KinderKino – D 2025, 91 Min. Regie: Christian Ditter
mit Alexa Goodall, Martin Freeman, Laura Haddock, Araloyin Oshunremi
Schritt – Atemzug – Besenstrich in zeitgemäßer Neugestaltung
Weiterlesen...Momo ist ein aufgewecktes Mädchen, das unter einem alten Amphitheater lebt und die besondere Gabe hat, dass die Menschen nicht nur mit ihr reden und ihr gegenüber offen sind, sondern sich auch zueinander so verhalten. Sie findet schnell viele Freunde, aber dann merkt sie, dass die Grey Corporation Übles im Schilde führt. Sie hat ein Armband entwickelt, das den Leuten helfen soll, Zeit zu sparen. Zeit, die später mit Schönem verwendet werden kann. Die Welt ändert sich innerhalb kürzester Zeit, Momos Freund Gino wird zu einem Influencer, alle haben keine Zeit mehr, da sie sie sparen, und ahnen doch nicht, dass sie Zeitdieben auf den Leim gegangen sind, die diese gesparte Zeit niemals zurückgeben, sondern für sich nutzen wollen. Die neue Adaption orientiert sich stärker am Roman und weniger am Film von 1986. Darüber hinaus modernisiert das Skript auch so manches, was aber von tatsächlich zeitloser Schönheit ist, ist das Konzept der Zeitdiebe, die propagieren, dass man Zeit sparen soll, wo man kann. Es ist das Multitasking, das zur Zeitersparnis führt. Ein Vorschlag: Während des Fernsehens mit dem Handy herumspielen. Etwas, das heute wohl viele schon machen. Man kann also sagen: Der Film ist in seiner Aussage topaktuell, ebenso in seiner Botschaft, dass man Zeit nicht aufsparen und nicht immer effektiv nutzen muss, sondern dass man sich am Moment erfreuen sollte. Denn das ist das Einzige, was ein jeder hat. In einer Szene rechnet ein Zeitdieb Ginos Mutter vor, dass ihr Leben aus gut 1,3 Milliarden Sekunden besteht – und alle waren verschwendet. Man muss es dem Märchenhaften der Geschichte anrechnen, dass die Leute diesem Konzept folgen, ohne dass je erklärt wird, wir Zeit gespart wird (etwas, das auch ein Kind in einer Szene in Frage stellt). Als Verfilmung von Endes Roman ist diese neue MOMO schon ganz ordentlich, sie wirkt nur im Vergleich zum Originalfilm so anbiedernd, weil hier auf tolle Sets, starke Farben und wunderschöne Bilder gesetzt wird, während der alte Film eine Welt mit immer stärkeren Abstufungen von Grau erschuf. Weil die Farbe irgendwann im Leben der Menschen weicht, was hier kaum zum Tragen kommt. Nach gut vier Jahrzehnten ist es durchaus legitim, einen Roman neu zu verfilmen. Die Frage ist nur, ob ein Publikum wirklich darauf gewartet hat, zumal das Ganze einfach auch sehr gefällig und visueller Opulenz gestaltet ist. Eigentlich positiv, in einer Welt der gestohlenen Zeit erscheint der Ansatz des ursprünglichen Films aber sinniger. Letzten Endes hängt es wohl davon ab, ob man das Original kennt oder nicht. In letzterem Fall wird man von der Kreativität von Michael Endes Vorlage wohl deutlich mehr mitgerissen. Dann sind die gut 5400 Sekunden, die dieser Film benötigt, auch genussvoll investiert und nicht verschwendet. Wobei: Vielleicht wäre es ja dann doch effektiver, einfach das Original zu schauen… (programmkino.de)Ausblenden
DAS TIEFSTE BLAU bras. OmU
O último azul – BRA/MEX/CHL/NL 2025, 86 Min. Regie: Gabriel Mascaro
mit Denise Weinberg, Rodrigo Santoro, Miriam Socorrás
Eine transformative Reise an den Ufern des Amazonas
Weiterlesen...Als Tereza (Denise Weinberg) von ihrem letzten Arbeitstag in der Schlachterei heimkehrt, findet sie überraschend einen riesigen Plastikkranz an ihrer Eingangstür angebracht. Eine Beamtin drückt ihr dazu noch eine Medaille in die Hand: Mit ihren 77 Jahren gilt Tereza jetzt offiziell als „lebendiges Nationalheiligtum“. Zeit, die Füße hochzulegen und den Ruhestand zu genießen, zumindest wenn es nach der brasilianischen Regierung geht. Aber Tereza ist noch lange nicht fertig mit dem Leben. An dieser Stelle könnte sich der Berlinale-Wettbewerbsfilm des Brasilianers Gabriel Mascaro in alle möglichen Richtungen entwickeln: Sozialdrama, Satire, Feelgood-Komödie über eine rüstige Alte, alles wäre drin. Stattdessen wählt der Regisseur den Weg einer Dystopie. Ohne deren Bedingungen allzu konkret auszubuchstabieren, erzählt er von einer Gesellschaft, in der nicht mehr produktive Personen, also Rentner ab einem Alter von 75 Jahren, in ominöse Seniorenkolonien abgeschoben werden. Verkauft wird das Ganze als Maßnahme gegen die Vereinsamung der Alten, aber man munkelt auch, es sei noch nie jemand von dort zurückgekommen. Und nun hat es eben Tereza getroffen: Ihr bleibt eine Woche bis zum Umzug, die Vormundschaft wird schon mal an die Tochter übertragen, die ab sofort jeden kleinen Einkauf ihrer Mutter absegnen muss, und regelmäßige Ausweis-Checks führen dazu, dass ihr bei jedem Tritt aus der Reihe die Polizei im Nacken sitzt. In seiner Grundprämisse erinnert The Blue Trail entfernt an Xavier Dolans Mommy: auf den ersten Blick ein Coming-of-Age-Drama über ein komplexes Mutter-Sohn-Verhältnis, aber eigentlich die Geschichte eines fiktiven, autoritär regierten Kanadas, das schwer erziehbare Jugendliche in völlig von der Außenwelt abgeschirmte Institutionen einknastet. Beide Filme verstecken ihre dystopischen Elemente im Anschein des Alltäglichen, entwerfen Welten, in denen es leicht fällt, alles Problematische auszublenden, solange man nicht das Pech hat, den targetisierten Minderheiten anzugehören. In The Blue Trail sind diese Dystopie-Marker etwa die Ausweiskontrollen, das engmaschige Überwachungsnetz, das grassierende Misstrauen, die wohlmeinenden Hinweise, Tereza solle in der Öffentlichkeit lieber ihr graues Haar verstecken. Einige Häuserwände zieren Graffiti: „Alte Menschen sind keine Ware“. Viel konkreter wird es nicht, aber der Film ist immerhin in einem Land entstanden, in dem bis vor Kurzem noch ein neoliberaler Rechtsextremer vier Jahre lang Präsident war — man versteht schon, worum es geht. Zugleich ist Brasilien ein Land, das zu einem riesigen Teil vom Amazonas-Regenwald bedeckt ist. Endlos verästelte Wasserwege, undurchdringliche Mangrovenwälder und Dschungel, eine Welt voller unentdeckter Arten, Mythen, Geheimnisse. In dieses großes Unbekannte stürzt sich Tereza jetzt. Wann hätte sie es sonst tun sollen? Erst waren da die finanziellen Probleme, die hier offensichtlich jeder hat, dann ein Kind und zwei Jobs gleichzeitig; keine Zeit und keine Ressourcen, um sich private Bedürfnisse und Wünsche zu erfüllen. Ihre Reise wird zur späten Selbstermächtigung, beginnt als der zaghafte Versuch, vor dem erzwungenen Ruhestand wenigstens noch ein einziges Mal einen Flug zu buchen, und mündet alsbald in eine ausgewachsene Flucht vor den Behörden. Gabriel Mascaro zeigt uns dieses Abenteuer im vielleicht schönsten Bildformat, das das Kino zu bieten hat, 4:3, das den Blick rahmt und ihm gleichzeitig den Raum zum Schweifen gibt. Blätter, die auf der Wasseroberfläche schwimmen, moosig überwucherte Skulpturen in einem verlassenen Vergnügungspark, tanzende Goldfische. In The Blue Trail ist die Natur keine wilde Gefahr, sondern ein herrliches Refugium, ein Freiraum, ein ausgleichendes Gegengewicht zum staatlich verordneten Effizienz- und Optimierungswahn. Dieses Vermögen, eine sehr spezifische und konzentrierte Geschichte zu erzählen und dabei dennoch weit über sich selbst hinauszuweisen, macht The Blue Trail inmitten all des überengagierten Weltverbesserungskinos auf der einen und des therapeutischen Innerlichkeitskinos auf der anderen Seite zu einer der schillerndsten Perlen im bisherigen Berlinale-Wettbewerbsjahrgang. (kino-zeit.de)Ausblenden
HOLLYWOODGATE - Ein Jahr unter den Taliban OmU
MonatsDoku – Hollywoodgate – D/USA 2023, 92 Min. Regie: Ibrahim Nash’at
„Embedded reporting“ von der Wiederkehr der Taliban
Weiterlesen...Als die Taliban im August 2021 in Kabul einrückten und die US-Truppen und ihre Verbündeten nach blutigen Kämpfen Afghanistan übereilt verließen, war das eine herbe Niederlage für die Politik des Westens. Seitdem hat die Extremistenmiliz eine radikalislamische Diktatur in dem langjährigen Bürgerkriegsland errichtet, aus dem wegen einer strikten Zensur nur wenig nach außen dringt. Umso erhellender sind die Blicke hinter die Kulissen des Regimes, die der Dokumentarfilm des gebürtigen Ägypters Ibrahim Nash’at bietet, der ein Jahr lang zwei Militärs in Kabul begleiten durfte. Der in Berlin lebende Regisseur und Journalist legt schon in der Exposition die Rahmenbedingungen des außergewöhnlichen Projekts offen. Beim Anflug auf Kabul berichtet er in der Ich-Form, dass er dank seiner zehnjährigen Erfahrung als Journalist und Interviewer von Staatsmännern sowie dank guter Kontakte eine Abmachung mit den Taliban treffen konnte. „Ich durfte nur sie filmen und wurde ständig überwacht, bekam aber Zugang zu einem hochrangigen Offizier und einem Bodensoldaten am Luftwaffenstützpunkt in Kabul und dokumentierte den Übergang der Taliban von einer aufständischen Miliz zu einem Militärregime.“ Nash’at zeigt im Film, was er im Rahmen des „embedded reporting“ gesehen hat. Im Zentrum der Beobachtungen steht eine verlassene US-Luftwaffenbasis in Kabul. Hinter den Toren von Hollywoodgate hat das amerikanische Militär jede Menge Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Waffen zurückgelassen, von denen offenbar einige zerstört oder sabotiert wurden. Später erfährt man im Film, dass das US-Verteidigungsministerium den Wert der verbliebenen Militärausrüstung mit 7,1 Milliarden Dollar beziffert. Konkret bedeutet der Deal mit den Taliban, dass der Regisseur mit seiner Kamera und einem afghanischen Übersetzer den neuen Luftwaffenkommandeur Mawlawi Mansour und den Leutnant M. Javid Mukhtar begleiten darf. So ist er dabei, wie die Offiziere mit ihren bewaffneten Leibwachen die Depots, Hangars, Lagerhäuser und sogar ein Fitness-Center inspizieren. Er bekommt auch mit, wie Mansour Soldaten, Mechaniker und Ingenieure beauftragt, die Fluggeräte möglichst wieder in Stand zu setzen. Und er begleitet Mukhtar bei Patrouillenfahren, Schießübungen und einem Kurs für „Black Hawk“-Hubschrauberpiloten. Die Offiziere nutzen die Anwesenheit der Kamera für propagandistische Reden vor den Soldaten und schwere Vorwürfe gegen die Politik des Westens. Sie scheuen sich auch nicht, die systematische Unterdrückung der Frauen offenzulegen. So prahlt Mansour in einer Runde von Untergebenen, dass er seine Frau, eine Ärztin, gezwungen habe, ihre Arbeit einzustellen, bevor er sie geheiratet hat. Der Kommandeur gibt auch preis, dass er auf einen Militäreinsatz gegen das Nachbarland Tadschikistan hoffe, und betont: „Erobern ist meine Pflicht.“ Das Problem an der Sache: Tadschikistan ist mit Russland verbündet. Am Ende des Films wird sichtbar, dass viele Reparaturbemühungen erfolgreich waren. Das Regime lädt zu einer großen Militärparade auf dem Flugplatz Bagram. Vor den Augen des Premierministers und von Botschaftspersonal aus Russland, Pakistan und Iran lässt es Soldatenformationen mit Panzerfäusten, Kampfpanzern, gepanzerte Fahrzeugen, Raketenwerfern, ein Bataillon mit Selbstmordbombern auf Motorrädern defilieren sowie große und kleine Hubschrauber im Tiefflug vorbeidonnern. Die ausländischen Gäste scheinen beeindruckt und filmen mit ihren Handys fleißig. Mansour ist zufrieden. Trotz der strengen Auflagen gelingt es Nash’at hin und wieder, etwas Verräterisches zu beobachten oder aufzuschnappen, was nicht für ihn bestimmt war. So sagt ein Taliban einmal leise über ihn: „Der kleine Teufel filmt.“ Und dass die Dreharbeiten durchaus gefährlich sind, verdeutlicht eine beiläufige Bemerkung Mansours: „Wenn seine Absichten schlecht sind, stirbt er bald.“ Mansour nutzt hin und wieder die Gelegenheit, sich in ein positives Licht zu rücken, etwa wenn er anordnet, auf der Basis Bäume zu pflanzen, verbirgt aber auch seine geringen Fähigkeiten zum Rechnen nicht. Und wagt sogar einmal eine Prise Selbstironie, wenn er bei der Inspektion des intakten US-Fitness-Studios befiehlt, ein Laufband in sein Haus zu bringen: „Ich brauche etwas, um meinen Bauch zu verkleinern.“ Für den Soundtrack des Films, der etliche internationale Auszeichnungen gewann, darunter den Golden Eye Award 2023 beim Filmfestival in Zürich, zeichnet der deutsche Oscar-Preisträger Volker Bertelmann (Im Westen nichts Neues) verantwortlich. Er unterlegt etliche Erkundungszüge der Kamera mit einem oft ins Dissonante tendierenden Soundtrack und verstärkt so die Atmosphäre einer latenten Bedrohung. Noch dramatischer klingt die Musik, wenn ein Spezialkommando zu einem Militäreinsatz gegen „Widerstandskämpfer“ ausrückt, die die Herrschaft der Taliban angeblich untergraben wollen. Die Schattenseite der Restriktionen: die Kamera begleitet viele Autofahrten, deren Zweck unklar bleibt, so dass sich der Eindruck von Leerlauf einstellt. Auch vom Alltag der Afghanen und den Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung bekommt man abgesehen von einigen Impressionen von Märkten nicht viel mit. Das war der Preis für die Dreherlaubnis. Auch der Regisseur bedauert diese Leerstellen, wenn er bei der Abreise aus dem Off sagt: „Man hielt mich fern vom täglichen Leiden der Afghanen. Doch ich spüre es, wohin ich auch gehe.“ (kino-zeit.de)Ausblenden