Woche der Kinderrechte – On vous croit – B 2025, 78 Min. Regie: Arnaud Dufeys, Charlotte Devillers
mit Myriem Akheddiou, Laurent Capelluto, Natali Broods
Vom Kampf um Gerechtigkeit und Kindeswohl, zur Woche der Kinderrechte
Weiterlesen...Kurz, aber alles andere als schmerzlos, ist das sehr aufwühlende, engagierte Spielfilmdebüt des belgischen Regie-Duos Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys. Das Missbrauchsdrama zeigt den Gerichtskampf einer Mutter, die ihre zwei Kinder vor dem mutmaßlich übergriffigen Vater abschirmen will. Erzählt wie ein Thriller, balanciert „Wir glauben euch“ mit beachtlicher dramaturgischer Souveränität die Ambivalenzen zwischen Verdacht, Beweisdruck und Unklarheit aus, und rückt nicht zuletzt die Perspektive und das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt. Seine Uraufführung feierte der Film in der Sektion „Perspektiven“ der Berlinale 2025, wo er auch mit einer lobenden Erwähnung bedacht wurde. Hektisch fahndet die Kamera nach Alices (Myriem Akheddiou) Gesicht, die verzweifelt versucht, ihren zehnjährigen Sohn Etienne (Ulysse Goffin) in die Straßenbahn zu bugsieren. Doch er wirft sich störrisch zu Boden, schreit, streikt. Auch kurz danach, als sie – schließlich erfolgreich – das kühle Gerichtsgebäude betritt, den widerspenstigen Etienne und auch ihre siebzehnjährige Tochter Lila (Adèle Pinckaers) im Schlepptau, bleibt die Kamera nah bei ihr, fängt nervös jede Regung ihrer Sorge und ihres Schmerzes ein. Sie wurde vor das Jugendgericht zitiert, weil der geschiedene Vater (Laurent Capelluto) seine Kinder wiedersehen will. Die Kinder wiederum scheinen beim bloßen Gedanken daran, ihrem Vater wiederbegegnen zu müssen, in Panik. Kurz darauf schon beginnt die 55 Minuten lange Anhörungsszene, in der Alice und der Vater ihrer Kinder vor der Jugendrichterin sitzen. Es ist eine Stunde, in der dem Anhörungssaal der Sauerstoff zu entweichen scheint und in der man auch beim bloßen Zusehen die Luft anhält. Zu keiner Zeit sind Alice und der Vater im selben Bild. Immer wird nur sie oder er gezeigt, oder eine der anderen anwesenden Personen. Die Anwältin des Vaters bezichtigt Alice in einem längeren Anklagemonolog im Namen ihres Mandanten der Manipulation und die Kinder aus niedrigen Beweggründen gegen ihren Vater aufgebracht zu haben. Dann holt Alices Anwältin zum Gegenschlag aus, ordnet die Situation neu und bekräftigt die validen Gründe, weshalb Alice die verängstigten Kinder von ihrem Vater fernhält: der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs steht im Raum. Wir glauben euch ist filmisch präziser Minimalismus, der ein Maximum an Spannung erzeugt. Mit jeder Einstellung, jede Dialogzeile legt der Film ein weiteres Sediment frei, unter dem sich Informationen und Gefühle verbergen, die sukzessive Orientierung in einer hochaufgeladenen Situation bringen. Geschickt wird dabei auch das patriarchale Machtgefüge nachgestellt, in dem sich Alice als Mutter und als Frau wiederfindet. Dieses scheint sich selbst in der (aufgrund der Jugendrichterin und zweier Anwältinnen) weiblich dominierten Figurenkonstellation latent fortzuwirken. Schweigend muss Alice ausharren, während ein sogenannter Experte sein Gespräch mit den Kindern schildert, die Gefahr durch den Vater relativiert und Alice als Verursacherin des Konflikts und des psychologischen Stresses zu identifizieren meint. Die formal sachliche Sprache der Anwältinnen, in der die scharfen Argumente vorgetragen werden, schneidet noch tiefer, als Wutschreie es könnten. Sie macht das nach und nach zutage tretende Ausmaß des Falles noch brutaler. Das visuelle Nebeneinander der einzeln eingefangenen Figuren verstärkt dabei nicht nur das im Raum schwirrende Misstrauen, sondern steigert auch die um sich greifende Verunsicherung und lässt Alice förmlich abgeschnitten wirken; als würde sie einen Kampf führen, in dem sie von Beginn an übervorteilt scheint. Myriem Akheddiou gelingt hierbei als in die Defensive gedrängte Mutter eine schmerzhaft-intensive Präsenz, wenn sie zum Schweigen gezwungen der Anwältin des Vaters, dem Vater, dem Experten oder der Jugendrichterin zuhören muss: innerlich fast unaushaltbar brodelnd vor Wut, Fassungslosigkeit oder Ohnmacht. Nie lassen sich Regisseur Arnaud Dufeys und Regisseurin Charlotte Devillers (die übrigens selbst ihre Erfahrung als Sozialarbeiterin einfließen ließ) dazu hinreißen, ihr filmisches Puzzle mit einem letzten Puzzlestück vollständig zu vereindeutigen. Und dennoch verdichten sie die Hinweise, Beweise und Widersprüche zu einem hochbeklemmenden Gesamtbild. Dieses trifft letztendlich klare Aussagen über ein System, das bei männlichen Tätern oft ungerechtfertigt Nachsicht walten lässt, Täter- und Opferrollen umkehrt und nicht zuletzt die Betroffenenperspektive zu oft missachtet. Eine reale, zerstörerische Dynamik, die dramaturgisch zugespitzt unter die Haut geht und gedanklich weit über die kurze Laufzeit hinaus fortwirkt. (kino-zeit.de)Ausblenden
SHAUN DAS SCHAF - Spuk im Kürbisfeld
KinderKino – Shaun the Sheep: The Beast of Mossy Bottom – GB 2026, 93 Min. Regie: Steve Cox, Matthew Walker
Grusliges Halloween auf der Farm der Tiere
Weiterlesen...Im neuen Kinofilm steht zur Freude für Shaun und die Bewohner der „Mossy Bottom“-Farm Halloween vor der Tür. Nur leider zerstört der tollpatschige Farmer kurz vor dem Fest den Kürbisgarten der Schafherde und es liegt nun an Shaun, dafür eine Lösung zu finden! Als Shaun daraufhin zum verrückten Wissenschaftler mutiert, der Farmer urplötzlich verschwunden ist und obendrein noch ein Ungeheuer in den Wäldern von Mossingham umherstreift, ist das Chaos perfekt und alle bereit für ein unheimlich aufregendes, neues Abenteuer! (Quelle: StudioCanal) Shaun und seine Freunde züchten Kürbisse für Halloween, die versehentlich kaputtgehen, weswegen er wie ein verrückter Wissenschaftler ein Elixier erfindet, das einen Kürbiskern wahnsinnig schnell wachsen lässt. Leider kommt auch der Farmer in den Besitz des Mittels und benutzt es, um seine Haarpracht der Jugend wiederherzustellen. Als das Haarwachstum aber nicht stoppt und er aussieht wie Bigfoot, versetzt er die Stadt und die Farmtiere in helle Aufregung. Wie immer ist der Film ausgesprochen liebevoll gemacht. Er lebt von einer Vielzahl von kleinen Gags, die nicht immer auf das kindliche Publikum abzielen. Wenn Shaun und die anderen Schafe wie Michael Jackson und die Zombies im Musikvideo „Thriller“ tanzen oder Zahnseide Geräusche macht, die an die Geigenmusik aus „Psycho“ erinnert, dann sind das Witze, die die Erwachsenen unterhalten. Es gibt auch eine Reihe von schönen Slapstickeinlagen, so dass die jüngsten Zuschauer durchaus auch ihren Spaß haben. Wie bisher eigentlich immer gelingt es den Leuten vom Knetmasse-Studio Aardman einen vergnüglichen Film zu erschaffen, der über alle Altersstufen hinweg funktioniert – und das ganz ohne Worte, denn Shaun und Co. kommunizieren nur mit recht gutturalen Lauten. Es gibt viele Bilder, die direkt an Filme erinnern, schon der Anfang lässt an James Whales „Frankenstein“ denken, andere nutzen auch die Ikonographie des Genres und das Wissen um das kollektive Bewusstsein des Publikums in Hinblick auf diese zementierten Genre-Bilder. Aber das kann durchaus auch ein zweischneidiges Schwert sein. Denn obwohl der Film von der FSK ab 0 Jahren freigegeben wurde, sind die Bilder eben doch stark mit dem Horror-Genre verbunden. Sicherlich, auf recht simple und den Humor zelebrierende Art und Weise. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass in der Pressevorführung zwar viele Kinder hörbar Spaß hatten, eines aber auch Angst entwickelte und mit der Mutter den Saal vorzeitig verließ. Man sollte also im Vorfeld überlegen, wie weit der eigene Nachwuchs ist, bevor man in „Shaun das Schaf: Spuk im Kürbisfeld“ geht. Für die meisten Kids wird er nicht zu intensiv sein, für besonders sensible mag das aber anders aussehen. (programmkino.de)Ausblenden
NACHBEBEN DF
Det andet offer – DK 2025, 90 Min. Regie: Zinnini Elkington
mit Özlem Sağlanmak, Trine Dyrholm, Olaf Johannessen
Ein mitreißender Blick in die Neurologie eines dänischen Hospitals
Weiterlesen...Ein neuer Arbeitstag beginnt für Alex (Özlem Saglanmak), Ärztin in der Neurologie eines Krankenhauses in Dänemark. Einmal mehr ist die Station unterbesetzt, die Ärzte flüchten sich in sarkastische Scherze: Was ist der Unterschied zwischen einem Arzt und Gott? Gott weiß, dass er kein Arzt ist… Alex übernimmt die Aufsicht über die Station, damit auch über die Assistenzärztin Emilie (Mathilde Arcel F.), die nervös und übervorsichtig agiert. Alex dagegen weiß was sie tut, weicht auch mal von den Vorschriften ab, wenn sie glaubt, dass ein Patient schnell behandelt werden muss. Ein junger Patient namens Oliver klagt über Kopfschmerzen, Emilie ist unsicher, ruft Alex hinzu, die den 18jährigen genau untersucht und in die Obhut seiner Mutter Camilla (Trine Dyrholm) entlässt. Doch noch bevor sie die Klinik verlassen haben, liegt Oliver auf dem Boden und fällt in ein Koma. Im MRT wird ein Blutgerinnsel im Gehirn festgestellt, eine Operation erscheint möglich, könnte Oliver aber auch töten. Während Emilie sich schwere Vorwürfe macht, scheint Alex schnell zum Alltag überzugehen. Doch als klar wird, dass Oliver nicht mehr aufwachen wird, sie mit den sich zwischen Trauer und Wut bewegenden Eltern konfrontiert ist, beginnt sie, ihre Entscheidung zu reflektieren und spürt die Tragweite ihres Tuns. „Det andet opfer“, das andere Opfer, lautet der Originaltitel des mitreißenden Dramas, das bei den dänischen Filmpreisen vielfach ausgezeichnet wurde. Kein Wunder, gelingt es Autorin und Regisseurin Zinnini Elkington doch, den Alltag in einem Krankenhaus intensiv und authentisch zu schildern. Als Inspiration für ihren ersten Spielfilm dienten der bisher vor allem als Schauspielerin bekannten Elkington Gespräche mit zahlreichen Verwandten, die im medizinischen Bereich arbeiten und somit aus erster Hand über die zunehmend schwierigen, um nicht zu sagen unmöglichen Arbeitsbedingungen berichten konnten. Die auch hier mit Dosen von Galgenhumor und Zynismus übertüncht werden, so als würde man sich in Lars von Triers legendärer Krankenhausserie „Riget – Hospital der Geister“ befindet. Mehr als an diese Serie, lässt „Nachbeben“ gerade zu Beginn aber an die Rasanz von „Emergency Room“ oder seinem modernen Nachfolger „The Pitt“ denken. Gleich zu beginnt deutet Elkington ihre stilistischen Ambitionen in einer über 15 Minuten langen, ungeschnittenen Plansequenz an, die Alex beim Springen zwischen diversen Patienten folgt, während sie nebenbei Telefonate führt, von allen Seiten mit Informationen und Nachfragen bedrängt wird, dabei immer freundlich, aber auch distanziert zu wirken versucht und am Ende mit einem im Koma liegenden Patienten dasteht. Physisch spürbar wird in dieser Sequenz die systembedingte Überforderung von Ärzten, die in einem System funktionieren sollen, dessen Möglichkeiten durch Sparzwänge beschnitten werden, das zunehmend wie ein technokratisches Unternehmen funktionieren soll, obwohl am Ende immer noch Menschen mit Menschen interagieren. Dass Alex im weiteren Verlauf der Handlung auf einmal alle Zeit der Welt hat, sich um Oliver und seine Eltern zu kümmern, untergräbt zwar etwas die Dringlichkeit der ersten Minuten, führt jedoch gleichzeitig zum emotionalen Kern der Geschichte. Auch Alex hat ein Kind zu Hause, umso näher ist ihr Camilla, die ihr einerseits Vorwürfe macht, aggressiv wird, aber auch versteht, dass die Schuld nicht wirklich bei Alex zu suchen ist. Ähnlich wie der vergleichbare „Heldin“ zeigt auch Zinnini Elkington in „Nachbeben“ auf authentische, emotionale Weise, wie das System Krankenhaus an seine Grenzen kommt, wie Ärzte und Pfleger versuchen, zu retten, was zu retten ist und dabei oft zwangsläufig scheitern. Ein mitreißender Film, hervorragend gefilmt und gespielt. (programmkino.de)Ausblenden