Die wahrhaftige Beschreibung einer Weibs-Person im falschen Gewand
Weiterlesen...Unter einem breiten Hut versteckt Rose (Sandra Hüller) ihr Gesicht, die kurzen Haare, die Narbe auf der Wange, die es, zusammen mit der tiefen Stimme nicht schwer macht, sie für einen Mann zu halten. Allein der fehlende Bartwuchs unterscheidet sie von den Männern in der abgelegenen Gegend deutscher Lande, in der Rose eine Erbschaft antritt. Es ist nicht ihre, das weiß man dank der elegischen Erzählerstimme, die von Anfang an keinen Zweifel daran lässt, dass Rose eine Betrügerin ist, die sich als Mann ausgibt und ein schlimmes Ende erwartet. Aber noch ist es nicht so weit, noch sieht die Zukunft verheißungsvoll aus. Der Hof, den Rose nun betreibt, verfällt zwar seit Jahren, doch nach und nach bringen Rose und eine zunehmende Anzahl von Helfern und Mägden den Hof auf Vordermann, bestellen das Feld, hüten Tiere. Ein wenig Skepsis schlägt der sehr zurückhaltenden Person in der kleinen Dorfgemeinschaft zwar entgegen, doch nachdem Rose beim Angriff eines Bären geistesgegenwärtig agiert und das Tier mit ihrem Gewehr vertreibt, steigt ihr Ansehen. Doch mit dem Erfolg, mit der Freiheit wachsen auch die Ambitionen: Auf dem benachbarten Stück Land fließt ein Bach, doch den Zugriff will der Besitzer nur unter einer Bedingung erteilen: Eine seiner zahlreichen Töchter will er an den Mann bringen, nach kurzem Überlegen willigt Rose ein. Nach der Hochzeit wohnt nun also Suzanna (Caro Braun) auf dem Hof, die Anfangs etwas einfach wirkt, sich bald jedoch als willige Komplizen erweist, die aktiv mithilft, Roses Geheimnis zu bewahren, solange es geht. Unweigerlich mag man bei der im 17. Jahrhundert, in der Zeit nach dem Ende des 30jährigen Krieg angesiedelten „Rose“ an die beiden Versionen der Geschichte von „Martin Guerre“ denken – im französischen Original von Gérard Depardieu, im amerikanischen Remake von Richard Gere gespielt – eine historisch verbriefte Figur, die die Rolle eines anderen annahm, lange damit durchkam, bevor er entdeckt und hingerichtet wurde. In „Rose“ erzählt Markus Schleinzer nun quasi die weibliche Version dieser Geschichte, die noch dadurch verkompliziert wird, dass die Hauptfigur ihr Geschlecht wechselt, nicht der einzige Aspekt des Dramas, der es zu einer unterschwelligen Allegorie über gegenwärtige Wünsche nach Selbstbestimmung und Freiheit macht. Im Gegensatz zu „Martin Guerre“ basiert „Rose“ nicht auf einer konkreten Person, sondern auf den offenbar erstaunlich zahlreichen Berichten über Frauen jener Zeit, die sich als Männer ausgaben. Zusammen mit seinem Co-Autor Alexander Brom hat Schleinzer eine Biografie geformt, die konkret aber auch allgemeingültig wirkt, die sich wie eine Fabel entfaltet, bisweilen auch etwas märchenhaftes, unwirkliches an sich hat. Größtenteils im Harz gedreht, gefilmt in markantem, kontrastreichen schwarz-weiß, schildert Schleinzer das Schicksal Roses in klaren, fast dokumentarischen Bildern. Kaum eine Mine verzieht die Frau, kaum eine emotionale Regung ist auf dem vom Leid der Existenz gezeichneten Gesicht zu erkennen, auch, aber nicht nur durch den ständigen Zwang, eine Rolle auszufüllen. Groß ist der Preis, den Rose und später auch Suzanna für den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung zahlen müssen, den Wunsch, sich in einer traditionellen, patriarchalischen Gesellschaft als Frau nicht den Wünschen der Männer unterwerfen zu müssen. Ohne die vielfältigen Bezüge zur Gegenwart zu konkretisieren, deutet Schleinzer immer wieder Parallelen an, doch am Ende bleibt es den Zuschauern überlassen die Ansätze zu verbinden. Konsequent führt Schleinzer seine allegorische Fabel zu ihrem unausweichlichen Ende, das die Grenzen der Freiheit aufzeigt, die im 17. Jahrhundert für eine eine Frau wie Rose existierten, die auf andere Weise auch heute noch nicht ganz verschwunden sind. (programmkino.de)Ausblenden
DJ AHMET OmU
DJ Ahmet – MK/CZ/HR 2025, 97 Min. Regie: Georgi M. Unkovski
mit Arif Jakup, Agush Agushev, Dora Akan Zlatanova
Vom Heranwachsen zwischen Schafen und Technobeats
Weiterlesen...einem abgelegenen Dorf in Nordmazedonien wächst der 15-jährige Ahmet (Arif Jakup) auf. Eigentlich würde Ahmet gern zur Schule gehen, doch sein Vater (Aksel Mehmet) braucht ihn auf dem heruntergekommenen Hof, zum Hüten der 20 Schafe, aber auch, um auf den seinen kleinen Bruder Naim (Agush Agushev) aufzupassen. Der spricht seit dem frühen Tod der Mutter nicht mehr, weswegen der Vater einen Heiler zu Rate zieht, ganz den traditionellen Vorstellungen der Region entsprechend. Muslimisch geprägt ist das Dorf, ein spitzes Minarett ragt im Dorfkern in den Himmel, die Frauen tragen traditionelles Kostüm und bedecken ihre Haare, vor allem aber sind die Ehen kein Akt der Liebe, sondern werden von den Eltern geschlossen. So auch die von Ahmets Nachbarin Aya (Dora Akan Zlatanova), die aus Deutschland in die Heimat zurückgeholt wurde und nun einen Mann heiraten soll, den sie kaum kennt. Vom ersten Moment an, den Ahmet Aya auf dem Feld – auch noch in Zeitlupe – zu Gesicht bekommt, ist es um ihn Geschehen. Doch was hätten sich der Junge vom Dorf und das in Deutschland aufgewachsene Mädchen zu sagen? Zum Glück gibt es die Musik, die sie verbindet: Für ihre Online-Kanäle nimmt Aya gerne kleine Tanzvideos auf, Ahmet dagegen hört gerne Musik auf dem Handy, zum einen, weil sein kleiner Bruder gerne tanzt, zum anderen, weil es ihn an seine Mutter erinnert. Doch gerade diese Musik ist dem Vater ein Dorn im Auge, einerseits ebenfalls der schmerzhaften Erinnerungen an die Ehefrau wegen, andererseits aus religiösen, traditionellen Gründen. Mit dieser Haltung ist der Vater nicht allein, wie Ahmet und Aya bald erfahren müssen. Auf den ersten Blick mag sich Georgi M. Unkovskis „DJ Ahmet“ wie ein typisches Sozialdrama anhören, das vom Patriarchat erzählt, Tradition gegen Moderne stellt und nach Schema F abläuft. Doch der in New York geborene, nun in Skopje, der Hauptstadt des Landes, lebende Nordmazedone, wählt einen interessanteren, ungewöhnlicheren Ansatz, um vom Leben in einer selbst für Nordmazedonien abgelegenen Region der Balkanrepublik zu erzählen. Immer wieder ist zu spüren, das Unkovski ein erfahrener Regisseur von Werbungen und Videoclips ist, der ein ein Gespür für Stimmungen und Emotionen hat. Stilisierte Momente in Zeitlupe, leuchtende Farben, pointierte Bildeinfälle ziehen sich durch den Film, sorgen manchmal gar für surreal anmutende Momente. Wenn Ahmet da etwa eines Nachts durch die Dunkelheit streift und auf einmal mitten in einem Festival für elektronische Musik landet, das geradewegs seiner Lust zu Tanzen entsprungen zu sein scheint. Doch auch seine Schafe fühlen sich von der Musik angezogen und sorgen mit ihrer Anwesenheit zwischen den Tanzenden für ein Internet-Meme – und führen dazu, dass ein Schaf plötzlich mit pinkem Fell den Weg nach Hause findet. Bisweilen stehen solche Momente ein wenig losgelöst da, fügen sich nur bedingt in die Erzählung, die sich eher mäandernd als strukturiert entwickelt. Aber diese lose Erzählweise passt gut zu einem Film, der seine Konflikte eher lose anreißt, als sie zugespitzt auf ein dramatisches Ende zuzuführen. „DJ Ahmet“ taucht in eine ganz eigene Welt ein, erzählt vom Einbruch der Moderne in ein traditionelles Dorf, voller Humor und präziser Beobachtungen. Allein der Muezzin, der über die Lautsprecheranlage seines Minaretts aus Versehen das Dorf mit der Startmelodie von Microsoft Word beschallt, ist ein unvergesslicher Moment. Nicht der Einzige, der aus diesem sehr sehenswerten Debütfilm in Erinnerung bleibt. (programmkino.de)Ausblenden