Herrlich verspielte und stereo total schräge Dramödie - mit musikalischer Rahmung zur Vorstellung am 15.09.!
Weiterlesen...Charlotte (Lilith Stangenberg), Helena (Mücke) und Oskar (Chang Wang) treffen sich nach langer Zeit wieder und fahren zusammen in den Urlaub. Aber bereits am Flughafen brechen alte Streitereien wieder auf. So richtig eskaliert das Geschehen in „Für immer 16“ aber, als sich alle drei in denselben Mann verlieben. Was nach einem konventionellen Drama klingt, entpuppt sich als einer der schrägsten Filme, die es dieses Jahr im Kino zu sehen geben wird. Das mit 16mm-Analogmaterial gedrehte Regiedebüt von Brezel Göring, vor allem als eine Hälfte des 2021 aufgelösten Synthiepop-Duos Stereo Total bekannt, frönt hier hemmungslos dem Unperfekten. Unschärfen, unsichere Kameraführung, Filmrisse, eine sprunghafte Handlung und Darsteller*innen, die auch schon mal in die Linse gucken und den Text aus dem Off einsprechen, wobei sie sich nur wenig um Lippensynchronität scheren – dieser Mix lässt einen erstmal höchst irritiert vor der Leinwand sitzen. Doch schnell ist klar, der Wahnsinn hat Methode: Der praktisch nonstop von Stereo-Total-Musik untermalte Film ist ein anarchistischer Trip, der sich durch Liebe zum Trash, zum Unfug, Freude an der Verkleidung, an Provokation und wildem Sound auszeichnet – und so mitunter an das filmische Anarcho-Universum von Helge Schneider erinnert. Charlotte, Helena und Oskar waren früh eng befreundet und haben als „Enfants Terribles“ Amateurfilme gedreht. Aber dann hat Charlotte die Gruppe im Streit verlassen und beim Fernsehen Karriere gemacht. Helena und Oskar sind hingegen verarmt, Helena strauchelt zudem mit ihrer Alkoholabhängigkeit. Nach Jahren der Funkstille wollen sie es nun noch mal versuchen und starten einen von Charlotte bezahlten Urlaub. Allerdings brechen die alten Wunden schnell wieder auf, zudem verlieben sich alle drei in Rudolph (Twiggy). Die Spannungen lassen nur etwas nach, als man beschließt, die alte Leidenschaft wieder aufleben zu lassen und einen Amateurfilm-Krimi zu drehen. Doch als Helena Rudolph versehentlich (oder auch absichtlich) tötet, spielt sich auch in der Realität ein kleiner Krimi ab – was das Trio einander wieder näher bringt ... Für die Korrektheit der Inhaltsangabe wird an dieser Stelle explizit keine Garantie übernommen! „Für immer 16“ wirkt, als ob die musikalische Philosophie von Stereo Total auf einen Film übertragen und dementsprechend viel improvisiert wurde. Sprich, die Betonung liegt eher auf einzelnen, oft absurden Momenten als auf dem großen Ganzen. Was aber im Umkehrschluss nicht Willkür bedeutet: Das Geschehen kreist um Motive wie dem Hadern mit dem Alter und der Liebe und arbeitet mit zunehmender Laufzeit eine gewisse feministische Attitüde heraus. Apropos Stereo Total: Es ist angeraten, sich vorher etwas mit der Band zu beschäftigen, deren ungewöhnliche Musik zwar meist in der Synthiepop-Ecke einsortiert wird, aber deutlich vielschichtiger ist, ebenso auf Punk-, Garage-Rock-, Chanson-, Elektro- und Lo-Fi-Elemente zurückgreift. Wer mit der Musik – zwischen 1995 und 2021 wurden insgesamt 13 Alben veröffentlicht – so gar nichts anfangen kann, hat hier schlechte Karten. Auch in anderer Hinsicht ist der Film eng mit Stereo Total verknüpft. Das Drehbuch basiert nämlich auf dem gleichnamigen, unvollendeten Roman von Françoise Cactus. Das Werk der im Februar 2021 verstorbenen zweiten Hälfte des Duos ist 2024 im Rahmen der Textsammlung „Oh Oh Mythomanie“ im Ventil Verlag erschienen. Cactus hatte in der Band nicht nur – mit einem charakteristischen französischen Akzent – gesungen und Schlagzeug gespielt, sondern war auch fast 28 Jahre lang die Lebensgefährtin von Göring. Bei „Für immer 16“ handelt es sich also um eine zutiefst persönliche Angelegenheit; vermutlich wurde die Figur der Charlotte auf gewisse Weise von Cactus beeinflusst, denn sie war ebenfalls überzeugte Raucherin. (filmstarts)Ausblenden
AUF ZWEI RÄDERN DF
À bicyclette! – F 2025, 89 Min. Regie: Mathias Mlekuz
mit Mathias Mlekuz, Philippe Rebbot, Josef Mlekuz
Eine bipedale Trauerbewältigung quer durch Europa
Weiterlesen...Seit Ende der 90er Jahre steht der fast 60jährige Mathias Mlekuz vor der Kamera, ist meist in Nebenrollen zu sehen, oft in Komödien, in Filmen, die nur in den seltensten Fällen den Weg in die deutschen Kinos fanden. Vor einigen Jahren drehte Mlekuz dann seinen ersten eigenen Film, dem nun mit „Auf zwei Rädern“ ein zweiter folgte. Anlass war ein schreckliches Ereignis, der Tod seines Sohnes Youri, der im September 2022 starb, der sich im Alter von 28 Jahren das Leben nahm. Einige Jahre zuvor hatte sich Youri auf eine große Fahrradtour begeben, die ihn von der französischen Atlantikküste bei La Rochelle über Deutschland, Ungarn und Rumänien bis in die Türkei, zum Zielort Istanbul führte. Dort hatte er eine Freundin, die nun, nach Youris Tod, Ziel einer Wiederholung der Reise ist. Die Reiseroute bilden Fotos, die Youri auf seinem Weg gemacht hat und in einem kleinen Bildband abdruckte. Dieses Buch haben Mathias Mlekuz und sein Freund Philippe Rebbot – ebenfalls ein französischer Schauspieler, geboren in Marokko – im Gepäck, als sie sich auf den Weg machen. Besonders fit sind die beiden Herren im nur scheinbar besten Alter zwar nicht, unter dem Hemd wölbt sich gerade bei Mlekuz ein gut genährter Bauch, auch auf einem Rad haben sie lange nicht gesessen, schon gar nicht stunden- tagelang. Und dass die Nächte in einem Zelt verbracht werden, sorgt erst recht für ächzende Knochen. Aber es soll ja auch nicht um Spaß gehen, sondern um ein Nachspüren der Wege Youris, um eine lange Reise, ja, eine Art Pilgerfahrt, bei der man im besten Fall kleine Antworten auf Fragen bekommen wird, vor allem natürlich auf die Frage des „Warum?“ Denn Youri hat keinen Brief, keine Nachricht hinterlassen, er ist gegangen und hat seinen Freunden und Eltern Rätsel hinterlassen, bzw. vor allem seinem Vater, denn eine Mutter taucht nicht auf, vielleicht wollte sie nicht in der filmischen Trauerbewältigung von Mathias Mlekuz auftauchen, man erfährt es nicht. Ohnehin bleiben Antworten rar, sehr wenig erfährt man über Youri und sein Leben, stattdessen konzentriert sich Mlekuz darauf zu zeigen, was er selber und seinen Freu Phillippe Rebbot auf der langen Fahrt erleben. Immer wieder kürzen sie die Strecke ab, fahren mal per Anhalter, mal per Bus weiter, auch im Zelt wird nicht immer konsequent übernachtet, wer will es den nicht mehr ganz jungen Herren verdenken? Immerhin führt dies auch zu einer besonders amüsanten Episode, bei der das Duo in Wien in einem Airbnb einer extrem pingeligen Frau übernachten, die ihnen umständlich per Handy-Übersetzungen die ausufernden Regeln erklärt, die in ihrer Wohnung gelten. Eine der deutlicher inszenierten Szenen in einem Film, der oft bewusst die Grenzen zwischen Fiktion und Dokumentation verschwimmen lässt. Mit mobiler, meist leicht wackeliger Kamera gefilmt, bemüht sich Mlekuz um einen authentischen Look, so als hätte das Duo seine Reise tatsächlich so unternommen. Auch wenn dieser Ansatz meist eher etwas vorgetäuscht wirkt, passt er doch zu einer losen, durch die Form vorgegebenen anekdotischen Form, die eher langsam dahinplätschert, als von dramatischen Höhepunkten geleitet zu sein. So lebt „Auf zwei Rädern“ weniger von bemerkenswerten Erkenntnissen oder Einblicken, als vom Charme seiner beiden unkonventionellen Hauptfiguren, die auf dem Weg nach Istanbul lachen und streiten, interessanten Menschen begegnen und im Zweifelsfall lieber ein Glas zu viel als zu wenig trinken. Am Ende haben sie dann vor allem Antworten über sich selbst gefunden, aber das ist ja auch nicht das Schlechteste. (programmkino.de)Ausblenden