Das Kinoptikum zeigt am 9.10.

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Mi. 18:30
ERDE
KlimaZeit – Ö 2019, 115 Min., Regie: Nikolaus Geyrhalter
Die Welt im Umbruch und das im wörtlichen Sinn: Es wird gebohrt, gekratzt, gesprengt. Eine sinnliche Rundumsicht des immensen Raubaus und der materiellen Attacken auf die verletzliche Hülle unseres Planeten.
Trailer zu ERDE
Weiterlesen... 60:156 – mit diesem abstrakten Verhältnis setzt Nikolaus Geyrhalters Erde ein. 60 Millionen Tonnen Erde, so informiert uns eine Texteinblendung, werden täglich durch natürliche Prozesse verschoben und verlagert, 156 Millionen Tonnen jedoch durch menschlichen Einfluss. Eine knappe Information, die jedoch den doppelten Fokus von Geyrhalters Film deutlich macht: Zum einen geht es ihm um jenen unheimlichen Prozess, durch den scheinbar autonome Entscheidungen einzelner Menschen zu etwas völlig Unmenschlichem verschmelzen: zu einer blinden geologischen Kraft. Zum anderen betont Erde immer wieder das Missverhältnis zwischen dem Denk- und Vorstellungsvermögen des Menschen und seinen technisch unterstützten Handlungsmöglichkeiten. Der Mensch versetzt Berge, die er mit seinen Blicken gar nicht richtig erfassen kann, und formt Lebenswelten um, deren Jahrmillionen umspannende Entstehung seinen eigenen Erlebnishorizont exponenziell übersteigt. Aus freien Stücken und scheinbar auf dem Höhepunkt seiner eigenen Fähigkeiten überantwortet sich der Mensch so einer Dynamik, in der menschliche Maßstäbe keinerlei Rolle mehr spielen – die absolute Selbstbehauptung des Menschen entpuppt sich als durchgreifende Selbstauslöschung.
Die Hilflosigkeit der technischen Übermacht
Um diese gespensterhafte Entmenschlichung zu erkunden, reist Geyrhalters Film an verschiedene Orte, an denen mit monumentaler Übermacht in die äußere Form und die innere Struktur der Erde eingegriffen wird – von einem Landschafts-Planierprojekt in Kalifornien über den Bau des Brenner-Basistunnels in Tirol bis hin zu einem Tagebau zur Ölsandgewinnung in Kanada. Ruhig und mit einer stellenweise strengen Distanziertheit beobachtet der Film sowohl die Bewegungen der massiven Maschinen als auch das akkurate Ineinandergreifen der einzelnen Arbeitsprozesse, lässt aber auch verschiedene Menschen, die an diesen Großprojekten beteiligt sind, ausführlich zu Wort kommen. Am Eindringlichsten ist Erde dabei in seinen frühen Segmenten, wenn der Widerspruch zwischen menschlichem und geologischem Bezugsrahmen sich noch ganz unmittelbar auf visueller Ebene entfaltet. Da arbeitet sich dann etwa ein Kohlebagger, so groß wie ein Stadtviertel, langsam durch das ungarische Erdreich. Nicht die Größe ist das Unheimliche dieser Erscheinung, sondern die Tatsache, dass diese mächtige, so tief in die Gestalt der Landschaft eingreifende Maschine von gerade mal zwei Menschen bedient zu werden scheint. An anderer Stelle reiht sich die Kamera in eine Prozession brummender Ladebagger ein, die alle im gleichen Takt tonnenweise Erde in ihr Inneres aufnehmen, um sie dann ein paar hundert Meter weiter wieder abzuwerfen – ein scheinbar vollkommen autonomer Vorgang, bei dem die Menschen in den Fahrerkabinen zu unbeteiligten Passagieren geworden sind. Das laute Rattern der Bagger wie auch die stille Ödnis des ungarischen Tagebaus, sie haben in "Erde" beide die gleiche Wirkung: In ihrer inneren Gleichförmigkeit lösen sich die individuellen Motivationen und persönlichen Entscheidungen der Menschen vollkommen auf und werden in jeder Hinsicht gegenstandslos.
Ein rhetorisches Händeringen
Doch im Laufe des Films verlagert sich das rhetorische Moment von Erde mehr und mehr von der bildlichen auf die sprachliche Ebene – die Empörung äußert sich dann nicht in dem visuellen Zusammenstoß zweier unvereinbarer Größenordnungen, sondern in einem zunehmend polemischen Arrangement der auch zeitlich immer dominanter werdenden Interviews. Diese Selbstdeutungen werden sich immer ähnlicher, sowohl inhaltlich als auch in ihren sprachlichen Motiven, bis sie schließlich ganz einer klaren Dichotomie untergeordnet werden: Auf der einen Seite steht dabei eine personifizierte Natur, die freiwillig das gibt, was der Mensch zum Leben braucht, die aber dann zum Opfer gieriger Übergriffe wird, gegen die sie sich nur notdürftig zur Wehr setzen kann. Und auf der anderen Seite steht der Mensch, der aus der Geschichte nichts gelernt hat und der sich entweder höhnisch an seinem Zerstörungswerk erfreut oder es achselzuckend für unausweichlich erklärt. So synchron sind die Äußerungen der ansonsten sehr verschiedenen Interviewpartner schließlich, dass ihre Worte nur mehr als Antworten auf die immergleiche Suggestivfrage erscheinen, die da lautet: Fühlen Sie sich denn eigentlich nicht schuldig, der Erde ein so unsägliches Leid anzutun?
Diese Art der händeringenden Verzweiflung über die Amoralität und Lernunfähigkeit des Menschen wie auch die wiederholten Verweise auf einen früheren, im Paläolithikum angesiedelten Zustand der Harmonie, in dem der Mensch im Einklang mit der Natur lebte und sogar die Tiere, die er tötete, zuvor noch um Vergebung bat – sie erscheinen irgendwann allzu schematisch, um den Widersprüchen eines durchtechnisierten globalen Wirtschaftssystems gerecht zu werden, die uns in den Anfangssequenzen des Films drastisch vor Augen geführt werden. Indem Erde versucht, die Spannung zwischen dem menschlichen Handeln und seinen geologischen Auswirkungen in einen verständlichen Rahmen einzufassen, verliert er das grundlegende Merkmal dieser Spannung aus den Augen: ihre fundamentale Unverständlichkeit. Denn nicht, dass der Mensch die Natur tatsächlich kaputtmacht, ist das Ungeheuerliche, sondern dass er sich überhaupt anmaßt, in Prozesse einzugreifen, die er nicht verstehen, nicht vorherbestimmen und schon gar nicht kontrollieren kann. Diese Anmaßung ist die eigentliche Sauerei – und sie ist es auch dann noch, wenn alles gut gehen sollte (critic.de).
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Mi. 21:00
NEWCOMERS
Interkulturelle Wochen 2019 – D 2018, 63 Min., Regie: Ma’an Mouslli
Jetzt reden wir: Menschliche Geschichten hinter den täglichen Nachrichten über Flucht, Krieg und Gewalt. Ein Gefüge von Seelenbildern. Verstörend emotional. Schmerzhaft offen.
Trailer zu NEWCOMERS
Weiterlesen... Nicht „Flüchtlinge“, sondern „Newcomers/Neuankömmlinge“ macht dieser Film zum Thema und läßt sie von ihrem Schicksal direkt in die Kamera erzählen. Auch der Regisseur selbst ist ein Newcomer, der 2014 aus Syrien nach Deutschland oder besser gesagt: nach Osnabrück gekommen ist. Diese genaue Ortsangabe ist hier wichtig und ganz in Mousllis Sinne, denn sein Film hat 29 Flüchtlinge aus acht verschiedenen Ländern als Protagonisten, aber unter deren Namen stehen nicht etwa ihre Herkunftsländer, sondern die Namen der deutschen Städte, in denen sie heute leben. Wenn dort Iran, Afghanistan, Palästina, der Sudan oder die DDR stehen würde, dann könnte man sie gleich genau verorten und all das Vorwissen über die Konflikte in ihren Herkunftsländern wurden den Blick auf das Wesentliche trüben.
Denn Mouslli will von der Flucht als einer universellen Erfahrung erzählen, und so fügt er Fragmente aus den Erzählungen seiner 29 Gesprächspartner und -partnerinnen zu Kapiteln mit Titeln wie „Verlorene Liebe“, „Rebellion und Tod“ und „Angst und Sehnsucht“ zusammen. Alle Sequenzen werden in der gleichen Einstellung gedreht: in extremer Nahaufnahme von den Köpfen mit einem schwarzen Hintergrund, bei der nichts davon ablenkt, in diese Gesichter und vor allem in diese Augen zu sehen.
Sogenannte „talking heads“ gelten in Dokumentarfilmen eigentlich als konventionell und stilistisch uninteressant. Aber hier sind sie genau das richtige Stilmittel, um das Interesse an den Menschen und ihren Geschichten zu wecken. Rechts oben stehen dann jeweils die Namen der Erzählenden und links unten die deutschen Untertitel. Diese Rahmung wird konsequent durchgehalten und zwischen den Kapiteln gibt es eine kleine Ruhepause mit Schweigen und Schwarzfilm. Diese kann manchmal ein paar Sekunden lang dauern, denn in „Newcomers“ wird zum Teil von schrecklichen Vorkommnissen erzählt, und Mouslli ist so klug, danach etwas Zeit zu lassen, um das Gehörte sacken zu lassen. Eine ähnliche Funktion hat auch die sanfte, sparsam eingesetzte Musik der syrischen Sängerin Dima Orsho, die inzwischen in den USA lebt, also für ihre Kompositionen aus den eigenen Erfahrungen schöpfen konnte.
Ma’an Mouslli hat etwa hundert in Deutschland lebende Flüchtlinge interviewt und dabei Aufnahmen von mehr als 400 Stunden gemacht. Zu den 29 ausgewählten Protagonisten zählen ein alter Mann und ein Kind, ein Gehörloser, ein Homosexueller, eine junge Afrikanerin und ein Mann, der durch einen Bombenangriff beide Arme verlor. Sie alle reden erstaunlich offen über persönliche Erfahrungen. Sie müssen viel Vertrauen zu Mouslli und seinem kleinen Filmteam gefasst haben. Da erzählt eine Deutsche davon, wie Flüchtlingsfrauen 1945 von russischen Soldaten vergewaltigt wurden und dass sie auf ihrer Flucht so hungrig war, dass sie heute noch oft an eine ihr geschenkte Griessuppe denken muss. Einige reden darüber, wie sie gefoltert wurden – andere, wie ihre Freunde und Familienangehörigen gestorben sind. Aber Mouslli weiß genau, wie viel er den Zuschauern zumuten kann. Und er arbeitet geschickt mit Kontrasten, sodass jede Geschichte wieder neu die Neugier weckt und sie sich alle zu einer Essenz der Flüchtlingserfahrung verdichten.
Darüber, wie schwierig die Reisen nach Deutschland waren, wird so gut wie nichts erzählt. Für Mouslli sind diese abenteuerlichen Geschichten, über die andere so gern berichten, nicht wichtig. Stattdessen erzählen seine Protagonisten von ihrem neuen Leben in Deutschland. Der hiesige alltägliche Rassismus wird dabei nicht spektakulär beschrieben, sondern eher subtil, wenn etwa eine junge afrikanische Frau schildert, wie ein älteres Ehepaar sich weigerte, ihr beim Einparken ihres Autos zu helfen.
„Newcomers“ hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Mouslli war in Syrien IT-Manager und wurde dann in Deutschland zum Filmemacher. Seine erste Dokumentation „Shakespeare in Zaatari“ drehte er über ein Theaterprojekt in einem Flüchtlingslager in Jordanien und zusammen mit einem Freund aus Syrien produzierte er eine Reihe von kurzen, witzigen Lehrfilmen für Flüchtlinge in Deutschland („Wie finde ich eine Wohnung?“ „Wie lerne ich die Sprache?“ ), die unter dem Titel „Achso from Osnabrueck“, auf Youtube zu sehen sind. In einer AG des Osnabrücker Zentrums für Flüchtlinge „Exil“ traf er dessen Geschäftsführerin Sara Höweler, mit der zusammen er dann das Konzept von „Newcomers“ entwickelte. Ohne Erfahrungen in diesem Metier wurde Höweler zur Filmproduzentin und begann im Januar 2016 mit dem Fundraising für das Projekt, das von Beginn an nichtkommerziell angelegt war. Stattdessen beteiligten sich zahlreiche Stiftungen und Firmen an der Finanzierung, sodass schließlich ein Budget von 130.000 Euro aufgebracht werden konnte (programmkino.de).
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