Am 13.11. zeigt das Kinoptikum

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HEIMSUCHUNG - EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE
Architektur & Kunst – D 2026, 118 Min.
Regie: Volker Schlöndorff
mit Lars Eidinger, Martina Gedeck, Ulrich Matthes
Die Geschichte eines Hauses im Wandel der Zeiten
Trailer zu HEIMSUCHUNG - EINE JAHRHUNDERTGESCHICHTE
Weiterlesen... Noch ist das malerische Grundstück am See unbebaut: Der Blick reicht über die glatte Fläche ans andere Ufer, das Schilf wirkt unberührt, die Bäume stehen einsam. Friedlich wirkt es hier, doch das wird nicht so bleiben, nicht am See, nicht in Deutschland. In den 30er Jahren beginnt die Geschichte, allzu direkt ist der Beginn der Nationalsozialistischen Herrschaft nicht zu spüren, allein der Architekt (Lars Eidinger) grüßt oft mit einem „Heil“, wird später auch Baracken für die Konzentrationslager entwerfen, aber zu seinem Glück von Albert Speer in seiner beruflichen Entwicklung gebremst werden: Ein entsprechender Brief des Reichsbauministers erweist sich in der Nachkriegszeit als Lebensrettung.
Doch soweit ist es noch nicht, zunächst baut der Architekt – einen Eigennamen trägt diese Figur ebenso wie viele andere, die weniger Individuen als exemplarische Vertreter ihrer Zeit darstellen sollen, nicht – für sich und seine Frau (Susanne Wolff) ein schmuckes Haus auf einem Teil des Grundstücks. Weit weniger mächtig wirkt dagegen das kleine Badehaus auf dem Nachbargrundstück, das der jüdischen Familie Engels gehört.
Mit Verschärfung der Rassegesetze muss die Familie Engels ihren Besitz an den Nazi verkaufen, nicht zum ersten Mal wird der die Grundstücke trennende Zaun abgerissen, später wird ein neuer Zaun gebaut, nach dem Krieg, als eine Schriftstellerin (Martina Gedeck) hier mit ihrer Familie einzieht, eigentlich eine Stimme des Volkes, die aber keinen Moment zögert, ihre Kontakte einzusetzen, um zu verhindern, dass Grundstück teilen zu müssen.
Wie der Roman läuft auch die Verfilmung episodisch ab, eine Form, die im schriftlichen Medium besser funktioniert als im visuellen. Bei Schlöndorff bleibt vieles Stückwerk, müssen immer wieder ausführliche Voice Over-Kommentar inhaltliche Lücken schließen, tauchen Figuren mal für eine Szene auf, um dann schnell wieder zu verschwinden. Einige Male greift Schlöndorff sogar auf Archivmaterial zurück, das auch den inszenierten Bildern Authentizität verleihen soll.
Von den 30er bis in die 90er reicht der Bogen, von der Nazizeit, über den Krieg, einen kurzen Moment russischer Besatzung, bis zum Wiederaufbau, der Wende und ihrer Folgen. Bei dieser Fülle an historischem Material bleibt es nicht aus, dass nur kursorisch erzählt wird, dass die Figuren nur Typen bleiben, auch wenn dem Ensemble aus deutschen Starschauspielern immer wieder große Momente gelingen.
Nur selten bricht Schlöndorff aus seinem zurückhaltenden, klassischen Stil aus, mit dem er in ruhigen Bildern, unterlegt von elegischer Musik, den Fortgang der Zeit beobachtet. Was möglich gewesen wäre, wenn er es gewagt hätte häufiger in mystische Dimensionen vorzustoßen, zeigen die Anfangs- und Schlussszene, wenn sich sämtliche Bewohner und Besucher von Haus und Grundstück zusammenfinden, vom wabernden Nebel umhüllt, der die Unterschiede der Epochen verschwinden lässt.
Vor allem aber in der immer wieder auftauchenden Nebenfigur eines Gärtners, der schon in den 30ern als eine Art Faktotum am Rand des Grundstücks lebt und den Bewohnern zur Hand geht. Schon hier wirkt der von Wigand Witting (selbst Mitte 80 und schon bei der „Blechtrommel“ dabei) gespielte Mann mit weißen Haaren und dichtem Bart wie ein alter Mann, der er auch bleibt, egal ob er während des Krieges mit russischen Soldaten trinkt oder nach dem Fall der Mauer ein letztes Mal die Blumen gießt. Losgelöst vom Fortgang der Zeit scheint dieser Mann zu existieren, so als hätte sich trotz aller Ereignisse der deutschen Geschichte am Ende wenig geändert, so als wären die Menschen im Kern dieselben geblieben. Ob man das bedauern soll oder es positiv betrachtet, lässt Schlöndorff am Ende offen. (programmkino.de)
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WIR GLAUBEN EUCH  frz. OmU
Woche der Kinderrechte – On vous croit – B 2025, 78 Min.
Regie: Arnaud Dufeys, Charlotte Devillers
mit Myriem Akheddiou, Laurent Capelluto, Natali Broods
Vom Kampf um Gerechtigkeit und Kindeswohl, zur Woche der Kinderrechte
Trailer zu WIR GLAUBEN EUCH
Weiterlesen... Kurz, aber alles andere als schmerzlos, ist das sehr aufwühlende, engagierte Spielfilmdebüt des belgischen Regie-Duos Charlotte Devillers und Arnaud Dufeys. Das Missbrauchsdrama zeigt den Gerichtskampf einer Mutter, die ihre zwei Kinder vor dem mutmaßlich übergriffigen Vater abschirmen will. Erzählt wie ein Thriller, balanciert „Wir glauben euch“ mit beachtlicher dramaturgischer Souveränität die Ambivalenzen zwischen Verdacht, Beweisdruck und Unklarheit aus, und rückt nicht zuletzt die Perspektive und das Wohl der Kinder in den Mittelpunkt. Seine Uraufführung feierte der Film in der Sektion „Perspektiven“ der Berlinale 2025, wo er auch mit einer lobenden Erwähnung bedacht wurde.
Hektisch fahndet die Kamera nach Alices (Myriem Akheddiou) Gesicht, die verzweifelt versucht, ihren zehnjährigen Sohn Etienne (Ulysse Goffin) in die Straßenbahn zu bugsieren. Doch er wirft sich störrisch zu Boden, schreit, streikt. Auch kurz danach, als sie – schließlich erfolgreich – das kühle Gerichtsgebäude betritt, den widerspenstigen Etienne und auch ihre siebzehnjährige Tochter Lila (Adèle Pinckaers) im Schlepptau, bleibt die Kamera nah bei ihr, fängt nervös jede Regung ihrer Sorge und ihres Schmerzes ein. Sie wurde vor das Jugendgericht zitiert, weil der geschiedene Vater (Laurent Capelluto) seine Kinder wiedersehen will. Die Kinder wiederum scheinen beim bloßen Gedanken daran, ihrem Vater wiederbegegnen zu müssen, in Panik.
Kurz darauf schon beginnt die 55 Minuten lange Anhörungsszene, in der Alice und der Vater ihrer Kinder vor der Jugendrichterin sitzen. Es ist eine Stunde, in der dem Anhörungssaal der Sauerstoff zu entweichen scheint und in der man auch beim bloßen Zusehen die Luft anhält. Zu keiner Zeit sind Alice und der Vater im selben Bild. Immer wird nur sie oder er gezeigt, oder eine der anderen anwesenden Personen. Die Anwältin des Vaters bezichtigt Alice in einem längeren Anklagemonolog im Namen ihres Mandanten der Manipulation und die Kinder aus niedrigen Beweggründen gegen ihren Vater aufgebracht zu haben. Dann holt Alices Anwältin zum Gegenschlag aus, ordnet die Situation neu und bekräftigt die validen Gründe, weshalb Alice die verängstigten Kinder von ihrem Vater fernhält: der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs steht im Raum.
Wir glauben euch ist filmisch präziser Minimalismus, der ein Maximum an Spannung erzeugt. Mit jeder Einstellung, jede Dialogzeile legt der Film ein weiteres Sediment frei, unter dem sich Informationen und Gefühle verbergen, die sukzessive Orientierung in einer hochaufgeladenen Situation bringen. Geschickt wird dabei auch das patriarchale Machtgefüge nachgestellt, in dem sich Alice als Mutter und als Frau wiederfindet. Dieses scheint sich selbst in der (aufgrund der Jugendrichterin und zweier Anwältinnen) weiblich dominierten Figurenkonstellation latent fortzuwirken. Schweigend muss Alice ausharren, während ein sogenannter Experte sein Gespräch mit den Kindern schildert, die Gefahr durch den Vater relativiert und Alice als Verursacherin des Konflikts und des psychologischen Stresses zu identifizieren meint.
Die formal sachliche Sprache der Anwältinnen, in der die scharfen Argumente vorgetragen werden, schneidet noch tiefer, als Wutschreie es könnten. Sie macht das nach und nach zutage tretende Ausmaß des Falles noch brutaler. Das visuelle Nebeneinander der einzeln eingefangenen Figuren verstärkt dabei nicht nur das im Raum schwirrende Misstrauen, sondern steigert auch die um sich greifende Verunsicherung und lässt Alice förmlich abgeschnitten wirken; als würde sie einen Kampf führen, in dem sie von Beginn an übervorteilt scheint. Myriem Akheddiou gelingt hierbei als in die Defensive gedrängte Mutter eine schmerzhaft-intensive Präsenz, wenn sie zum Schweigen gezwungen der Anwältin des Vaters, dem Vater, dem Experten oder der Jugendrichterin zuhören muss: innerlich fast unaushaltbar brodelnd vor Wut, Fassungslosigkeit oder Ohnmacht.
Nie lassen sich Regisseur Arnaud Dufeys und Regisseurin Charlotte Devillers (die übrigens selbst ihre Erfahrung als Sozialarbeiterin einfließen ließ) dazu hinreißen, ihr filmisches Puzzle mit einem letzten Puzzlestück vollständig zu vereindeutigen. Und dennoch verdichten sie die Hinweise, Beweise und Widersprüche zu einem hochbeklemmenden Gesamtbild. Dieses trifft letztendlich klare Aussagen über ein System, das bei männlichen Tätern oft ungerechtfertigt Nachsicht walten lässt, Täter- und Opferrollen umkehrt und nicht zuletzt die Betroffenenperspektive zu oft missachtet. Eine reale, zerstörerische Dynamik, die dramaturgisch zugespitzt unter die Haut geht und gedanklich weit über die kurze Laufzeit hinaus fortwirkt. (kino-zeit.de)
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