Cinema Obscure – Ö/D 2025, 115 Min. Regie: Andreas Prochaska
mit Julia Franz Richter, Reinout Scholten van Aschat. Maria Hofstätter
Ein atmosphärischer und zitatenreicher Provinzschocker
Weiterlesen...Mit dem Slasher-Movie „In 3 Tagen bist du tot“ (2006) brachte er den Horror gekonnt ins Salzkammergut – und in „Das finstere Tal“ (2014) mixte er auf virtuose Weise Western- mit Heimatfilm-Motiven, angesiedelt in den Alpen des späten 19. Jahrhunderts. Der 1964 in Wien geborene (Co-)Drehbuchautor und Regisseur Andreas Prochaska ist ein Experte für deutschsprachiges Genre-Kino, das seine Vorbilder nicht einfach nur kopiert, sondern eine ganz eigene Identität entwickelt. Diesen Weg beschreitet er nun auch in seinem neuen Werk „Welcome Home Baby“, das als übersinnlicher Psychothriller in der österreichischen Provinz daherkommt und unter anderem Versatzstücke aus Roman Polańskis „Rosemaries Baby“ (1968) und Dario Argentos „Suspiria“ (1977) mit lokalen Besonderheiten kombiniert. Der Plot beginnt nach einem atmosphärisch-unbehaglichen Intro in Berlin. Judith (Julia Franz Richter) ist als Notärztin tätig; ihr Ehemann Ryan (Reinout Scholten van Aschat) arbeitet als (Hochzeits-)Fotograf. „Ich muss nach Österreich“, erzählt sie ihrem Kollegen auf einer nächtlichen Fahrt im Rettungswagen ziemlich emotionslos. Ihr leiblicher Vater, den sie nicht gekannt habe, sei gestorben – und habe ihr ein Haus vererbt. Also macht sich das junge Paar auf den Weg. Auf dem Dorf wird Judith von ihrer Tante Paula (Gerti Drassl) freudig empfangen. Und auch die übrigen Leute in der Gegend scheinen zu hoffen, dass Judith und Ryan in das Haus einziehen und zu einem Teil der kleinen Gemeinde werden. Judith reagiert indes sehr abweisend. Prochaska, der das Skript zusammen mit Daniela Baumgärtl und Constantin Lieb geschrieben hat, baut geschickt Suspense-Momente ein, die uns rasch ahnen lassen, dass die beiden Hauptfiguren in Gefahr schweben. Die geerbte Immobilie wird als klassisches Haunted House in Szene gesetzt. Als Ryan die Räumlichkeiten fotografisch festhalten möchte, scheint ein seltsamer Schleier über den Bildern zu liegen. Hinzu kommen Mystery-Elemente. Unter welchen Bedingungen starb einst Judiths leibliche Mutter? Was war deren Gatte für ein Mensch? Und welche Erfahrungen hat Judith als Kind machen müssen? „Du kennst es ja…“, raunt eine kranke ältere Frau (Linde Prelog), als sie von „der anderen Seite“, dem Jenseits spricht. Die Bezüge, die sich auf audiovisueller und auf dramaturgischer Ebene herstellen lassen, sind zahlreich – von Folk-Horror wie Robin Hardys The Wicker Man (1973) über Science-Fiction-Grusel wie Bryan Forbes’ Die Frauen von Stepford (1975) bis hin zum abgründigen Œuvre von Ari Aster. Die stilvollen und höchst originellen Aufnahmen der Kamerafrau Carmen Treichl sowie das für Beklemmung sorgende Sound-Design und das auf Details achtende Szenenbild gehen aber, wie bei Prochaska üblich, weit über eine Ansammlung von Zitaten hinaus. Der Film entwirft einen stimmigen Kosmos, der uns gemeinsam mit seiner Protagonistin allmählich an Raum und Zeit zweifeln lässt. Zu den Eigenheiten gehören neben dem pointiert gespielten Nebenpersonal (absolut großartig: Gerti Drassl als „Tante“) die gewählten Songs, die das Geschehen oft eher kontrapunktisch untermalen: So wird etwa eine Cover-Version des Joe-Dassin-Chansons Et si tu n’existais pas im besten Sinne irritierend zum Einsatz gebracht. Gewohnt versiert verpackt Prochaska moderne Gedanken, in diesem Fall über Vergangenheitsbewältigung und Selbstbestimmung, in ein vertrautes (Kino-)Gewand, das durch Sorgfalt und Leidenschaft mit vielen neuen Nuancen versehen wird. Welcome Home Baby lässt das Böse im Wald dröhnen, lässt Flammen lodern und das provinzielle Nirgendwo zum Ort des ultimativen Schreckens werden. (kino-zeit.de)Ausblenden
MELANCHOLIA
In memoriam Udo Kier – D/DK/F 2011, 136 Min. Regie: Lars von Trier
mit Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Udo Kier
Eine überwältigende Kinoerfahrung auf Kollisionskurs zur Erde mit STAGING DEATH als außerplanmäßigen Vorfilm
Weiterlesen...In seinem gewaltigen Prolog nimmt Lars von Trier das Ende vorweg, gerade so, als würde er dem Zuschauer von Anfang an gar nicht erst die Möglichkeit geben, sich dem Unausweichlichen zu entziehen. Wie die Protagonisten in seinem Film, so ist auch der Zuschauer dem Ende hilflos ausgeliefert, sehenden Auges steuern wir auf das Unglück zu und können uns ihm nicht entziehen. In stilisierten Bildern, die in Superzeitlupe wie zum Leben erwachte Gemälde, wie kunstvoll inszenierte Fotografien voller magischem Realismus wirken, sehen wir die Apokalypse kommen — und es ist nicht nur das Ende des Films, das in diesem grandiosen Prolog gezeigt wird, sondern es ist das Ende allen Seins. Ein gewaltiger Planet namens Melancholia, um ein Vielfaches größer als unsere Erde hat sich auf eine Reise durch das Universum gemacht, hat alle Planeten unseres Sonnensystems passiert, ohne eine Kollision zu verursachen, hat sich hinter der Sonne versteckt wie ein heimtückischer Meuchelmörder, um dann der finalen Kollision mit dem blauen Planeten zuzusteuern. Melancholie ist auch der Name der Krankheit, unter der Justine (Kirsten Dunst) leidet. Doch man braucht eine Weile, bis man das realisiert. Weil wir sie ausgerechnet an jenem Tag kennenlernen, der allgemein als der schönste Tag im Leben gilt — bei ihrer Hochzeit. Anfangs scheint auch noch alles in bester Ordnung zu sein mit der schönen und strahlenden Braut. Auch wenn bereits die Anreise zu dem Hotel, in dem die Feier stattfindet, nicht gerade einfach ist, denn die Stretch-Limousine kann die engen und gewundenen Straßen kaum passieren. Ein eher kleines Problem, das zur Erheiterung der Braut und ihres Bräutigams Michael (Michael Skarsgård) beiträgt. Überhaupt herrscht eine ausgelassene Stimmung bei der Feier, der Vater der Braut mopst ziemlich offensichtlich die Silberlöffel und flirtet mit den zwei Bettys an seinem Tisch, die Reden sind launig, man spürt die Liebe und Zuneigung des jungen Paares zueinander. Doch dann mischen sich zunehmend Misstöne in die Feier, es kommt zum Streit der geschiedenen Elterns Justines, plötzlich ist die Braut verschwunden und erscheint wieder in sichtlich gedrückter Stimmung, Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg), die das Fest organisiert hat und deren Mann (Kiefer Sutherland) zeigen sich zunehmend genervt, so dass die Hochzeit schließlich in eine Katastrophe mündet — kein Wunder, denn sie steht buchstäblich unter einem schlechten Stern, der in wenigen Tagen sein Ziel erreichen wird. Hier endet der erste Tei des Films, der nach Justine benannt ist und der zweite mit dem Titel Claire beginnt. Claire, die das Hotel, in dem die aus dem Ruder gelaufene Hochzeitsfeier stattfand, betreibt, nimmt ihre strauchelnde Schwester bei sich auf, kümmert sich um sie und versucht sie wieder aufzurichten. Zur gleichen Zeit nähert sich Melancholia immer schneller der Erde und die Prognosen, ob sich der Planet auf Kollisionskurs befindet oder nicht, gehen erheblich auseinander. Je greifbarer und unausweichlicher die Katastrophe ist, desto ruhiger und gefasster wird Justine, während Claire zunehmend panischer… Lars von Triers neues, mit Spannung erwartetes Werk Melancholia ist kein Film, sondern eine Erfahrung, eine apokalyptische Verkündigung des Endes der Welt. Während Terrence Malicks Auseinandersetzung mit dem Wesen der Welt am Ende mehr Fragen aufwirft als beantwortet, bleibt der dänische Filmemacher stets klar, konkret und unbarmherzig in seiner pessimistischen Weltsicht. Am Ende ist Schweigen und Dunkelheit. Und Fassungslosigkeit über einen Film, der überwältigt und von so großer, dunkler, monolithischer Größe ist, dass man nichts dagegen hätte, wenn damit das Filmfestival von Cannes enden würde. Denn mal ehrlich: Was soll, was kann nach dem Ende der Welt noch kommen? Außer der Goldenen Palme von Cannes natürlich… Als Lars von Trier seinem Produzenten das Drehbuch zu lesen gegeben hatte, fragte dieser ihn nach der Lektüre, was denn nach diesem Film eigentlich noch kommen solle. Diese Frage stellt sich wahrhaftig — eine Antwort darauf steht noch aus. Man wagt es gar nicht darüber nachzudenken, wenn dies tatsächlich Lars von Triers letzter Film sein sollte. Kaum ein Regisseur hat sich im Verlauf seiner Karriere immer wieder so radikal neu erfunden, kaum einer hat so viele Impulse gegeben und ist mit seinen Werken immer wieder den Schritt an die Grenzen des Filmemachens und darüber hinaus gegangen. Es besteht kein Zweifel: Lars von Trier ist einer der größten Regisseure unserer Zeit, was Melancholia einmal mehr aufs Eindrucksvollste unterstreicht. (kino-zeit.de)Ausblenden