mit Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz, Edward Norton
Nahezu klassisches Screwball-Dialoggewitter mit Starbesetzung
Weiterlesen...Früher war es normal, dass bei größeren Filmfestivals regelmäßig Bieterkriege ausbrachen. Im Anschluss an besonders umjubelte Premieren telefonierten sich die Einkaufsteams der Hollywoodstudios die Finger heiß, um die Verwertungsrechte am neuesten Hype-Titel zu ergattern. Aber der Indie-Sektor liegt inzwischen brach und solche Nachrichten sind eine echte Seltenheit geworden. Selbst beim diesjährigen Cannes-Festival gab es mit „Club Kid“ und „La Bola Negra“ nur zwei Filme, die eine echte Marktbewegung auslösten. Vier Monate zuvor war es beim renommierten Sundance-Filmfestival sogar nur ein einziger Titel, bei dem die Gebote durch die Decke gingen – bevor schließlich das Kultstudio A24 („Marty Supreme“) die Konkurrenz von Apple TV, Netflix und Searchlight Pictures ausstechen konnte. Aber man sollte jetzt nicht glauben, dass die Mitbietenden nur heiß auf die Stars waren. Denn selbst wenn die anregende Kammerspiel-Komödie „The Invite“ mit Penélope Cruz, Seth Rogen, Edward Norton und Olivia Wilde auftrumpft, sind die Zeiten, in denen ein namhafter Cast allein genug war, um das Interesse der Kinogemeinde zu wecken, ebenfalls vorüber. Stattdessen liefert Olivia Wilde mit ihrer dritten Regiearbeit nach „Booksmart“ und „Don’t Worry Darling“ einen waschechten Cringe-Crowdpleaser – der im selben Moment mit einer provokanten Schärfe lockt! „The Invite“ macht erst wahnsinnig neugierig – und entlässt einen dann ebenso befriedigt aus dem Kinosaal. Zumal der vierfach oscarnominierte Edward Norton eine der besten Leistungen seiner Karriere beisteuert. Joe (Seth Rogen) war früher mal für einen Sommer ein erfolgreicher Rockstar. Aber inzwischen kann sich der Gastprofessor kaum noch dazu aufraffen, seine gleichermaßen unmotivierten Musikstudent*innen zu unterrichten. Seit ihm seine Frau Angela (Olivia Wilde) ein Klapprad geschenkt hat, sind seine Rückenschmerzen nur noch schlimmer geworden – und so will er auch an diesem Abend einfach nur seine Ruhe haben. Aber dann kommt die Hiobsbotschaft: Angela hat das Nachbarspaar von oben, das beim Sex immer so unglaublich laut ist, zum Abendessen eingeladen. Die Psychotherapeutin Piña (Penélope Cruz) und der auf Masseur umgeschulte Ex-Feuerwehrmann Hawk (Edward Norton) sind echt sympathisch. Aber auch sie spüren schnell, in was für eine angespannte Situation sie hier hineingestolpert sind. Ein wenig lockerer wird der Abend erst, als die Gäste über die Ursprünge des lauten nächtlichen Stöhnens auspacken. Die Geräusche stammen nämlich nicht zwingend nur von dem Paar selbst; stattdessen veranstalten Piña und Hawk offenbar regelmäßig Gruppensexpartys in ihrem Appartement … Vor zwei Jahren kam „Der Vierer“ mit Florian David Fitz in die Kinos. Allerdings geriet die Neuauflage eines spanischen Originals derart piefig, dass die Genrebezeichnung „Sex-Komödie“ schon viel zu hochgegriffen wäre. Stattdessen gab es doch nur altbackenes Beziehungskisten-Einerlei. Auch „The Invite“ basiert auf einem spanischen Vorbild, der Boulevard-Komödie „Sentimental“ aus dem Jahr 2020. Aber Olivia Wilde verleiht dem Stoff in jeder Hinsicht eine ganz neue Qualität. Das fängt schon bei der Inszenierung an. Wo die Vorlage aussieht wie eine glattpolierte Komödie von der Stange, haben die Regisseurin und ihr Kameramann Adam Newport-Berra („Blink Twice“) auf analogem 35-mm-Material gedreht. „The Invite“ mag zu 95 Prozent in einer einzigen Wohnung spielen – aber Hammer sieht der Film trotzdem aus! Schon die Splitscreens im Vorspann wecken sofort Assoziationen an das Indie-Kino der Siebziger – und tatsächlich erinnert „The Invite“ vom Vibe her vielmehr an den Swinger-Klassiker „Bob & Carol & Ted & Alice“ als an modernen Europa-Boulevard. Das Drehbuch von Rashida Jones und Will McCormack („Celeste & Jesse Forever“) passt sich den inszenatorischen Ambitionen an: Die beiden Paare sind nicht länger auf Klischees reduzierte Punchline-Ziele, sondern komplexe Figuren aus Fleisch und Blut – und gerade deshalb windet man sich bei den Peinlichkeiten der ersten Filmhälfte mitunter ganz schön im Kinosessel. Das Skript hat Biss – und der Cast trifft das Timing perfekt. Aber fast noch wichtiger sind die Änderungen in der zweiten Hälfte, wenn der Swinger-Sex erst einmal als Möglichkeit auf dem Tisch liegt. „The Invite“ ist tatsächlich auch eine Einladung, immer wieder richtig laut loszulachen – aber das zum Glück nicht auf dem üblichen „hi, hi, die sprechen über Gruppensex“-Niveau. Stattdessen wirken die Reaktionen der Figuren – inklusive des überraschten Gastgeberpärchens – erfreulich erwachsen; und das nicht nur, weil ohne aufgesetzte Scham auch über Pegging & Co. gesprochen wird. So katapultiert dieser Abend auch eine Menge schlummernder Probleme an die Oberfläche, die einem für eine Komödie dieser Art erstaunlich stark zu Herzen gehen. (filmstarts.de)Ausblenden
STAATSSCHUTZ
D 2026, 113 Min. Regie: Faraz Shariat
mit Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak
Fesselnder Politthriller und banges Gerichtsdrama zur rechten Zeit
Weiterlesen...Mit seinem autobiografisch gefärbten Spielfilmdebüt „Futur Drei“ lieferte Faraz Shariat 2020 ein rauschhaftes Werk, das originelle Wege fand, um in der Sprache des Kinos von Queerness und von postmigrantischen Erfahrungen in Deutschland zu erzählen. Nun folgt mit „Staatsschutz“ sein nächster Langfilm. Das Drehbuch, das Claudia Schaefer gemeinsam mit Sun-Ju Choi und Jee-Un Kim geschrieben hat, habe in ihm das Gefühl ausgelöst, sich „in den Dienst dieser Geschichte zu stellen“, sagt Shariat in einem Interview. Und tatsächlich ist diese Dringlichkeit in seiner Inszenierung deutlich zu spüren. Im Zentrum der Handlung steht die junge Staatsanwältin Seyo Kim (herausragend: Chen Emilie Yan), die in Ostdeutschland in der angeblich „objektivsten Behörde der Welt“ tätig ist und sich auf einem vielversprechenden Karrierepfad befindet. Zu Beginn sehen wir sie im Gerichtssaal, wo sie kühl und sachlich auftritt. Als sie mit dem Fahrrad in der Stadt unterwegs ist, wird sie Opfer eines rassistischen Brandanschlags mit Feuerwerkskörpern. Rasch stellt sie fest, dass sie trotz Warnungen und großer Gefahr auf eigene Faust ermitteln muss, um etwas zu erreichen. So recherchiert sie etwa in rechten Chatgruppen, um einen der Täter zu enttarnen. Doch dies ist erst der Anfang, wie ihr ein Blick ins Archiv ihrer Behörde bald offenbart. Seyo Kim ist eine spannende Protagonistin, die im Laufe des Plots eine komplexe Wandlung durchläuft. Mehr und mehr muss sie ihre anfänglichen Überzeugungen infrage stellen und erkennen, dass das System, von dem sie selbst ein aktiver Teil ist, Rechtsextremismus verharmlost und zu einer Deckung von Nazis beiträgt. Klug und mit gründlichem Hintergrundwissen schildert das Skript Prozesse, die zu Korruption und zu Diskriminierung führen. Der Film weckt Unbehagen und ist damit genau die Art von politischem, widerständigem Kino, das wir in dieser Zeit brauchen. Die Entwicklung der Hauptfigur ist auch deshalb so gut aufgebaut, weil sie Ambivalenz zulässt. So muss sich Seyo Kim durchaus zu Recht von einer Betroffenen aus einem früheren Fall darauf hinweisen lassen, dass sie erst jetzt tiefer zu graben beginnt, als sie selbst betroffen ist. Mit der engagierten Anwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch), die sich seit jeher für Opfer rassistischer Angriffe einsetzt, und der Behördenmitarbeiterin Ayten Alican (Alev Irmak) gibt es weitere fein gezeichnete Figuren. Shariat erlaubt es sich, mit Genreelementen zu spielen, die bei falscher Dosierung auch zu einer Banalisierung des Sujets hätten führen können. Es gelingt ihm aber, exakt die richtige Mischung aus realer Betrachtung und von Wut und Gerechtigkeitssinn erfülltem Thriller zu finden. Seyo Kim ist keine strahlende Heldin, wird jedoch zu einer Figur, die es schafft, die Angst dorthin zu verlagern, wo sie hingehört – nämlich auf die Seite der Täter:innen. Ohne sie zum Pulp-Racheengel zu stilisieren, bringen das Autorinnentrio, Shariat und die unfassbar intensiv agierende Hauptdarstellerin eine Kämpferin hervor, die innerhalb staatlicher Institutionen strukturellen Rassismus den Garaus machen will und dabei angemessen einschüchternd wirkt. Und wem es (wie Shariat hier) gelingt, eine Knight Rider-Referenz zu platzieren, ohne dem Thema dadurch auch nur ein Minimum an Ernsthaftigkeit zu rauben, sondern dessen Brisanz sogar noch clever zu unterstreichen, der muss wirklich niemandem mehr beweisen, dass er ein bemerkenswertes Talent ist. (kino-zeit.de)Ausblenden