Inklusion in Bild und Ton – D 2025, 94 Min. Regie: Annelie Boros
Vier Menschen auf Mission wider den Pflegenotstand. Mit Filmgespräch
Weiterlesen...Der vom Hals abwärts gelähmte Aktivist Samuel, einer der Protagonisten von Annelie Boros‘ Dokumentarfilm „Die zärtliche Revolution“ streitet ab, dass der Unfall, durch den er in den Rollstuhl gezwungen wurde, der Grund für seine Behinderung ist. „Es ist die Gesellschaft, die mich behindert.“ Damit bringt er diesen anrührenden Film auf den Punkt: Es geht um Menschen, die mit selbstloser, überhaupt nicht bis schlecht bezahlter Care-Arbeit ein Pflegesystem aufrechterhalten, in dem gern von Inklusion gesprochen wird. Doch in Wirklichkeit werden Menschen mit Einschränkungen in diesem System von der gesellschaftlichen Teilhabe ausgeschlossen. Annelie Boros lässt in ihrem Dokumentarfilm Menschen zu Wort kommen, denen sonst, wenn überhaupt, nur widerwillig zugehört wird. Da ist die polnische Pflegerin Bozena, die hier in Deutschland ihre Patienten rund um die Uhr betreut und dafür in Kauf genommen hat, dass es in ihrem eigenen Leben zu fundamentalen Änderungen gekommen ist. Jetzt unterstützt Bozena andere Betroffene in ihrem Kampf um ein menschenwürdigeres Pflegen für Patienten und Pflegende. Wir lernen den mit einem herrlich losen Mundwerk gesegneten Hamburger Arnold kennen, der sich 24 Stunden am Tag um seinen behinderten Sohn Nico kümmert. Trotzdem findet Arnold auch noch die Zeit, sich für die dringend notwendige Verbesserung der Situation pflegender Angehöriger einzusetzen. Die Klimaaktivistin Amanda erzählt uns davon, wie der Klimawandel den Lebensraum ihrer Familie in Peru zerstört, und erklärt, warum es einen Zusammenhang zwischen einer gesunden Erde und gesunden Menschen gibt. Und da ist natürlich noch der eingangs erwähnte Rollstuhlfahrer Samuel, der auf vieles in seinem ohnehin schon eingeschränkten Leben verzichtet, um ein inklusives Wohnprojekt zu realisieren und um seine Situation auf politischem Weg zu verbessern. Schließlich bringt Frau Boros auch noch ihre eigenen Erfahrungen in den Film mit ein: Sie erzählt vom unerwarteten Selbstmord eines WG-Mitbewohners und fragt beharrlich, ob er in einer liebevolleren, fürsorglicheren Welt vielleicht noch am Leben wäre. Die Menschen in „Die zärtliche Revolution“ haben eines gemeinsam: die Erkenntnis, dass unser sogenanntes Pflegesystem niemals ein System, sondern nur ein Notbehelf war, der schon seit geraumer Zeit nicht mehr funktioniert. Doch sie belassen es nicht bei bloßen Lippenbekenntnissen, die die meisten Politiker in die Mikrofone der Medien hineinreden, sondern sie haben bereits begonnen, an der Veränderung der zahlreichen Missstände zu arbeiten. Annelie Boros berichtet von der titelgebenden „zärtlichen Revolution“, die in unserem Land seit einiger Zeit im Gange ist. Doch wird diese Revolution Erfolg haben? Werden sich die Dinge tatsächlich zum Besseren wenden? Frau Boros stellt viele Fragen, aber sie neigt dankenswerterweise weder zum Predigen noch zur Schulmeisterei: Sie zeigt die Situation der Menschen, lässt Betroffene zu Wort kommen und ihren Alltag schildern – einen Alltag, der für andere Menschen ein kaum erträglicher Ausnahmezustand wäre. Wenn man sich als nicht betroffener Zuschauer die Frage stellt, wie lange man das aushalten würde, was Pflegende tagtäglich durchmachen, muss die ehrliche Antwort „allerhöchstens ein paar Tage“ lauten. „Die zärtliche Revolution“ macht überdeutlich, dass wir in einer Zeit leben, in der Empathie und die daraus zwingend erfolgende Hinwendung zum hilfsbedürftigen Menschen zwar ständig propagiert, aber tatsächlich geringgeschätzt, oft sogar verachtet wird. Gleichzeitig wird deutlich, wie hirnrissig diese Haltung ist. Wir haben es, unabhängig von Alter und Gesundheitszustand, mit einem blindwütig zuschlagenden Schicksal zu tun. Das heißt: Jeder von uns kann von einem Tag zum andern auf die Hilfe anderer angewiesen sein. Menschen, die anderen Menschen helfen, sollten also gesellschaftlich unterstützt, nicht benachteiligt werden. Doch wie ist dieser unhaltbare Zustand zu ändern? „Die zärtliche Revolution“ bietet keine einfachen Lösungen an, die ohnehin nicht funktionieren. Der gesamte Film ist ein Appell an die Menschen, im eigenen Umfeld, im sogenannten „Kleinen“ anzufangen, die Dinge zum Besseren zu verändern und dabei zu hoffen, dass aus dem Schneeball, den man dabei formt, eine Lawine wird. (programmkino.de)Ausblenden
DO YOU LOVE ME frz. OmU
Nahost – F/D/LIB 2026, 75 Min. Regie: Lana Daher
Ein audiovisueller Ritt durch 70 Jahre Leben im Libanon
Weiterlesen...Wie setzt man eine Nation ins Bild, die kein nationales Archiv besitzt und in deren Schulen es keine einheitlichen Geschichtsbücher gibt? Vielleicht, indem man selbst in die Archive hinabsteigt und das zutage Geförderte zu etwas Subjektivem verwebt. So hat es zumindest die Künstlerin und Regisseurin Lana Daher getan – und eine kunstvolle Collage über ihr Heimatland erschaffen, die gleichzeitig eine Liebeserklärung an ihre Heimatstadt ist. Das am Mittelmeer gelegene Land sei winzig, erklärt die Touristenführerin ihrer Reisegruppe, nur 200 Kilometer lang und 50 Kilometer breit, also gerade einmal 10.000 Quadratkilometer groß. Mitreisende blicken verdutzt in die Kamera, sobald sie diese gewahr werden, während die Führerin im Bildhintergrund weitere Fakten vorträgt. Trotz der geringen Größe sei das Land reich an Kulturen und Konfessionen. „Vielleicht haben wir deshalb so viele Probleme“, sagt sie. Ein paar Schnitte später behauptet ein Fischer in seinem Boot das Gegenteil, nämlich dass all die Glaubensgemeinschaften prima miteinander auskämen. Erst als jemand hinter der Kamera kritisch nachhakt, rudert er zurück. In beiden Aufnahmen, die aus unterschiedlichen Jahrzehnten stammen, ist die Rede vom Libanon. Die im Journalismus wichtigen W-Fragen, also wer hier wo, wann, wie und weshalb im Bild zu sehen ist, lassen sich während der Rezeption von Lana Dahers Film nicht nachvollziehen; lediglich aus dem Kontext erschließen. Wer sich die Mühe machen möchte, kann nach dem Kinobesuch aber jede einzelne der unzähligen Archivaufnahmen auf einer eigens zum Film erstellten Webseite recherchieren. Die Überwältigung des Publikums durch die schiere Bilderflut hat indessen Methode. Das Presseheft zum Film führt die „Orientierungslosigkeit als Stilelement“ an, verweist somit auf eine Spiegelung von Inhalt und Form: einem Land, in dem seit Dekaden bisweilen chaotische Zustände herrschen, ist anscheinend nur mit einer Erzählweise beizukommen, die die Sinne verwirrt. Das leuchtet ein, greift aber zu kurz. Denn Do You Love Me lässt sich – wie die unzähligen Stimmen, die darin zu Wort kommen – nicht auf einen einzigen Aspekt reduzieren. Lana Daher, 1983 während des libanesischen Bürgerkriegs geboren, hat neben Filmregie auch Bildende Kunst und Grafikdesign studiert. Sie lebt und arbeitet bis heute in Beirut. Der Stadt, die einst als „Paris des Orients“ galt, hat sie mit ihrem ersten abendfüllenden Kinofilm, der seine Weltpremiere bei den 82. Internationalen Filmfestspielen von Venedig feierte, einen Liebesbrief geschrieben. Die dafür verwendete Collagetechnik, die an My Stolen Planet (2024) der Exil-Iranerin Farahnaz Sharifi erinnert, macht Dahers Film auch zu einem assoziativen Gedankenstrom und zu jenem „audiovisuellen Gedächtnis[ses] des Libanons“, als den ihn der Produzent Jean-Laurent Csinidis bezeichnet. Vor allem aber macht der Film Hoffnung.In den Bewegtbildern und Fotografien, die aus der libanesischen Film- und Fernsehlandschaft und privaten Beständen stammen und sieben Jahrzehnte umfassen, ist viel Leid, Zerstörung und Trauer zu sehen. Mal sind diese Aufnahmen wie in einem Thriller aus den 1970ern, inklusive der entsprechenden musikalischen Begleitung, mal wie in einem Kriegsdrama, mal in wie einer nachrichtlichen Doku montiert. Lana Daher spart die glücklichen Seiten des Lebens aber nicht aus: kontemplative Momente am Meer, Tanz und Musik auf Hochzeits- und Familienfeiern, ein „Kessel Buntes“ in Unterhaltungssendungen im TV. Der audiovisuelle Fluss, der keiner Chronologie folgt, kommt einem Blättern in historischen Zeitschriften gleich, das auf jeder Seite andere Moden und Geschmäcker bietet: Schlaghosen treffen auf Schulterpolster, Schnurrbärte auf Dauerwellen und folkloristische Musik auf libanesischen Hip-Hop amerikanischen Zuschnitts. Verschiedene Themenkomplexe abschreitend kommt irgendwann die Frage auf, ob besagte „Orientierungslosigkeit“ längst zu einer selbsterfüllenden Prophezeiung geworden sei. Wird folglich das Chaos im Land einfach von Generation zu Generation weitergereicht, weil niemand mehr die Zustände hinterfragt, sondern sie als gegeben hinnimmt? Do You Love Me, der nicht zuletzt die titelgebende Frage stellt, ob man ein Land wie den Libanon lieben könne, überlässt die Antworten dem Kinopublikum, indem er widerstreitende Positionen vermittels der Filmmontage in einen Dialog treten lässt. Lösungen haben Lana Daher und ihre kunstvolle und, wenn man ihr einen Vorwurf machen wollte, augenfällig unpolitische Collage freilich nicht parat. Der furiose Ritt durch 70 Jahre Libanon ist aber auf alle Fälle einen Kinobesuch wert. (kino-zeit.de)Ausblenden