Am 27.11. zeigt das Kinoptikum

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So. 11:00
DER GANZ GROSSE COUP
Il colpo del cane – IT 2019, 93 Min.
Regie: Fulvio Risuleo
mit Edoardo Pesce, Silvia D’Amico, Daphne Scoccia
Turbulente „Commedia-all’italiana“ aus den Vorhöfen der ewigen Stadt. Eine kleine, rohe Kinoperle!
Trailer zu DER GANZ GROSSE COUP
Weiterlesen... Sommer in Rom. Allerdings nicht beim Trevi Brunnen oder auf der spanischen Treppe, nicht in den Nobelvierteln der ewigen Stadt, sondern am Rand der Metropole, den ärmlichen Vororten, wo das Geld knapp ist. Hier leben Rana (Silvia D’Amico) und Marti (Daphne Scoccia), zwei junge Frauen, die sich mit Gelegenheitsjobs durchschlagen. Einen neuen haben sie gerade an Land gezogen und zwar als Hundesitterinnen. Dir winzige Bulldogge Ugo sollen sie ausführen, wenngleich für einen miserablen Lohn.
Und so ist Rana dann auch nicht abgeneigt, als ihr im Park ein seltsamer Fremder ein Angebot macht: Er will sich Ugo ausleihen, um ihn quasi als Deckhengst zu benutzen. Denn mit edlem Hunde-Nachwuchs lässt sich viel Geld machen, reinrassige Welpen gehen für tausende Euro weg und so willigt Rana in das Geschäft ein. Doch es kommt anders und auf einmal wird Ugo entführt.
Gut ein Drittel von „Der ganz große Coup“ ist in diesem Moment vorbei, als Autor und Regisseur Fulvio Risuelo noch einmal von Vorne beginnt – scheinbar. Auf einmal ist der langhaarige Orazio (Edoardo Pesce) die Hauptfigur, ein Slacker, ein arbeitsloser Heavy Metal-Fan, der sich wie Rana und Marti zuvor mit Gelegenheitsjobs durchschlägt, was nicht die einzige Verbindung bleiben wird.
Denn bald erfährt man, dass Orazio ebenfalls mit Hunden zu tun hat, mit windigen Gestalten agiert, die seine gutmütige Art ebenso ausnutzen, wie viele andere Menschen. Doch irgendwann hat Orazio genug und will sich nicht mehr auf der Nase herumtanzen lassen.
Wie eine leichte Komödie beginnt der zweite Spielfilm des jungen italienischen Regisseurs Fulvio Risuleo, mit einer Party-Sequenz, Bildern der Langeweile und des Müßiggangs. Außenseiter der Gesellschaft stehen im Mittelpunkt, die Abgehängten, nicht die ganz Armen, aber die untere Mittelschicht, deren Lebensstandard langsam sinkt. Bald entwickelt sich aus dem seltsamen Thema Dog-Sitting und Hundezucht eine rasante Verfolgungsjagd, die abrupt zum Stehen kommt.
Was folgt erinnert entfernt an die verschachtelte Erzählung von „Pulp Fiction“ und seinen vielen Nachahmern, was die neue, die dritte Hauptfigur mit den beiden Frauen des ersten Aktes verbindet offenbart sich nur langsam. Wie Risuleo die beiden Erzählebenen zusammenbringt ist jedoch mehr als nur eine Spielerei und einer Variation von Genremotiven. Auf leichtfüßige Weise, ohne zu einem schweren Film aus dem Bereich des Sozialrealismus zu werden, erzählt  „Der ganz große Coup“ nun zunehmend von den sozialen Klassen der italienischen Hauptstadt und dem Leben am Rand der Gesellschaft.
Besonders in Gestalt von Orazio, der anfangs ein träger Mann ist, der sich mit seinem Schicksal abgefunden hat, der Enttäuschungen und Absagen lange Zeit stoisch hinnimmt, bis er schließlich genug hat. Ein kleiner Film ist „Der ganz große Coup“, mit augenscheinlich beschränkten Mitteln umgesetzt. Dafür aber mit viel Herz und vor allem großer Sympathie für die Außenseiter der Gesellschaft. (programmkino.de)
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So. 15:30
DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL
KinderKino – CSSR/DDR 1973, 86 Min.
Regie: Vaclav Vorlicek
mit Libuše Šafránková, Pavel Trávnícek, Rolf Hoppe
Ein silbergewirktes Kleid, aber eine Prinzessin ist es nicht.
Trailer zu DREI HASELNÜSSE FÜR ASCHENBRÖDEL
Weiterlesen... Seit dem Tod des Vaters lebt Aschenbrödel als Magd auf dem eigenen Gutshof. Die Stiefmuter läßt das Mädchen die schmutzigste Arbeit verrichten, doch es bleibt zu allen freundlich und auch die Tiere sind ihr zugetan. Eines Tages begegnet Aschenbrödel im Wald einem übermütigen Prinzen und verliebt sich in ihn. Wie soll sie ihm aber gegenübertreten? Da schenkt ihr der Kutscher ihres Hofes drei Haselnüsse, die wunderbare Gaben enthalten: eine männliche Jagdtracht, ein reizendes Ballkleid und ein prächtiges Hochzeitsgewand. Mutig und klug nutzt Aschenbrödel die Geschenke, um das Herz des Prinzen zu erobern. Dann entflieht sie und er muss sich nun auf die Suche machen, um die schöne Besitzerin des goldenen Schuhs zu finden. Nach einigen Turbulenzen findet er Aschenbrödel und erkennt in ihr das kluge und liebenswerte Mädchen wieder, dem er schon im Wald begegnet war. Glücklich wählt er Aschenbrödel zu seiner Frau. Ausblenden

So. 19:00
TRIANGLE OF SADNESS
S/GR/F/GB 2022, 147 Min.
Regie: Ruben Östlund
mit Woody Harrelson, Harris Dickinson, Charlbi Dean, Iris Berben
Keine Panik auf der Titanic! Eine bitterböse Gesellschaftssatire aus der Welt der Schönen und der Reichen und gefeierter Preisträger in Cannes
Trailer zu TRIANGLE OF SADNESS
Weiterlesen... Der schwedische Filmemacher Ruben Östlund scheint eine besondere Vorliebe dafür zu haben, sich mit dem menschlichen Mit- und Gegeneinander zu befassen und uns dabei zu durchaus unschönen (Selbst-)Erkenntnissen zu bringen. In „Höhere Gewalt“ (2014) widmete er sich etwa einer Familie, deren Rollenverständnis durch einen Vorfall im Skiurlaub einen heftigen Riss erleidet; in „The Square“ (2017) warf er einen Blick auf den vermeintlich kultivierten Kunstbetrieb und auf die Kluft zwischen Arm und Reich.
Seine Werke haben stets einen satirischen Tonfall und zeichnen sich durch eine ziemlich einzigartige Mischung aus knalliger Direktheit und intelligenter Erzählweise aus. Bemerkenswert ist, dass seine Arbeiten von Mal zu Mal noch experimentierfreudiger und entfesselter werden. Während Höhere Gewalt noch einen vergleichsweise klar konturierten Konflikt hat, zu dem wir als Publikum eine recht eindeutige Position einnehmen können, ist The Square schon entschieden überbordender und irritierender. Dies treibt Östlund in Triangle of Sadness nun nochmals weiter auf die Spitze. Wie in den Vorgängerwerken erinnern viele Szenen an Versuchsanordnungen und würden auch problemlos als Kurzfilme funktionieren; die Zahl der Teilnehmer:innen wird dabei indes beträchtlich erhöht.
Zunächst konzentriert sich das Geschehen auf das Model Carl (Harris Dickinson) und die Influencerin Yaya (Charlbi Dean Kriek). Die beiden bilden nach außen hin das perfekte Bilderbuch- beziehungsweise Instagram-Paar, geraten jedoch bei einem Restaurantbesuch in einen Streit, der mit der Frage beginnt, wer denn die Rechnung übernehmen sollte, und sich bald um große Themen wie Geschlechterstereotype dreht. In einem schlechteren Film würde es hier einfach nur darum gehen, die Verlogenheit der Fashion- und Konsumwelt, in der Carl und Yaya sich bewegen, vorzuführen. Und tatsächlich wählt Östlund teilweise ganz unsubtile Mittel, um diesen Kosmos zu zeichnen: Massenabfertigung beim Laufsteg-Casting, hohle Phrasen in den Modenschauen, die sich bei näherem Hinsehen sofort selbst widerlegen („Everyone’s equal!“) – und zwei Figuren im Mittelpunkt, die etliche Klischees in sich vereinen.
Aber schon in diesem ersten von drei Kapiteln von Triangle of Sadness zeigt sich, dass Östlund es uns wirklich nicht allzu leicht machen will. Ist Carl in seiner Herangehensweise und in seinen Äußerungen gegenüber Yaya („Ich will, dass wir gleich sind!“) nur bedingt reflektiert? Ganz gewiss. Ist Yaya in ihrer Attitüde oberflächlich und in ihrem Verhalten manipulativ? Ja, schon. Und doch hört die Zeichnung der Figuren damit nicht auf. Nach einer Reihe von Peinlichkeiten, inklusive einer kleinen Eskalation der Diskussion im Fahrstuhl, sitzen Carl und Yaya einander im gemeinsamen Hotelzimmer gegenüber und reden erstaunlich offen und selbstkritisch über sich und ihre Beziehung. Oder ist auch diese angebliche Reflexion wieder nur gespielt und behauptet, eine weitere Pose? Darauf müssen wir dann selbst eine Antwort finden.
Im Mittelteil des Films treten drastische Überspitzung und Zwischentöne noch geballter aufeinander und zelebrieren eine laute Kollision. Wir begeben uns mit Carl und Yaya auf eine Luxuskreuzfahrt, wo das Paar etwa auf einen immerfort betrunkenen, vom Marxismus angetanen Captain (Woody Harrelson), einen russischen Oligarchen (Zlatko Buric) samt weiblicher Begleitung (Sunnyi Melles und Carolina Gynning) und einen skandinavischen IT-Milliardär (Henrik Dorsin) trifft.
Auch hier könnte in der Ausführung vieles gründlich misslingen. Etwa die Darstellung einer Frau, die nach einem Schlaganfall nur noch über die Worte „In den Wolken“ mit anderen zu kommunizieren vermag. Iris Berben macht aus dieser Figur allerdings keinen billigen Witz, sondern demonstriert vielmehr, wie überfordert vor allem das Umfeld auf einen Menschen reagiert, der nicht mehr im klassischen Sinne „funktioniert“, dem wir also nicht mit üblichem Smalltalk begegnen können. Östlund und sein Ensemble begeben sich bewusst ins Unangenehme, um die Fallen in der menschlichen Koexistenz zu betrachten. Wie gehen die Gäste mit dem Personal um? Was treibt die Leute an, die hier arbeiten? Und worüber lässt sich beim Frühstück, beim Mittag- und Abendessen mit den Mitreisenden parlieren?
Beinahe jede Sequenz bringt Kalauer und geistreichen Humor so untrennbar zusammen, wie es nur selten im Kino zu erleben ist. Die Dekadenz derer, die entweder reich, schön oder beides sind, lässt an Werke wie Das große Fressen (1973) oder Fellinis Schiff der Träume (1983) denken. Der Film entwickelt eine immer größere Freude an der Derbheit – und dies wäre nicht halb so stimmig, wenn Östlund nicht absolut furchtlose, uneitle Kollaborateur:innen wie Zlatko Buric oder Sunnyi Melles gefunden hätte. Insbesondere Letztere ist einfach nur großartig – etwa wenn die von ihr verkörperte Vera die Service-Mitarbeiterin Alicia (Alicia Eriksson) dazu nötigt, in den Whirlpool zu steigen („Ich befehle Ihnen, den Augenblick zu genießen!“) oder wenn Vera beim völlig außer Kontrolle geratenden Kapitänsdinner selbst dann noch Champagner fordert, wenn sie die ungünstige Kombination aus heftigem Sturm und möglicherweise verdorbenen Gourmetspeisen schon längst dazu gebracht hat, sich ausgiebig zu übergeben.
Als Katastrophenfilm zum Ende des Mittelteils schöpft Triangle of Sadness lustvoll aus dem Vollen. Der vulgäre Überfluss wird ausgekotzt und – pardon – ausgeschissen; alsbald fliegt alles in die Luft und kein geräucherter Oktopus, keine Ingwer-Bonbons, kein Alkohol und kein geheuchelter Trinkspruch kann diese Leute davor bewahren, bald entweder tot oder auf einer vermeintlich einsamen Insel gestrandet zu sein.
Im dritten und letzten Kapitel wandelt sich der Film zu einem Mix aus Herr der Fliegen und Lost. Die Machtverhältnisse kippen, da nur Abigail (Dolly De Leon), die Toilettenmanagerin auf der nun zerstörten Yacht, weiß, wie man Fische fängt und Feuer macht. Abermals geht Triangle of Sadness nicht den naheliegenden Pfad. Es wäre leicht, sich über die Reichen und Nutzlosen lustig zu machen und uns Abigail als tapfere Heldin und Identifikationsfigur zu liefern. Wie toll es ist, dass sie hier ein Matriarchat errichtet habe, versucht sich Yaya bei der plötzlich mächtigen Abigail einzuschmeicheln. Aber auch das ist wieder nur eine inhaltslose, zu kurz gedachte Behauptung, wie die banalen Sprüche auf der Fashion-Show über Liebe und Gleichheit – ein Weg zu angeblichem Empowerment, den ein Arthouse-Publikum sicher gerne mitgegangen wäre, um sich halbwegs wohl zu fühlen. Hier ist und bleibt alles ambivalent, flach und tief zugleich. Die Hängematte, die Östlund zwischen schnellen Pointen und lange nachwirkenden Fiesheiten für uns spannt, ist unbequem – und kann doch ein seltsamer Genuss sein. (kino-zeit.de)
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