Fatherland – PL/D/F 2026, 82 Min. Regie: Paweł Pawlikowski
mit Sandra Hüller, Hanns Zischler, August Diehl
Die literarische Reise zur verwundeten Seele eines Landes. Mann oh Mann
Weiterlesen...Die Schrecken der Vergangenheit sind noch nicht verarbeitet, da wird längst schon um die Zukunft gefochten. „Vaterland“, der neue Film von Paweł Pawlikowski, entfaltet sich aus diesem Zustand heraus: Erika Mann (Sandra Hüller) reist darin im Jahr 1949 gemeinsam mit ihrem Vater Thomas Mann (Hanns Zischler) durch die verschiedenen Teile Deutschlands – zunächst ins westdeutsche Frankfurt, später weiter nach Weimar in die sowjetische Besatzungszone. So jedoch hat es sich nie zugetragen. Tatsächlich unternahm der Literaturnobelpreisträger die Reise aus dem amerikanischen Exil gemeinsam mit seiner Ehefrau Katia Mann. Erika hingegen blieb der Fahrt aus Skepsis fern, und ihr Bruder Klaus (August Diehl), der im Prolog des Films mit seiner Schwester telefoniert, einsam und voller Bitterkeit auf die Welt und die Zeiten blickt, war bereits tot, als der Vater in die einstige Heimat zurückkehrte. Paweł Pawlikowski, der das Drehbuch gemeinsam mit Hendrik Handloegten geschrieben hat, interessiert sich aber ohnehin weniger für historische Exaktheit als für seelische Zustände und die politischen Verwerfungen eines Landes, das nach dem Nationalsozialismus erst allmählich wieder Gestalt annimmt. Den Manns, die Deutschland nach 1933 schrittweise verließen, ist es fremd geworden. Doch auch die große Literatenfamilie selbst begreift „Vaterland“ nicht streng als biografisches Objekt, sondern nutzt sie überzeugend als Spiegel deutscher Nachkriegswidersprüche. Als Thomas Mann sowohl im Westen als auch im Osten den Goethe-Preis, respektive den Goethe-Nationalpreis, entgegennimmt, präsentiert sich Frankfurt amerikanisiert, geschäftig, beinahe fiebrig darum bemüht, wieder Normalität auszustellen, obwohl ehemalige Nazis längst wieder fester Teil dieser neuen Ordnung sind. In Weimar dagegen dominieren Uniformen und ein Friedenston, unter dem der alte deutsche Militarismus doch noch immer spürbar bleibt. Beide Systeme wollen Thomas Mann für sich beanspruchen. Die einen hoffen auf ein Bekenntnis zum kapitalistisch geprägten Liberalismus, die anderen versuchen ihn als humanistischen Vorläufer des Sozialismus zu vereinnahmen. Inmitten dieser politischen Grabenkämpfe richtet Vaterland den Blick allerdings zugleich auf jene deutsche Bürgerlichkeit, die in Thomas Mann ihre vollendete Form findet. Schon der Titel verweist auf die zwei Ebenen, die im Film fortwährend elegant ineinander übergehen: das Land selbst, das um eine neue Identität ringt, und den Vater als bestimmende Instanz, die Identitäten formt, gar zu deformieren vermag. Denn in ihm, diesem großen Genius, bündeln sich der Drang zum Bedeutenden, moralischer Ernst und der Wille zur Repräsentation zu einer Haltung, deren Strenge kaum Milde zulassen kann. Sichtbar wird das besonders nach der Nachricht vom Tod des entfremdeten Sohnes Klaus, der sich in der filmischen Interpretation im fernen Cannes das Leben nimmt, als Vater und Tochter gerade in Frankfurt sind. Während Erika die Reise abbrechen möchte, hält Thomas unbeirrt am Ablauf fest und betont an einer der wenigen Stellen, an denen er die bürgerliche Nüchternheit durchbricht, dass es nun um etwas historisch Größeres gehe als den Tod eines lebensmüden Drogenabhängigen. In einer der symbolisch wirkmächtigsten Szenen besucht der Literat stattdessen Goethes Sterbezimmer, betrachtet Totenmaske wie Erinnerungsstücke mit beinahe ehrfürchtiger Konzentration, während die Vorbereitungen für die Beerdigung des eigenen Sohnes seltsam fern wirken. Das ist keine offene Grausamkeit, wie sie etwa Michael Haneke in seinem mehr als drei Jahrzehnte früher angesiedelten deutschen Historiendrama Das weiße Band beschreibt, und lässt doch den verhängnisvollen Drang zur Disziplin, Pflicht und Autoritärem erkennen. Paweł Pawlikowski zeigt Thomas Mann somit als jemanden, dessen Literatur den Humanismus gegen die Barbarei verteidigte, der sich von diesem Deutschland absetzen wollte und ihm zugleich auf irritierende Weise ähnelt. Greifbar wird das vor allem im Zusammenspiel mit Erika, dem eigentlichen Kraftzentrum dieses Films. Sandra Hüller spielt sie herausragend mit kontrollierter, doch fragiler Schärfe. Beinahe jeder Blick scheint zugleich Fürsorge und stille Anklage zu enthalten. Sie korrigiert die Reden des Vaters, legt ihm die Kleidung heraus, rasiert ihn morgens und kommentiert trocken, er hätte mehr Gepäck dabei als „die Dietrich“. Selbst die intimsten Momente wirken choreografiert, genaustens organisiert, beinahe verwaltet – weil es der Vater wohl so will. An einer Stelle wirft Erika ihm dann tatsächlich dessen „olympische Weisheit und eleganten Formulierungen“ vor – und bringt damit die Tragik dieser Beziehung, die spürbar von Liebe durchzogen ist und doch stets auf Distanz bleiben muss, präzise auf den Punkt. Gemeinsam mit Kameramann Łukasz Żal filmt Pawlikowski all das in seinem mittlerweile unverwechselbaren Stil und setzt erneut auf jene strengen Schwarz-Weiß-Kompositionen, die schon Ida und Cold War – Breitengrad der Liebe prägten und bei aller Präzision der Inszenierung doch immer genug Platz lassen, um Gedankenräume zu öffnen. Und immer wieder verharrt der Blick dabei auf verlorenen Gesichtern großer Schauspieler, über denen ständig das Gewicht der Geschichte zu hängen scheint. Seine größte Kraft entwickelt Vaterland jedoch dort, wo der Film über die historische Situation hinausweist. Im Zentrum steht letztlich ein konkreter Widerspruch, zwischen der Autorität eines Intellektuellen, der in großen Reden für Humanismus und Verantwortung eintritt, und der Frage, was davon im Privaten tatsächlich Bestand hat. Darin berührt der Film eine Debatte, die bis tief in die Gegenwart reicht: wie sehr Kunst und intellektuelle Arbeit sich zur politischen Wirklichkeit verhalten müssen und was ihre Ansprüche tragen, wenn sie sich der unmittelbaren Einlösung entziehen. Die Familie Mann erscheint so weniger als tragische Ausnahme denn als früher Kristallisationspunkt einer Spannung, die sich bis ins Heute fortschreibt. (kino-zeit.de)Ausblenden
THE INVITE DF
USA 2026, 107 Min. Regie: Olivia Wilde
mit Seth Rogen, Olivia Wilde, Penélope Cruz, Edward Norton
Nahezu klassisches Screwball-Dialoggewitter mit Starbesetzung
Weiterlesen...Früher war es normal, dass bei größeren Filmfestivals regelmäßig Bieterkriege ausbrachen. Im Anschluss an besonders umjubelte Premieren telefonierten sich die Einkaufsteams der Hollywoodstudios die Finger heiß, um die Verwertungsrechte am neuesten Hype-Titel zu ergattern. Aber der Indie-Sektor liegt inzwischen brach und solche Nachrichten sind eine echte Seltenheit geworden. Selbst beim diesjährigen Cannes-Festival gab es mit „Club Kid“ und „La Bola Negra“ nur zwei Filme, die eine echte Marktbewegung auslösten. Vier Monate zuvor war es beim renommierten Sundance-Filmfestival sogar nur ein einziger Titel, bei dem die Gebote durch die Decke gingen – bevor schließlich das Kultstudio A24 („Marty Supreme“) die Konkurrenz von Apple TV, Netflix und Searchlight Pictures ausstechen konnte. Aber man sollte jetzt nicht glauben, dass die Mitbietenden nur heiß auf die Stars waren. Denn selbst wenn die anregende Kammerspiel-Komödie „The Invite“ mit Penélope Cruz, Seth Rogen, Edward Norton und Olivia Wilde auftrumpft, sind die Zeiten, in denen ein namhafter Cast allein genug war, um das Interesse der Kinogemeinde zu wecken, ebenfalls vorüber. Stattdessen liefert Olivia Wilde mit ihrer dritten Regiearbeit nach „Booksmart“ und „Don’t Worry Darling“ einen waschechten Cringe-Crowdpleaser – der im selben Moment mit einer provokanten Schärfe lockt! „The Invite“ macht erst wahnsinnig neugierig – und entlässt einen dann ebenso befriedigt aus dem Kinosaal. Zumal der vierfach oscarnominierte Edward Norton eine der besten Leistungen seiner Karriere beisteuert. Joe (Seth Rogen) war früher mal für einen Sommer ein erfolgreicher Rockstar. Aber inzwischen kann sich der Gastprofessor kaum noch dazu aufraffen, seine gleichermaßen unmotivierten Musikstudent*innen zu unterrichten. Seit ihm seine Frau Angela (Olivia Wilde) ein Klapprad geschenkt hat, sind seine Rückenschmerzen nur noch schlimmer geworden – und so will er auch an diesem Abend einfach nur seine Ruhe haben. Aber dann kommt die Hiobsbotschaft: Angela hat das Nachbarspaar von oben, das beim Sex immer so unglaublich laut ist, zum Abendessen eingeladen. Die Psychotherapeutin Piña (Penélope Cruz) und der auf Masseur umgeschulte Ex-Feuerwehrmann Hawk (Edward Norton) sind echt sympathisch. Aber auch sie spüren schnell, in was für eine angespannte Situation sie hier hineingestolpert sind. Ein wenig lockerer wird der Abend erst, als die Gäste über die Ursprünge des lauten nächtlichen Stöhnens auspacken. Die Geräusche stammen nämlich nicht zwingend nur von dem Paar selbst; stattdessen veranstalten Piña und Hawk offenbar regelmäßig Gruppensexpartys in ihrem Appartement … Vor zwei Jahren kam „Der Vierer“ mit Florian David Fitz in die Kinos. Allerdings geriet die Neuauflage eines spanischen Originals derart piefig, dass die Genrebezeichnung „Sex-Komödie“ schon viel zu hochgegriffen wäre. Stattdessen gab es doch nur altbackenes Beziehungskisten-Einerlei. Auch „The Invite“ basiert auf einem spanischen Vorbild, der Boulevard-Komödie „Sentimental“ aus dem Jahr 2020. Aber Olivia Wilde verleiht dem Stoff in jeder Hinsicht eine ganz neue Qualität. Das fängt schon bei der Inszenierung an. Wo die Vorlage aussieht wie eine glattpolierte Komödie von der Stange, haben die Regisseurin und ihr Kameramann Adam Newport-Berra („Blink Twice“) auf analogem 35-mm-Material gedreht. „The Invite“ mag zu 95 Prozent in einer einzigen Wohnung spielen – aber Hammer sieht der Film trotzdem aus! Schon die Splitscreens im Vorspann wecken sofort Assoziationen an das Indie-Kino der Siebziger – und tatsächlich erinnert „The Invite“ vom Vibe her vielmehr an den Swinger-Klassiker „Bob & Carol & Ted & Alice“ als an modernen Europa-Boulevard. Das Drehbuch von Rashida Jones und Will McCormack („Celeste & Jesse Forever“) passt sich den inszenatorischen Ambitionen an: Die beiden Paare sind nicht länger auf Klischees reduzierte Punchline-Ziele, sondern komplexe Figuren aus Fleisch und Blut – und gerade deshalb windet man sich bei den Peinlichkeiten der ersten Filmhälfte mitunter ganz schön im Kinosessel. Das Skript hat Biss – und der Cast trifft das Timing perfekt. Aber fast noch wichtiger sind die Änderungen in der zweiten Hälfte, wenn der Swinger-Sex erst einmal als Möglichkeit auf dem Tisch liegt. „The Invite“ ist tatsächlich auch eine Einladung, immer wieder richtig laut loszulachen – aber das zum Glück nicht auf dem üblichen „hi, hi, die sprechen über Gruppensex“-Niveau. Stattdessen wirken die Reaktionen der Figuren – inklusive des überraschten Gastgeberpärchens – erfreulich erwachsen; und das nicht nur, weil ohne aufgesetzte Scham auch über Pegging & Co. gesprochen wird. So katapultiert dieser Abend auch eine Menge schlummernder Probleme an die Oberfläche, die einem für eine Komödie dieser Art erstaunlich stark zu Herzen gehen. (filmstarts.de)Ausblenden