Am 29.11. zeigt das Kinoptikum

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Sa. 15:30
DIE LEGENDE VON OCHI
KinderKinoThe Legend of Ochi – USA 2025, 96 Min.
Regie: Isaiah Saxon
mit Helena Zengel, Willem Dafoe, Emily Watson
Bildgewaltiges Märchenkino mit fabelhaften Tierwesen
Trailer zu DIE LEGENDE VON OCHI
Weiterlesen... Die eigensinnige Yuri lebt mit ihrem Vater auf einer abgelegenen Insel namens Carpathia. Von klein auf schärft man ihr ein, sich vor den geheimnisvollen Tierwesen der Insel, den Ochis, zu fürchten. Doch als Yuri ein einsames Baby-Ochi findet, kommen ihr Zweifel an der Gefährlichkeit der Wesen. Sie lässt ihr Zuhause hinter sich, um das Ochi zurück zu seiner Familie zu bringen, und erlebt das größte Abenteuer ihres Lebens. Die große Stärke des Films ist seine ästhetische Gestaltung. Gedreht wurde in den rumänischen Karpaten, die für eine beeindruckende Kulisse sorgen. Ein Wunderwerk sind die Spezialeffekte, die laut Aussagen des Filmteams überwiegend per Hand gestaltet wurden. Diese Effekte und auch die Gestaltung mit stark saturierten Farben und vielen 80er-Jahre-Referenzen lassen den Film wie aus einer anderen Zeit erscheinen und sorgen für beeindruckende, innovative visuelle Höhepunkte. Ein Fantasy-Spass für die ganze Familie! Ausblenden

Sa. 18:00
MONSIEUR AZNAVOUR  frz. OmU
Da ist Musik drin! – F 2024, 134 Min.
Regie: Mehdi Idir, Grand Corps Malade
mit Tahar Rahim, Bastien Bouillon, Marie-Julie Baup
Bühne frei für die Nacherzählung eines bewegten Lebens
Trailer zu MONSIEUR AZNAVOUR
Weiterlesen... Charles Aznavour wächst im Pariser Künstlerviertel Quartier Latin auf, wo seine Eltern, die dem Genozid am armenischen Volk knapp entkommen konnten, eine schlecht gehende Bar betreiben, in der sich die armenische Community mit jüdischen Einwanderern und den in Frankreich ansässigen Manusch (Sinti) trifft. Sein Vater Mischa ist ein herzlicher und lebensfroher Mann, leider ohne jeden Geschäftssinn. So wächst Charles mit seiner Schwester Aïda in einer liebevollen, aber von Not und Armut geprägten Umgebung auf. Mit sieben Jahren darf der kleine Charles für ein paar Puseratzen eine Minirolle am Theater Champs Elysee spielen, und sein erster Satz auf einer Bühne lautet: „Ja, ich bin angekommen.“ Ein nahezu prophetischer Satz, der für sein ganzes weiteres Leben gelten wird.

Als Paris im 2. Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht besetzt wird, ist Charles, gespielt von Tahar Rahim, 16 Jahre alt. Er singt vor den deutschen Soldaten, unterstützt aber heimlich den Widerstand, und er findet einen Partner für seine Gigs: den lebenslustigen Pierre Roche (sehr überzeugend und mit viel jugendlichem Charme: Bastien Bouillon), der sein bester Freund wird. Die beiden reisen zu Fuß oder mit dem Fahrrad quer durch Frankreich und treten mit witzigen Couplets in Tanzlokalen und Bars auf. Doch eines Tages begegnen sie Edith Piaf, damals schon ein Star. Marie-Julie Baup spielt sie ganz wunderbar als großzügige, scharfzüngige Diva mit tyrannischen Zügen. Sie nimmt Charles unter ihre Fittiche, unter anderem, weil sie von seiner kratzigen Stimme angetan ist – mit seiner Reibeisenstimme hört er sich eigentlich immer an wie jemand, der eine schlimme Nacht hinter sich hat, seine Stimme klingt irgendwie rostig und sandig – als ob er mit Reißnägeln gegurgelt hätte. Und mit Edith Piafs Unterstützung gelingt ihm, wovon Charles geträumt hat: eine Gesangskarriere, für die er bereit ist, fast jedes Opfer zu bringen.

Im Film singt Charles Aznavour seine Original-Chansons – Tahar Rahim hat zwar offenbar sorgfältig die Bewegungen, die Gestik und die Mimik des Künstlers studiert sowie für seine Rolle auch Tanz- und Gesangsunterricht genommen, aber er überlässt dankenswerterweise wenigstens stimmlich dem großen Chansonnier die Bühne. Immerhin gibt ihm Tahar Rahim genau die richtige Portion Mut – und manchmal Übermut – zusammen mit einer unterschwellig spürbaren Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit. Aus diesen Kontrasten, aus der Energie eines zielstrebigen, couragierten Vollblutkünstlers, der um jeden Preis singen will und dafür bereit ist, praktisch alles andere aufzugeben, zieht Tahar Rahim seine Kraft. Das wird besonders zu Beginn deutlich, und darin liegt auch eine gewisse Tragik, die nach dem Verlust seines Sohnes Patrick besonders deutlich wird, denn eigentlich ist ihm nur seine Kunst wichtig. Als Patrick stirbt, ist Charles Aznavour ein Weltstar und hat gerade seine dritte Ehefrau Ulla (Petra Silander) geheiratet, doch Patricks Tod zieht ihn in tiefe Depressionen, aus denen er sich wie immer mit Arbeit rettet: die Bühne als Droge, die Musik als Medizin.

Eigentlich wollte Charles Aznavour, dass sein Biopic mit den ersten Erfolgen enden sollte. Doch seine großen Chansons, die ihm Weltruhm brachten, entstanden alle erst später, „She“ oder „La Bohème“ oder „Comme ils disent“. So entschlossen sich die beiden Regisseure Grand Corps Malade und Mehdi Idir, die auch als Autoren zusammenarbeiten („Lieber leben“), das gesamte Leben von Charles Aznavour zu zeigen, thematisch und chronologisch untermalt von seinen zur jeweiligen Situation passenden Chansons. Dieses Konzept ist großenteils gelungen. Wie sich Charles Aznavour mühsam von ganz unten nach ganz oben kämpft, ist aber deutlich interessanter, als die Erfolge abzuhaken. Der erste Teil des Films ist dadurch besonders fesselnd und atmosphärisch stark. Stimmungsvolle Bilder, zum Teil Originalaufnahmen, dokumentieren dabei den Kampf des armenischen Volkes gegen seinen Untergang ebenso wie das Leben der Flüchtlinge in Frankreich und die Last der deutschen Besatzung mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und der Manusch, aber sie zeigen auch das Glück, am Leben zu sein. Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich Charles Aznavour, vor allem zu Beginn seiner Karriere. Doch bis ins hohe Alter betätigte er sich auch politisch: Er unterstützte das armenische Volk auf seinem Weg in die Unabhängigkeit und wurde nicht nur armenischer Botschafter, sondern zu einem der wichtigsten Vertreter der armenischen Diaspora.

Merkwürdigerweise passt das sich steigernde Tempo des Films ganz gut zum Leben dieses Künstlers, der immer in Bewegung blieb. Seinen 90. Geburtstag feierte er auf der Bühne – in Berlin, und zwei Wochen vor seinem Tod mit 94 Jahren gab er sein letztes Konzert. Seine Frauen, seine Kinder, sogar seine geliebte Schwester spielen im Grunde nur unbedeutende Komparsenrollen. Auch das zeigt der Film. Nachdem sich Charles auf Rat von Edith Piaf entschieden hatte, für seine Karriere alles andere aufzugeben, inklusive Frau, Kind und Freund Jean Roche, wird er endgültig zum besessenen Arbeiter, obwohl er es als Flüchtling schwer hat. Da erinnert einiges fatal an heutige Social Media-Debatten. Aber er hat es trotzdem geschafft, bis an die Spitze – dass er stolz darauf war, aber auch niemals vergessen hat, woher er kam, zeigt der Film mit großer Eindringlichkeit: Ein Leben für die Kunst. Charles Aznavour wurde für die Bühne geboren, und die Bühne war sein Zuhause. (programmkino.de)
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Sa. 20:30
FRISCH
D 2024, 98 Min.
Regie: Damian John Harper
mit Louis Hofmann, Franz Pätzold, Ralf Richter
Frisches, deutsches Genrekino mit wenig Sonne und viel Beton
Trailer zu FRISCH
Weiterlesen... Das Kriminalgenre hat es schwer im Kino, weil zu viele Krimis im Fernsehen versendet werden, und weil das Publikum dem deutschen Film nicht zutraut, einfach mal eine spannende Geschichte zu erzählen. Das ist wahrscheinlich auch historisch begründet, weil sich nach Edgar Wallace in Sachen Verbrechen auf der Leinwand keine großen Publikumserfolge mehr eingestellt haben. Diese Situation bietet aber die Chance für Filmemacher, mit frischen Geschichten frische Genreware ins Kino zu bringen, und fürs Publikum, diese Filme zu entdecken und vielleicht zu bemerken, dass da doch was geht.
Frisch ist ein Ruhrpott-Unterwelt-Gangster-Bruder-Thriller, zeitlich verschachtelt in Gegenwart und Rückblenden, und Regisseur Damian John Harper ist klug genug, diese Verschachtelung nicht im Nebeneinander zu belassen. Immer wieder gerät die Kamera von einer Szene in die andere und überspringt dabei Raum und Zeit, immer wieder ist das Vergangene so auch visuell Teil der Gegenwart; gegen Ende blickt Protagonist Kai aus einer Rückblende auf sich selbst in der Gegenwart, in einem kurzen Moment, bevor alles auf den Höhepunkt zusteuert.
Kai und Mirko: zwei mutterlose Brüder, aufgewachsen beim Ziehvater, immer schon gegensätzlich und immer schon miteinander verbunden. Blutsbrüder, im wahren Sinn: Winnetou und Old Shatterhand waren die Helden der Kindheit, und Kai hat sich irgendwo im Inneren die Unschuld des Spiels bewahrt, auch wenn es ernst wird. Er hat ein gutes Verhältnis zu Stiefvater Andi, arbeitet im Schlachthof, hat Frau und kleine Tochter, und hat es doch nie zu etwas gebracht, krebst am unteren Rand herum, so wie alle anderen, die Bekannten, die Kollegen. Mirko tut was dagegen, aber es tut ihm nicht gut, und allen anderen auch nicht. Fast ein Running Gag im Film, wie er immer wieder in den Knast kommt, weil er eine kurze Lunte hat, weil er unberechenbar ist, weil er sich nichts gefallen lässt, weil er mit krummen Geschäften was rausholen will aus dem Leben. Vor allem aber, weil er wirklich brutal ist, weil er seine Triebe nicht bändigt, weil er immer und überall seine Dominanz zeigen muss, seine Männlichkeit, seine Härte. Kai ist sein erstes Opfer, von Kindheit an, und Kai hält alles aus, weil: Bruder.
Der Topos der Brüder – im Gangsterfilm immer wieder ein starkes Band, gegen jede Vernunft, weil Blut verbindet. Oftmals wirkt das aufgesetzt, eher als von außen eingebrachter Impuls für das Weitergehen der Handlung als wirklich den Charakteren entstammend. In Frisch ist die Bruderverbindung gleich einsichtig, das liegt an den Vergangenheitseinsprengseln, aber auch am Spiel von Louis Hofmann als Kai, der sich gerne unterordnet, weil ihm dann Entscheidungen abgenommen werden.
Harper hat zuvor 2018 das starke Drama In the Middle of the River gedreht, eine New-Mexico-Saga um die Abgehängten und Verlorenen. Nun begibt er sich in ein ähnliches Milieu im Ruhrgebiet, und der Pott-Slang wirkt durchaus echt, so echt, wie es in einem stilisierten Genrefilm sein kann und sein muss: „Die Maloche war nicht genug, um alle Rechnungen zu latzen“ – nein, keine Proletariat-Folklore, dafür ist der Film zu hart, zu konsequent durchgezogen.
Im Mittelteil lässt Frisch gewisse dramaturgische Lücken: Kai hat nicht nur eine, sondern zwei Voice-Over-Kommentare beigeordnet, den eigenen, der genregerecht von seiner Vergangenheit spricht, dazu eine innere Wunschstimme, sonor von Ralf Richter gesprochen, die den Wildwest-Mythos der Kindheit in sein aktuelles Leben hinüberrettet – im Kopf immer noch beim Cowboy- und Indianer-Spiel, in der Realität gefangen zwischen Schulden und Mirko. Dies nämlich ist der allzu schwache Plot: Kai hat Mirkos Geld aufbewahrt, während dessen letzter Haft, und muss nun bezahlen. Das wirkt etwas aus der Balance: der schwache Mitläufer Kai, der nicht in die Pötte kommt, und seine beiden starken Off-Kommentierungen seines Lebens – aus diesen beiden Ebenen springen keine echten Funken über.
Die atmosphärische Beklemmung, die sich aus dem Mit- und Gegeneinander von Kai und Mirko ergibt, aus der klaren Milieuzeichnung und aus der geschickten Licht- und Bildstrategie (Kamera: Leonhard Keirat), die lässt sich aber nicht stören von diesen kleineren dramaturgischen Schwächen. Nein: Der Film zieht voll durch, bis zum Schluss. (kino-zeit.de)
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