Heute zeigt das Kinoptikum

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Do. 18:00
PARIS CALLIGRAMMES
Architektur & Kunst – D 2019, 130 Min.
Regie: Ulrike Ottinger
Zum 80. von Ulrike Ottinger: Ein wunderbarer Filmessay über ihre bewegten Jahre im Paris der 60er
Trailer zu PARIS CALLIGRAMMES
Weiterlesen... 80 Jahre wurde Ulrike Ottinger im Juni, ein Alter also, indem verdiente Künstlerinnen mit Preisen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden. Bei der Berlinale erhielt Ottinger die Berlinale-Kamera, schon im letzten Jahr widmete sich eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt ihren prägenden Jahren in Paris. „Paris Calligrammes“ hieß die Ausstellung, ein Begleitbuch und nun auch ein Film, der gleichermaßen Autobiographie ist wie Porträt der wohl aufregendsten Dekade einer der aufregendsten Städte schlechthin.
1962 zog es die damals 20jährige Ottinger aus der bayerischen Provinz nach Paris, wo sie sich mit Verve in das kulturelle Leben stürzte. Eine frühe Anlaufstelle war das vom deutschen Emigranten Fritz Picard gegründete Buchgeschäft „Librairie Calligrammes“, das nicht nur diesem Film seinen Namen gibt, sondern auch intellektuelle Inspirationsquelle für Ottinger war. Eine enorme Fundgrube muss das Geschäft gewesen sein, voll von Literatur aus allen Ländern und Quellen, nicht zuletzt aber von in Paris lebenden Juden, deren Bibliotheken zurückblieben, als ihre Besitzer deportiert wurden. Von den Nazis, aber auch von französischen Kollaborateuren, Maurice Papon etwa, der auch in den 60er Jahren noch aktiv war und die Verfolgung der Algerier in Paris verantwortete, die für die Unabhängigkeit ihrer Heimat kämpften und in einer der schwärzesten Stunden der französischen Nachkriegsgeschichte zu Hunderten ermordet wurden.
Auch davon erzählt Ottinger in ihrem kollageartigen Film, den sie mit ihren eigenen Fotos aus den 60ern, vor allem aber viel Archivmaterial bebildert. Ganz subjektiv bleibt sie dabei, ist einzige Erzählerin, die ganz bewusst ihr älteres Ich zurückblicken lässt auf die Erlebnisse und Erfahrungen der Jüngeren.
War man in den 60ern jung, neugierig und auch nur ein wenig an Kultur und Philosophie interessiert, muss man in Paris wohl früher oder später den Größen der Zeit begegnet sein: Sartre und Beauvoir, die im Café de Flore Hof hielten und schrieben, Künstlern wie Chagall oder Cocteau, deutschen Migranten wie Adolf Loos. Unterschiedlichste Gruppen und Strömungen trafen aufeinander, Dadaisten auf Situationisten, Alt-Marxisten auf französische Anhänger Heideggers.
Bis 1969 dauerte Ulrike Ottingers Aufenthalt in Paris, eine prägende Zeit ebenso für die angehende Künstlerin und Filmemacherin wie für die Stadt selbst. Zwischen Studentenunruhen und der legendären Cinématheque Francais unter Henri Langloi, zwischen Montmartre und dem Quartier Latin, zwischen Jazzclubs und dem Louvre bewegte sich Ottinger in den 60er Jahren und bewegt sie sich nun auch in ihrem ebenso persönlichen wie allgemeingültigen (Selbst-)Porträt „Paris Calligrammes.“
(programmkino.de)
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Do. 20:30
DIE MAGNETISCHEN  DF
Cinéma françaisMagnetic Beats – F/D 2021, 98 Min.
Regie: Vincent Maël Cardona
mit Thimotée Robert, Marie Colomb, Joseph Olivennes
Die Geschichte einer Jugend in den 80ern - humorvoll, herzerwärmend und pulsierend. Ein Film wie ein Mixtape!
Trailer zu DIE MAGNETISCHEN
Weiterlesen... Frankreich 1981: Philippe (Thimotée Robart), ein schüchterner, Technik-begeisterter junger Mann, liebt das Medium Radio. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Jerôme (Joseph Olivennes) und Freunden betreibt er in seinem Heimatort einen Piratensender. Die Welt der beiden so verschiedenen Brüder steht plötzlich Kopf, als die charismatische Marianne (Marie Colomb) in den Ort zieht, um dort eine Friseurlehre zu absolvieren. Es dauert nicht lange und die Zwei verlieben sich in Marianne. Das (Gefühls-)Chaos ist perfekt, als Philippe zum Militärdienst nach West-Berlin eingezogen wird. In der geteilten Stadt steigt er schnell zum Radio-DJ auf – muss aber feststellen, dass die Uhren dort anders ticken. Und dann wären da immer noch die unausgesprochenen Gefühle Marianne gegenüber.
Nach einer ganzen Reihen von Kurzfilmen legt Vincent Maël Cardona mit „Die Magnetischen“ sein Kino-Debüt vor, in dem er die unterschiedlichsten Storyelemente und Genre-Versatzstücke miteinander vermengt. Und das auf durchaus stimmige und gekonnt kohärente Weise. Im Kern erzählt das Werk von Gegensätzen, sowohl hinsichtlich der Handlungsorte bzw. Regionen als auch den charakterlichen und zwischenmenschlichen.
Das fängt bereits bei der Unterschiedlichkeit im Wesen der Brüder Philippe und Jerôme an. Während Philippe der eher in sich gekehrte Melancholiker ist, handelt es sich bei Jerôme um einen draufgängerischen Lebemann und Frauenhelden, der gerne mal einen über den Durst trinkt und über den Piratensender seinem Hang zu Punkrock und Heavy Metal frönen kann. Dennoch verbindet die Brüder eine innige Liebe und Verbundenheit.
Thimotée Robart und Joseph Olivennes verleihen dieser Beziehung eine tolle, mitreißende Dynamik. Außerdem ergänzen sie sich in ihrer Darbeitung: Während Robart mit würdevoller Zurückhaltung agiert, begeistert Olivennes mit ansteckender Energie, Charisma und Leinwandpräsenz. Das Gegensätzliche lotet Cardona darüber hinaus anhand der jeweiligen Schauplätze aus. Dem beschaulichen, sorgenfreien aber auch – vor allem für junge Menschen – etwas langweiligen Leben in der Provinz, stellt er den Alltag in den Metropolen gegenüber. Die Clubs, das Nachtleben, die Kunst- und Musikszene sowie die bizarren, schrillen Individuen in Berlin oder Paris.
Letztlich geht es um Themen wie dem Wunsch nach Freiheit, dem Ausbruch aus dem provinziellen Dasein und dem Ausloten von Grenzen. Cardona findet dafür immer wieder humorvolle Momente, die von pointiertem Witz durchzogen sind. Durchbrochen wird der Humor durch fein austarierte, sanftmütige Szenen, denen eine regelrecht träumerische Atmosphäre innewohnt. Darunter eine ebenso anspielungsreiche wie unbeschwert-verheißungsvolle Szene zwischen Marianne und Philippe, angesiedelt im Friseursalon
Und zu guter Letzt schwebt beständig ein Gefühl des Wandels und Umbruchs über dem Geschehen. Gerade des gesellschaftlichen, technischen und politischen. Alte Regierungen gehen, neue kommen. Zum Beispiel der im Film angesprochene Sieg des Sozialisten Mitterand im Frühjahr 1981. Die etablierten Medien und – akustischen – Techniken werden allmählich von modernen, neuartigen abgelöst. In „Die Magnetischen“ wunderbar zu sehen, und zu hören, anhand von charmant-nostalgisch anmutender Rundfunk-Technik, des Radio-Equipments und der analogen Tonträger (Musikkassette, Vinyl-Schallplatte). 1981 war nämlich auch das Jahr, in dem der Weltöffentlichkeit die CD präsentiert wurde. Eine weitere Zeitenwende, die der Film subtil und gekonnt andeutet.
(programmkino.de)
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