Am 4.10. zeigt das Kinoptikum

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INGEBORG BACHMANN - JEMAND, DER EINMAL ICH WAR
MonatsDoku – Ö/D 2025, 95 Min.
Regie: Regina Schilling
mit Sandra Hüller
Das vielschichtige Portrait zum 100. Geburtstag der Poetin
Trailer zu INGEBORG BACHMANN - JEMAND, DER EINMAL ICH WAR
Weiterlesen... Wie nähert man sich filmisch einer außergewöhnlichen Künstlerin? Am besten mit einer nicht minder außergewöhnlichen Schauspielerin. Sandra Hüller schlüpft in die Rolle der Ingeborg Bachmann, einen Tag lang verbringt sie dazu in einer Wohnung in Rom, in der die Schriftstellerin einst gelebt haben könnte. Gleich zum Auftakt legt Regisseurin Regina Schilling die Karten auf den Tisch. Sie erzählt, wie es zur Zusammenarbeit mit dem Schauspiel-Star kam. Sie zeigt, wie die Hüller in der Maske zur Bachmann wird. Später wird die Regisseurin einen Monolog kritisieren, der von der lächelnden Schauspielerin erneut in anderer, jetzt selbstbewussterer Tonalität gesprochen wird. Eine Wiederholung, die den Schlüsselsatz „Ich existiere nur, wenn ich schreibe!“ mit unaufdringlicher Raffinesse verstärkt. Work in progress, und das Publikum ist mittendrin. Ein Handy auf dem römischen Balkon gerät gleichfalls noch zum verspielten Verfremdungsmittel.
„Das harte Klatschen einer harten Hand ins Gesicht. Die erste Erkenntnis des Schmerzes“, werden bittere Jugenderfahrungen aus dem Roman „Malina“ zitiert. Das literarische Mosaik entsteht aus Originaltönen der Autorin, aus Audio- und TV-Aufnahmen aus dem Archiv. Die genreüblich üppige Verwendung von Zeitzeugen als Talking-Heads wird hier zum Glück sparsam dosiert. Eine Mitschülerin erzählt, dass die Autorin in der Schülerzeitung „Eule“ genannt wurde. Ein Radioredakteur aus Wien berichtet über seine damalige Kollegin, dass es „die Inge“ wegen ihrer Klagenfurter Herkunft in der Hauptstadt nicht leicht gehabt habe.
Nicht leicht gehabt hatte es die Schriftstellerin auch in der Liebe. „Es ist kompliziert!“, ist der Status ihrer Beziehungen mit Kollegen wie Paul Celan oder Max Frisch. Tragisch erlebt sie die unerfüllte Liebe zum schwulen Komponisten Hans Werner Henze: „Jeder Bauernjunge hat mehr Reiz für ihn als ich“, zieht sie Bilanz. „Ich kann nur unter Männern atmen!“, betont Bachmann später einmal und formuliert ihre Zweifel: „Bin ich nicht ganz eine Frau? Was bin ich überhaupt? Ich bin ein Irrtum.“
Erfolgreich verläuft die Karriere der Künstlerin. Bachmann gewinnt den Preis der „Gruppe 47“ und kommt auf den Titel vom SPIEGEL. Geschwärmt wird von der „hämmernden Eindringlichkeit“ ihrer Arbeiten. Als glühender Fan präsentiert sich Rhetorik-Professor Walter Jens, der in seiner TV-Sendung die Gedicht-Interpretation an großen Tafeln vornimmt. Die Archivaufnahmen jener Zeit haben einen nostalgischen Charme, der bisweilen schrullig wirkt. Etwa wenn Kritiker-Papst Marcel Reich-Ranicki es als ganz selbstverständlich sieht, dass nur wenige Frauen als Autorinnen erfolgreich sind. Komponistinnen oder Dirigentinnen gäbe es schließlich auch keine, betont er mit schnarrender Stimme und schon damals bereits selbstgefälliger Überheblichkeit.
Für ihre kluge Showmaster-Doku „Kulenkampffs Schuhe“ bekam Regisseurin Regina Schilling beste Kritiken sowie den Grimme- und den Deutschen Fernsehpreis. Ähnliche Würdigungen dürfte es für dieses essayistische Porträt über die Ausnahme-Schriftstellerin geben. Kein betulicher Wikipedia-Eintrag. Kein angestrengtes Streber-Kino oder eine bleischwere Pflichtübung für Deutsch-Leistungskurse. Stattdessen eine poetische Spurensuche, ein kreatives Wimmelbild über eine sprachgewaltige Künstlerin.
Und la Hüller? Famos wie in „Rose“ und „Der Astronaut – Project Hail Mary“ – mindestens! Ein rigoroseres Geburtstagsgeschenk hätte Ingeborg Bachmann sich wohl kaum wünschen können.
(programmkino.de)
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TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA  OmU
Cinema obscure – GB/USA 2026, 106 Min.
Regie: Jane Schoenbrun
mit Hannah Einbinder, Gillian Anderson, Amanda Fix
Schamlos unterhaltsamer Sleazer auf der großen Metaebene
Trailer zu TEENAGE SEX AND DEATH AT CAMP MIASMA
Weiterlesen... Nach Jahren liebloser Fortsetzungen und schwindender Fanbasis wird das Slasher-Franchise Camp Miasma einer ambitionierten jungen Regisseurin zur Wiederbelebung überlassen. Als sie den einstigen Star der Originalfilme besucht, eine mittlerweile zurückgezogen lebende Schauspielerin, die von Geheimnissen umgeben ist, geraten die beiden Frauen in eine blutgetränkte Welt voller Begehren, Angst und Wahnvorstellungen.
Kaum jemand außer Jane Schoenbrun kann so tiefgreifend erfassen, was vermeintlich triviale oder gar extrem räudig daherkommende Popkultur einigen Menschen zu bedeuten vermag – insbesondere Heranwachsenden abseits der Heteronorm. In Schoenbruns Vorgänger „I Saw the TV Glow“ (2024) war es eine kitschig-trashige Young-Adult-Fantasyserie im Stil von „Buffy – Im Bann der Dämonen“, die mit ihren Identifikationsangeboten zwei Highschool-Outcasts magisch anzog. In „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ sind es nun die alten Slasher-Filmreihen, die viele Eighties- und Nineties-Kids vor allem auf VHS kennen- und lieben gelernt haben – und die trotz ihrer sehr bedenklichen Darstellung von Sex, Gender und Gewalt gerade auf queere Zuschauer:innen bis heute eine immense Faszination ausüben.
Die Vorspannsequenz des Werks zeigt im Schnelldurchlauf die typische Entwicklung einer solchen Horror-IP. Wir sehen detailreiche und glaubwürdig anmutende Plakate, Aushangfotos, Videokassetten, Zeitungsannoncen, Berichte, Sammelkarten, Actionfiguren, Wackelköpfe, Brettspiele, Comics und einen thematischen Flipperautomaten zu den fiktiven „Camp Miasma“-Filmen. Prägnant zeichnet Schoenbrun nach, wie eine Low-Budget-Produktion aus den 1980er Jahren vom Indie-Überraschungshit zum profitablen Franchise avanciert ist – bis dann der allmähliche Niedergang einsetzte. Auch die spätere Wiederentdeckung, kritische Reflexion und akademisch fundierte Umdeutung von Motiven der erdachten Reihe im Internet-Zeitalter fängt die Auftaktpassage treffend ein. Wie ein generös integriertes Kurzfilmjuwel vermittelt diese Sequenz bereits eine Ahnung davon, mit welcher Menge an Herzblut Schoenbrun uns hier noch überschütten wird. Keep it coming!
Die 29-jährige Protagonistin Kris (Hannah Einbinder) hat nach dem Achtungserfolg ihres nerdigen Drehbuch- und Regiedebüts den Auftrag erhalten, ein „Camp Miasma“-Reboot zu konzipieren. Dafür möchte sie Billy Presley (Gillian Anderson) für einen Cameo-Auftritt gewinnen. Als junge Frau (verkörpert von Amanda Fix) spielte diese die Hauptrolle im ersten Teil; anschließend hatte sich Billy aus der Branche zurückgezogen. Inzwischen wohnt sie allein in der kanadischen Wildnis auf einem Hügel – in der Spuk-Camp-Kulisse des Ursprungsfilms, in dem ein untoter Killer namens Little Death (Jack Haven) erstmals eine horny Teen-Truppe dezimierte, um in den Folgeteilen dann wieder und wieder aufzuerstehen und seine bizarren Bluttaten abermals zu verrichten (mit einem Lüftungsschacht als Kopf – because, why the fuck not?).
Schoenbrun und das kreative Team, darunter der Produktionsdesigner Brandon Tonner-Connolly, die Kostümbildnerin Kendra Terpenning, der Kameramann Eric Yue und der Komponist (und Indie-Pop-Musiker) Alex G, liefern mit ihren gestalterischen Ideen hier stets mehr als nur Zitate von Subgenreklassikern. Der Film kopiert nicht einfach Freitag der 13. (1980), Blutiger Sommer – Das Camp des Grauens (1983), Nightmare – Mörderische Träume (1984) oder eines der zahllosen Sequels und Rip-Offs. Er begnügt sich auch nicht mit einer ironischen Brechung im postmodernen Sinne wie das Scream-Franchise und erst recht nicht mit einer abschätzigen Parodie in Scary-Movie-Manier. Statt zu imitieren oder distanziert zu referenzieren, dringt Teenage Sex and Death at Camp Miasma mit audiovisuellen Mitteln zum besonderen Gefühl vor, diese anstößigen, rabiaten und zugleich seltsam melancholischen Sleaze-Feste aus der Videothek als Betrachter:in genussvoll zu feiern – nicht unbedingt aus den offensichtlichen, exploitativen Gründen, die intendiert sind, sondern aus ganz individuellen, womöglich unbewussten Antrieben heraus.
Schon seit frühester Jugend bewegen und erregen Kris die „Camp Miasma“-Filme – ja, auch in erotischer Hinsicht. Auf verblüffende Weise ist Schoenbruns neue Arbeit bei aller Härte, die das Slasher-Sujet mit sich bringt, deutlich witziger und begieriger in der Suche nach Erfüllung, als es die beiden vorherigen Filme I Saw the TV Glow und We’re All Going to the World’s Fair (2021) waren. In diesen hatten die Selbstfindungsversuche der Figuren etwas ungeheuer Beängstigendes und Fatales an sich. Jeder Schritt in eine dunkelbunt funkelnde Welt außerhalb des Bekannten konnte sofort verheerende Konsequenzen nach sich ziehen. Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist wesentlich spielerischer und umarmt zunehmend ungehemmter den ambivalenten Spaß, den Kris und Billy entdecken, indem sie sich ihrer Fantasie gemeinsam hingeben.
„If it gets too real, you can always turn it off“, heißt es wiederholt. In einem Deadline-Interview spricht Schoenbrun diesbezüglich von einem „nod to consent“. Ein blutiger Slasher-Kosmos in krisseliger Optik kann also ein Safe Space sein – ein Ort der Erforschung von (Angst-)Lust, von Emotionen, die zu weird, zu widersprüchlich sind, um sie ohne Scham außerhalb dieses zauberschön-schäbigen Schund-Universums aussprechen, geschweige denn ausleben zu können. Das titelgebende Camp wird zur kinky Spielwiese, auf der sich Kris und Billy zusammen wohl, aufgehoben und angekommen fühlen. Diese lockere Art, die den dreckigen VHS-Nasties zum puren persönlichen Vergnügen jede echte Bosheit aus den bewaffneten Händen reißt, ist fast noch subversiver als die bitteren Blicke in Abgründe, die Schoenbrun zuvor gewagt hat. Teenage Sex and Death at Camp Miasma kapert mit orgiastischer Freude ein in der Vergangenheit häufig erschreckend stigmatisierendes, misogynes, homo- und transphobes Subgenre – nach eigenen Regeln, ohne sich darum zu scheren, ob das nun alle nachvollziehen können.
Schoenbrun definiert sich als non-binär – und verhandelt in allen Werken auch das Queer- und Trans-Sein. Aber nicht im Sinne von reiner Repräsentanz, sondern als organischen Teil des Ganzen. Wenn Kris per Telefon oder Videokonferenz mit Entscheider:innen aus Hollywood diskutiert, wird klar, dass die Industrie „woke“, empowernde Neuinterpretationen einstmals problematischer Narrative längst vereinnahmt hat – jedoch nicht aus Überzeugung, nicht aus einer Dringlichkeit heraus, sondern um sie als Marketing-Tool und Deckmantel zu nutzen. Der queere Meta-Take soll das Verkorkste wieder salonfähig machen; die frische allegorische Herangehensweise soll der Geschmacklosigkeit ein gehobenes Aroma verleihen, damit sich niemand die Nase zuhalten muss. Für Kris’ Agentin (Sarah Sherman) besteht der kreative Prozess vor allem aus einer Aneinanderreihung leerer Buzzwords: „Gen Z, TikTok, SpongeBob.“
Teenage Sex and Death at Camp Miasma lässt sich dagegen auf keine Vereinnahmung ein. Ist die einsiedlerische Billy in ihrer winterlich verschneiten, abgelegenen Hütte eine Horrorversion der tragischen Diva Norma Desmond aus Boulevard der Dämmerung (1950)? Das wäre viel zu kurz gedacht. Kollidieren hier die Ansichten einer modernen jungen Akademikerin mit der abgeklärten Perspektive einer 60-Jährigen, während die beiden Brathähnchen mit Dipsauce verspeisen? Es dabei zu belassen, wäre nicht einmal das Dreizehntel eines Schoenbrun-Moves! Der Film weiß, was von ihm erwartet wird – und wählt mit entrücktem Lächeln andere, aufregendere Wege. Die Gestaltung des Werks in die Style-over-Substance-Schublade einzusortieren, wäre ebenfalls zu voreilig. Die handbemalten Sets, die wilden Farben, das Spiel mit Filmformaten und Kameratricks – all das ist nicht nur da, um zu gefallen oder um Anforderungen an eine bestimmte Art von Kino zu erfüllen. Es ist Teil einer Welt, die Schoenbrun für die Figuren baut, um ihnen gerecht zu werden – ihren Bedürfnissen, ihrem Begehren, ihrem Kink. Teenage Sex and Death at Camp Miasma ist ein Film, der seine Figuren bedingungslos liebt. (kino-zeit.de)
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