Das Kinoptikum zeigt am 13.10.

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So. 11:00
ERDE
KlimaZeit – Ö 2019, 115 Min., Regie: Nikolaus Geyrhalter
Die Welt im Umbruch und das im wörtlichen Sinn: Es wird gebohrt, gekratzt, gesprengt. Eine sinnliche Rundumsicht des immensen Raubaus und der materiellen Attacken auf die verletzliche Hülle unseres Planeten.
Trailer zu ERDE
Weiterlesen... 60:156 – mit diesem abstrakten Verhältnis setzt Nikolaus Geyrhalters Erde ein. 60 Millionen Tonnen Erde, so informiert uns eine Texteinblendung, werden täglich durch natürliche Prozesse verschoben und verlagert, 156 Millionen Tonnen jedoch durch menschlichen Einfluss. Eine knappe Information, die jedoch den doppelten Fokus von Geyrhalters Film deutlich macht: Zum einen geht es ihm um jenen unheimlichen Prozess, durch den scheinbar autonome Entscheidungen einzelner Menschen zu etwas völlig Unmenschlichem verschmelzen: zu einer blinden geologischen Kraft. Zum anderen betont Erde immer wieder das Missverhältnis zwischen dem Denk- und Vorstellungsvermögen des Menschen und seinen technisch unterstützten Handlungsmöglichkeiten. Der Mensch versetzt Berge, die er mit seinen Blicken gar nicht richtig erfassen kann, und formt Lebenswelten um, deren Jahrmillionen umspannende Entstehung seinen eigenen Erlebnishorizont exponenziell übersteigt. Aus freien Stücken und scheinbar auf dem Höhepunkt seiner eigenen Fähigkeiten überantwortet sich der Mensch so einer Dynamik, in der menschliche Maßstäbe keinerlei Rolle mehr spielen – die absolute Selbstbehauptung des Menschen entpuppt sich als durchgreifende Selbstauslöschung.
Die Hilflosigkeit der technischen Übermacht
Um diese gespensterhafte Entmenschlichung zu erkunden, reist Geyrhalters Film an verschiedene Orte, an denen mit monumentaler Übermacht in die äußere Form und die innere Struktur der Erde eingegriffen wird – von einem Landschafts-Planierprojekt in Kalifornien über den Bau des Brenner-Basistunnels in Tirol bis hin zu einem Tagebau zur Ölsandgewinnung in Kanada. Ruhig und mit einer stellenweise strengen Distanziertheit beobachtet der Film sowohl die Bewegungen der massiven Maschinen als auch das akkurate Ineinandergreifen der einzelnen Arbeitsprozesse, lässt aber auch verschiedene Menschen, die an diesen Großprojekten beteiligt sind, ausführlich zu Wort kommen. Am Eindringlichsten ist Erde dabei in seinen frühen Segmenten, wenn der Widerspruch zwischen menschlichem und geologischem Bezugsrahmen sich noch ganz unmittelbar auf visueller Ebene entfaltet. Da arbeitet sich dann etwa ein Kohlebagger, so groß wie ein Stadtviertel, langsam durch das ungarische Erdreich. Nicht die Größe ist das Unheimliche dieser Erscheinung, sondern die Tatsache, dass diese mächtige, so tief in die Gestalt der Landschaft eingreifende Maschine von gerade mal zwei Menschen bedient zu werden scheint. An anderer Stelle reiht sich die Kamera in eine Prozession brummender Ladebagger ein, die alle im gleichen Takt tonnenweise Erde in ihr Inneres aufnehmen, um sie dann ein paar hundert Meter weiter wieder abzuwerfen – ein scheinbar vollkommen autonomer Vorgang, bei dem die Menschen in den Fahrerkabinen zu unbeteiligten Passagieren geworden sind. Das laute Rattern der Bagger wie auch die stille Ödnis des ungarischen Tagebaus, sie haben in "Erde" beide die gleiche Wirkung: In ihrer inneren Gleichförmigkeit lösen sich die individuellen Motivationen und persönlichen Entscheidungen der Menschen vollkommen auf und werden in jeder Hinsicht gegenstandslos.
Ein rhetorisches Händeringen
Doch im Laufe des Films verlagert sich das rhetorische Moment von Erde mehr und mehr von der bildlichen auf die sprachliche Ebene – die Empörung äußert sich dann nicht in dem visuellen Zusammenstoß zweier unvereinbarer Größenordnungen, sondern in einem zunehmend polemischen Arrangement der auch zeitlich immer dominanter werdenden Interviews. Diese Selbstdeutungen werden sich immer ähnlicher, sowohl inhaltlich als auch in ihren sprachlichen Motiven, bis sie schließlich ganz einer klaren Dichotomie untergeordnet werden: Auf der einen Seite steht dabei eine personifizierte Natur, die freiwillig das gibt, was der Mensch zum Leben braucht, die aber dann zum Opfer gieriger Übergriffe wird, gegen die sie sich nur notdürftig zur Wehr setzen kann. Und auf der anderen Seite steht der Mensch, der aus der Geschichte nichts gelernt hat und der sich entweder höhnisch an seinem Zerstörungswerk erfreut oder es achselzuckend für unausweichlich erklärt. So synchron sind die Äußerungen der ansonsten sehr verschiedenen Interviewpartner schließlich, dass ihre Worte nur mehr als Antworten auf die immergleiche Suggestivfrage erscheinen, die da lautet: Fühlen Sie sich denn eigentlich nicht schuldig, der Erde ein so unsägliches Leid anzutun?
Diese Art der händeringenden Verzweiflung über die Amoralität und Lernunfähigkeit des Menschen wie auch die wiederholten Verweise auf einen früheren, im Paläolithikum angesiedelten Zustand der Harmonie, in dem der Mensch im Einklang mit der Natur lebte und sogar die Tiere, die er tötete, zuvor noch um Vergebung bat – sie erscheinen irgendwann allzu schematisch, um den Widersprüchen eines durchtechnisierten globalen Wirtschaftssystems gerecht zu werden, die uns in den Anfangssequenzen des Films drastisch vor Augen geführt werden. Indem Erde versucht, die Spannung zwischen dem menschlichen Handeln und seinen geologischen Auswirkungen in einen verständlichen Rahmen einzufassen, verliert er das grundlegende Merkmal dieser Spannung aus den Augen: ihre fundamentale Unverständlichkeit. Denn nicht, dass der Mensch die Natur tatsächlich kaputtmacht, ist das Ungeheuerliche, sondern dass er sich überhaupt anmaßt, in Prozesse einzugreifen, die er nicht verstehen, nicht vorherbestimmen und schon gar nicht kontrollieren kann. Diese Anmaßung ist die eigentliche Sauerei – und sie ist es auch dann noch, wenn alles gut gehen sollte (critic.de).
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So. 15:30
KARLSSON AUF DEM DACH
KinderKino – S 1974, 97 Min., Regie: Olle Hellbom
mit Lars Söderdahl, Mats Wikström
Ein Plädoyer gegen die Langeweile, voller Phantasie und Ausgelassenheit, Witz und Verve (empf. ab 6 Jahren)
Trailer zu KARLSSON AUF DEM DACH
Weiterlesen... Lillebror ist das jüngste Mitglied einer ganz gewöhnlichen Stockholmer Familie. Der achtjährige Junge fühlt sich oft einsam, da nachmittags keiner Zeit für ihn - seine Eltern sind in der Arbeit und die beiden älteren Geschwister ziehen oft mit ihren Freunden um die Häuser. Lillebrors sehnlichster Wunsch ist deshalb ein Hund - ein treuer Kamerad für gemeinsame Erkundungstouren. Stattdessen taucht eines Tages eine wunderliche Gestalt in seinem Leben auf: Herr Karlsson. Dieser ist klein und dick, hat fast eine Glatze, ist ziemlich arrogant, liebt Bonbons über alles und wohnt auf dem Dach. Vor allem aber hat Karlsson einen Propeller auf dem Rücken, mit dem er fliegen kann. Lillebror ist von der Gesellschaft seines neuen Freundes begeistert, auch wenn dieser so manchen Unfug treibt … Ausblenden

So. 18:00
TEL AVIV ON FIRE
LUX/F/ISR/B 2018, 97 Min., Regie: Sameh Zoabi
mit Kais Nashif, Lubna Azabal, Maisa Abd Elhadi
Der Nahostkonflikt zum Lachen? Diese gelungene Verwandlung einer tragischen Geschichte in eine doppelbödige, leichte Komödie beweist es über alle politischen Grenzen.
Trailer zu TEL AVIV ON FIRE
Weiterlesen... Die beiden ersten Spielfilme von Sameh Zoabi habe man im Ausland kaum wahrgenommen, sagte der Regisseur bei der Premiere auf dem Filmfest München 2019. Mit „Tel Aviv on Fire“ habe er aber wohl den richtigen Nerv getroffen, wenn er eine absurde und deshalb so witzige Geschichte über eine gleichnamige Fernsehserie erzählt, die Israelis wie Palästinenser gleichermaßen bewegt.
Die Hauptfigur Salam Abbass hat noch nie etwas recht hinbekommen, weder beruflich noch privat. Aktuell darf Salam als Produktionsassistent bei den Dreharbeiten der beliebten Fernsehserie Tel Aviv on Fire dabei sein, allerdings weniger seiner Fähigkeiten wegen als deswegen, weil er der Neffe des Ideengebers der Serie ist. Salam kann Hebräisch, und weil er einen Dialogsatz so verändert, dass er der Hauptdarstellerin Tala, einer bekannten Schauspielerin aus Frankreich, besser gefällt, erhält er die Chance, am Drehbuch mitzuarbeiten und schließlich die Rolle des Autors zu übernehmen.
Jeden Abend vereint Tel Aviv on Fire das israelische und das palästinensische Publikum vor den Bildschirmen. Beide verfolgen mit Lust die Geschichte einer palästinensischen Spionin, die dabei ist, sich in einen israelischen Kommandeur zu verlieben. Die Serie ist romantisch bis schnulzig und zieht vor allem das weibliche Publikum an. Der Palästinenser Salam soll nun die Dialoge schreiben und tut sich sichtlich schwer. Gut, dass er jeden Tag die Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland passieren muss – denn in Grenzkommandeur Assi hat er einen Verbündeten.
Assi selbst hat die Soap noch nie gesehen, seine Frau aber ist ein großer Fan von Tel Aviv on Fire. Und weil er diese beeindrucken will, schreibt er das Drehbuch, das in seine Hände gelangt, um – und plötzlich feiert die Serie Einschaltrekorde und lockt auch die Herren vor die Bildschirme. Fortan basteln Assi und Salam gemeinsam an den nächsten Folgen der Serie – getrieben von eigenen Zielen und Vorlieben, beeinflusst vom jeweils eigenen Leben und den Gesprächen, die sie mit ihren Liebsten führen. Schon die Grundkonstellation von Tel Aviv on Fire ist genial, mit Leben gefüllt wird der Film aber von den kleinen Einfällen und einem humorvollen Blick auf den Nahostkonflikt. Der Film nimmt die Situation ernst, aber er spielt damit und findet dabei genau den richtigen Ton, um sein Publikum zum Lachen zu bringen, ohne sich über die eine oder andere Seite lächerlich zu machen. Letztendlich bedient sich der Regisseur derselben Mittel wie seine Figuren – oder natürlich andersherum: Er lässt seine Figuren so agieren, wie er es selbst tun würde: Die Liebe und die Sehnsucht nach Romantik und Harmonie über politische Befindlichkeiten zu stellen.
Darüber hinaus überzeugt Tel Aviv on Fire mit einem grandiosen Situations- und Dialogwitz, den Sameh Zoabi auch bis zum Schluss durchhalten kann. Sein Arrangement von Worten und Situationen wirkt wie ein federleichtes Spiel: Er nimmt einen Satz auf und lässt ihn drei Szenen später wieder aufpoppen, schafft dadurch Beziehungen und Situationen, die gut, mal schön, mal genial und mal lustig sind. Ob Feigen oder Tomaten die Früchte der Liebe sind, diskutiert Salam zunächst mit seiner Nachbarin Mariam (Maisa Abd Elhadi), mit der er einst zusammen war und die er nun wieder für sich gewinnen will. Und das erreicht er auch dadurch, dass er die Diskussion als Dialog seiner Figuren in Tel Aviv on Fire aufnimmt und seine Figuren für sich sprechen lässt – womit er gleichzeitig die Herzen seiner Zuschauer rührt und nicht nur das von Mariam.
Tel Aviv on Fire ist eine gewitzte Komödie, deren Festivalerfolge nicht erstaunen und die sich wunderbar für den Kinosommer eignet: erfrischend und schlau, romantisch und ein bisschen melancholisch. Auf dass sich der Film lange in den deutschen Kinos halte (kinozeit.de).
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So. 20:30
ELECTRIC GIRL
Cinema Obscure – D 2018, 89 Min., Regie: Ziska Riemann
mit Victoria Schulz, Hans-Jochen Wagner, Svenja Jung, Florian Stetter, Jytte-Merle Böhrnsen
Die neuen Wilden voll unter Strom, es strotzt nur so vor Einfällen und Energie und Lust am Erzählen.
Trailer zu ELECTRIC GIRL
Weiterlesen... Die Poetry-Slammerin Mia erhält die Chance, die Anime-Heldin Kimiko zu synchronisieren. Je länger Mia diesen neuen Job ausübt, desto stärker identifiziert sie sich mit der japanischen Weltenretterin. Bei ihrem Nebenjob als Barfrau ahmt Mia Kimikos Bewegungen nach und auf einer Party springt Mia wie Kimiko von einem Dach. Irgendwann meint Mias verspulter Nachbar Kristof, dass Mia krank sei. Doch wie kam es dazu?
Mia ist ähnlich hyperaktiv wie die zu Vanilla mutierte Maggie in "Tiger Girl". Doch selbst in ihren wildesten Ausbrüchen wirkt Mia immer ein Stück weit wie auf Valium. Selbst wenn sie wild herumwirbelt, erscheint sie wie auf Watte zu wandeln. Das hat zum einen sicherlich mit ihrer Identifikation mit der Anime-Figur Kimiko zu tun. Auch diese bewegt sich schnell, aber dabei äußerst geschmeidig. Es zeigt aber auch, wie Mia immer stärker von der Realität entrückt, wie sie immer mehr in den Wahn abgleitet.
Beide Bewegungen treffen zusammen, als Mia hinter dem Bartresen in die Rolle von Kimiko schlüpft. Voller Energie streckt sie ihre Arme aus, bis sie eine Heldenpose einnimmt. Doch anstatt übersteigert herumzufuchteln, führt Mia sanft gleitende Bewegungen aus, die sich exakt mit denen von Kimiko in ihren Animeabenteuern deckt. Diese flüssigen Bewegungen sind ein Ausdruck von Kimikos Kontrolle und Kraft. Immerhin kann KImiko die Elektrizität kontrollieren. Zugleich spiegeln Mias sanft gleitende Bewegungen jedoch auch ihr allmähliches Abgleiten in die Manie.
Es ist erstaunlich, dass man bei Electric Girl keinen exakten Zeitpunkt ausmachen kann, an dem Mias selbstbewusstes Agieren in die Psychose kippt. Eben war sie noch cool, dann ist sie auch schon krank. Aber wann das eine aufhört und das andere anfängt, lässt sich nicht wirklich sagen. Mia dreht auf und dann dreht sie durch. Mia hat die komplette Kontrolle und Mia ist komplett durchgeknallt. Dass der Zeitpunkt, an dem Mia den Kontakt zur Realität verliert, nicht klar auszumachen ist, liegt auch daran, dass Mia von Anfang an leicht entrückt ist. Die Stimmung in Electric Girl hat zu Beginn nichts Elektrifiziertes. Mia wirkt ein Stück weit wie das Kiemenwesen in Guillermo del Toros Shape of Water – Das Flüstern des Wassers – sie scheint wie unter Wasser zu schweben. Es beginnt mit der Weltentrücktheit ihrer Arbeit im Synchronisationsstudio. Hier verschwindet Mia in Kimikos Comicwelt. Und zum Ausgleich geht sie auf Partys, auf denen die Menschen anderweitig der Welt entrücken.
Das Scharnier zwischen der Comicwelt und der Partywelt bildet Mias Wohnung. Obwohl diese ziemlich gewöhnlich ist, verwandelt Mia auch sie in einen Rückzugsort von der Realität. Kaum ist sie zu Hause angekommen, blendet sie die Außenwelt aus, indem sie die Vorhänge zuzieht. Diese schützen vor der Sonne und vor zu viel Realität. Doch die Realität dringt sehr eklig in Mias Leben in Form einer toten Ratte ein. Wie gut, dass man sich vor der Realität ins Internet flüchten kann. Pech nur, wenn einen auch dort die fiese Realität in Gestalt von Mias todkrankem Vater per E-Mail einholt.
Vielleicht ist die ausweglose Situation ihres Vaters der Knackpunkt, der Mias Allmachtsfantasien triggert. Wenn sie schon den Vater nicht retten kann, dann will Mia wenigstens eben schnell noch einmal die Welt retten. Spätestens auf der Geburtstagsparty ihres Vaters ist auch klar, dass Mia nicht mehr cool, sondern nur noch fürchterlich nervig ist. Selbstverständlich sieht Mia das jedoch völlig anders.
In dem Presseheft zum Film verweist die Regisseurin und Co-Autorin Ziska Riemann auf die Auffassung, dass die Manie „die schönste Krankheit der Welt“ sei. Ebenso zitiert sie eine Aussage aus der Dokumentation Stephen Fry: The Secret Life Of The Maniac Depressive. In dieser Doku fragt Stephen Fry seine Protagonisten: »Wenn jetzt hier vor dir ein Gerät stünde mit einem Knopf, um die Krankheit ein für alle Mal loszuwerden, würdest du drauf drücken?« Er erntet nur ein kräftiges Kopfschütteln.
Electric Girl zeigt jedoch, dass der manische Rausch auch seine starken Schattenseiten hat. Zwar versinkt Mia am Ende nicht so wie viele andere Manische in abgrundtiefen Depressionen. Dafür versinkt sie im Wasser. Was könnte Passender sein? Schließlich erschien sie bereits von Anfang an, wie eine unter Wasser Wandelnde (artechock.de).
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