Am 15.5. zeigt das Kinoptikum

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FASSADEN
MonatsDoku – D 2026, 87 Min.
Regie: Alina Cyranek
mit Sandra Hüller
Hochbrisantes Kino-Experiment für die eigene Nase, in Koop mit der Landshuter Interventionsstelle/Frauenhäuser
Trailer zu FASSADEN
Weiterlesen... Alina Cyranek verdichtet für ihren Dokumentarfilm die Geschichten von vier verschiedenen Frauen zur einer einzigen Erzählung von Schauspielerin Sandra Hüller über häusliche Gewalt. Es geht um die Dynamiken in toxischen Beziehungen, die hinter den verschlossenen Türen ausgeübte Gewalt und ein politisches sowie gesellschaftliches System, das die Augen vor dem Leid der Frauen verschließt.
Die Zahlen sprechen eine deutliche, eine erschreckende Sprache: Jede vierte Frau ist in ihrem Leben mindestens einmal von Gewalt in der Partnerschaft betroffen. Eigentlich, so dachte die in Polen geborene und in Leipzig lebende Regisseurin Alina Cyranek, als sie das las, müsste sie doch Betroffene kennen. Tat sie auch – jedoch ohne das bisher zu wissen. Aus den Recherchen, die dieser Erkenntnis und den anschließenden Gesprächen folgten, entstand ihr neuesten Werk: „Fassaden“.
In dem wird schnell deutlich, dass Cyranek nicht nur im Bereich des Dokumentar-, sondern auch in dem des Experimentalfilms zuhause ist. Die erste Sequenz zeigt eine Frau und einen Mann (die Tänzer*innen Gesa Volland und Damian Gmür), die unter einem weißen Bettlaken liegen, zarte, phasenhafte Bewegungen vollführen, sich immer näher kommen. Doch aus der liebevollen Annäherung wird bald etwas Unangenehmes, etwas Übergriffiges, eine Klammer, ein Festhalten. Fließend, fast unmerklich ist aus der Romanze ein Akt der Gewalt geworden.
Diese Passagen – das Leipziger Tanzduo taucht im Verlauf der knapp 90 Minuten wiederholt auf – verleihen Fassaden eine ebenso faszinierende wie bedrohliche, stellenweise verstörende physische Poesie. Es ist ein Spiel mit Ambivalenz und Interpretationsräumen: Ist dieser Griff an dem Arm nun ein Zeichen von Zuneigung und Liebe oder doch ein Ausdruck besitzergreifender Macht? Im Kontrast steht das zu den sehr eindeutigen, sehr bildlichen Texten, die Sandra Hüller eingesprochen hat. Doch gerade diese Kombination aus Abstrakt und Konkret entwickelt eine – im doppelten Sinne – unheimliche Synergie, durch die man als Zuschauer*in geradezu gezwungen ist, seine Sicht auf die Dinge stets zu hinterfragen, sich nicht in naive Aussagen wie „Warum bist du nicht einfach gegangen?“ zu flüchten. Denn die Realität ist deutlich komplexer, als dass ein Einfach-so-Gehen problemlos möglich wäre.
Hüllers Aufnahmen basieren auf den Berichten von vier Frauen, die von Partnerschaftsgewalt betroffen waren, verdichtet zu einer Lebens- und Leidensgeschichte. Gesichtslos bleiben die Protagonistinnen – nicht nur zum Schutz vor Retraumatisierung, sondern auch um der Erzählung etwas Universelles zu verleihen und der publikumsseitigen Zuschreibung von Vorurteilen (etwa in Bezug auf ihr Aussehen) entgegenzuwirken, wie die Regisseurin erläutert. Was sie zu erzählen haben, von enthusiastischen Liebesbekundungen über die zunehmende Überwachung und Isolation durch ihren Partner bis hin zu schlimmsten Gewalteskalationen, offenbart Erschreckendes und stets ähnliche Muster.
In einem wohl dosierten Rhythmus unterbricht Cyranek diese Passagen mit Experti*innen-Interviews: Ein Polizist erzählt von Einsätzen wegen häuslicher Gewalt, eine Psychologin erklärt die Strategien der Täter, eine Sozialarbeiterin die Möglichkeiten und Probleme, die mit einer Unterbringung in einem Frauenhaus verbunden sind, eine Anwältin die Schwierigkeiten der Prozessführung seitens der Opfer. Und sie führen aus, welche strukturellen Probleme noch immer in Deutschland herrschen, wie unterschiedlich auf juristischer Ebene etwa Gewalt- und Sexualverbrechen in Partnerschaften behandelt werden.
Fassaden ist kein einfach zu verdauender Film über ein schwieriges Thema, der inszenatorisch zudem auch nicht den einfachsten, den naheliegendsten Weg wählt. Auf diesem allerdings brilliert. (kino-zeit.de)
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GELBE BRIEFE
D/F/TR 2026, 128 Min.
Regie: İlker Çatak
mit Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas
Vom Wert der Freiheit im Politischen wie im Privaten
Trailer zu GELBE BRIEFE
Weiterlesen... Derya (Özgü Namal) und Aziz (Tansu Biçer) führen mit ihrer 13-jährigen Tochter Ezgi ein gut situiertes Leben. Derya hat sich als Theaterschauspielerin einen Namen gemacht, Aziz ist erfolgreicher Bühnenregisseur und Uni-Dozent. Dann ändert ein Vorfall bei der Premiere ihres neuen Theaterstücks alles. Am nächsten Tag erfährt Aziz, dass alle Dozenten seines Fachbereichs unter fadenscheinigen Gründen suspendiert wurden – auch er darf nicht mehr unterrichten. Unterdessen verliert Derya ihre Anstellung am Staatstheater. Ohne Job und Wohnung begeben sich Derya, Aziz und Ezgi nach Istanbul. Dort kommen sie vorläufig bei der Mutter von Aziz unter. Die finanziell schwierige Lage belastet jedoch zunehmend Deryas und Aziz‘ Ehe. Beim Versuch, ihre Karrieren fortzusetzen, erkennen die beiden, dass sie dafür womöglich ihre eigenen Idealvorstellungen aufgeben müssen.
İlker Çatak erzählt in seinem ersten Film seit dem für den „Auslands-Oscar“ nominierten Kritiker-Liebling „Das Lehrerzimmer“ (2023) von einem Künstlerpaar in der Krise – und einem Land im Ausnahmezustand. Der Clou: Çatak drehte „Gelbe Briefe“, der in diesem Jahr auf der Berlinale den Hauptpreis für den besten Film gewann, in Deutschland. Und so fungiert hier Berlin als türkische Hauptstadt Ankara, während die Szenen im „Istanbuler Exil“ in der Hansestadt Hamburg entstanden.
Dieser Verfremdungseffekt sorgt zunächst durchaus für etwas Konfusion. Gerade wenn Çatak allseits bekannte Berliner und Hamburger Sehenswürdigkeiten zeigt, obwohl der Film in der Türkei spielt – und in türkischer Sprache gedreht wurde. Doch mit zunehmender Laufzeit erweist sich dieser Umstand sogar als Glücksgriff. Dreh- und Handlungsorte verschmelzen zunehmend miteinander und irgendwann fällt die Diskrepanz zwischen den Schauplätzen und den „Ersatz-Drehorten“ nicht mehr auf. Zumal die Themen und Botschaften des Films ohnehin universeller Natur sind. Losgelöst von bestimmten Regionen, Ländern oder Orten auf der Welt.
Dennoch sind die Bezüge zu den Vorfällen, die sich in der Türkei nach dem fehlgeschlagenen Putsch 2016 ereigneten, überdeutlich. Seither wurden in der Türkei, gerade in den ersten Jahren nach dem Putschversuch, bis zu etwa 2000 Akademiker, Wissenschaftler und Künstler mit Berufsverboten belegt und angeklagt. Wie Aziz, dem eine mehrjährige Haftstrafe wegen Präsidentenbeleidigung droht. Einen solchen Vorfall hat es natürlich nie gegeben.
Aber: Derya und Aziz kritisierten in ihren Stücken das autoritäre System Erdogans. Zudem motivierte Aziz einige Studenten zur Teilnahme an Friedensdemos. All das reicht, um ins Visier des Staates zu geraten und von der „Säuberungswelle“ erfasst zu werden. Çatak spielt mit seinem Film aber ebenso auf die Repressionen, Einschränkungen und staatliche Willkür an, die auch in anderen Teilen der Welt Kunst und Wissenschaft betreffen (USA, China, Iran, Thailand u.a.).
Der Regisseur verliert in dieser intelligenten, mitfühlenden Geschichte jedoch nie die Befindlichkeiten seiner Hauptfiguren aus den Augen. Die türkischen Schauspielstars Özgü Namal und Tansu Biçer verleihen diesen vielschichtigen Charakteren eine unvergessliche Präsenz. Derya und Aziz begeben sich auf eine physische wie emotionale Höllenfahrt, die alle Lebensbereiche umfasst. Spätestens in Istanbul/Hamburg zeigt sich: Hier stehen nicht nur Existenzen auf dem Spiel. Hier kämpft ein um seine Lebensgrundlage beraubtes Ehepaar auch um seine Liebe. Es geht um den Zusammenhalt der gesamten Familie, die auseinanderzubrechen droht.
„Gelbe Briefe“ lässt sich am ehesten als stimmiger, ausgeklügelter Mix aus Polit- und Familien-Drama beschreiben, in dem das Politische und das Private auf toxische Weise miteinander kollidieren. Zur Mitte hin kommen sogar noch glaubhaft Thriller-Elemente hinzu, wenn die zunehmend paranoider werdende Derya für kurze Zeit nur noch Verfolgung und Bedrohung um sich herum wahrzunehmen scheint. Doch am Ende siegen ausgerechnet bei ihr die pragmatischen Aspekte über den eigenen Idealismus. (programmkino.de)
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