MonatsDoku – D 2026, 115 Min. Regie: Karin Kaper, Dirk Szuszies
Das nachdenklich stimmende Portrait der kleinsten kanarischen Insel - am 23.11. von Filmemacherin Karin Kaper persönlich präsentiert
Weiterlesen...Keine 30 qm² ist La Graciosa groß und damit mit Abstand die kleinste der bewohnten Inseln der Kanaren. In Sichtweite von Lanzarote gelegen, leben weniger als 1000 Menschen auf der Insel, die dadurch lange Zeit von der Entwicklung des Tourismus auf der zu Spanien gehörenden Inselgruppe verschont blieb. In diesen Jahren entdeckten auch Karin Kaper und Dirk Szuszies die Insel, als schwer zu erreichender Urlaubsort, der den Theatermachern und Filmemachern als Refugium abseits ihrer Wahlheimat Berlin bot. Dort widmet sich das Duo meist schweren Themen wie Flucht und Vertreibung, hat mit „Wir sind Juden aus Breslau“ auch einen Film über jüdisches Leben gedreht und hat mit „La Graciosa“ nun einem leichteren, fast privaten gedreht, der aber doch auch ein universelles Sujet behandelt. Dass sie als Fremde auf die Kanaren-Insel blicken ist nicht zu übersehen, auch wenn Kaper und Szusies als regelmäßige Besucher viele Freunde und Bekannte auf La Graciosa gefunden haben. Dass dennoch kein touristischer Blick entsteht, liegt nicht zuletzt daran, dass es auf der kleinen Insel wenig touristisches zu entdecken gibt. Keine bemerkenswerten Bauten, so wie die Gebäude des kanarischen Künstlers und Architekten César Manrique, die ein Highlight von Lanzarote sind, und auch keine spektakulären Landschaften. Was La Graciosa stattdessen zu bieten hat ist ein authentisch wirkendes Leben, das sich lange Jahre abseits der ohnehin schon abseits gelegenen Kanaren entwickeln konnte. Fanden jedoch einst nur wenige Touristen und Aussteiger den Weg nach La Graciosa, ist die Insel inzwischen ein beliebtes Ziel für Tagestouristen geworden, die mit der regelmäßigen Fährverbindung für ein paar Stunden herüberkommen, durch die breiten, nicht asphaltierten Straßen des winzigen Dorfes schlendern und nachmittags wieder verschwinden. Von Massentourismus kann man zwar nicht sprechen, die Folgen einer Entwicklung, die inzwischen weltweit beklagt wird, lassen sich jedoch auch hier feststellen. Gerade in Spanien wird seit längerem gegen die Folgen des modernen Tourismus protestiert, der die Lebenshaltungskosten für Einheimische steigen lässt, der durch die Umwandlung von Wohnungen in Ferienunterkünfte zu einem Mangel an Wohnungen und einem Ansteigen der Mieten führt und dazu beiträgt, das traditionelle Leben, das erst Anlass des Tourismus war, langsam zu verändern. Von diesen Entwicklungen erzählen auch Karin Kaper und Dirk Szuszies in ihrem Film, lassen alte und neue Bewohner der Insel zu Wort kommen, deuten erwünschte und unerwünschte Veränderungen an. Besonders interessant wirken die Erzählungen einer Historikerin, die sich mit der Geschichte der Insel auseinandersetzt. Ihre Berichte geben in Verbindung mit historischem Bildmaterial einen Einblick in die Veränderungen auf La Graciosa, einer einst ärmlichen, nur von Fischern bewohnten Insel, die sich langsam veränderte, wo die Moderne Einzug hielt und die Traditionen verschwanden. Ein nachdenklicher, melancholischer Blick, der zur Einsamkeit passt, die man auf La Graciosa immer noch finden kann, zumindest abends, wenn die Tagestouristen verschwunden sind. (programmkino.de)Ausblenden
THE BEAUTY OF BALLROOM OmU
MonatsDoku – 10s Across the Borders – PH/SG/D 2026, 99 Min. Regie: Sze-Wei Chan
mit Phitthaya Phaefuang, Ong Xing Kai, Xyza Ragunjan
Das lebendige Portrait der "Ballroom" und "Vogueing"-Szene Südostasiens
Weiterlesen...Als 1990 der Dokumentarfilm „Paris is Burning“ entstand, war das noch anders, damals waren Mainstream und Subkulturen noch weit voneinander entfernt, ahnten nur die wenigsten der Mehrheitsgesellschaft, welche neuen, ungewöhnlichen Tanzformen von Menschen erdacht wurden, die sich von der Mehrheit ausgeschlossen fühlten. In Undergroundclubs fanden Schwule, Lesben, Bisexuelle, Transpersonen und andere Räume, wo sie sich frei bewegen konnten, zumindest für Phasen Schutz vor Übergriffen, auch eine Heimat, ein zu Hause, das ihnen in ihren natürlichen Familien oft verwehrt wurde. Sogenannte Houses entstanden, Ersatzfamilien, die sich zu Tanz-Battles trafen, Wettbewerben, in denen gepost und gevougt wurde, die auf den ersten Blick unterschwellig aggressiv wirken, vor allem aber auch sexy und selbstermächtigend. Das es am Ende nicht um den Sieg bei einem Tanzwettbewerb geht, sondern um das positive Ausleben einer Identität, wird auch in Chan Sze-Weis „The Beauty of Ballroom“ deutlich, der in loser Struktur drei Menschen aus asiatischen Großstädten folgt, die in der Szene ihrer Heimatländer aktiv sind. Aus der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur stammt Teddy, mit markanten Tattowierungen auch im Gesicht, der das von Madonna einst für den Mainstream aufbereitete Voguing perfekt beherrscht. In Bangkok in Thailand lebt Aurora Sun Labeija, der erste Thailänder, der auf internationalen Balls tanzte und die Szene in seinem Land mitaufbaute. In seiner Kindheit lebte er als Adoptivkind in Norwegen, nun hat er wieder Kontakt zu seiner leiblichen Mutter, die im ländlichen Thailand lebt und stolz auf ihren Sohn ist. Und schließlich Xyza Ragunjan aus Manila, auf den Philippinen, auch auch bekannt als Mother Xyza Mizrahi, die zu den einflussreichsten Akteuren der philippinischen Ballroom-Szene zählt. Ihre Positionen und Titel verraten einiges über die internationale Vernetzung der Ballroom-Szene: Sie war International Mother des Iconic House of Mizrahi und Mitglied des Iconic Kiki House of Pinklady. Das House of Mizrahi stammt aus New York und wurde Anfang der 90er Jahre von Andre Miszrahi gegründet. Ableger finden sich inzwischen in aller Welt, auch in Deutschland. Auch mit Kiki sind internationale Häuser gemeint, die schon im Dokumentarfilm „Paris is Burning“ vorkamen, vor allem aber in „Kiki“, einem zehn Jahre alten Film über die Vogue- und Drag-Szene. Zu dieser Reihe gesellt sich nun Chan Sze-Weis „The Beauty of Ballroom“, in dem bisweilen die Mühe zu spüren ist, den komplizierten Aufbau der globalen Ballroom-Szene verständlich werden zu lassen. Etwas lose springt die Handlung immer wieder zwischen den asiatischen Metropolen hin und her, für einen kurzen Moment befindet man sich auch in Norwegen, wo Sun einen Auftritt hat, schließlich auch in New York, wo die Protagonisten auf die Ikonen der Szene treffen und sich der Kreis schließt. Die lose Struktur des Dokumentarfilms, der dezidiert nicht auf einen bestimmten Wettbewerb zuläuft, mag zwar in Momenten etwas ausfransend wirken, erzählt am Ende jedoch viel über den eigentlichen Wert dieser Szene: Nicht der Wettkampf an sich steht im Mittelpunkt, sondern die Schutzräume, die von den Houses, den Ersatzfamilien kreiert werden und mit ihnen die Möglichkeit, sich auch in der nur bedingt toleranten Gesellschaft so zu geben, wie man ist (programmkino.de)Ausblenden