Weiterlesen...Jean-Luc Godard (großartig: Newcomer Guillaume Marbeck) ist Journalist und Kritiker, möchte aber selbst einen Film drehen. Andere wie Truffaut oder Godard hatten es vorgemacht, nun will er nachfolgen und findet einen Produzenten, der ihm die Chance offeriert, auch wenn er nur ein Drittel dessen hat, was man normalerweise für die Produktion ausgibt. Er besetzt Jean-Paul Belmondo, aber auch die Amerikanerin Jean Seberg, findet den Kameramann, mit dem er einen Weg ausbaldowert, den Film zu drehen, wie es ihm vorschwebt, und nutzt die 20 Drehtage nicht unbedingt effizient, aber mit Passion, auch wenn seine unorthodoxe Art immer wieder zu Problemen führt. Hat man „Außer Atem“ vor Augen, ist es im wahrsten Sinne des Worts atemberaubend, wie Linklater die Szenen nachstellt. Wie er die Drehseite dessen zeigt, was man als Film kennt. Er trifft exakt den Ton und erschafft Bilder, die direkt aus Godards Film stammen könnten. Realität und Fiktion verschwimmen hier miteinander. Manche der Geschichten, die hier gezeigt werden, sind überliefert, andere existieren in dem Zwischenraum dessen, was war und was hätte sein können, weil die Autoren und der Regisseur sehr exakt darauf geachtet haben, wo sich in „Außer Atem“ Möglichkeiten auftun, die Geschichte um den Film zu erweitern. Dabei ist „Nouvelle Vague“ nicht nur eine Verbeugung vor „Außer Atem“, er ergänzt ihn auch, und das auf eine fundamentale Art. Beide Filme hintereinander zu sehen, ist das ultimative Double Feature. Allerdings funktioniert Linklaters Werk auch ohne jedwede Kenntnis des Godard-Films. Denn er steht ganz und gar für sich, ist eben nicht nur Ehrerbietung und Hommage, sondern zugleich auch eine amüsante Geschichte darüber, wie Filme auch gedreht werden können – auf durchaus chaotische Art und Weise, bei der der Regisseur sein Team an mehreren Tagen nach nur wenigen Stunden Arbeit nach Hause schickt. Feierabend, weil ihn die Inspiration nicht gepackt hat. Und ohne die ist ein Weiterdrehen für Godard unmöglich, weil es seinem Ansinnen, Realität zu erschaffen, zuwiderlaufen würde. Im Film mutet es so an, als gäbe es kaum Drehbuchseiten für „Außer Atem“, aber das von Truffaut und Godard geschriebene Skript war schon vorhanden, nur dass Godard jeden Morgen neue Szenen schrieb und die Texte seinen Stars während der Aufnahmen zurief, da aufgrund der lauten Kamera sowieso kein Ton aufgenommen und später nachsynchronisiert werden musste. Richard Linklater ist das Kunststück gelungen, einen höchst ansprechenden Film zu erschaffen, der für Eingeweihte, aber auch Novizen gleichermaßen funktioniert. Man muss kein Bewunderer der Nouvelle Vague sein, um sich bei „Nouvelle Vague“ bestens zu unterhalten. Denn das Unmögliche ist passiert: Ein Amerikaner hat einen europäischen Film gemacht – ein Werk von Cineasten für Cineasten über Cineasten. Wo Hollywood sich bei der Beschäftigung mit sich selbst in Mythen und Romantisierung abdriftet, hat Linklater Wahrhaftigkeit auf die Leinwand gebracht. (programmkino.de)Ausblenden
KARLA
D 2025, 104 Min. Regie: Christina Tournatzés
mit Elise Krieps, Rainer Bock, Imogen Kogge
Unter die Haut gehendes True-Crime Drama aus dem Gerichtssaal
Weiterlesen...Sexuellen Missbrauch anzuzeigen, gegen Übergriffe entschlossen vorzugehen, ist selbst heute, da das Thema sensibel behandelt wird, alles andere als leicht. Umso mehr Überwindung muss es einen Betroffenen vor 60 Jahren gekostet haben, eine derartige Erfahrung anzuprangern. Großen Mut beweist in „Karla“ die von Krieps verkörperte junge Titelheldin, die 1962 mit zwölf Jahren allein auf einem Münchener Polizeirevier erscheint und von den sexuellen Attacken ihres Vater Karl Ebel (Torben Liebrecht) berichtet. Das Misstrauen des patriarchalen Systems schlägt ihr gleich mit voller Wucht entgegen. Ob sie ihrer Familie wirklich eine Anzeige zumuten wolle, möchte der Beamte wissen, der ihre Schilderungen offenkundig nicht ganz ernstnimmt. Karla lässt sich davon jedoch nicht beirren, bleibt bei ihrer Aussage und landet anschließend in einem kirchlich betriebenen Wohnheim für Mädchen, wo sie in Ada (Carlotta von Falkenhayn) eine Vertraute findet. Ihr nächstes Ziel: den Ermittlungsrichter Lamy (Rainer Bock) von ihrem Fall überzeugen, damit ihr Vater vor Gericht gestellt werden kann. Der Jurist tut sich anfangs sichtlich schwer, zumal die Zwölfjährige ihm einige Fakten schuldig bleibt. Mit der Zeit finden die beiden aber einen Weg, über die schrecklichen Erlebnisse zu kommunizieren und mit einem Bedürfnis nach Schweigen umzugehen. „Karla“ zeigt beispielhaft, wie man sich einem schwierigen Thema wie dem des sexuellen Missbrauchs filmisch nähern sollte: unaufgeregt, dennoch eindringlich und mit einem genauen Blick für Details. Die Übergriffe selbst rücken nie konkret ins Bild, und bis weit in die zweite Hälfte bleibt die Figur des Vaters schemenhaft. Was die Gewalt mit Karla und ihrer Seele angerichtet hat, wird gleichwohl schmerzhaft deutlich. Unvermittelt über sie hereinbrechende Erinnerungsfetzen und eine plötzlich anschwellende Geräuschkulisse legen ihr aufgewühltes Innenleben immer wieder offen. Hinzu kommt die bewegende Performance der Hauptdarstellerin. Besonders in stillen Augenblicken, in denen gar nicht viel passiert, präsentiert sich die Tochter der Schauspieler Vicky Krieps und Jonas Laux unglaublich ausdrucksstark. Verletzlichkeit, Wut und den Willen zur Selbstermächtigung nimmt man der jungen Mimin jederzeit ab. Im leinwanderfahrenen Rainer Bock hat sie genau den richtigen Gegenpart, der Knorrigkeit und bürokratische Steifheit ebenso überzeugend transportiert wie echtes Einfühlungsvermögen. Ein schöner Anblick ist es etwa, wenn ihre so ungleichen Figuren nach einer Panikattacke Karlas auf einer Wiese sitzen und Lamy leise vor sich hin zu summen beginnt. Jenseits des persönlichen Schicksals der Protagonistin erzählt das Drama, vor allem gegen Ende, auch einiges über die gesellschaftlichen Bedingungen und Zwänge der Handlungszeit. Karlas Mutter Viktoria (Katharina Schüttler) weiß, was ihre Tochter erlitten hat, schweigt allerdings, weil sie von ihrem Ehemann abhängig ist und das Bild der heilen Familie unbedingt aufrechterhalten will. Vor Gericht steht das Mädchen einer Männerriege gegenüber. Und wiederholt sieht sie sich in der Verhandlung misogynen Vorwürfen ausgesetzt, die eine Täter-Opfer-Umkehr vornehmen. Argumente, die leider auch heute noch in Missbrauchsfällen regelmäßig zu hören sind. Allein deshalb ist ein Film wie „Karla“ notwendig und hochrelevant. (programmkino.de)Ausblenden