MonatsDoku – Ö/D/ISR 2026, 95 Min. Regie: Benji Bergmann, Jono Bergmann
Das eindringliche und umfassende Portrait des israelischen Popstars
Weiterlesen...Nein, es ist natürlich nicht schlimm, wenn man den Namen Noga Erez noch nie gehört hat. Spätestens nachdem man aber zum ersten Mal mit ihrer Musik in Berührung gekommen ist, und dann noch den Porträtfilm über sie und ihren musikalischen wie privaten Partner Ori Rousso gesehen hat, wird man diese Frau und ihre Musik eh nicht mehr aus dem Kopf bekommen. Über einen Zeitraum von fünf Jahren begleiten die beiden Brüder Jono und Benji Bergmann (Wirecard — Die Milliardenlüge; Mau) Noga Erez und ihren musikalischen wie privaten Partner Ouri Rousso auf ihrem Weg an die internationale Spitze, der allerdings keineswegs so einfach passierte, wie dies zuerst den Anschein hat. Die 1989 geborene Noga Erez hat bereits eine wechselvolle Karriere hinter sich. Als Kind bereits früh mit dem Klavier und anderen Instrumenten in Berührung gekommen, probierte sie viele verschiedene Musikstile aus, war Musikerin in einer Militärkapelle, dann Sängerin einer Indie-Band. Sie probierte sich im Jazz aus, bevor sie sich rund um das Jahr 2011 der elektronischen Musik zuwandte. 2016 erschien ihre Debüt-Single Dance While You Shoot, 2017 dann die Single Toy, die internationale Beachtung fand, kurz darauf folgte ihr Debütalbum Off the Radar und schließlich mit KIDS (2021) und The Vandalist (2024) zwei weitere Longplayer, die Kooperationen mit Größen wie Missy Elliott, Robbie Williams, Weezer, Kylie Minogue und anderen Stars der Popmusik enthielten. All das ist Insiderwissen für Fans und spielt in Jono und Benji Bergmanns Porträt keine Rolle, Archivmaterial aus der Kindheit und Jugend hat hier ebenso wenig Platz wie endlose Talking-Heads-Passagen voller Lob und wohltemperierter Statements. Vielmehr springt der Film unmittelbar hinein in einen Soundcheck und eine hochenergetische Konzertperformance von Fire Kites, die Noga damit einleitet, dass man ihr nahegelegt habe, diesen Song nicht zu spielen. Klar, dass sie genau das tut. Und damit ist der Grundton dieses Films bereits gesetzt. Unterteilt ist der Film in insgesamt neun Kapitel, die nach prägenden Songs von Noga Erez benannt sind. Und dieser jeweilige Song gibt mit seinem textlichen Fokus und dem Kontext, in dem er entstand, die Facetten vor, die in dieser Sequenz schlaglichtartig behandelt werden: Sie changieren von Privatem inklusive einer zeitweiligen Trennung der Paares und einer finalen Schwangerschaft, mit der der Film endet, über kreative Prozesse und die Probenarbeit sowie fulminanten Bühnenauftritten bis hin zu politischen Aspekten und Ambiguitäten. Was auf den ersten Blick wie ein komplizierter dramaturgischer Überbau anmutet, funktioniert in der Realität aber sehr gut und fügt sich weitgehend in die eh recht flexible gehandhabte Chronologie des Films ein, die auch Menschen, die nicht mit dem Werk von Noga Erez vertraut sind, eine gute Orientierung bietet. Statt der glatten Nacherzählung eines künstlerischen Wegs als Erfolgsstory, die immer nur steil nach oben zeigt, lässt der film Raum für Brüche, Selbstzweifel und Widersprüchlichkeiten, denen sich auch die beiden Protagonisten bewusst sind und die sie bewusst zulassen. Besonders deutlich wird das durch die zeit nach dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023. Noga verstand sich schon immer als oppositionelle Stimme zur Politik Benjamin Nethanyahus und handelte sich durch ein in einem Interview geäußertes Verständnis für die BDS-Bewegung viel Kritik ein. In Folge des Krieges in Gaza ist sie es nun selbst, die sich allein aufgrund ihrer israelischen Herkunft mit drohende Konzertabsagen konfrontiert sieht und angefeindet wird – Todeswünsche und Beschimpfungen per Mail und via Social Media inklusive. Eine Lose-Lose-Situation nicht nur für sie selbst, sondern für viele kritische Künstler*innen in Israel, deren Meinungskorridor sich aufgrund der Verhärtungen und Polarisierungen immer weiter verengt. Einen Ausweg aus dem Dilemma weiß auch sie nicht, Aufgeben kommt jedoch nicht in Frage. Aber das ist ein weiteres, noch ungeschriebenes Kapitel in dieser Geschichte voller Energie und widerständigen Widersprüchlichkeiten. (kino-zeit.de)Ausblenden
A SAD AND BEAUTIFUL WORLD OmU
Nahost – Nujum al´amal w al´alam – LB/USA/D 2025, 110 Min. Regie: Cyril Aris
mit Hassan Akil, Camille Salameh, Julia Kassar
Eine magische, melancholische Liebesgeschichte im Libanon
Weiterlesen...Das ist ein Feuerwerk, Schatz. Kein Krieg“, heißt es an einer Stelle in „A Sad and Beautiful World“. Das bereits im Titel angelegte Nebeneinander von Schrecklichem und Schönem bestimmt den Alltag der Figuren, die der Regisseur Cyril Aris mit seiner Co-Autorin Bane Fakih geschaffen hat. Das Historische und das Politische dienen in diesem Film nicht lediglich als Hintergrund, um die Konflikte etwas zu erhöhen und die Handlung dadurch ein bisschen dramatischer zu gestalten. Vielmehr sind der Libanesische Bürgerkrieg und seine weitreichenden, noch Jahre später deutlich spürbaren Konsequenzen untrennbar mit der Liebesgeschichte des zentralen Paares verbunden. Während des Krieges wurden die beiden fast zeitgleich in einem Beiruter Krankenhaus geboren. Als Grundschulkinder waren sie kurz miteinander befreundet; sie wollten sich gar als Boy- und Girlfriend gemeinsam auf eine Reise begeben. Doch erst als Erwachsene lernen Nino (Hasan Akil) und Yasmina (Mounia Akl) einander wirklich kennen. Zuweilen setzen das Drehbuch und die Inszenierung hier auf die Mittel der RomCom – allerdings nie formelhaft, sondern stets frisch und charmant. Das Gelingen dieser Methode ist neben den ebenso romantischen wie witzigen Dialogen vor allem der stimmigen Chemie zwischen Hasan Akil und Mounia Akl in ihren Rollen zu verdanken. Es ist sofort klar, warum er sie und sie ihn anziehend findet. Und wir als Publikum können überhaupt nicht anders, als uns direkt mit in die beiden zu verlieben und ihnen das Beste zu wünschen. Wie in einer Kinoromanze üblich, sind Nino und Yasmina charakterlich sehr unterschiedlich. Nino trägt meist ein schelmisches Lächeln im Gesicht und versucht, bei allem Chaos um ihn herum immer möglichst ruhig und optimistisch zu bleiben. Er betreibt das Restaurant seiner verstorbenen Eltern – Chez Nino. Dort gibt er den Leuten exakt jenes Gefühl, das der Name verspricht: als willkommene Besucher:innen bei ihm zu sein, gut aufgehoben. Yasmina ist derweil karriereorientierter, hektischer, impulsiver – und eine Realistin. Sie will das Land schnell verlassen. Ninos beschwichtigendes Verhalten und Yasminas besorgte Einstellung sorgen wiederholt für Schwierigkeiten in der Beziehung – und zeigen zugleich die gegenläufigen Reaktionen von Menschen, die in einem Staat leben, der sich in einer schweren Krise befindet. Über mehrere Dekaden hinweg verfolgen wir Nino und Yasmina. A Sad and Beautiful World trifft keine endgültige Entscheidung darüber, ob letztlich das Traurige oder das Schöne überwiegt – und ob nun Ninos oder Yasminas Perspektive die angemessenere ist. Der Film lässt keine süßen (Kino-)Lügen zu, nimmt uns aber auch nicht jegliche Hoffnung. Das macht ihn ungemein kraftvoll und mitreißend. (kino-zeit.de)Ausblenden