Am 24.2. im Kinoptikum

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So. 11:00
ASTRID
S/D/DK 2018, 121 Min., Regie: Pernille Fischer Christensen
mit Trine Dyrholm, Alba August
Feinstes, skandinavisches Erzählkino von den Jugendjahren der weltberühmten Astrid Lindgren.
Trailer zu ASTRID
Weiterlesen... Astrid wächst als Tochter einer streng protestantischen Familie im südschwedischen Vimmerby auf und ist zunächst vor allem mit dem Jungsein beschäftigt. Sie hat für die damalige Zeit – Anfang der 20er Jahre – viele Freiheiten, ist mutig, blitzgescheit und optimistisch, dabei alles andere als mädchenhaft – ein ziemlich temperamentvoller Wirbelwind. Mit 17, nach der Schule, erhält Astrid einen Job als Mädchen für alles in der Zeitungsredaktion des benachbarten Städtchens, und das bedeutet den Abschied aus dem Bullerbü-Land ihrer Kindheit. Endlich ein Hauch von Unabhängigkeit! Ihr Chef Reinhold Blomberg erkennt das erwachende Talent und lässt sie Reportagen schreiben. Astrid stürzt sich voller Begeisterung auf die Arbeit und bald darauf genauso begeistert in die Liebe zu Blomberg, der ebenfalls ein Freigeist ist, allerdings einer von der verheirateten Sorte. Astrid wird schwanger – wenn das bekannt würde, wäre es ein Skandal. Sie verlässt Vimmerby, geht nach Stockholm und macht eine Ausbildung als Sekretärin. Eine Anwältin für Frauenrechte rät ihr, das Kind in Dänemark zur Welt zu bringen. Dort müssen die Mütter, im Gegensatz zu Schweden, den Namen des Vaters nicht bekanntgeben. Um Blombergs Ehescheidung zu beschleunigen und ein drohendes Strafverfahren wegen Ehebruchs gegen ihn zu vermeiden, befolgt Astrid den Rat der Anwältin und lässt den neugeborenen Sohn bei einer Pflegemutter in Kopenhagen. Astrid entscheidet sich schließlich gegen die Heirat mit Blomberg und holt das Kind zu sich.
Astrid Lindgren, wie sie wurde, was sie war: Der Film von Pernille Fischer Christensen ist alles andere als eine typische Künstlerbiographie, es gibt also keine mehr oder weniger originellen Szenen, in denen die große Dichterin bleistiftkauend nach Worten sucht oder auf der Jagd nach Inspiration im Mondenschein tanzt. Hier geht es deutlich handfester und realistischer zu. Das Drehbuch reduziert den Menschen Astrid Lindgren nicht auf ihre Bücher oder Geschichten, sondern er lässt diese faszinierende Frau und ihre Zeit lebendig werden, mit allen Problemen und Hindernissen, die ihr in den Weg gelegt wurden oder die sie sich selbst geschaffen hat, je nach Standpunkt. Wie sich dieses anfangs so optimistische, immer leicht überschwängliche junge Mädchen vom wilden Kind zu einer selbstbewussten, couragierten Persönlichkeit entwickelt, die um ihre Selbständigkeit kämpft und ihre schwierige Situation in den Griff bekommt, das ist eine Frauengeschichte mit allem Drum und dran, mit allem, was auch heute noch gelegentlich Frauen daran hindert, ihre Träume zu leben: unerwartet schwanger, ein Kind ohne Vater, finanzielle Not, Familienprobleme, Schwierigkeiten im Job. Vermutlich hat all das mit dazu beigetragen, dass Pippi Langstrumpf, Ronja Räubertochter, Karlsson, Madita und die vielen anderen unsterblichen Figuren aus Astrid Lindgrens Werken entstehen konnten. Sicherlich aber war all das notwendig, damit der Mensch Astrid wachsen konnte, um sich später und lebenslang für die Rechte von Kindern, Frauen und Minderheiten einzusetzen. Abgesehen davon ist es eine schöne Idee, auf derart subtile Weise die Frage zu beantworten, woher eigentlich die Geschichten kommen. Aus dem Leben natürlich, ob direkt oder indirekt.
Vieles an diesem Film ist ganz besonders und ganz besonders gut: Wie es Pernille Fischer Christensen gelingt, die Stimmung und Atmosphäre der 20er Jahre einzufangen, die Kostüme, die in meist sanften Farben gehalten sind, herrliche Landschaftsbilder und die eindrücklichen Szenen von Astrids Leben in Angst und Armut. Doch zwei Aspekte ragen heraus: eine anfangs unscheinbare Rahmenhandlung, in der die greise Astrid Lindgren, deren Gesicht nie ganz zu sehen ist, die Briefe von Kindern liest. Am Ende wird hier ein schöner Bogen gespannt, der für eine sehr anrührende Schlussszene sorgt. Vor allem anderen aber ist es Alba August, die unfassbar gut und einfühlsam die junge Astrid spielt. Sie ist das übermütige Kind, die einsame Frau, die wartende Geliebte, die glückselige und die verzweifelte Mutter – manchmal alles gleichzeitig, aber immer mit faszinierender Leichtigkeit und großer schauspielerischer Intelligenz. Ihr spitzbübisches Lächeln lässt sie jünger und immer wieder beinahe kindlich wirken, gibt ihr aber auch einen atemberaubend ehrlichen Charme. Sie macht aus dem Film kein übliches Biopic, sondern eine sehr überzeugende Coming of Age-Geschichte. Und sie erweckt Astrid Lindgren buchstäblich zu neuem Leben. (programmkino.de)
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So. 15:30
EMIL UND DIE DETEKTIVE (1954)
KinderKino – D 1954, 90 Min., Regie: Robert A. Stemmle
Die 50er Jahre-Verfilmung des Kästner-Klassikers mit Roland Kaiser!
Trailer zu EMIL UND DIE DETEKTIVE (1954)
Weiterlesen... Emil Tischbein aus dem kleinen norddeutschen Städtchen Neustadt darf die Sommerferien bei seiner Großmutter in Berlin verbringen. Auf der Zugfahrt dorthin lernt Emil den „freundlichen“ Herrn Grundeis kennen, der bemerkt, dass Emil viel Geld bei sich hat. Das hatte sich Emils Mutter bei der Großmutter ausgeliehen und Emil soll es nun zurückgeben. Herr Grundeis bietet Emil Bonbons an, doch das heimtückische Naschwerk lässt Emil einschlafen - und bei seiner Ankunft in Berlin ist das ganze Geld gestohlen. Emil kann Herrn Grundeis gerade noch beobachten, wie er den Bahnhof verlässt.
Es ist nicht leicht, sich in einer fremden Stadt wie Berlin an die Fersen eines Diebes zu heften. Gut, das Emil Gustav mit der Hupe, Pony Hütchen und dessen Freunde kennenlernt. Gemeinsam stöbern sie den Dieb auf und können ihn nach vielen abenteuerlichen Zwischenfällen schließlich entlarven.
Verfilmung des Kinderbuch-Klassikers von Erich Kästner
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So. 18:00
TOUCH ME NOT
D/CS/BG/F 2017, 125 Min., Regie: Adina Pintilie
mit Laura Benson, Tómas Lemarqui
Eine außergewöhnliche und buchstäblich berührende Kinoerfahrung voll seelischer wie körperlicher Intimität.
Trailer zu TOUCH ME NOT
Weiterlesen... Adina Pintilies Touch Me Not ist nicht einfach ein Film. Es ist eine Erfahrung. Und eine so intime und so tiefgründige, dass man das Kino entweder frühzeitig verlässt, weil man die Macht dieser Intimität nicht ertragen kann, oder man bleibt bis zum Ende auf die Gefahr hin, dass man das Werk und die Fragen, die es sich stellt, noch lange mit sich herumtragen wird und diese vielleicht sogar ganz fundamentale Änderungen nach sich ziehen.
Touch Me Not ein besonderes Werk und das gleich aus mehreren Gründen. Zuerst ist da der Aufbau. Der Film ist ein Hybrid aus Film, Theater, Performance. Ein Teil der Erzählung rund um die drei Hauptfiguren Laura (Laura Benson), Tómas (Tómas Lamarquis) und Christian (Christian Bayerlein) ist fiktiv, die anderen Teile bestehen aus dem ehrlichen Zeigen und Ausloten der Leben  und Gefühle der SchauspielerInnen selbst, die hier die Figuren zu gleichen Teilen formen. So spielt Laura nicht Laura. Sie ist Laura, eine Frau in ihren 50ern, die ihre eigenen Fragestellungen, ihren eigenen Körper erforscht, wenn auch mitunter in einer fiktiven Handlung. Doch diese wird immer wieder von performativen oder rituellen Akten unterbrochen, die zusammen mit Menschen verübt werden, die sich darauf spezialisiert haben, anderen zu helfen, ihre Sexualität zu erforschen. Da ist Hanna (Hanna Hofmann), eine trans* Sexarbeiterin, die Laura mit Hilfe von Brahms und ihrer charmanten, offenen Art beibringt sich zu öffnen. Da ist Seani (Seani Love), der ihr mit somatischer Körpertherapie und rituellen Akten einen Weg zu ihrem Körper und ihren Ängsten eröffnet. Diesen Sessions wohnt man als Publikum bei. Sie sind intim, ehrlich und in ihrer Offenheit hebeln sie jegliches Schamgefühl aus und erlauben auch dem Publikum eine Öffnung zu finden, die eine Verbindung zum filmischen Geschehen, aber auch zu sich selbst herstellt.
Ganz ähnlich funktionieren auch die Szenen zwischen Tómas und Christian. Auch hier stehen somatische Erfahrungen im Mittelpunkt. Tómas erforscht Christians Körper - ein Körper, den man so im Kino so gut wie nie zu sehen bekommt, geschweige denn nackt und mit solch einer entwaffnenden Offenheit. Christian hat Spinale Muskelatrophie. Sein Körper entspricht nicht der Norm. Christian ist körperlich beeinträchtigt, er selbst kann sich nicht bewegen. Allein sein Dasein in Touch Me Not ist, so traurig es ist, das zu sagen, eine Sensation. Doch dabei belässt er es nicht. Seine Offenheit erlaubt einen Zugang, der sonst den meisten verschlossen ist - weil sie nie auf die Idee kämen, sich für einen Körper (und einen Menschen) mit Beeinträchtigung zu interessieren.
Adina Pintilie erlaubt hier nicht nur einen Einblick in Körper, die das Kino gern ausschließt oder entsexualisiert - eine ältere Frau mit Krampfadern, einen Mann mit Muskelschwund etc. -, sie arbeitet damit. Touch Me Not ist nicht interessiert an Voyeurismus oder dem Zur-Schau-Stellen. Nie entsteht das Gefühl, etwas Respektlosem, Ausbeutendem beizuwohnen. Der Film zeigt vielmehr etwas tief Menschliches, das sie entblößt. Nicht mit Angst, sondern aus Neugier heraus und aus dem Wunsch nach mehr Freiheit, mehr Erkenntnis. Es geht um Transformationen, um das Verkörpern des wahren Selbst und das macht auch vor der Regisseurin nicht halt. Auch sie teilt sich mit, auch sie ist im Film zu sehen. Immer wieder hält das Werk inne und Regisseurin und DarstellerInnen befragen sich selbst. Wie geht es ihnen? Ist das noch in Ordnung, was hier geschieht? Was für Erkenntnisse kann man ziehen? Es ist vor allem diese Ebene der Introspektion, die dem Werk, seinen Figuren und dem Publikum eine tiefe Seelenprüfung erlaubt und gleichzeitig immer wieder sicher stellt, dass alle Beteiligten immer noch einwilligen in diese wunderbar seelen-nackte Experiment.
Und es trifft den Kern vieler von uns in einer Zeit, die hyperkomplex und gleichsam so seltsam entkörperlicht ist. Wir alle wollen berühren und berührt werden, doch die Hemmschwellen, die Ängste, sie sind groß. Die gemeinsame Suche, auf die Touch Me Not sein Publikum einlädt, ist daher umso fundamentaler und gleichsam eine philosophische wie eine körperliche.
Umso bewundernswerter also die Arbeit, die alle Beteiligten hier hineinstecken, die Offenheit, mit der sie nicht nur ihre Körper, sondern vor allem ihre Seelen entblößen, und dies nicht nur auf visueller Ebene. Hier ist vor allem berührend, in welcher klaren und ehrlichen Kommunikation sie miteinander stehen. Selbst Sätze, die schwer fallen, die in ihrer Ehrlichkeit vielleicht brutal erscheinen, werden ausgesprochen. Und nich nur das: In einer Zeit von Hasskommentaren und Sofort-Abwertungen ist das Erstaunliche, ja fast schon revolutionäre, dass sie dankend angenommen werden.
All dies gießt Pintilie in helle, oftmals relativ leere Bilder, die viel mit Weiß und Weißraum spielen, ganz so, als wollten sie nicht ablenken vom eigentlichen Geschehen und genügend Raum geben für all die Dinge, die hier geschehen und erforscht werden.
Touch Me Not ist ein Selbstfindungstrip. Als Film ist er aber auch ein mutiges, experimentelles Werk, das Themen, Menschen, Körper und Emotionen ins Kino bringt, die man sonst niemals sieht. Allein deswegen ist er es schon, wert gesehen zu werden. Und wer weiß, vielleicht ist da ja noch mehr. (kino-zeit.de)
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