MonatsDoku – Hollywoodgate – D/USA 2023, 92 Min. Regie: Ibrahim Nash’at
„Embedded reporting“ von der Wiederkehr der Taliban
Weiterlesen...Als die Taliban im August 2021 in Kabul einrückten und die US-Truppen und ihre Verbündeten nach blutigen Kämpfen Afghanistan übereilt verließen, war das eine herbe Niederlage für die Politik des Westens. Seitdem hat die Extremistenmiliz eine radikalislamische Diktatur in dem langjährigen Bürgerkriegsland errichtet, aus dem wegen einer strikten Zensur nur wenig nach außen dringt. Umso erhellender sind die Blicke hinter die Kulissen des Regimes, die der Dokumentarfilm des gebürtigen Ägypters Ibrahim Nash’at bietet, der ein Jahr lang zwei Militärs in Kabul begleiten durfte. Der in Berlin lebende Regisseur und Journalist legt schon in der Exposition die Rahmenbedingungen des außergewöhnlichen Projekts offen. Beim Anflug auf Kabul berichtet er in der Ich-Form, dass er dank seiner zehnjährigen Erfahrung als Journalist und Interviewer von Staatsmännern sowie dank guter Kontakte eine Abmachung mit den Taliban treffen konnte. „Ich durfte nur sie filmen und wurde ständig überwacht, bekam aber Zugang zu einem hochrangigen Offizier und einem Bodensoldaten am Luftwaffenstützpunkt in Kabul und dokumentierte den Übergang der Taliban von einer aufständischen Miliz zu einem Militärregime.“ Nash’at zeigt im Film, was er im Rahmen des „embedded reporting“ gesehen hat. Im Zentrum der Beobachtungen steht eine verlassene US-Luftwaffenbasis in Kabul. Hinter den Toren von Hollywoodgate hat das amerikanische Militär jede Menge Kampfflugzeuge, Hubschrauber und Waffen zurückgelassen, von denen offenbar einige zerstört oder sabotiert wurden. Später erfährt man im Film, dass das US-Verteidigungsministerium den Wert der verbliebenen Militärausrüstung mit 7,1 Milliarden Dollar beziffert. Konkret bedeutet der Deal mit den Taliban, dass der Regisseur mit seiner Kamera und einem afghanischen Übersetzer den neuen Luftwaffenkommandeur Mawlawi Mansour und den Leutnant M. Javid Mukhtar begleiten darf. So ist er dabei, wie die Offiziere mit ihren bewaffneten Leibwachen die Depots, Hangars, Lagerhäuser und sogar ein Fitness-Center inspizieren. Er bekommt auch mit, wie Mansour Soldaten, Mechaniker und Ingenieure beauftragt, die Fluggeräte möglichst wieder in Stand zu setzen. Und er begleitet Mukhtar bei Patrouillenfahren, Schießübungen und einem Kurs für „Black Hawk“-Hubschrauberpiloten. Die Offiziere nutzen die Anwesenheit der Kamera für propagandistische Reden vor den Soldaten und schwere Vorwürfe gegen die Politik des Westens. Sie scheuen sich auch nicht, die systematische Unterdrückung der Frauen offenzulegen. So prahlt Mansour in einer Runde von Untergebenen, dass er seine Frau, eine Ärztin, gezwungen habe, ihre Arbeit einzustellen, bevor er sie geheiratet hat. Der Kommandeur gibt auch preis, dass er auf einen Militäreinsatz gegen das Nachbarland Tadschikistan hoffe, und betont: „Erobern ist meine Pflicht.“ Das Problem an der Sache: Tadschikistan ist mit Russland verbündet. Am Ende des Films wird sichtbar, dass viele Reparaturbemühungen erfolgreich waren. Das Regime lädt zu einer großen Militärparade auf dem Flugplatz Bagram. Vor den Augen des Premierministers und von Botschaftspersonal aus Russland, Pakistan und Iran lässt es Soldatenformationen mit Panzerfäusten, Kampfpanzern, gepanzerte Fahrzeugen, Raketenwerfern, ein Bataillon mit Selbstmordbombern auf Motorrädern defilieren sowie große und kleine Hubschrauber im Tiefflug vorbeidonnern. Die ausländischen Gäste scheinen beeindruckt und filmen mit ihren Handys fleißig. Mansour ist zufrieden. Trotz der strengen Auflagen gelingt es Nash’at hin und wieder, etwas Verräterisches zu beobachten oder aufzuschnappen, was nicht für ihn bestimmt war. So sagt ein Taliban einmal leise über ihn: „Der kleine Teufel filmt.“ Und dass die Dreharbeiten durchaus gefährlich sind, verdeutlicht eine beiläufige Bemerkung Mansours: „Wenn seine Absichten schlecht sind, stirbt er bald.“ Mansour nutzt hin und wieder die Gelegenheit, sich in ein positives Licht zu rücken, etwa wenn er anordnet, auf der Basis Bäume zu pflanzen, verbirgt aber auch seine geringen Fähigkeiten zum Rechnen nicht. Und wagt sogar einmal eine Prise Selbstironie, wenn er bei der Inspektion des intakten US-Fitness-Studios befiehlt, ein Laufband in sein Haus zu bringen: „Ich brauche etwas, um meinen Bauch zu verkleinern.“ Für den Soundtrack des Films, der etliche internationale Auszeichnungen gewann, darunter den Golden Eye Award 2023 beim Filmfestival in Zürich, zeichnet der deutsche Oscar-Preisträger Volker Bertelmann (Im Westen nichts Neues) verantwortlich. Er unterlegt etliche Erkundungszüge der Kamera mit einem oft ins Dissonante tendierenden Soundtrack und verstärkt so die Atmosphäre einer latenten Bedrohung. Noch dramatischer klingt die Musik, wenn ein Spezialkommando zu einem Militäreinsatz gegen „Widerstandskämpfer“ ausrückt, die die Herrschaft der Taliban angeblich untergraben wollen. Die Schattenseite der Restriktionen: die Kamera begleitet viele Autofahrten, deren Zweck unklar bleibt, so dass sich der Eindruck von Leerlauf einstellt. Auch vom Alltag der Afghanen und den Lebensbedingungen der Zivilbevölkerung bekommt man abgesehen von einigen Impressionen von Märkten nicht viel mit. Das war der Preis für die Dreherlaubnis. Auch der Regisseur bedauert diese Leerstellen, wenn er bei der Abreise aus dem Off sagt: „Man hielt mich fern vom täglichen Leiden der Afghanen. Doch ich spüre es, wohin ich auch gehe.“ (kino-zeit.de)Ausblenden
YES OmU
Kino Nahost – Ken – D/F/ISR/CY 2025, 149 Min. Regie: Nadav Lapid
mit Ariel Bronz, Efrat Dor, Alexey Serebryakov
Überwältigungskino aus der innersten Seele Israels
Weiterlesen...Es dauert bis in den dritten Akt. Dann erst entspinnt sich der erste längere, ernsthafte Dialog mit wirklicher Fallhöhe zwischen dem Paar im Zentrum von „Yes“ – zwischen Y. (Ariel Bronz) und Yasmin (Efrat Dor). Doch da scheint längst alles zu spät – zu spät für Worte, für eine gemeinsame Zukunft, für Erlösung und Seelenfrieden. Frei nach Adam Curtis: Wie sind wir nur an diesen Punkt gekommen? Wo sind wir falsch abgebogen? Wann ist uns all das entglitten, das uns verbindet, eint, zusammenhält und ausmacht? Nadav Lapid scheint sich selbst nicht sicher zu sein, ob dieser Moment für Israel der 7. Oktober 2023 war, mit seinen blutigen Folgen, oder ob die Entwicklung zu diesem Zeitpunkt längst vollzogen war. Genau diese Unsicherheit steckt auch tief in den Knochen von Y. und Yasmin. Er ist Musiker, sie Tänzerin. Sie schaffen es kaum, sich und den gemeinsamen einjährigen Sohn Noah über die Runden zu bringen. So ziehen sie von Party zu Party der Reichen, Schönen und Mächtigen, schlagen sich Nächte und Drogen um die Ohren – immer in der Hoffnung, die Nacht im Bett irgendeines fleischgewordenen Bündels Fuck-You-Money zu beschließen und dabei selbst ein paar Scheine abzuzwacken. Den 7. Oktober und seine Folgen wollen sie vergessen, können es aber nicht. Ständig gibt das Smartphone mit der sonstwievielten Eilmeldung von den nächsten Hunderten von Toten im Gazastreifen Laut. Der Horror, das Grauen, das Leid der Palästinenser*innen und auch das eigene Trauma nehmen einfach kein Ende, drängen immer wieder in die Welt von Y. und Yasmin, bahnen sich einen Weg durch den desorientierenden Rausch aus Bildern, Musik und drogengeschwängerter Ekstase. Nadav Lapid inszeniert zunächst ein regelrechtes Überwältigungskino, das alle Sinne angreift – mit wildem Schnitt, radikalem Soundtrack samt großer Vorliebe für völlig enthemmten Eurodance und zuckenden Lichtern. Er lässt seinen Figuren und uns als Publikum erst mal keine Zeit und keinen Raum zum Denken – und eben auch nicht zum Fühlen. Yes ist somit auch ein Kino des Verdrängens. Damit beschreibt Lapid eine Realitätsflucht, die sich eben aus dieser Verdrängung speist, aber auch aus der absoluten Unfähigkeit, auf das zu reagieren, was am 7. Oktober seinen Lauf nahm – persönlich, gesellschaftlich und politisch. Schnell beginnt Lapid damit, Zeit, Raum und Ort seines Films zu zersetzen. Szenen häufen sich, die nicht mehr mit unserem Verständnis dieser Begriffe übereinstimmen. Anfangs kaum auffallend, entwickelt sich daraus ein Spiel mit der Irritation – bis alles auseinanderbricht und die Welt von Y. und Yasmin ein Scherbenhaufen ist. Das erinnert tatsächlich an Alain Resnais, der 1961 in Letztes Jahr in Marienbad mit ähnlichen Methoden darum rang, eine – bei ihm nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs – in Scherben liegende Welt wieder zusammenzufügen. Auch bei Lapid geht es nicht unbedingt immer vordringlich darum, was wir sehen. Denn wer sich hier einzelne Motive herausgreift, um sie in Bezug zum Weltgeschehen zu setzen und darin nach scharfsinnigen politischen Analysen zu suchen, der wird sich sehr schnell in Banalitäten versteigen. Es geht vielmehr darum, wie Nadav Lapid diese überspitzten Motive anordnet, orchestriert und aus ihnen eine vielschichtige Gesamtkomposition schafft. Dadurch bietet Yes eine Abstraktionsebene an, auf der wir nicht nur Israel und den 7. Oktober betrachten können. Denn die politische und gesellschaftliche Polarisierung und Spaltung, die nach diesem Tag noch zugenommen hat, ist natürlich kein Israel-exklusives Phänomen. Die Welt ist im Umbruch – ob man es nun Vibe Shift, Rechtsruck oder Faschisierung nennen möchte. Liberale Demokratien scheinen längst nicht so stabil und wehrhaft zu sein, wie wir wahrscheinlich lange Zeit ein bisschen zu blind annahmen. Diesen Entwicklungen samt den zugrunde liegenden Mechanismen spürt der Wahl-Pariser Nadav Lapid in seinem Film zwar in seinem Geburtsland Israel nach, verpasst ihnen aber eine universelle Qualität. Yes ist also nicht nur ein Film über sein Land, sondern auch über dein Land, mein Land und den Rest der Welt. Aber was machen wir nun damit? Wie geht es von hier aus weiter? Darauf antwortet Lapid gleichzeitig mit allem und nichts: Weiter kann es nur mit Liebe und gemeinsam gehen. (kino-zeit.de)Ausblenden