Ástin sem eftir er – ISL/DK/S/F 2025, 109 Min. Regie: Hlynur Pálmason
mit Saga Garðarsdóttir, Sverrir Gudnason, Ída Mekkín Hlynsdóttir
Kontemplatives Familienleben mit Hund an der Küste Islands
Weiterlesen...Dass auch nach der Trennung eine tiefe Verbundenheit zwischen den einst Liebenden herrschen kann, ist weder neu noch ungewöhnlich. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass meist eine Person besser mit der Situation umgehen kann. So ist es auch in der Tragikomödie »The Love That Remains«. Mit verspieltem Minimalismus und fantastisch-surrealen Sequenzen erzählt Hlynur Pálmason davon. Die sinnlichen Bilder von Islands Natur und die vielen absurden Szenen mit ritterähnlichen Vogelscheuchen, Pfeilen in der Brust eines Jungen und übergroßen wütenden Hähnen aber untergraben den Schmerz der Trennung, Distanzierung und Entfremdung. Das Leben von Anna (Saga Garðarsdóttir) und Magnús (Sverrir Guðnason) mit ihren drei Kindern samt Annas Eltern und Bruder scheint unaufgeregt harmonisch – obwohl sie getrennt sind. Den Eindruck verstärkt ein träumerischer Klavier-Score. Maggie, wie alle Magnús nennen, arbeitet als Hochseefischer und ist ohnehin häufig tagelang auf See. Anna hofft auf ihren Durchbruch als Schöpferin riesiger Bilder, für die sie mit Metallen und deren Oxidation arbeitet. Gemeinsam machen sie in der kargen Natur Islands mit den Kindern Ausflüge, sammeln Pilze und Beeren, jagen Fische, aalen sich in der matten Sonne, gehen eislaufen. Liebevoll ist der Umgang, oft auch ausgelassen albern. Doch irgendwann bekommt diese Idylle Risse. Magnús scheint immer weniger mit der Trennung zurechtzukommen, Anna wird immer distanzierter. Bis sie meint, ihn zu hassen, was wenig glaubwürdig ist. Pálmason folgt dieser Familie ein Jahr lang, lässt den Wechsel der Jahreszeiten in kurzen Sequenzen an einer skurrilen Skulptur (Kunst oder Vogelscheuche?) im Zeitraffer dahinstreichen, wählt lange Detaileinstellungen von Flora und Fauna und entwickelt damit einen fesselnden, fast hypnotischen Sog, dem man sich gern hingibt. Doch diesem Sog folgt auch die Erzählung, die oft nicht nachvollziehbar ist und sich in den fantastischen Visionen verliert. Nach dem Besuch eines selbstgefälligen Galeristen aus Schweden, der am Ende Annas Werke doch ablehnt, sieht sie sein Flugzeug über dem Meer abstürzen. Nachdem Magnús auf Wunsch von Anna einen aggressiven Hahn getötet hat, sucht der ihn in Übergröße in einer beängstigenden Attacke heim. Oder Magnús blickt bei einem Picknick unter den Rock Annas, der im leichten Wind zu tanzen scheint. Realität oder Traum? Hin und wieder schlägt Pálmason ernstere Töne an, etwa wenn es um den Verlust von Männlichkeit zu gehen scheint oder um Annas Selbstbehauptung als Künstlerin und Frau. Doch dann driftet die Erzählung wieder ins Absurde ab. Und Pálmason berauscht sich an Naturdarstellung und metaphorischer Überfrachtung. Am Anfang ist da eine leerstehende Halle, aus der die Fenster bereits ausgebaut sind, ein Kran außerhalb des Bildes hebt das Dach ab, das Gemäuer bleibt unerschütterlich stehen. Schon da ist klar, dass es um die Familie, um Beziehungen und ihre Kraft geht. »The Love That Remains« lässt einen etwas ratlos zurück – und träumerisch verzaubert. (epd-film)Ausblenden
FÜR IMMER 16
D 2026, 73 Min. Regie: Brezel Göring
mit Lilith Stangenberg, Mücke, Twiggy, Chang Wang
Herrlich verspielte und stereo total schräge Dramödie - mit musikalischer Rahmung zur Vorstellung am 15.09.!
Weiterlesen...Charlotte (Lilith Stangenberg), Helena (Mücke) und Oskar (Chang Wang) treffen sich nach langer Zeit wieder und fahren zusammen in den Urlaub. Aber bereits am Flughafen brechen alte Streitereien wieder auf. So richtig eskaliert das Geschehen in „Für immer 16“ aber, als sich alle drei in denselben Mann verlieben. Was nach einem konventionellen Drama klingt, entpuppt sich als einer der schrägsten Filme, die es dieses Jahr im Kino zu sehen geben wird. Das mit 16mm-Analogmaterial gedrehte Regiedebüt von Brezel Göring, vor allem als eine Hälfte des 2021 aufgelösten Synthiepop-Duos Stereo Total bekannt, frönt hier hemmungslos dem Unperfekten. Unschärfen, unsichere Kameraführung, Filmrisse, eine sprunghafte Handlung und Darsteller*innen, die auch schon mal in die Linse gucken und den Text aus dem Off einsprechen, wobei sie sich nur wenig um Lippensynchronität scheren – dieser Mix lässt einen erstmal höchst irritiert vor der Leinwand sitzen. Doch schnell ist klar, der Wahnsinn hat Methode: Der praktisch nonstop von Stereo-Total-Musik untermalte Film ist ein anarchistischer Trip, der sich durch Liebe zum Trash, zum Unfug, Freude an der Verkleidung, an Provokation und wildem Sound auszeichnet – und so mitunter an das filmische Anarcho-Universum von Helge Schneider erinnert. Charlotte, Helena und Oskar waren früh eng befreundet und haben als „Enfants Terribles“ Amateurfilme gedreht. Aber dann hat Charlotte die Gruppe im Streit verlassen und beim Fernsehen Karriere gemacht. Helena und Oskar sind hingegen verarmt, Helena strauchelt zudem mit ihrer Alkoholabhängigkeit. Nach Jahren der Funkstille wollen sie es nun noch mal versuchen und starten einen von Charlotte bezahlten Urlaub. Allerdings brechen die alten Wunden schnell wieder auf, zudem verlieben sich alle drei in Rudolph (Twiggy). Die Spannungen lassen nur etwas nach, als man beschließt, die alte Leidenschaft wieder aufleben zu lassen und einen Amateurfilm-Krimi zu drehen. Doch als Helena Rudolph versehentlich (oder auch absichtlich) tötet, spielt sich auch in der Realität ein kleiner Krimi ab – was das Trio einander wieder näher bringt ... Für die Korrektheit der Inhaltsangabe wird an dieser Stelle explizit keine Garantie übernommen! „Für immer 16“ wirkt, als ob die musikalische Philosophie von Stereo Total auf einen Film übertragen und dementsprechend viel improvisiert wurde. Sprich, die Betonung liegt eher auf einzelnen, oft absurden Momenten als auf dem großen Ganzen. Was aber im Umkehrschluss nicht Willkür bedeutet: Das Geschehen kreist um Motive wie dem Hadern mit dem Alter und der Liebe und arbeitet mit zunehmender Laufzeit eine gewisse feministische Attitüde heraus. Apropos Stereo Total: Es ist angeraten, sich vorher etwas mit der Band zu beschäftigen, deren ungewöhnliche Musik zwar meist in der Synthiepop-Ecke einsortiert wird, aber deutlich vielschichtiger ist, ebenso auf Punk-, Garage-Rock-, Chanson-, Elektro- und Lo-Fi-Elemente zurückgreift. Wer mit der Musik – zwischen 1995 und 2021 wurden insgesamt 13 Alben veröffentlicht – so gar nichts anfangen kann, hat hier schlechte Karten. Auch in anderer Hinsicht ist der Film eng mit Stereo Total verknüpft. Das Drehbuch basiert nämlich auf dem gleichnamigen, unvollendeten Roman von Françoise Cactus. Das Werk der im Februar 2021 verstorbenen zweiten Hälfte des Duos ist 2024 im Rahmen der Textsammlung „Oh Oh Mythomanie“ im Ventil Verlag erschienen. Cactus hatte in der Band nicht nur – mit einem charakteristischen französischen Akzent – gesungen und Schlagzeug gespielt, sondern war auch fast 28 Jahre lang die Lebensgefährtin von Göring. Bei „Für immer 16“ handelt es sich also um eine zutiefst persönliche Angelegenheit; vermutlich wurde die Figur der Charlotte auf gewisse Weise von Cactus beeinflusst, denn sie war ebenfalls überzeugte Raucherin. (filmstarts)Ausblenden