Am 23.4. zeigt das Kinoptikum

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ONCE UPON A TIME IN GAZA  OmU
Kino Nahost – D/F/POR/PS 2025, 87 Min.
Regie: Tarzan Nasser, Arab Nasser
mit Nader Abd Alhay, Majd Eid, Ramzi Maqdisi
Eine ebenso spitzbübische wie politische Ballade aus Nahost
Trailer zu ONCE UPON A TIME IN GAZA
Weiterlesen... on Politik lässt sich manchmal am besten auf indirekte Art erzählen: als Grundierung, auf die die eigentliche Geschichte aufgetragen wird. Zumindest Arab und Tarzan Nasser machen das so. Die zwei in Gaza geborenen Zwillingsbrüder setzen der harten Realität ihres Herkunftsorts märchenhafte Filme entgegen – und arbeiten auf diese Weise an ihrem ganz persönlichen „Gazawood“. Auf „Gaza mon amour“ über die frisch aufgeblühte Liebe eines alten Fischers zu einer gleichaltrigen Schneiderin folgt mit „Once Upon a Time in Gaza“ nun eine Tragikomödie über die platonische Liebe zweier Kleinganoven. Schlitzohrig, spitzbübisch und politisch geht es auch darin zu.
Gaza im Jahr 2007: Mit Politik haben der Student Yahya (Nader Abd Alhay) und der Restaurantbesitzer Osama (Majd Eid) nicht viel am Hut. Zwar sind auch sie – wie alle in Gaza – von Terror und Politik der Hamas, von Israels Reaktionen und von den Vermittlungsversuchen der Weltöffentlichkeit betroffen, das tagtägliche Über-die-Runden-Kommen lässt aber kaum Zeit, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Yahya hat den Traum, den Rest seiner Familie irgendwann einmal im Westjordanland besuchen zu können, längst aufgegeben und jobbt stattdessen in Osamas Restaurant. Das Lokal dient allerdings nur als Fassade. Dahinter verbergen sich die wahren und ziemlich krummen Geschäfte.
Wie in Christian Züberts Kultkomödie Lammbock (2001) über einen als Pizzalieferdienst getarnten Cannabishandel gibt es auch in Osamas Restaurant ein illegales Extra. Der selbstbewusste Besitzer dealt mit verschreibungspflichtigen Medikamenten, die er sich beim Arzt erschleicht und in Falafelsandwiches versteckt an seine Kunden bringt. Wie all das über die Bühne geht, setzen die Nasser-Brüder gewohnt witzig in Szene. Vom korrupten Polizisten Abou Sami (Ramzi Maqdisi) geduldet, blüht das Geschäft. Doch als Osama einen Deal des schäbigen Ordnungshüters ausschlägt, kommt es zur Katastrophe – und der Film nimmt eine unerwartet harte Wendung.
„Mit unserem Film versuchen wir, Gaza durch eine andere Linse zu zeigen als die des verzerrten Bildmaterials, das so oft aus der Region kommt“, sagen die Zwillinge über Once Upon a Time in Gaza. „Wir wollen ein authentisches Porträt unserer Stadt zeichnen, eines, das frei ist von den Stereotypen und Übertreibungen, die längst zum akzeptierten globalen Narrativ geworden sind.“ Was in der ersten Hälfte ihres neuen Films, der in Jordanien gedreht wurde, weil in Gaza nicht gedreht werden konnte, zweifelsohne gelingt. In diesem vom tristen Alltag voller kleiner und großer Tricksereien geprägten Teil erinnert das „Once Upon A Time“ des Titels denn auch weniger an das „Es war einmal“ eines Märchens und mehr an Filme wie Spiel mir das Lied vom Tod (englischer Titel: Once Upon a Time in the West), Es war einmal in Amerika (Once Upon a Time in America) und Once Upon a Time in Anatolia, auf die Arab und Tarzan Nasser in einem Interview selbst verweisen. Mit der harten Wendung kommt es allerdings auch erzählerisch zu einem Bruch.
Im Grunde haben Arab und Tarzan Nasser, die mit bürgerlichen Namen Ahmed und Mohamed Abunasser heißen, mit Once Upon a Time in Gaza nicht einen, sondern gleich mehrere Filme gedreht. Kreist der erste Teil um den Alltag zweier liebenswerter Drogendealer, versteigt sich der zweite in ein immer absurdere Züge annehmendes Aufstiegsmärchen. Von einem Regisseur entdeckt, wird Yahya vom Falafelverkäufer zum Filmstar, verkauft dabei aber auch seine Seele. Im ersten offiziellen Actionfilm aus Gaza steht der desillusionierte Träumer als Widerstandskämpfer gegen die israelische Besatzung vor der Kamera, erlebt jedoch aufgrund einer makaberen Pointe das Ende der Dreharbeiten nicht und wird schließlich als Märtyrer begraben. Abseits dieser ironisch gebrochenen Erfolgsstory ist der zweite Teil von Once Upon a Time in Gaza auch ein Film im Film und über das Filmemachen. Wodurch der Film selbst zu einer seltsamen metafiktionalen Melange mutiert. (kino-zeit)
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KARLA
D 2025, 104 Min.
Regie: Christina Tournatzés
mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge
Unter die Haut gehendes True-Crime Drama aus dem Gerichtssaal
Trailer zu KARLA
Weiterlesen... Sexuellen Missbrauch anzuzeigen, gegen Übergriffe entschlossen vorzugehen, ist selbst heute, da das Thema sensibel behandelt wird, alles andere als leicht. Umso mehr Überwindung muss es einen Betroffenen vor 60 Jahren gekostet haben, eine derartige Erfahrung anzuprangern. Großen Mut beweist in „Karla“ die von Krieps verkörperte junge Titelheldin, die 1962 mit zwölf Jahren allein auf einem Münchener Polizeirevier erscheint und von den sexuellen Attacken ihres Vater Karl Ebel (Torben Liebrecht) berichtet.
Das Misstrauen des patriarchalen Systems schlägt ihr gleich mit voller Wucht entgegen. Ob sie ihrer Familie wirklich eine Anzeige zumuten wolle, möchte der Beamte wissen, der ihre Schilderungen offenkundig nicht ganz ernstnimmt. Karla lässt sich davon jedoch nicht beirren, bleibt bei ihrer Aussage und landet anschließend in einem kirchlich betriebenen Wohnheim für Mädchen, wo sie in Ada (Carlotta von Falkenhayn) eine Vertraute findet. Ihr nächstes Ziel: den Ermittlungsrichter Lamy (Rainer Bock) von ihrem Fall überzeugen, damit ihr Vater vor Gericht gestellt werden kann. Der Jurist tut sich anfangs sichtlich schwer, zumal die Zwölfjährige ihm einige Fakten schuldig bleibt. Mit der Zeit finden die beiden aber einen Weg, über die schrecklichen Erlebnisse zu kommunizieren und mit einem Bedürfnis nach Schweigen umzugehen.
„Karla“ zeigt beispielhaft, wie man sich einem schwierigen Thema wie dem des sexuellen Missbrauchs filmisch nähern sollte: unaufgeregt, dennoch eindringlich und mit einem genauen Blick für Details. Die Übergriffe selbst rücken nie konkret ins Bild, und bis weit in die zweite Hälfte bleibt die Figur des Vaters schemenhaft. Was die Gewalt mit Karla und ihrer Seele angerichtet hat, wird gleichwohl schmerzhaft deutlich. Unvermittelt über sie hereinbrechende Erinnerungsfetzen und eine plötzlich anschwellende Geräuschkulisse legen ihr aufgewühltes Innenleben immer wieder offen.
Hinzu kommt die bewegende Performance der Hauptdarstellerin. Besonders in stillen Augenblicken, in denen gar nicht viel passiert, präsentiert sich die Tochter der Schauspieler Vicky Krieps und Jonas Laux unglaublich ausdrucksstark. Verletzlichkeit, Wut und den Willen zur Selbstermächtigung nimmt man der jungen Mimin jederzeit ab. Im leinwanderfahrenen Rainer Bock hat sie genau den richtigen Gegenpart, der Knorrigkeit und bürokratische Steifheit ebenso überzeugend transportiert wie echtes Einfühlungsvermögen. Ein schöner Anblick ist es etwa, wenn ihre so ungleichen Figuren nach einer Panikattacke Karlas auf einer Wiese sitzen und Lamy leise vor sich hin zu summen beginnt.
Jenseits des persönlichen Schicksals der Protagonistin erzählt das Drama, vor allem gegen Ende, auch einiges über die gesellschaftlichen Bedingungen und Zwänge der Handlungszeit. Karlas Mutter Viktoria (Katharina Schüttler) weiß, was ihre Tochter erlitten hat, schweigt allerdings, weil sie von ihrem Ehemann abhängig ist und das Bild der heilen Familie unbedingt aufrechterhalten will. Vor Gericht steht das Mädchen einer Männerriege gegenüber. Und wiederholt sieht sie sich in der Verhandlung misogynen Vorwürfen ausgesetzt, die eine Täter-Opfer-Umkehr vornehmen. Argumente, die leider auch heute noch in Missbrauchsfällen regelmäßig zu hören sind. Allein deshalb ist ein Film wie „Karla“ notwendig und hochrelevant. (programmkino.de)
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