Das Kinoptikum zeigt heute

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So. 11:00
LARA
D 2019, 100 Min., Regie: Jan-Ole Gerster
mit Corinna Harfouch, Tom Schilling, André Jung
Oh Mother! Ein Tag im Leben der schroffen Lara als virtuoses Psychogramm einer "Klavierspielerin".
Trailer zu LARA
Weiterlesen... Gleich der Auftakt gerät geheimnisvoll. Unruhig geht die fahrige Heldin in ihre Wohnung im Hochhaus umher. Sie öffnet den Vorhang, das Fenster, holt einen Stuhl - man ahnt nichts Gutes. Nach dem Vorspann steht klingelnd die Staatsmacht vor der Tür. Kaum ist die seltsame Bitte jener leicht schrulligen zwei Polizisten erfüllt, hebt Lara Jenkins ihre gesamten Ersparnisse von der Bank ab.
Just an ihrem 60sten Geburtstag, gibt Sohn Viktor ein großes Klavierkonzert. Um für ein volles Haus zu sorgen, kauft die Mama die verbliebenen 22 Karten kurzerhand auf, die sie an Freunde und Fremde verschenken wird. Die Karriere ihres Kindes war Lara schon immer wichtig. Vielleicht zu wichtig, weil sie selbst ihren Traum der gefeierten Pianistin einst aufgeben musste. Umso mehr will sie den Erfolg für Viktor um jeden Preis. Der krankhafte Ehrgeiz hat Spuren hinterlassen. Ehemann Paul (Rainer Bock) hat sich längst abgewendet, der sensible Sohn zog zur Großmutter aufs Land. Unter Kollegen sorgte die Härte der pensionierten Beamtin gleichfalls für frostige Stimmung. „Hat es Sie nie gestört, dass man Sie nie ausstehen konnte?“, bekommt sie von ihrer Nachfolgerin bei einem Besuch in der Behörde zu hören.
Die vielen falsch gestellten Weichen in ihrem Leben rächen sich mit voller Wucht an diesem Geburtstag. Telefonanrufe lässt Viktor unbeantwortet, nicht einmal eingeladen hat er die Mutter zum großen Konzert. Der geduldige Ex-Gatte fordert ungewohnt rigoros, den Sohn endlich in Ruhe zu lassen. Die Großmutter verweigert die mitgebrachte Torte: „Im Kühlschrank ist kein Platz!“. Allein ein freundlicher Nachbar zeigt sich liebevoll um die Jubilarin bemüht. Lara scheint von alledem seltsam unbeeindruckt. Ein Hauch von Verzweiflung schimmert zwar immer wieder kurz über ihr Gesicht. Doch dann geht es wieder so unbarmherzig weiter, wie gewohnt. Das zufällige Treffen mit einem dreizehnjährigen Klavierschüler wird der eingeschüchterte Knirps so schnell kaum vergessen. Ebenso wenig wie Viktors Freundin, die mit einer wahrlich perfiden Racheaktion in einem Café abgestraft wird. Als bitterer Höhepunkt schließlich das Gespräch mit dem Sohn im Garten der Oma. „Klug und eloquent komponiert“ lobt die Mutter dessen Komposition kurz. Um danach etwas zu sagen, das den Sohn völlig aus der Bahn wirft. Das Konzert rückt immer näher. Dann erscheint auch noch der einstige Klavierlehrer von Lara im Saal. Ausgang ungewiss. Überraschungen garantiert.
Ähnlich à la „Oh Boy“ setzt Jan-Ole Gerster auf diverse Episoden an einem einzigen Tag, die wie ein Kaleidoskop das überraschende Bild ergeben. Auch hier wird die melancholische Grundierung regelmäßig mit etlichen Komik-Farbtupfern versehen, sorgen absurder Humor und feinsinnige Situationskomik für die notwendige Entspannung. Tom Tykwers vielfach preisgekrönter Haus-Kameramann Frank Griebe zeigt mit visueller Originalität einmal mehr, dass er zu den besten seines Faches gehört. Raffinierter verspiegelt lässt sich Kaufhaus-Shoppen kaum inszenieren, selbst der triste Hansa-Platz von Berlin bekommt ein fast attraktives Antlitz. Überhaupt glänzt die Hauptstadt mit selten auf der Leinwand zu sehenden Schauplätzen in eindrucksvollem Farbkostüm - „Oh Berlin“.
Die Besetzung fällt bis in kleine Nebenrollen mit großartigen Darstellern aus. Der Part von Tom Schilling ist diesmal kleiner geraten, gleichwohl überzeugt er charismatisch als Sensibelchen mit Trotzpotenzial. Die Hauptlast trägt klar Corinna Harfouch, die diese Traumrolle mit scheinbarer Mühelosigkeit regelrecht zelebriert. Bisweilen erinnert die Harfouch mit ihrem eiskalten Auftreten, der eleganten Kleidung und der minimalistischen Mimik an die Huppert in „Die Klavierspielerin“. Hier wie dort gelingt das schwierige Kunststück, eine wenig sympathische Figur für das Publikum interessant werden zu lassen, fast Empathie zu entwickeln. Was steckt hinter dieser harten Schale? Woher rührt die schroffe Unbarmherzigkeit? Nur andeutungsweise wird mehrfach davon gemurmelt, dass es Lara jetzt wieder besser gehe. „Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. Dass einer alles hat: das ist selten“, wusste schon Tucholsky. Lara wusste das wohl lange nicht. Nun bekommt sie diese Lerneinheit vielleicht als Geburtstagsgeschenk. Erfreulich, dass Jan-Ole Gerster mit dem Erwartungsdruck besser umgehen konnte als seine Protagonisten. Da sollte es bis zum dritten Streich nicht ganz so lange dauern. (programmkino.de)
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So. 15:30
MICHEL BRINGT DIE WELT IN ORDNUNG
KinderKino – S 1973, 97 Min., Regie: Olle Hellbom
mit Allan Edwall, Jan Ohlsson
Die Streiche des blonden Lausebengels (empf. ab 6 Jahren)
Weiterlesen... Michel aus Lönneberga besucht mit Vater Alfred und der Magd Lina eine Auktion, wo er lauter scheinbar nutzlosen Krempel ersteigert. Lina wird am nächsten Tag von Zahnschmerzen geplagt. Michel hilft ihr dabei, den faulen Zahn, der für ihr Elend verantwortlich ist, zu entfernen. Oder zumindest versucht er es. Außerdem bringt er einem Schwein Kunststücke bei und betrinkt sich mit einigen Farmtieren aus Versehen an vergorenen Früchten. Ausblenden

So. 18:00
PJ HARVEY - A DOG CALLED MONEY  OmU
Kino zum Zuhören – IRL/GB 2019, 90 Min., Regie: Seamus Murphy
mit PJ Harvey
Die Entstehungsgeschichte des neuesten PJ-Albums - ein dokumentarisches Gesamtkunstwerk
Trailer zu PJ HARVEY - A DOG CALLED MONEY
Weiterlesen... „Ich habe gehört, vor 20 Jahren konnte man mit Kugeln bezahlen, um ins Kino zu kommen“, erzählt P.J. Harvey am Anfang dieser Dokumentation, als sie in Kabul in Afghanistan ist. Ihr Freund Seamus Murphy nahm sie dorthin mit. Er muss ihr auch davon erzählt haben, war er als Fotojournalist doch schon ein Vierteljahrhundert zuvor in dem vom Krieg zerrissenen Land. Wenn Harvey das ausspricht, dann ist es nicht nur eine Information, es wird zu Poesie. Denn Harvey hat Murphy begleitet, um Inspiration zu finden. Auf ihren Reisen notiert sie Zitate, Gedanken, Überlegungen – sie alle werden zur Basis dessen, was auf den Songs des neuen Albums zu finden sein wird. Harvey überlegt auch, wie sie die Songs interpretieren soll.
Die Reise führt sie nach Kabul, dann in den Kosovo und schließlich nach Washington. Dort aber nicht in das Zentrum der Macht, sondern die vergessenen Orte. Ein Viertel wie Anacostia, das nicht weit vom Capitol Hill entfernt und doch eine gänzlich andere Welt ist, in der die Abgehängten und Zurückgelassenen leben. Harvey interessiert sich für diese Menschen. Sie will ihre Geschichten hören. Die Künstlerin interpretiert sie, transformiert sie, macht sie zu etwas, mit dem sie Menschen überall auf der Welt berührt.
„P.J. Harvey – A Dog Called Money“ ist ein sehr intimer Film, der auf den künstlerischen Prozess blickt und den Zuschauer dabei so nahe ran bringt, wie das nur irgend möglich ist. Die Grenzen verschiedener Ausdrucksformen – Film, Dokumentation, Fotographie, Musik, Performance – sind dabei fließend. Harvey ist die Künstlerin, wird aber auch zum Kunstobjekt, wenn sie mit den Musikern im Tonstudio des Somerset House ist, die Songs einspielt, daran feilt und immer beobachtet wird. Nicht nur von Murphys Kamera, sondern auch durch das schallisolierte Fenster, durch das Besucher Harvey und ihren Musikern bei ihrem Werk zusehen können.
Das macht den Dokumentarfilm zum Teil des Gesamtkunstwerks, das von der Suche nach der Poesie erzählt, die Harvey an den ungewöhnlichsten Orten findet. Orte, die man mit Krieg, Tod und Verheerung in Zusammenhang bringt, aber Harvey zeigt eine andere Seite. Der Film so wie ihre Songs zeugen vom menschlichen Geist, der sich über alles erheben kann. Harvey erhebt sich niemals über die Menschen oder ihre eigene Kunst – sie agiert mit spürbarer, authentischer Demut und nutzt die Gabe ihres Talents, um dem Rezipienten eine Welt zu offenbaren, die er so nicht kennt. (programmkino.de)
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So. 20:30
DIE WACHE  frz. OmU
Cinema ObscureAu poste! – F/B 2018, 74 Min., Regie: Quentin Dupieux
mit Benoît Poelvoorde, Grégoire Ludig, Marc Fraize
Kafkaeskes Kammerspiel der schrägen Sorte über eine denkwürdige Nacht auf dem Polizeirevier
Trailer zu DIE WACHE
Weiterlesen... Gleich die Ouvertüre gerät zum vergnüglichen Coup: Ein Dirigent, lediglich mit roter Unterhose bekleidet, eröffnet mit seinem Orchester mitten auf einer Wiese standesgemäß dieses schräge Spektakel. Nach einigen pompösen Paukenschlägen eilt prompt die Polizei herbei und führt den Musiker ab aufs Revier, wo Kommissar Buron just jenem Konzert im Radio lauscht. „Es wird eine lange Nacht!“, warnt der missgelaunte Ermittler den freundlichen Verdächtigen Fugain und reicht ihm immerhin seinen angebissenen Schokoriegel. Der pflichtbewusste Bürger hat eigentlich nur den Fund einer Leiche vor seinem Haus gemeldet, doch prompt wird er als Mörder verdächtig.
Immer und immer wieder will der Kommissar wissen, was der Verdächtige an diesem Abend getan hat. Penibel klappert er das Protokoll in eine alte Schreibmaschine. Als Buron sich eine kleine Pause gönnt, soll sein etwas trotteliger Assistent Philippe die Bewachung des Verdächtigen übernehmen. Den plagt nicht nur ein seltsames Augenleiden, er verwendet in jedem Satz ein „sozusagen“ und wittert zudem in jedem banalen Gegenstand auf dem Schreibtisch höchste Gefahr. Ob Geodreieck oder Kaffeekanne, alles könnte als tödliche Waffen taugen. Um seine Autorität zu unterstreichen, will der Nachwuchs-Cop stolz seine Polizeimarke präsentieren. Die scheint jedoch verschollen und die Suche danach hat fatale Folgen.
Kaum kehrt der Kommissar zurück, geht das Verhör weiter, besser gesagt: Es beginnt wieder von vorne. Vom Hölzchen zum Stöckchen muss sich Fugain erinnern, wie er den Abend verbrachte. Sieben Mal hat er die Wohnung verlassen, um ein Mittel gegen Kakerlaken zu kaufen. Zum Glück hat die neugierige Nachbarin jedes Öffnen seiner Wohnungstür wie immer ganz genau beobachtet. Als der Kommissar zur Kippe greift, wird Buron (und das Publikum!) ein kleines blaues Wunder erleben. Spannung kommt auf, als unerwartet die schwangere Kollegin von Philippe erscheint. Ihr Freund schein spurlos verschwunden. Doch Fugain fällt trotz leichter Panik in letzter Minute eine plausible Erklärung dafür ein.
„Ich habe mich noch nie so fürchterlich bei einer Befragung gelangweilt!“, klagt Kommissar Buron einmal. Den Zuschauern dürfte das kaum so ergehen, denn je länger das Verhör dauert, desto verrückter fallen die Einfälle von Autor und Regisseur Quentin Dupieux aus. Wenn die Gegenwart nicht ausreicht, wird in Erinnerungen gekramt. Ob Reiseerlebnisse auf einer einsamen Insel oder jenes Kindheitstrauma, bei der Knirps das Hundhalsband ausprobiert und eine fiese Strafe kassiert.
Mit Benoît Poelvoorde und Grégoire Ludig ist das kafkaeske Kammerspiel bestens besetzt. Dem ungleichen Duo macht das surreale Tête-à-Tête samt köstlich pointierter Dialoge sichtlich Spaß. So begrenzt der Schauplatz im tristen Büro sein mag, so einfallsreich lotet der Regisseur alle möglichen und unmöglichen Blickwinkel aus und sorgt so stets für visuelles Vergnügen.
Vor zwanzig Jahren gelang Dupieux unter dem Pseudonym Mr. Oizo mit „Flat Bean“ ein schräger Techno-Hit, der sich europaweit viele Wochen in den Top Ten hielt - nicht zuletzt wegen dem Musikvideo mit einer putzigen Plüsch-Puppe aus der Schmiede von „Muppets“-Papa Jim Henson. Im Kino brachte es der findige Franzose mit absurden Filmen wie „Rubber“ oder „Wrong“ zu Kultstatus. Auch in seinem jüngsten Streich bürstet er gängige Genre-Regeln so verspielt wie verpeilt gegen den Strich und erweist sich als Meister des Absurden. So furios der Auftakt mit dem Dirgenten in der roten Unterhose, so verblüffend gerät das Ende mit zweifach doppeltem Boden. „Im Kino gewesen. Gelacht!“ würde Kafka hier wohl in sein Tagebuch schreiben. (programmkino.de)
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