Am 24.4. zeigt das Kinoptikum

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SILENT FRIEND
F/D/H 2025, 147 Min.
Regie: Enyedi Ildikó
mit Tony Leung Chiu-wai, Léa Seydoux, Luna Wedler
Drei Epochen. Drei Leben. 1 Baum.
Trailer zu SILENT FRIEND
Weiterlesen... Ein alter Ginkgobaum im botanischen Garten in Marburg steht im Mittelpunkt dieses poetisch angehauchten filmischen Essays. Der Baum ist stiller Zeuge dreier Lebensgeschichten zu unterschiedlichen Zeiten. Im Jahr 1908 versucht die erste Studentin der Uni Marburg, Grete (Luna Wedler), mit ihrer Kamera verborgene Naturmuster zu entdecken. 1972 erfährt der Student Hannes (Enzo Brumm) durch die stille Begegnung mit einer Geranie eine innere Wandlung. Und 2020 reist ein Neurowissenschaftler (Tony Leung Chiu-wai) aus Hongkong an, um ein ungewöhnliches Experiment an und mit dem Ginkgobaum vorzunehmen. Sein Ziel: Tiefere Einblicke in die menschliche Seele zu erlangen.
In „Silent Friend“ ist es kein menschlicher Charakter, der die einzelnen Elemente miteinander verbindet. Es sind die Pflanzen und vor allem der majestätisch anmutende, fast 25 Meter hohe Ginkgobaum, der als Bindeglied der drei Episoden fungiert. Allein dieser Umstand macht „Silent Friend“ schon rein inhaltlich ungewöhnlich. Der Baum ist stummer Zeuge der Zeit, die unaufhörlich vorbeirinnt und der Leben, die sich vor ihm abspielen.
Überhaupt nimmt Ildikó Enyedi das „Silent“ im Filmtitel mehr als wörtlich. Der erste abendfüllende Film der ungarischen Regisseurin und Drehbuchautorin seit vier Jahren ist geprägt von Ruhe, Entschleunigung und einer andächtigen Aura. Sie erzählt langsam und besonnen. Ergänzend kommen, passend dazu, lange Einstellungen und Kamerafahrten sowie außergewöhnliche Blickwinkel und Perspektiven hinzu. Wenn Enyedi zwischen den Ästen hindurchfilmt, regelrecht in die Blätter hineinzoomt und verschiedener Pflanzen mal aus der Ferne, mal in Close-Ups zeigt, dann kommen wir der Natur (optisch) auf besondere Weise nah.
Die Kameraarbeit von Gergely Pálos und der gesamte visuelle Stil zählen ohnehin zu den großen Stärken. Das Besondere: Jede Episode ist in einem anderen Filmmaterial (16mm, 35mm, digital) gehalten und die Optiken der jeweiligen Zeitebenen variieren stark. So unterscheiden sich die Episoden nicht nur inhaltlich und thematisch, sondern ebenso in ihrer Wirkung und sorgfältig durchkomponierten Ästhetik.
Einige Gemeinsamkeiten zwischen den Figuren der lose miteinander verknüpften Einzelgeschichten gibt es allerdings durchaus. Sie alle, von Grete über den Studenten bis hin zum Neurowissenschaftler, stellen sich folgende Fragen: Was nehmen Pflanzen wahr? Und wie kann man mit ihnen in Kontakt treten bzw. kommunizieren? Die Kernfrage, die Enyedi antreibt, geht nochmals weiter und tiefer. Sie erforscht in „Silent Friend“ zuvorderst die Aspekte der (menschlichen) Verbundenheit mit der Natur und wie sich die Wechselwirkungen zwischen den Lebewesen genau manifestieren. Die Pflanze als beeindruckendes, sensitives Geschöpf, das dem Menschen Kraft und Halt geben kann – nach der Betrachtung von „Silent Friend“ hallt vor allem diese Botschaft lange nach.
Ebenso bleiben die überzeugenden darstellerischen Leistungen im Gedächtnis. Allen voran Luna Wedler im historischen Erzählstrang und Tony Leung Chiu-wai faszinieren mit feinfühligen, nuancierten Performances. Mit würdevoller Zurückhaltung agieren sie in ihren Rollen und lassen den Pflanzen Raum für Entfaltung und, im wahrsten Sinne, Wachstum. (programmkino.de)
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NOUVELLE VAGUE  DF
F 2025, 105 Min.
Regie: Richard Linklater
mit Guillaume Marbeck, Zoey Deutch, Aubry Dullin
Die Geburt eines atemlosen Klassikers in Echtzeit
Trailer zu NOUVELLE VAGUE
Weiterlesen... Jean-Luc Godard (großartig: Newcomer Guillaume Marbeck) ist Journalist und Kritiker, möchte aber selbst einen Film drehen. Andere wie Truffaut oder Godard hatten es vorgemacht, nun will er nachfolgen und findet einen Produzenten, der ihm die Chance offeriert, auch wenn er nur ein Drittel dessen hat, was man normalerweise für die Produktion ausgibt. Er besetzt Jean-Paul Belmondo, aber auch die Amerikanerin Jean Seberg, findet den Kameramann, mit dem er einen Weg ausbaldowert, den Film zu drehen, wie es ihm vorschwebt, und nutzt die 20 Drehtage nicht unbedingt effizient, aber mit Passion, auch wenn seine unorthodoxe Art immer wieder zu Problemen führt.
Hat man „Außer Atem“ vor Augen, ist es im wahrsten Sinne des Worts atemberaubend, wie Linklater die Szenen nachstellt. Wie er die Drehseite dessen zeigt, was man als Film kennt. Er trifft exakt den Ton und erschafft Bilder, die direkt aus Godards Film stammen könnten. Realität und Fiktion verschwimmen hier miteinander. Manche der Geschichten, die hier gezeigt werden, sind überliefert, andere existieren in dem Zwischenraum dessen, was war und was hätte sein können, weil die Autoren und der Regisseur sehr exakt darauf geachtet haben, wo sich in „Außer Atem“ Möglichkeiten auftun, die Geschichte um den Film zu erweitern.
Dabei ist „Nouvelle Vague“ nicht nur eine Verbeugung vor „Außer Atem“, er ergänzt ihn auch, und das auf eine fundamentale Art. Beide Filme hintereinander zu sehen, ist das ultimative Double Feature. Allerdings funktioniert Linklaters Werk auch ohne jedwede Kenntnis des Godard-Films. Denn er steht ganz und gar für sich, ist eben nicht nur Ehrerbietung und Hommage, sondern zugleich auch eine amüsante Geschichte darüber, wie Filme auch gedreht werden können – auf durchaus chaotische Art und Weise, bei der der Regisseur sein Team an mehreren Tagen nach nur wenigen Stunden Arbeit nach Hause schickt. Feierabend, weil ihn die Inspiration nicht gepackt hat. Und ohne die ist ein Weiterdrehen für Godard unmöglich, weil es seinem Ansinnen, Realität zu erschaffen, zuwiderlaufen würde.
Im Film mutet es so an, als gäbe es kaum Drehbuchseiten für „Außer Atem“, aber das von Truffaut und Godard geschriebene Skript war schon vorhanden, nur dass Godard jeden Morgen neue Szenen schrieb und die Texte seinen Stars während der Aufnahmen zurief, da aufgrund der lauten Kamera sowieso kein Ton aufgenommen und später nachsynchronisiert werden musste.
Richard Linklater ist das Kunststück gelungen, einen höchst ansprechenden Film zu erschaffen, der für Eingeweihte, aber auch Novizen gleichermaßen funktioniert. Man muss kein Bewunderer der Nouvelle Vague sein, um sich bei „Nouvelle Vague“ bestens zu unterhalten. Denn das Unmögliche ist passiert: Ein Amerikaner hat einen europäischen Film gemacht – ein Werk von Cineasten für Cineasten über Cineasten. Wo Hollywood sich bei der Beschäftigung mit sich selbst in Mythen und Romantisierung abdriftet, hat Linklater Wahrhaftigkeit auf die Leinwand gebracht. (programmkino.de)
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