Heute zeigt das Kinoptikum

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Fr. 18:00
DREI WINTER
Luäg amol! – CH/D 2022, 136 Min.
Regie: Michael Koch
mit Michèle Brand, Simon Wisler, Josef Aschwanden
Gewaltiges Alpendrama vor epischer Kulisse zum Auftakt unseres kleinen Ausflugs ins Filmland Schweiz.
Trailer zu DREI WINTER
Weiterlesen... In einem Schweizer Alpendorf verändert sich nur selten etwas – da ist es schon was Neues, wenn jemand hinzieht. Jemand wie Marco, der dem Bergbauern Alois unter die Arme greift und auch beim Stammtisch Bekanntschaft mit den anderen schließt. Anna lernt Marco im Gasthaus kennen. Beide verlieben sich ineinander, und sie ist sicher, dass er auch für ihre Tochter aus einer früheren Beziehung ein guter Vater sein wird. Nicht jeder im Dorf ist so zuversichtlich, dass diese Beziehung klappt, doch Marco und Anna haben keine Zweifel. Ihre Liebe ist behutsam und schön. Doch dann beginnt Marco, nach und nach die Kontrolle über seine Impulse zu verlieren …
Der Film lebt von seinem dokumentarischen Ansatz. Michael Koch hält oft die Kamera unbewegt auf die Szenerie und lässt sie sich entwickeln. Er zeigt die Menschen bei ihrem Tagwerk, bei ihrem Leben. Das alles geschieht immer erstaunlich still und zurückhaltend, als wäre er der gänzlich unbeteiligte Beobachter fremder Leben. Dabei hat er sie ersonnen, aber Kochs Ziel war es, einen ehrlichen, authentischen Film zu machen. Das gilt für die Menschen dieses Dorfs, aber auch für die Berge selbst.
Er verzichtet gänzlich auf das übliche Idyll, das man mit der Schweizer Berglandschaft verbindet. Vielmehr reicht sein Blick auch auf die harten Umstände eines Lebens in den Bergen. Er zeigt die Schroffheit der Berge, die Gefahren, die von ihnen ausgehen, und die Menschen, die genau wissen, wie sie sich im Angesicht einer unwirtlichen Landschaft verhalten müssen. Zugleich fühlen sich diese Menschen klein. Ihre Lebensbedingungen sind eingerahmt von den ewigen Bergen, die lange vor ihnen da waren und noch lange nach ihnen da sein werden.
Eine Herausforderung für den Film war, die richtigen Schauspieler zu finden. Koch wollte Ehrlichkeit. Echte Authentizität. Darum suchte er lange nach den richtigen Laien, denn eines war ihm auch klar. Er wollte keine richtigen Schauspieler. Michéle Brand hat Architektur studiert, in Architekturbüros gearbeitet, aber auch als Servicekraft ihr Geld verdient. Sie meldete sich auf eine Anzeige und Koch machte viele Testaufnahmen mit ihr, da sie den Film tragen musste. Simon Wisler ist ein Bergbauer, der sich ein Jahr Bedenkzeit nahm, bevor er zustimmte, in „Drei Winter“ mitzuspielen.
Es ist die Echtheit dieser Performances, die den Film so eindringlich werden lässt, ebenso wie die Geschichte, für die Koch auch vom Tod seiner Cousine an einem Tumor beeinflusst wurde. Ihn faszinierte, wie sich die Persönlichkeit eines Menschen ändern kann, und so begann er, diese Geschichte zu entwickeln. „Drei Winter“ ist dabei kein einfacher Film. Einer, der zum Ausharren einlädt, zum Verweilen, der erstaunlich still daherkommt, aber dadurch umso lauter wirkt. Sehenswertes Kino, das Vergessen macht, dass man nicht echten Menschen zusieht.
(programmkino.de)
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Fr. 20:30
CRIMES OF THE FUTURE  DF
Cinema Obscure – CDN/GB/GR 2022, 107 Min.
Regie: David Cronenberg
mit Viggo Mortensen, Lihi Kornowski, Léa Seydoux, Kristen Stewart
Beunruhigende Body-Horror Ballade von Altmeister Cronenberg - eine einschneidende Filmerfahrung mit hochkarätiger Starbesetzung
Trailer zu CRIMES OF THE FUTURE
Weiterlesen... Die Zukunft: Es gibt kaum noch Menschen, die Schmerz empfinden. Immer mehr von ihnen entwickeln neue Organe, deren Fähigkeiten unklar sind. So auch Saul Tenser (Viggo Mortensen), ein Performance-Künstler, der mit seiner Partnerin Caprice (Léa Seydoux) das Entfernen dieser Organe zur avantgardistischen Show gemacht hat. Damit erregt er die Aufmerksamkeit der Organ-Registrierungsbehörde und eine mysteriöse Untergrundorganisation beginnt auch, sich für ihn zu interessieren. Saul wird schließlich das Angebot für die Schockierendste aller Vorstellungen unterbreitet. Geht er darauf ein?
Dies ist das erste Drehbuch, das Cronenberg seit seinem Science-Fiction-Film „eXistenZ“ geschrieben hat. Es kehrt zu den Wurzeln seines Schaffens zurück, rückt den Körper als transformatives Mittel des Schreckens in den Mittelpunkt. Kurz: Dies ist Bodyhorror, wie ihn im Grunde nur David Cronenberg ersinnen kann. Während er noch das Motto „Körper ist Realität“ ausruft und mit „Chirurgie ist der neue Sex“ eine sexuelle Komponente einbaut, die mit dem Fetisch-Gedanken von „Crash“ korreliert, entwickelt er eine Geschichte, die anmutet wie die Kulmination seines Werks.
Denn Cronenbergs Schaffen kann man in zwei Phasen unterteilen. Der Bodyhorror der Jahre 1975 bis 1986 und die intimen Dramen der Jahre 1987 bis 2014. „Crimes of the Future“ vermengt beides nun auf eine Art, deren konzeptionelle Schönheit man bewundern muss. Aber die inhaltliche Schwere mach es dem Zuschauer nicht leicht. Cronenberg hat keinen Unterhaltungsfilm erschaffen – in keiner Definition des Wortes. Er befasst sich mit eigenen Obsessionen, mit abseitigen Ideen, mit der Frage danach, wie die menschliche Evolution voranschreiten kann. Und das macht er auf eine visuell ansprechende, inhaltlich jedoch langatmige Art. Es ist nicht leicht, bei „Crimes of the Future“ bei der Stange zu bleiben.
Effektiv sind es die Ideen, die das Interesse des Zuschauers halten, ebenso die filigranen Darstellungen aller Beteiligten, aber auch die Bilder, die man so noch nie gesehen hat (der „Stuhl“, auf dem Viggo Mortensens Figur isst). Das alles wird zu einer durchaus faszinierenden, aber nicht leicht goutierbaren Melange, die vor allem Fragen zurücklässt. Der Film ist auch so etwas wie ein Diskurs über Körper-Optimierung und -Verschönerung, aber auch über die Krankheiten, die ihn dahinraffen. In der Welt von „Crimes of the Future“ sind alle krank, und nur jemandem wie Saul Tenser ist es gelungen, die Rebellion seines eigenen Körpers zu kontrollieren, indem er ihn zu einem Werkzeug seiner Kunst macht. Vielleicht, nur vielleicht, funktioniert Cronenbergs Verstand ähnlich. Möglicherweise kann er die Bilder in seinem Kopf nur kontrollieren, indem er ihnen Form gibt. Und wie Saul Tenser lässt er den Zuschauer daran teilhaben.
(programmkino.de)
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