Am 27.1. zeigt das Kinoptikum

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Fr. 18:00
DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE  frz. OmU
P-SeminarLes héritiers – F 2014, 105 Min.
Regie: Marie-Castille Mention-Schaar
mit Ariane Ascaride, Ahmed Dramé, Noémie Merlant
Die herzergreifende und inspirierende Erfolgsgeschichte pädagogischer Bemühungen in einer Pariser Schule. In Kooperation mit dem HCG.
Trailer zu DIE SCHÜLER DER MADAME ANNE
Weiterlesen... In der 11. Klasse des Léon-Blum-Gymnasiums stehen Ohrfeigen, Frotzeleien und Zwischenrufe an der Tagesordnung. Den meisten Schülern ist sowieso alles egal, denn als Kinder des sozialen Brennpunkts Créteil am Stadtrand von Paris verfügen sie nicht gerade über rosige Zukunftsaussichten. Die meisten der Pennäler um den muslimischen Malik (Ahmed Dramé), den schüchternen Théo (Adrien Hurdubae) und die streitsüchtige Mélanie (Noémie Merlant) können sich ohnehin nur noch vage Chancen auf das Abiturzeugnis ausrechnen. Die neue Klassenlehrerin Anne Gueguen (Ariane Ascaride) dringt im Gegensatz zum Kollegium zu den Jungen und Mädchen durch. Den Einwänden des Schulleiters zum Trotz meldet sie die Problemklasse bei einem nationalen Schulwettbewerb an. Eine freiwillige Projektarbeit soll an das Schicksal von jüdischen Kindern und Jugendlichen in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten erinnern.
 
Nach „Meine erste Liebe“ (2012) und „Willkommen in der Bretagne“ (2013) ist „Die Schüler der Madame Anne“ der dritte und bislang reifste Spielfilm von Marie-Castille Mention-Schaar. Das kompakte Drehbuch verfasste die französische Regisseurin mit dem doppelten Doppelnamen gemeinsam mit Ahmed Dramé, der die wahre Geschichte als einer der Schüler am eigenen Leib miterlebte und das Filmprojekt überhaupt erst anleierte. Der filmische Wiedergänger von Dramé ist der besonnene Malik, der bezeichnenderweise ein starkes Interesse für das Kino hegt. 
 
Der schlichtere Originaltitel „Les héritiers“ (zu deutsch: die Erben) verweist bereits auf das Thema der historischen Erinnerungskultur. Zunächst können die Schüler nicht allzu viel mit der Vergangenheit anfangen. Doch Klassiker der Holocaust-Aufarbeitung wie etwa „Das Tagebuch der Anne Frank“, der Besuch einer Gedenkstätte oder eine simple Bildersuche im Internet bringen den Jugendlichen die Thematik immer näher. Den Höhepunkt der Recherchen markiert der Besuch eines zum Zeitpunkt seiner Deportation 15-jährigen Zeitzeugen, der die Schüler mit seiner eindrücklichen Schilderung sichtlich bewegt. So finden die Jugendlichen peu à peu eine eigene Perspektive auf das historische Grauen, lernen quasi nebenbei, als Gruppe zusammen zu arbeiten, und schöpfen ein gehöriges Maß Selbstvertrauen.
 
Die ruhig geführte, aber agile Handkamera vermittelt die soziale Dynamik im Klassenzimmer in dokumentarisch wirkenden Bildern, wobei die absolut glaubwürdigen Darstellungen aller Beteiligten den Einblick in die Lebenswelt  akzentuieren. Durch dieses Erzählen auf Augenhöhe umschifft Mention-Schaar den durchaus nahe liegenden didaktischen Zeigefinger. Betroffenheitskitsch bleibt selbst dann aus, wenn die sparsam eingesetzte Klaviermusik einige rührende Plot Points oder das etwas zu pathetische Finale begleitet.
 
Seine mitreißende Wirkung verdankt das Milieudrama auch dem flotten Erzählrhythmus, der wie aus einem Guss wirkt und sich nirgendwo länger aufhält als nötig. Wunderbar pointierte Szenen umreißen nicht nur die jeweilige Stimmungslage im Klassenzimmer, sondern auch die familiären Hintergründe einiger Schüler. So begreift man zum Beispiel binnen einer Szene, dass Mélanies Mutter an der Flasche hängt und der alltägliche Rassismus im Hausflur oder öffentlichen Busverkehr für den dunkelhäutigen Malik nichts Besonderes darstellt.
 
Die unterschiedlichen religiösen Ansichten der Schüler und die damit verbundenen Ressentiments schwingen in etlichen Szenen mit. Eine thematisch zentrale Nebenhandlung dreht sich um den störrischen Olivier (Mohamed Seddiki), der zum Islam konvertiert und sich fortan mit einem fanatischen Unterton und einer dezent antisemitischen Gesinnung Brahim nennt. Über kurz oder lang verlässt er den Projektkurs, was wohl auch der wachsenden Empathie seiner Klassenkameraden für das Schicksal der jüdischen Holocaust-Opfer geschuldet ist. Am Ende verabschiedet sich Brahim indes mit einer freundschaftlichen Geste aus dem Film – und auch hier genügt der Regisseurin ein beiläufiger Kameraschwenk aus einem fahrenden Bus heraus.
(programmkino.de)
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Fr. 20:30
VESPER CHRONICLES
Cinema Obscure – B/F/LIT 2021, 114 Min.
Regie: Kristina Buožyte, Bruno Samper
mit Raffiella Chapman, Rosy McEwan, Eddie Marsan
In einer nicht allzu fernen Zukunft: Eine visuell atemberaubende und zutiefst humanistische Low-Budget-Perle - und somit unser Geheimtipp!
Trailer zu VESPER CHRONICLES
Weiterlesen... Die Gefahr einer ökologischen Katastrophe, über die heute viel diskutiert wird, die aber noch immer nicht bei allen angekommen ist, hat sich in „Vesper Chronicles“ auf schreckliche Weise konkretisiert. Um den worst case abzuwenden, experimentierte die Menschheit in großem Stil mit Gentechnologie, beschleunigte dadurch aber erst recht die Verwüstung des Planeten. Im Labor erschaffene Viren und Organismen gelangten nach draußen, verseuchten die Böden und vernichteten essbare Pflanzen, Tiere und weite Teile der Bevölkerung. Die Apokalypse brachte schließlich ein Zweiklassensystem hervor mit einer kleinen Gruppe Privilegierter, die abgeschottet und unbeschwert in hoch aufragenden Städten, den sogenannten Zitadellen, residieren, während am Boden die Besitzlosen tagtäglich dem Tod ins Auge sehen. Um nicht zu verhungern, sind sie auf den Handel mit der Oligarchie angewiesen, erhalten im Tausch für Blutkonserven Saatgut, das jedoch so manipuliert ist, dass es nur eine einzige Ernte abwirft.
Mit diesen niederschmetternden Informationen eröffnet der Film, der sich schon nach wenigen Momenten als ein erfrischend haptisches, plastisches Erlebnis erweist. Auch Buozyte und Samper greifen auf Hilfsmittel aus dem Computer zurück, setzen diese aber sparsam und sinnvoll ein. Mit seinen matschig-braunen Landschaftsbildern und seinen herrlich organischen Ausstattungsdetails zieht „Vesper Chronicles“ den Betrachter rasch in den Bann, lässt ihn die unwirtliche Ödnis regelrecht erfühlen. Was hier vom Regiegespann und seinen Mitstreitern zustande gebracht wird, ist aller Ehren wert, macht atmosphärisch erstaunlich viel her. Die Perspektiv- und die Trostlosigkeit, die aus der anfänglichen Texttafel sprechen, sind mit Händen zu greifen und werden verstärkt durch eine schmerzhaft-klagende Musikuntermalung.
Inmitten des Verfalls haust auch die junge Vesper (Raffiella Chapman) und bildet ein interessantes Gegengewicht zur vorherrschenden Tristesse. Obwohl sie das Erwachsenenalter noch lange nicht erreicht hat, kümmert sie sich aufopferungsvoll um ihren gelähmten, ans Bett gefesselten Vater Darius (Richard Brake) und nutzt ihre autodidaktisch erworbenen wissenschaftlichen Fähigkeiten, um in einem behelfsmäßigen Labor Forschung zu betreiben, mit der sie das Saatmonopol der Zitadellen durchbrechen kann. Vesper ist ehrgeizig, erfindungsreich und pflegt ein inniges Verhältnis zu Darius, der sie dank einer mit seinem Gehirn vernetzten Drohne auf ihren Streifzügen durch die Wildnis begleitet. Das Band zwischen Tochter und Vater ist der emotionale Kern der Geschichte, die, wenig überraschend, auch von einer langsamen Loslösung erzählt. Wenn es eine Zukunft gibt, dann steht dafür das gegen die Kontrolle und die Ausbeutung aufbegehrende Mädchen.
Ein Chance, endlich voranzukommen, tut sich auf, als Vesper eines Tages die im Wald bruchgelandete und verletzte Zitadellenbewohnerin Camellia (Rosy McEwan) aufliest und mit nach Hause nimmt. Während die beiden mehr und mehr Vertrauen zueinander aufbauen, droht allerdings Gefahr von Vespers Onkel Jonas (Eddie Marsan), der vom Absturz Wind bekommen hat und Camellia unbedingt in die Finger kriegen will.
Besser gründlich als schnell und effekthascherisch – diesem längst nicht von allen Filmemachern beherzigten Credo verschreiben sich Kristina Buozyte und Bruno Samper, die zusammen mit Brian Clark auch das Drehbuch schrieben, konsequent. „Vesper Chronicles“ hastet nicht von plot point zu plot point, nimmt sich vielmehr reichlich Zeit, die Beziehungen der Figuren zu erforschen, Szenen und Besonderheiten des dystopischen Settings wirken zu lassen. Gerade weil nicht an jeder Ecke die nächste Wendung lauert, entwickelt die kreierte Story-Welt, in der es etwa tödliche Pflanzen und Jugs genannte Sklaven der Elite gibt, eine beachtliche Anziehungskraft. Wer wissen will, wie überzeugendes Worldbuilding funktioniert, erhält hier ausgiebigen Anschauungsunterricht.
Auch wenn der Film sicherlich kein Feuerwerk an Spannungsmomenten abbrennt, gibt es eine Reihe wahrlich unangenehmer Gänsehautbegegnungen. Involviert ist stets der von Eddie Marsan furchteinflößend skrupellos und selbstsüchtig verkörperte Jonas. Ein Mann, der sich auf einem Hof sein eigenes Reich errichtet hat, Kinder um sich schart, deren Blut er an die Oberschicht verkauft, und nicht davor zurückschreckt, zu töten, um sein Überleben zu sichern und seine begrenzte Form der Macht zu wahren. Allein mit Blicken erschafft Charakterkopf Marsan einen Tyrannen, den man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
Zu den Stärken dieser visuell bestechenden Mischung aus Science-Fiction-Streifen und Coming-of-Age-Drama gehören auch die einprägsamen Schlussbilder, die aller Düsternis zum Trotz ein wenig Hoffnung spenden und sich dem üblichen Genrebombast verweigern. Am Ende steht eine kleine Geste, die jedoch eine große Wirkung haben könnte.
(programmkino.de)
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