Das Kinoptikum zeigt am 17.10.

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Do. 18:00
SYSTEMSPRENGER
D 2019, 125 Min., Regie: Nora Fingscheidt
mit Helena Zangel, Gabriela Maria Schmeide, Albrecht Schuch
Zündstoff in Neonpink - Ein Kind rastet aus. So regelmäßig und unbändig, dass sich bald keiner mehr zu helfen weiß und die Leinwand in tausend Bildfragmente zersplittert.
Trailer zu SYSTEMSPRENGER
Weiterlesen... „Erzieher, verpiss dich! Du Arschloch!“ Jedes Mal, wenn die neunjährige Benni (Helena Zengel) aus einer betreuten Wohngruppe rausfliegt, bekommt sie ein Fotoalbum geschenkt. Davon besitzt sie inzwischen eine beachtliche Menge. Nur gibt es nicht unendlich viele Wohngruppen, man kann sie sich leider nicht aus der Nase ziehen. Siebenunddreißig Absagen aus dem Umland. „Schule? – Nö.“ Nach der dritten Verwarnung ist Benni auch hier wieder einmal suspendiert. Menschen wie sie, die sich in keine Institution integrieren und von keiner Erziehungsmaßnahme helfen lassen, nennt man in der Sozialpsychiatrie Systemsprenger.
Wollen und nicht kriegen
Bernadette heißt das Mädchen eigentlich, aber dieser Name ist ihr zu „tussig“. Zerschlagene Lippen, blaues Auge, pinker Pulli. Pink ist Bennis Farbe. Pink wird die Leinwand, wenn sie träumt. Und wenn die Ereignisse ihretwegen zu eskalieren beginnen, werden auch diese in Pink getaucht. Wenn das Mädchen wütend wird, kann es sich nämlich kaum kontrollieren. Dann schreit es sich die Seele aus dem Leib, schubst Babys, haut Gleichaltrige gegen eine Tischplatte, haut sich selbst gegen eine Autoscheibe, sodass ihm die Stirn aufplatzt. Schmeißt mit Sachen um sich, schlägt einmal sogar das Sicherheitsglas kaputt. Bedroht die Erwachsenen mit einem Messer. Dass es den meisten mit Benni schnell zu viel wird, ist klar.
Das Problem: Benni will zu Mama, darf aber nicht bei ihr wohnen. Frau Klaaß (Lisa Hagemeister) hat vorm eigenen Kind kapituliert, ihr Mobiltelefon auf die Mailbox umgestellt, sie taucht nicht auf oder haut ab und bestellt schöne Grüße. Und das immer wieder abgewiesene Kind zieht daraus Konsequenzen, wie sie ein Kind eben ziehen kann. Bennis Sehnsucht lässt nicht nach, wird vielmehr größer, wird welt- und bildfüllend, wird zur Energiequelle dieses Films. Wollen und nicht kriegen, wollen und es zu ersetzen versuchen, und nicht kriegen. Wollen, und es bitter nötig haben, und darum kämpfen mit aller Kraft, die zur Verfügung steht. Und es dann nicht einmal bekommen. Systemsprenger, das Langfilmdebüt von Nora Fingscheidt, erzählt von nicht weniger als einem existenziellen Mangel. Er schildert, sensibel und intensiv, einen großen Hilfebedarf auf der einen und eine große Überforderung auf der anderen Seite. Er zeigt auch das Engagement von diesem „gesprengten“ System, zum Beispiel von Frau Bafane´ vom Jugendamt (Gabriela Maria Schmeide) und vom Schulbegleiter und Anti-Gewalt-Trainer für straffällige Jugendliche Micha (Albrecht Schuch), die zwar ihr Bestes tun, in ihrer Aufgabe aber dennoch zum Scheitern verurteilt sind.
Pommes-Feuerwerk
Nora Fingscheidt macht in ihrem Film viel, aber mit wenig Mitteln, keeps it simple, was das Angebot an Settings und Figuren angeht. Ist sich einer geraden Art und einprägsamen Plot-Refrains nicht zu schade. Man fühlt sich hier als Zuschauerin immer im Jetzt, alles ist unmittelbar gegeben: Bennis Exzesse und Gewaltausbrüche, die Starrheit in ihren Augen, die nach dem Zufuhr von Beruhigungsmitteln an die Stelle ihrer vor Energie strotzenden Lebendigkeit tritt. Wenn sie sich freut, gibt es ein Pommes-Feuerwerk. Der Film liebt seine Hauptfigur, und es fühlt sich so an, als stelle er Bennis Schmerz, Verzweiflung und Begeisterung nicht selbst her, sondern als ließe er sich von ihr anstecken. Benni ist Systemsprenger, Systemsprenger ist Benni. Eine simple Rechnung, die im Kino nicht immer, aber wenn, dann zu hundert Prozent aufgeht. Dann drückt man im Angesicht einiger Defizite, einiger etwas zu klischeehaft geratener oder gedachter Szenen gerne ein Auge zu. (critic.de)
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Do. 20:30
DAS GRÜNE GOLD
KlimaZeitDead Donkeys fear no Hyenas – S/D/FIN 2016, 83 Min., Regie: Joakim Demmer
„Luft lässt sich nicht beackern“ - Wenn Entwicklungsprogramme als Vorwand für Zwangsumsiedlungen und Rodungen im großen Stil missbraucht werden.
Trailer zu DAS GRÜNE GOLD
Weiterlesen... Fruchtbares Ackerland gilt als das neue Gold. Das grüne Gold. Weltweit wächst die kommerzielle Nachfrage nach Anbauflächen für den Weltmarkt. Eine der lukrativsten Spielflächen ist: Äthiopien. Die Regierung hofft auf riesige Exporteinnahmen, weshalb sie Millionen Hektar des begehrten Ackerlandes an milliardenschwere ausländische Investoren verpachtet. Mit Konsequenzen für die einheimische Bevölkerung: unzählige Dorfbewohner und Kleinbauern verlieren ihre Lebensgrundlage. Hinzu kommt, dass Gemeinschaften bzw. Institutionen wie die EU oder die Weltbank, an dieser Entwicklung nicht unschuldig sind. Mit ihren Entwicklungshilfe-Geldern, spielen sie den Großunternehmen die Bälle zu. Wer sich dem Landgrabbing in den Weg stellt, riskiert sein Leben.
Der Regisseur, Joakim Demmer, reiste für seinen Film immer wieder in die äthiopische Hauptstadt Addis Abeba sowie nach Gambela. Diese westlichste Region des Landes gehört zu jenen Gegenden Äthiopiens, in denen die Regierung die meisten Landflächen verpachtet. Demmer ist Schwede und studierte Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Er arbeitet auch heute noch teilweise in seiner Heimat. Daneben ist er als Regisseur und Kameramann auch von Berlin aus tätig. Sein Debütfilm, Tod in Gibraltar (2003), brachte ihm eine Nominierung für den „First Steps Award“ ein.
„Das grüne Gold“ versinnbildlicht in nachdenklich stimmenden Bildern einen schier unfassbaren Widerspruch: den von Geldgier getriebenen Landnahmeprozess in einem Staat wie Äthiopien, in dem über die Hälfte der Bevölkerung als unterernährt gilt. Anstatt den fruchtbaren Boden den ansässigen Bauern oder Bewohnern zwecks Bewirtschaftung zur Verfügung zu stellen, verhökert die Regierung das eigene Land Stück um Stück. Es ist das großer Verdienst von Filmemacher Demmer, diese fatale Entwicklung in seiner Dokumentation ausführlich zu beleuchten und allumfassend darzustellen – inklusive der Konsequenzen. Und diese machen fassungslos. Demmer spricht mit Kleinbauern und Einheimischen, die gewaltsam von ihrem Land vertrieben wurden. Sie hatten vorher schon wenig zu leben, nun aber haben sie gar nichts mehr. In ärmlichsten Verhältnissen kämpfen sie nun ums überleben. Auch das zeigt der Film. Besonders wütend stimmt die Tatsache, dass manch ein Investor seinem erworbenen Land sowie dem darauf angebauten Getreide, wenig Beachtung schenkt. Im Film erzählt ein Landwirt, der seine Erträge der äthiopischen Bevölkerung zugute kommen lässt, von einem ausländischen Investor. Vielleicht einmal im Jahr komme er vorbei und schaue nach seinem Ackerland, sagt er.
Regisseur Demmer beweist viel Mut und Willen zur Aufklärung, wenn er mit den Verantwortlichen das Gespräch sucht, u.a. mit Vertretern der Weltbank. Auch an Regierungsmitarbeiter wagt er sich heran. Was diese Demmer gegenüber äußern und wie positiv sie das Wirken der schwerreichen Unternehmen darstellen, wirkt wie auswendig gelernt – und damit wenig überzeugend. Dass sich Demmer mit seinem Film aber auch immer wieder in erhebliche Gefahr brachte, beweist das Schicksal eines äthiopischen Umweltjournalisten, den der Regisseur lange Zeit begleitete.
Als die Regierung den investigativ arbeitenden Journalisten zwingen wollte eine Quelle offen zu legen, blieb ihm nichts andere übrig, als das Land zu verlassen. Damit macht der Film wieder einmal deutlich, dass fragwürdig operierende und gewinnorientierte Regierungen alles dafür tun, um die Wahrheit vor der Bevölkerung zu verschleiern. Und um die vierte Gewalt im Staat – die Medien – mundtot zu machen. (programmkino.de)
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