Auf der Suche nach Folk-Klängen am "Brokeback Mountain"
Weiterlesen...„Mein Vater sagte, es sei ein Gottesgeschenk, dass ich Musik sehen kann“, berichtet der Ich-Erzähler. Auch Buchstaben haben für ihn eine Farbe, bei einem D etwa sieht er immer Gelb. Was wie ein Drama über Synästhesie beginnt, wandelt sich schnell zu einer Lovestory um zwei junge Musikliebhaber. 1917 bekommt der begabte Bauernjunge Lionel (Paul Mescal) ein Stipendium und kann am Konservatorium in Boston studieren. Dort lernt er in einer Kneipe den talentierten Pianisten David (Josh O’Connor) kennen. Die beiden verstehen sich sofort. Nicht nur musikalisch liegen sie auf einer Wellenlänge. Am Morgen danach scheint das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zu werden. Beide gehen ihre Beziehung gleichermaßen entspannt und unaufgeregt an. Als David nach Europa in den Krieg zieht, meint Lionel nur lakonisch: „Bring mir Schokolade mit.“ Zwei Jahre herrscht Funkstille, dann erhält der auf seine Farm in Kentucky zurückgekehrte Lionel überraschend einen Brief. David möchte ihn als Begleiter haben auf seiner Reise durch die Provinz. Ziel ist es, Folksongs zu dokumentieren und mit einer Edison-Wachswalze aufzunehmen. Zunächst herrscht fröhliches „Brokeback Mountain“-Feeling. Bald jedoch folgen Streit und Trennung. Lionel verschlägt es als Chorsänger nach Rom und Oxford. In der Ewigen Stadt trennt er sich emotionslos von seinem jungen Italo-Lover. In der britischen Unistadt geht es seiner reichen Verlobten ganz ähnlich. „Wäre eine Familie gründen für dich in Ordnung?“ erinnert er sich rückblickend an eine Frage von David. Nun begibt Lionel sich auf Spurensuche nach seinem Freund. Am Konservatorium von Maine wird er tatsächlich fündig. Doch es warten ziemlich verwirrende Erkenntnisse der überraschenden Art auf ihn. Der südafrikanische Regisseur Oliver Hermanus („Moffie“) lässt sich bewusst Zeit, diese Geschichte um die Freundschaft, Liebe und Leidenschaft zweier junger Musikliebhaber stimmungsvoll zu entwickeln. Er setzt auf psychologische Präzision und emotionale Plausibilität. So lässig die Lover ihre Beziehung angehen, so entspannt fällt die Dramaturgie aus. Da wird durch pittoreske Wälder gewandert. Immer wieder kehrt man ein in abgelegene Dörfer, wo die Einwohner gemeinsam Musik machen und ihre Folk-Musik zelebrieren. Die Klänge nehmen die Feldforscher mit einer Edison-Maschine auf, die auf Wachszylindern die Töne festhält. Mit auffallend großer Liebe fürs Detail sind Ausstattung und Kostüme gestaltet. Die Kamera feiert diese authentischen Tableaus regelrecht und fängt sie in atmosphärisch starken Bildern ein. Deren Wirkung wird durch den wohltemperierten Klangteppich regelmäßig verstärkt. Lovestory meets Ode an die Folk-Musik! Als echtes Sahnehäubchen erweisen sich die beiden Hauptdarsteller. Der gerne als 007-Nachfolger gehandelte Ire Paul Mescal gibt nach seinem „Gladiator“-Auftritt den sensiblen Helden so glaubhaft wie in seinem oscarnominierten Auftritt in „Aftersun“. Ähnlich überzeugend und leinwandpräsent zeigt sich Josh O’Connor, der nicht umsonst als einer der besten britischen Mimen seiner Generation gilt. Wer ihn an der Seite von Daniel Craig in „Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery” erlebt hat, wird von seiner Wandlungsfähigkeit begeistert sein. (programmkino.de)Ausblenden
THE SMASHING MACHINE DF
USA 2025, 123 Min. Regie: Benny Safdie
mit Dwayne Johnson, Emily Blunt, Ryan Bader
Ein philosophierender Kampfkoloss lost in Translation
Weiterlesen...Mark Kerr gibt in Brasilien sein MMA-Debüt und besiegt seinen Gegner mit Leichtigkeit. Weitere Siege schließen sich an, er kämpft überall auf der Welt für verschiedene Verbände, darunter auch für Pride in Japan. Dort erlebt er allerdings auch seine erste Niederlage, die mit der Erkenntnis einhergeht, dass die Beziehung zu seiner Freundin durchaus toxisch für Beide ist, und dass er ein Opioid-Problem entwickelt hat. Aber er will im Jahr 2000 die Pride gewinnen. Ein großes Siegergeld winkt. Es ist verständlich, dass Safdie auf Dwayne Johnson für die Hauptrolle gesetzt hat. Der Mann hat die Physis für Mark Kerr. Was er nicht hat: das Alter. Der Film spielt in den Jahren 1997 bis 2000; da war Kerr 29 bis 32 Jahre alt. Bei den Dreharbeiten war Johnson schon 52 Jahre alt! Das sieht man ihm auch an, und doch muss man ihm attestieren, dass man es dennoch schluckt. Weil Johnson hier eine Rolle gefunden hat, die einerseits seiner Hollywood-Persona entspricht, andererseits der sportliche Background nicht ganz so unähnlich dem seinen ist. Kerr wird als freundlicher Mann gezeichnet, immer am Gespräch interessiert, nie an der Eskalation. Bis er auf Entzug ist, da kracht es mit seiner Freundin immer wieder. Johnson liefert hier die differenzierteste Darstellung seiner Karriere ab. Er hat erkannt, wie dankbar die Rolle ist und das Beste aus sich herausgeholt. Die Chemie zu Emily Blunt als Kerrs Freundin stimmt auch, das wusste man ja schon vom Johnson-Blunt-Film „Jungle Cruise“. Safdie setzt auf einen etwas körnigen, authentischen Look. Sein Film mutet häufig wie eine Dokumentation an. Das wird dann auch dadurch unterstrichen, dass er immer wieder Interviews zeigt, die Journalisten mit seiner Hauptfigur führen. „The Smashing Machine“ ist nicht unbedingt originell. Der Film erzählt die Geschichte eines Sportlers und macht das sehr gut. Die emotionalen Beats sind alle da, die Handlung wird konsequent vorangetrieben und das Ensemble kann sich sehen lassen. Als Kerrs bester Freund agiert Ryan Bader, der eigentlich auch UFC-Fighter ist, darstellerisch aber überzeugen kann. Am Ende präsentiert Safdie dann auch noch einen Blick auf den echten Kerr, den – wenn man so will – unbesungenen Helden dieser Sportart, der mit Körpereinsatz, Schmerz und Leid dazu beitrug, dass ein größeres Publikum erreicht wurde. In späteren Jahren wurden MMA-Fighter zu Superstars, aber es ist Kerr, dem ein ganzer Film gewidmet ist.(programmkino.de)Ausblenden