Kino Nahost – All That´s Left of You – D/PS/JOR/CY 2025, 145 Min. Regie: Cherien Dabis
mit Cherien Dabis, Saleh Bakri, Mohammad Bakri
Eine generationsübergreifende Familiensaga aus dem Hain von Jaffa
Weiterlesen...In ihrem tragikomischen Langfilmdebüt „Willkommen in Amerika“ (2009) erzählte die 1976 geborene Drehbuchautorin und Regisseurin Cherien Dabis von einer alleinerziehenden palästinensischen Mutter, die voller Hoffnung mit ihrem adoleszenten Sohn nach Illinois immigriert. Die wunderbar feinfühlige Indie-Perle fand damals in den USA deutlich mehr Beachtung als in Deutschland, wo sie lediglich auf einigen wenigen Festivals präsentiert wurde. Nach einem weiteren Film (May in the Summer aus dem Jahr 2013), in dem sie selbst die Hauptrolle übernahm, und zahlreichen TV-Arbeiten liefert Dabis nun mit Im Schatten des Orangenbaums ein auf historischen Ereignissen und persönlichen Erfahrungen basierendes Familiendrama, das drei Generationen umspannt. Das Werk beginnt im besetzten Westjordanland im Jahr 1988. Bei einer Demonstration gegen die israelische Besatzung zieht sich der jugendliche Noor (Muhammad Abed Elrahman) schwere Verletzungen zu. Seine Mutter Hanan (verkörpert von Dabis selbst) schildert daraufhin die Geschichte ihrer Familie. Sie werde erzählen, wer ihr Sohn sei, sagt Hanan. Es wirkt, als richte die Figur ihren Blick dabei direkt in die Kamera. Wir werden quasi persönlich adressiert, wodurch der Film klarmacht, dass dies keine Erzählung ist, die sich nebenbei, ohne große Aufmerksamkeit verfolgen lässt. Vielmehr ist es der Einstieg in ein Epos, das auf die Erlebnisse von Noors Großvater Sharif (Adam Bakri) in Jaffa im Jahr 1948 zurückschaut und sich dann durch die Dekaden bis zum Anfangspunkt des Films bewegt und schließlich im Jahr 2022 landet. Wir lernen Sharifs Frau Munira (Maria Zreik) und die vier gemeinsamen Kinder kennen – darunter Hanans zukünftiger Ehemann und Noors Vater Salim (in jung: Salah Al Din; später: Saleh Bakri). In einer zunächst harmonisch anmutenden Sequenz sitzt die Familie am Esstisch und redet über Poesie, als plötzlich durch einen Bombenangriff die schreckliche Realität des Krieges in den Alltag einschlägt. Sharif will Jaffa nicht verlassen; er möchte das Haus und den familiären Orangenhain nicht zurücklassen. Bald wird er jedoch verhaftet. An anderer Stelle hält Dabis fest, wie der kleine Noor (Sanad Alkabareti) in den 1970er Jahren mitansehen muss, wie sein Vater auf dem Nachhauseweg von einem israelischen Soldaten gedemütigt wird – was entscheidend dazu beiträgt, dass er sich als Teenager radikalisiert. Der Film veranschaulicht, was generationsübergreifende Traumata anrichten können, wehrt sich aber gegen eine durchweg pessimistische Sicht und ist nicht daran interessiert, Hass zu schüren. „Menschlichkeit ist eine Form des Widerstands“, heißt es in einer Szene. Durch die komplex gezeichneten Figuren, die voller Angst sind und dennoch die Hoffnung nicht aufgeben wollen, wird Im Schatten des Orangenbaums zu einem mitreißenden Film. (kino-zeit.de)Ausblenden
TAFITI - Ab durch die Wüste
KinderKino – D 2025, 81 Min. Regie: Nina Wels
Eine abenteuerliche Zeichentrick-Reise durch die Wüste
Weiterlesen...Timon und Pumbaa, das Erdmännchen und das Warzenschwein aus Disneys Zeichentrickklassiker „Der König der Löwen“, bekommen auf der großen Leinwand Gesellschaft. Mit Tafiti und Pinsel schickt sich ein ganz ähnliches Duo an, Kinder und Eltern zu unterhalten. Seine Premiere feierte das Animationsabenteuer „Tafiti – Ab durch die Wüste“, basierend auf einer Kinderbuchreihe der Schriftstellerin Julia Boehme, nach launiger Anmoderation von Tim Gailus beim Filmfest München 2025, wo es die auf junge Zuschauer*innen ausgerichtete Reihe Cinekindl eröffnete. „Alle Tiere sind gefährlich, erst recht Schmetterlinge, denn die lenken ab!“ So bekommt es Erdmännchen Tafiti (gesprochen von Cosima Henman) von seinem Opapa gepredigt, der nichts von artenübergreifender Kontaktaufnahme hält. „Wir bleiben unter uns!“, ist ein weiterer Satz, den der Titelheld wahrscheinlich schon tausend Mal gehört hat. Wenig erfreut ist Opapa dann auch, als Tafiti die Bekanntschaft des lebhaften Pinselohrschweins Pinsel (Stimme: Bürger Lars Dietrich) macht, das ihm schnurstracks zum Bau der Erdmännchen folgt. Durch ein Missgeschick des Rüsseltiers wird Opapa von einer Schlange gebissen – und schaut dem Tod ins Auge. Rettung scheint einzig eine sagenumwobene blaue Blume zu bedeuten, die allerdings noch niemand je gefunden hat. Tafiti bricht dennoch zu einer Wanderung durch die Wüste auf und ärgert sich zunächst darüber, dass der sich schuldig fühlende Pinsel ihm nicht mehr von der Seite weicht. Dessen Ausrede, die sich zu einem kleinen Running Gag ausweitet: Sie hätten nur zufällig denselben Weg. Auf der Suche nach der mutmaßlich heilbringenden Pflanze merkt Tafiti jedoch schnell, dass ein Begleiter auch sehr hilfreich sein kann. Seine wichtigsten Themen etabliert der Film gleich in den Anfangsminuten: Toleranz, Vertrauen und Freundschaft. Wirklich überraschend ist die „innere“ Reise – also die persönliche Entwicklung des Protagonisten – nicht. Und zweifelsohne bedient sich das Drehbuch mitunter einiger bequemer Kniffe, um die Handlung voranzutreiben. Dafür ist das Erdmännchen-Pinselohrschwein-Gespann aber grundsympathisch. Besonders schön: dass sich die Emotionen, die jeweilige Stimmung Pinsels an der Stellung seiner Ohren ablesen lassen. Hängen sie schlapp nach unten, drückt irgendwo der Schuh. Auf ihrem Weg müssen die beiden Hauptfiguren Gefahren bestehen und treffen verschiedene Tiere, von denen manche böse Absichten verfolgen. Ein Kurzohrrüsselspringer (eine Art Maus mit Rüssel), dem Dustin Semmelrogge seine markante Stimme leiht, wird hingegen für einige Zeit zu einem Gefährten, der vor allem die Funktion eines komischen Sidekicks übernimmt. Sein Abgang kommt indes etwas abrupt und ist auf bemüht komische Weise inszeniert. Äußerst angenehm, da keineswegs selbstverständlich im heute leider oft hektischen, auf Spektakel und Knalleffekte setzenden Family-Entertainment-Bereich: Rasante Passagen wie Verfolgungsjagden oder Ähnliches sind ausgewogen auf die Gesamtlaufzeit verteilt. Fast nie hat man das Gefühl, dass purer Aktionismus um sich greift. Was bei der Premiere in Anwesenheit zahlreicher Kinder außerdem deutlich wurde: Die guten alten Pupsgags funktionieren noch immer. Nur schön, dass die Macher*innen rund um Regisseurin Nina Wels damit sparsam umgehen. Dass das Aussehen der Landschaft – es gibt unter anderem die grün-braue Steppe, die gelbe Wüste und ein unter Wasser stehendes Höhlensystem – mehrfach wechselt, mag nicht realistisch sein. Dadurch erstarrt Tafiti – Ab durch die Wüste allerdings nicht in optischer Eintönigkeit. In puncto Animationsarbeit hat der Film verglichen mit großen, hochbudgetierten US-Studiotiteln logischerweise keine Chance. Aus deutscher Produktion hat man aber schon viele weniger detailfreudige Werke gesehen. Das Fell Pinsels etwa wirkt durchaus rau und borstig. (kino-zeit.de)Ausblenden
MELANCHOLIA
In memoriam Udo Kier – D/DK/F 2011, 136 Min. Regie: Lars von Trier
mit Kirsten Dunst, Charlotte Gainsbourg, Udo Kier
Eine überwältigende Kinoerfahrung auf Kollisionskurs zur Erde mit STAGING DEATH als außerplanmäßigen Vorfilm
Weiterlesen...In seinem gewaltigen Prolog nimmt Lars von Trier das Ende vorweg, gerade so, als würde er dem Zuschauer von Anfang an gar nicht erst die Möglichkeit geben, sich dem Unausweichlichen zu entziehen. Wie die Protagonisten in seinem Film, so ist auch der Zuschauer dem Ende hilflos ausgeliefert, sehenden Auges steuern wir auf das Unglück zu und können uns ihm nicht entziehen. In stilisierten Bildern, die in Superzeitlupe wie zum Leben erwachte Gemälde, wie kunstvoll inszenierte Fotografien voller magischem Realismus wirken, sehen wir die Apokalypse kommen — und es ist nicht nur das Ende des Films, das in diesem grandiosen Prolog gezeigt wird, sondern es ist das Ende allen Seins. Ein gewaltiger Planet namens Melancholia, um ein Vielfaches größer als unsere Erde hat sich auf eine Reise durch das Universum gemacht, hat alle Planeten unseres Sonnensystems passiert, ohne eine Kollision zu verursachen, hat sich hinter der Sonne versteckt wie ein heimtückischer Meuchelmörder, um dann der finalen Kollision mit dem blauen Planeten zuzusteuern. Melancholie ist auch der Name der Krankheit, unter der Justine (Kirsten Dunst) leidet. Doch man braucht eine Weile, bis man das realisiert. Weil wir sie ausgerechnet an jenem Tag kennenlernen, der allgemein als der schönste Tag im Leben gilt — bei ihrer Hochzeit. Anfangs scheint auch noch alles in bester Ordnung zu sein mit der schönen und strahlenden Braut. Auch wenn bereits die Anreise zu dem Hotel, in dem die Feier stattfindet, nicht gerade einfach ist, denn die Stretch-Limousine kann die engen und gewundenen Straßen kaum passieren. Ein eher kleines Problem, das zur Erheiterung der Braut und ihres Bräutigams Michael (Michael Skarsgård) beiträgt. Überhaupt herrscht eine ausgelassene Stimmung bei der Feier, der Vater der Braut mopst ziemlich offensichtlich die Silberlöffel und flirtet mit den zwei Bettys an seinem Tisch, die Reden sind launig, man spürt die Liebe und Zuneigung des jungen Paares zueinander. Doch dann mischen sich zunehmend Misstöne in die Feier, es kommt zum Streit der geschiedenen Elterns Justines, plötzlich ist die Braut verschwunden und erscheint wieder in sichtlich gedrückter Stimmung, Justines Schwester Claire (Charlotte Gainsbourg), die das Fest organisiert hat und deren Mann (Kiefer Sutherland) zeigen sich zunehmend genervt, so dass die Hochzeit schließlich in eine Katastrophe mündet — kein Wunder, denn sie steht buchstäblich unter einem schlechten Stern, der in wenigen Tagen sein Ziel erreichen wird. Hier endet der erste Tei des Films, der nach Justine benannt ist und der zweite mit dem Titel Claire beginnt. Claire, die das Hotel, in dem die aus dem Ruder gelaufene Hochzeitsfeier stattfand, betreibt, nimmt ihre strauchelnde Schwester bei sich auf, kümmert sich um sie und versucht sie wieder aufzurichten. Zur gleichen Zeit nähert sich Melancholia immer schneller der Erde und die Prognosen, ob sich der Planet auf Kollisionskurs befindet oder nicht, gehen erheblich auseinander. Je greifbarer und unausweichlicher die Katastrophe ist, desto ruhiger und gefasster wird Justine, während Claire zunehmend panischer… Lars von Triers neues, mit Spannung erwartetes Werk Melancholia ist kein Film, sondern eine Erfahrung, eine apokalyptische Verkündigung des Endes der Welt. Während Terrence Malicks Auseinandersetzung mit dem Wesen der Welt am Ende mehr Fragen aufwirft als beantwortet, bleibt der dänische Filmemacher stets klar, konkret und unbarmherzig in seiner pessimistischen Weltsicht. Am Ende ist Schweigen und Dunkelheit. Und Fassungslosigkeit über einen Film, der überwältigt und von so großer, dunkler, monolithischer Größe ist, dass man nichts dagegen hätte, wenn damit das Filmfestival von Cannes enden würde. Denn mal ehrlich: Was soll, was kann nach dem Ende der Welt noch kommen? Außer der Goldenen Palme von Cannes natürlich… Als Lars von Trier seinem Produzenten das Drehbuch zu lesen gegeben hatte, fragte dieser ihn nach der Lektüre, was denn nach diesem Film eigentlich noch kommen solle. Diese Frage stellt sich wahrhaftig — eine Antwort darauf steht noch aus. Man wagt es gar nicht darüber nachzudenken, wenn dies tatsächlich Lars von Triers letzter Film sein sollte. Kaum ein Regisseur hat sich im Verlauf seiner Karriere immer wieder so radikal neu erfunden, kaum einer hat so viele Impulse gegeben und ist mit seinen Werken immer wieder den Schritt an die Grenzen des Filmemachens und darüber hinaus gegangen. Es besteht kein Zweifel: Lars von Trier ist einer der größten Regisseure unserer Zeit, was Melancholia einmal mehr aufs Eindrucksvollste unterstreicht. (kino-zeit.de)Ausblenden