurückhaltend, aber bestimmt spielt, introvertiert, aber mit Fernweh infiziert. Spaziergang nach Syrakus ist angelehnt an die Erzählung Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus von Friedrich Christian Delius aus dem Jahr 1995, die wiederum angelehnt ist an die Biografie von Klaus Müller, der in den 1980ern die DDR verließ, um Italien zu sehen – und zurückkehrte. Jessen erzählt von der DDR weder „ostalgisch“ noch als Ausstattungskino: Auf erfrischend „normale“ Weise wird der Staat und das Leben darin geschildert, wo man sich arrangieren muss und nur im Kleinen das Offene leben darf, und wo dennoch ein Gefühl der Zugehörigkeit wachsen kann.
Den starken Hauptteil des Films nehmen die Reisevorbereitungen ein, minutiös, wohldurchdacht, vorsichtig und heimlich und wahnsinnig langwierig. Bücher über Segeln, Radar- und Funktechnik? Kann man nicht einfach so kaufen, das Misstrauen in der DDR ist groß und durchdringt auch Buchhändlerinnen. Einem Segelclub beitreten, um die Flucht nach Dänemark zu üben? Für einen Mittvierziger unmöglich. Das Westgeld verstecken, das Paul im Lauf der Jahre als touristisches Trinkgeld einnimmt? Klar, er braucht Devisen für die Reise, aber wie bekommt man das in die BRD? Und dann ist da noch Anne, Pauls Frau.
Anne wird gespielt von Lina Beckmann, sie und Hübner sind im echten Leben ein Paar – hier spielen sie Eheleute in zunehmender Entfremdung; und Anne wird in Beckmanns Interpretation der Rolle zum starken Gegengewicht dieses Filmes. Eine Frau mit Ahnungen über ihren Mann, eine Frau, die ihn halten will, eine Frau, die weiß, wie man Freiheit in der DDR zumindest im Privaten simulieren kann: eine Datsche als Rückzugsort, am Strand die Kleidung wegwerfen und ins Meer tauchen…
Jessen erzählt mit einfühlsamem Witz von diesem Sonderling in der DDR, der sieben Jahre und neun Monate braucht, um seinen Traum verwirklichen zu können. Der sich auf stille Art in eine Besessenheit steigert – und für den die DDR, Mecklenburg, Rostock immer Heimat bleiben wird. Als er es in den Westen schafft, stellt er gleich klar: Er ist kein Flüchtling. Er ist ein Reisender, der zurückkehren will. Die akribischen Vorbereitungen kontrastieren mit der ganz naiven Denkweise, dass eine Heimkehr so leicht sei – sie schließt sowohl das DDR-Regime aus als auch Anne.
Die Reise selbst ist im Film bewusst einfach gehalten, als Schlaglichter auf Orte und Begegnungen und vor allem Postkartenansichten im buchstäblichen Sinne: Paul Gombitz als begeisterter Tourist eingeblendet in die Grußfotografien von Bella Italia. Während ihm im Inneren, ohne dass er es sich selbst wirklich eingestände, dämmert, dass seine Frau Anne ein eigenes Leben hat, eine eigene Persönlichkeit ist. Der Reisende kehrt immer als ein anderer zurück, weiß er – die Daheimgebliebenen entwickeln sich auch.
Jessen bricht seine Erzählung auf verschiedene Arten – etwa durch die Erzählstimme von Paul, der rückblickend und wunderbar literarisch sich, seine Motivation, seine Gedanken und seine Irrtümer reflektiert; erzählt aus der Sicht von 2006, in diesem Film von 2026, über Ereignisse ab 1982. Dadurch ergibt sich eine deutliche, aber nicht aufdringliche Reflektionsebene, Ein still widerständiger Geist in einem engen Land, ein unmöglicher Wille nach Freiheit – dagegen ein beständiges Gefühl der Zugehörigkeit. Sehnsucht wird aus Träumen geboren – wenn sie verwirklicht wird, dann kann es passieren, dass sie zur Ungebundenheit wird. Dass Wurzeln gekappt werden. Und nur langsam wieder wachsen können. (kino-zeit.de)
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