Vie privée – F 2025, 105 Min. Regie: Rebecca Zlotowski
mit Jodie Foster, Daniel Auteuil, Virginie Efira
Namhaft besetztes Krimidrama mit psychologischem Tiefgang
Weiterlesen...In einer Nebenrolle in Jean-Pierre Jeunets „Mathilde – Eine große Liebe“ (2004) hat man die amerikanische Schauspielerin Jodie Foster schon einmal fließend Französisch sprechen hören. In manchen französischen Fassungen ihrer Filme hat sie sich mit ihren perfekten Sprachkenntnissen sogar selbst synchronisiert. Allerdings scheute sie sich bislang vor einer Hauptrolle in einem französischsprachigen Film, wie sie kürzlich in Interviews preisgab. Mit Rebecca Zlotkowskis komödiantischem Psycho-Krimi „Vie privée“ ergab sich nun anscheinend eine günstige Gelegenheit: Foster spielt die amerikanische Psychiaterin Dr. Lilian Steiner, die seit vielen Jahren in Paris lebt und eine eigene Praxis betreibt. Mit ihren Patienten spricht Lilian durchweg Französisch, nur gelegentlich entfahren ihr englische Schimpfworte, wenn sie gereizt ist. Und gereizt ist sie schon zu Beginn von Vie privée: Die jungen Nachbarn spielen ohrenbetäubend laut Musik, während Lilian auf ihre Patientin Paula (Virginie Efira) wartet, die schon ihre dritte Sitzung in Folge schwänzt. Dann schaut spontan ihr langjähriger Patient Pierre (Noam Morgensztern) vorbei, um ihr vorwurfsvoll mitzuteilen, dass er nun endlich mit dem Rauchen aufgehört habe – und zwar nicht durch ihre kostspieligen Therapiesitzungen, sondern dank einer Hypnotiseurin. Die Zweifel an ihren beruflichen Fähigkeiten kulminieren schließlich, als Lilian einen Anruf von Paulas erwachsener Tochter Valérie (Luàna Bajrami) erhält – und damit die schreckliche Nachricht, dass Paula sich das Leben genommen habe. Paulas Suizid macht Lilian ratlos. Foster spielt diese erfahre Psychiaterin als eine erstaunlich gehemmte Person, wenn es um eigene Gefühlsregungen geht. Zugleich ist sie sich dieser Distanz zu ihrer eigenen und der Gefühlswelt ihrer Mitmenschen keineswegs bewusst, was für gelungene Situationskomik sorgt. So stößt sie etwa etwa ihren erwachsenen Sohn Julien (Vincent Lacoste), der seit kurzem selbst Vater ist und nun noch weniger Verständnis für die Distanziertheit seiner Mutter hat, permanent unwissentlich vor den Kopf. Einen etwas liebevolleren Umgang mit Lilian pflegt ihr Ex-Mann Gabriel (Daniel Auteuil) – auch wenn Lilian den Augenarzt nur aufsucht, weil sie medizinische Hilfe braucht: Nachdem sie die jüdische Totenwache für Paula besucht hat und dort von deren Ehemann Simon (Mathieu Amalric) aggressiv angegangen wurde, hören ihre Augen einfach nicht auf zu tränen. „Das erste Mal, dass ich dich weinen sehe“, merkt Gabriel an, während Lilian der Gedanke überhaupt nicht gekommen war, dass ihre Tränen einen Gefühlsausbruch darstellen könnten. Als Lilian entdeckt, dass die Windschutzscheibe ihres Autos mit Blut besudelt wurde und jemand in ihre Praxis eingebrochen ist und Aufnahmebänder von ihren Sitzungen mit Paula gestohlen hat, hegt sie den Verdacht, dass Paula Opfer eines Mordes geworden sein könnte. Da die Polizei ihre Hinweise nicht ernst nimmt, beginnt sie, auf eigene Faust zu ermitteln und nimmt dabei Paulas Familie ins Visier. Mit einem schwungvollen Suspense-Score unterlegt, entwickelt sich Vie privée also zu einer reizvollen Mischung aus Krimi, Komödie und Mystery. Die Spannung kreist dabei um die Frage, ob Lilian hier wirklich einer Mordvertuschung auf der Spur ist oder sich damit bloß von einer Verantwortung für den Suizid ihrer Patientin entbinden will, den sie einfach nicht kommen sah. Mit viel komödiantischem Feinsinn für das Augenfällige, aber nicht Ausgesprochene und mit psychisch aufgeladener Bildsprache – so sehen wir Lilian bei ihren Nachforschungen mehrfach in an Vertigo gemahnenden Szenen in Wendeltreppenhäusern empor- und hinabsteigen – führt uns Regisseurin Rebecca Zlotkowski durch diese Erzählung über die Angst vor schmerzhafter Selbsteinsicht und deren Folgen. Trotz ihrer ärgerlichen Distanziertheit zieht diese makelbehaftete Protagonistin von Vie privée viel Sympathie auf sich, dem intelligenten Skript und Fosters grandioser Darbietung sei Dank.(kino-zeit.de)Ausblenden
ROSE
A/D 2026, 97 Min. Regie: Markus Schleinzer
mit Sandra Hüller, Caro Braun, Marisa Growaldt
Die wahrhaftige Beschreibung einer Weibs-Person im falschen Gewand
Weiterlesen...Unter einem breiten Hut versteckt Rose (Sandra Hüller) ihr Gesicht, die kurzen Haare, die Narbe auf der Wange, die es, zusammen mit der tiefen Stimme nicht schwer macht, sie für einen Mann zu halten. Allein der fehlende Bartwuchs unterscheidet sie von den Männern in der abgelegenen Gegend deutscher Lande, in der Rose eine Erbschaft antritt. Es ist nicht ihre, das weiß man dank der elegischen Erzählerstimme, die von Anfang an keinen Zweifel daran lässt, dass Rose eine Betrügerin ist, die sich als Mann ausgibt und ein schlimmes Ende erwartet. Aber noch ist es nicht so weit, noch sieht die Zukunft verheißungsvoll aus. Der Hof, den Rose nun betreibt, verfällt zwar seit Jahren, doch nach und nach bringen Rose und eine zunehmende Anzahl von Helfern und Mägden den Hof auf Vordermann, bestellen das Feld, hüten Tiere. Ein wenig Skepsis schlägt der sehr zurückhaltenden Person in der kleinen Dorfgemeinschaft zwar entgegen, doch nachdem Rose beim Angriff eines Bären geistesgegenwärtig agiert und das Tier mit ihrem Gewehr vertreibt, steigt ihr Ansehen. Doch mit dem Erfolg, mit der Freiheit wachsen auch die Ambitionen: Auf dem benachbarten Stück Land fließt ein Bach, doch den Zugriff will der Besitzer nur unter einer Bedingung erteilen: Eine seiner zahlreichen Töchter will er an den Mann bringen, nach kurzem Überlegen willigt Rose ein. Nach der Hochzeit wohnt nun also Suzanna (Caro Braun) auf dem Hof, die Anfangs etwas einfach wirkt, sich bald jedoch als willige Komplizen erweist, die aktiv mithilft, Roses Geheimnis zu bewahren, solange es geht. Unweigerlich mag man bei der im 17. Jahrhundert, in der Zeit nach dem Ende des 30jährigen Krieg angesiedelten „Rose“ an die beiden Versionen der Geschichte von „Martin Guerre“ denken – im französischen Original von Gérard Depardieu, im amerikanischen Remake von Richard Gere gespielt – eine historisch verbriefte Figur, die die Rolle eines anderen annahm, lange damit durchkam, bevor er entdeckt und hingerichtet wurde. In „Rose“ erzählt Markus Schleinzer nun quasi die weibliche Version dieser Geschichte, die noch dadurch verkompliziert wird, dass die Hauptfigur ihr Geschlecht wechselt, nicht der einzige Aspekt des Dramas, der es zu einer unterschwelligen Allegorie über gegenwärtige Wünsche nach Selbstbestimmung und Freiheit macht. Im Gegensatz zu „Martin Guerre“ basiert „Rose“ nicht auf einer konkreten Person, sondern auf den offenbar erstaunlich zahlreichen Berichten über Frauen jener Zeit, die sich als Männer ausgaben. Zusammen mit seinem Co-Autor Alexander Brom hat Schleinzer eine Biografie geformt, die konkret aber auch allgemeingültig wirkt, die sich wie eine Fabel entfaltet, bisweilen auch etwas märchenhaftes, unwirkliches an sich hat. Größtenteils im Harz gedreht, gefilmt in markantem, kontrastreichen schwarz-weiß, schildert Schleinzer das Schicksal Roses in klaren, fast dokumentarischen Bildern. Kaum eine Mine verzieht die Frau, kaum eine emotionale Regung ist auf dem vom Leid der Existenz gezeichneten Gesicht zu erkennen, auch, aber nicht nur durch den ständigen Zwang, eine Rolle auszufüllen. Groß ist der Preis, den Rose und später auch Suzanna für den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung zahlen müssen, den Wunsch, sich in einer traditionellen, patriarchalischen Gesellschaft als Frau nicht den Wünschen der Männer unterwerfen zu müssen. Ohne die vielfältigen Bezüge zur Gegenwart zu konkretisieren, deutet Schleinzer immer wieder Parallelen an, doch am Ende bleibt es den Zuschauern überlassen die Ansätze zu verbinden. Konsequent führt Schleinzer seine allegorische Fabel zu ihrem unausweichlichen Ende, das die Grenzen der Freiheit aufzeigt, die im 17. Jahrhundert für eine eine Frau wie Rose existierten, die auf andere Weise auch heute noch nicht ganz verschwunden sind. (programmkino.de)Ausblenden