Eine faszinierende Studie zur Welt aus Sicht eines Federviehs
Weiterlesen...Die Henne drückt und drückt und schließlich presst sie das Ei heraus. Die ganze Breitwandleinwand nimmt dieses Bild ein, der mindestens ungewöhnliche Beginn eines Films, der noch viele Überraschungen bereithalten wird. Das Ei plumpst auf ein Fließband, bald wird ein Küken geboren, das in der Masse seiner Artgenossen nur deswegen zu erkennen bleibt, da es ein schwarzes Gefieder hat. Wir befinden uns in einer Hühnerfabrik, in der industriell gezüchtet wird, unter zumindest fragwürdigen Umständen. Unser Huhn jedenfalls wächst heran, soll bald verladen werden, doch seine Farbe, sein Anderssein macht es unbrauchbar. Im Suppentopf eines LKW-Fahrers soll es landen, doch bei einem Halt nimmt das Huhn Reißaus, stolpert durch die griechische Provinz, irgendwo in der Nähe der Küste – und landet schließlich in einem abgelegenen Haus. Hier lebt ein älterer Mann mit seiner Tochter und deren Kind, genießt das einfache Leben und beobachtet die Aktivitäten des Schwiegersohns mit Argusaugen. Der verdingt sich als Schmuggler, nutzt das abgelegene Haus, um die Ware zwischenzulagern, zu der bald auch Flüchtlinge zählen. Währenddessen harrt die Henne im Käfig der Dinge, lässt sich vom Hahn begatten und legt jeden Tag ein Ei. Zu erleben, dass aus diesem Ei ein Küken schlüpft ist ihr jedoch nicht vergönnt: Jeden Morgen sammelt der Mann die Eier ein und schlägt sie in die Pfanne. Es mag sich merkwürdig anhören: Aber wenn das Huhn den Mann durchs Fenster dabei beobachtet, wie er die Eier aufschlägt, das Eigelb kurz im Glas schwimmt, bevor es zerschlagen wird, dann meint man auf dem Gesicht der Henne so etwas wie Trauer zu sehen. Dies ist einerseits dem Kuleschow-Effekt geschuldet, einem Effekt des Filmschnitts, der besagt, dass Zuschauer ein Bild nicht isoliert betrachten, sondern durch die vorhergehenden und folgenden Bilder in ihrer Interpretation beeinflusst werden. Zum anderen dem außerordentlichen Einfallsreichtum des ungarischen Regisseurs György Pálfi, der es gewagt hat, einen Film fast komplett aus Sicht eines Huhns zu erzählen, dabei aber auf Computerbilder verzichtet. Monatelang wurden die acht Hühner, die gemeinsam die Hauptrolle übernehmen, trainiert, an die Anwesenheit von Menschen gewöhnt und „agierten“ dann vor der Kamera von Giorgos Karvelas. Manche der Hühner waren besonders gut beim Picken, andere beim Springen, andere überzeugten bei Nahaufnahmen durch geradezu menschliche Emotionen. Doch was ist menschliches Verhalten, was Tierisches, was einfach Natürliches? Allegorisch stellt Pálfi das Leben eines Huhns und einen Ausschnitt aus der Welt der Menschen nebeneinander, erzählt vom Eingesperrtsein, von Fluchtgedanken, von Migration, von Eltern und ihren Kindern. Ähnlich wie manch andere Spiel- und Dokumentarfilme jüngerer Vergangenheit, Jerzy Skolimowski’s „EO“ etwa, in dem ein Esel im Mittelpunkt stand, oder Victor Kossakovsky „Gunda“ in dem es um Schweine ging, suggeriert auch György Pálfi nicht einfach, dass es keine Unterschiede zwischen Menschen und Tieren gibt. Stattdessen wirft er Fragen in den Raum, deutet Ähnlichkeiten an, zeigt, wie fragwürdig wir Menschen uns oft verhalten, wenn wir Tiere einsperren, aber auch andere Menschen. Was anfangs als amüsanter Tierfilm begann, der harmlos wirkte, entwickelt sich so bald zu einer erstaunlich komplexen, ambivalenten Studie über Tier und Mensch, über die Natur und ethische Fragen, die allzu oft ignoriert werden. (programmkino.de)Ausblenden
AMORE UND BASTA! DF
2 cuori e 2 capanne – IT 2026, 108 Min. Regie: Massimiliano Bruno
mit Edoardo Leo, Claudia Pandolfi, Gianmarco Tognazzi
Italienische Feelgood-Komödie von einem ungleichen Paar wider Willen
Weiterlesen...Als sich Valerio und Alessandra kennen lernen, funkt es sofort. Nicht in Hinblick auf die große Liebe, mehr in Hinsicht darauf, dass sie als Sexualpartner perfekt zueinander passen, und das umso mehr, weil er unfruchtbar ist und sie über Jahre hinweg nicht schwanger werden konnte. Nach dem Sex wirft Alessandra Valerio jedoch raus. Übernachten muss schließlich nicht sein. Während Valerio zum Direktor der Schule ernannt wird und sich ganz neue Probleme ergeben, merkt Alessandra, dass sie schwanger ist. Erst denkt sie, Valerio hätte sie belogen, doch seine Chance, Vater zu werden, liegt gerade mal bei 0,1 Prozent. Geklappt hat es dennoch, woraufhin die beiden sich fragen, wie es weitergehen soll. Können zwei so unterschiedliche Menschen zusammenkommen oder zumindest einen Konsens finden, um das Kind gemeinsam großzuziehen? „Amore und Basta“ lässt die betretenen Pfade etwas links liegen, weil es nicht nur darum geht, zu sehen, wie zwei sehr unterschiedliche Menschen versuchen, sich zusammenzuraufen, sondern auch gesellschaftliche Themen aufgegriffen werden. So hat man einen fast schon typischen Mann, der bei einem Date die Rechnung bezahlen will und sich als Ritter in der Not generiert, wenn es opportun ist, und eine Frau, die sich für feministische Ideen einsetzt. Als sie ihm erzählt, dass sie schwanger ist, haben beide eine Vorstellung davon, wie der jeweils andere auf das Kind Einfluss haben könnte. Ihr graut es, dass der Junge unter Valerio zum rüden Sportfan wird, er fürchtet, seine Tochter könnte eine Revoluzzerin werden. Liebe gibt es zwischen beiden nicht, und doch möchte Valerio es probieren, wird jedoch von Alessandra abgeblockt. Die Frage, die sich nun stellt: Können sie zumindest Freunde sein, um gemeinsam im Leben ihres Kindes wirken zu können? Das wird recht unaufgeregt erzählt. Hier herrscht kein brachialer Humor vor, eher ist der Film auf subtile Art amüsant. Man schmunzelt, während man dem Leben dieser beiden Menschen (und ihrem jeweils auf sie zugeschnittenem Umfeld) zusieht. Die Chemie zwischen den Schauspielern ist gut. Sie unterstützt, dass zwischen Valerio und Alessandra dann doch mehr als Freundschaft wird. Weil beide sich zusammenraufen und gar nicht merken, wie sich ihre Gefühlswelt verändert. Der Film schafft es, die Balance zwischen Freundschaft und Liebe, Drama und Komödie und Progressivität und Konservatismus zu wahren. Es gelingt ihm, die damit einhergehenden Nuancen zu kombinieren. Herausgekommen ist ein kleiner, sympathischer Film für ein Publikum, das sich unspektakulär, aber von lebendigen Figuren unterhalten lassen will. (programmkino.de)Ausblenden