Am 21.2. zeigt das Kinoptikum

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ZIRKUSKIND
KinderKino – D 2024, 86 Min.
Regie: Julia Lemke, Anna Koch
Ein Jahr auf Tournee mit einem echten Zirkus
Trailer zu ZIRKUSKIND
Weiterlesen... Für die meisten Menschen ist der Zirkus ein Ort der außergewöhnlichen, wenn auch seichten Unterhaltung, der bunten Lichter, Akrobatik und Artistik. Für den elfjährigen Santino allerdings ist die Manege ein Zuhause. Er ist im „Circus Arena“ groß geworden, wohnte nie an einem festen Ort, sondern zog, seit er sich erinnern kann, mit dem Zirkus durchs Land. Das Leben im Wohnwagen macht ihm nichts aus, denn seine Familie ist immer bei ihm.
Mit seinen Geschwistern spielt er Verstecken zwischen den Wagen, er verteilt leuchtende „Zauberstäbe“ während der Shows oder hilft seinen Eltern beim Auf- und Abbau des Zirkuszelts. Auch den Umgang mit Tieren hat er schon früh gelernt, denn um den Zirkus am Laufen zu halten, helfen auch schon die jüngsten Familienmitglieder, wo sie nur können. Ein Lebensstil, der zusammenschweißt. Egal ob man tatsächlich miteinander verwandt ist, ob man ein Mensch oder ein Tier ist: Wer zum Zirkus gehört, gehört zur Familie.
Zirkuskind ist der dritte Dokumentarfilm des Regie-Duos „Badabum“, bestehend aus Anna Koch und Julia Lemke, und zeigt, wie das Leben der Artisten weitergeht, wenn die Zuschauer*innen die Manege verlassen. Ein Jahr lang, angefangen mit Santinos elftem Geburtstag im Frühling 2023, sind sie mit dem „Circus Arena“ durch Deutschland gereist und haben das Leben des Zirkuskindes und seiner Familie dokumentiert.
Entstanden ist ein knapp 90-minütiger, in die vier Jahreszeiten unterteilter Blick hinter die Kulissen, an dem sowohl Kinder als auch Erwachsene ihren Spaß haben dürften: Während Santino die Perspektive der Kinder einnimmt, erzählt Opa Ehe, der sich selbst als den ältesten Zirkusdirektor Deutschlands bezeichnet, von seiner eigenen Lebensgeschichte rund um den Zirkus. Diese Geschichten sorgen für die schönsten und unterhaltsamsten Momente des Films und werden durch die kinderbuchartigen Animationen von Magda Kreps und Lea Majeran wunderschön visualisiert. So berichtet Ehe beispielsweise von Sahib, dem größten Elefanten aller Zeiten, oder von der Gründungsgeschichte seines eigenen Kasperletheaters, das später zu einem ganzen Zirkus heranwuchs.
Er spricht aber auch ernstere Themen an und berichtet von der Verfolgung der Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs, bereinigt gängige Klischees und Vorurteile gegenüber Schaustellern und erklärt, wie umfangreich im Zirkusbetrieb für das Wohl der Tiere gesorgt wird. Und auch Santino macht klar, dass er nichts von den üblen Vorurteilen gegenüber den Schaustellerfamilien hält. Natürlich fällt es ihm schwer, immer wieder die Schule wechseln und neue Freunde finden zu müssen, doch er erzählt auch voller Stolz, dass er sich ein Leben ohne seine Zirkusfamilie und den alltäglichen Trubel nicht vorstellen könne. Denn trotz des zeitweise rauen Umgangstons ist die Liebe, die Toleranz und der enge Zusammenhalt der Familie in jeder Sekunde spürbar.
Zirkuskind ist eine kindgerechte Dokumentation, die aus der Perspektive von Santino hinter die Kulissen des Zirkusalltags blickt und mit hartnäckigen Klischees aufräumt. Dabei gelingt es dem Regieduo, die Balance zwischen Opa Ehes Geschichten und dem Zirkusalltag zu wahren und trotz aller Begeisterung für die Sache nie zu einem Werbefilm für den „Circus Arena“ zu werden. Und auch wenn einige Fragen, die Erwachsene an den Zirkusbetrieb hätten, nur oberflächlich beantwortet werden, ist es bemerkenswert, dass eine 90-minütige Dokumentation einen Kinosaal voller Kinder an die Leinwand fesseln kann. (kino-zeit.de)
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SENTIMENTAL VALUE  OmU
DK/D/F/N 2025, 133 Min.
Regie: Joachim Trier
mit Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Elle Fanning
Eine sentimentale Familienaufstellung aus dem hohen Norden
Trailer zu SENTIMENTAL VALUE
Weiterlesen... Gleich zu Beginn von „Sentimental Value“ wird ein Zuhause nicht über seine Architektur beschrieben, sondern über die Erinnerung. Eine Stimme erinnert sich an Wände, die einst warm waren, voller Leben – erfüllt von Stimmen, Licht, Streit, Freude. Jetzt ist die Luft still. Die Stimmen sind verschwunden. Und das Haus, einst fast eine Figur für sich, trägt nur noch Echos in sich. In diesen stillen Überresten der Vergangenheit legt Joachim Trier den emotionalen Grundstein für seinen bisher reifsten und zärtlichsten Film.
Bei der Pressekonferenz in Cannes sagte Joachim Trier: „Zärtlichkeit ist der neue Punk.“ Und genau so fühlt sich Sentimental Value an. Radikal in seiner Verletzlichkeit, entschlossen in seiner Sanftheit. Ein Film, der mit emotionaler Präzision erzählt, wie es sich anfühlt, erwachsen zu werden, sich zu entfremden und dann zu versuchen – vielleicht zu spät – wieder zueinander zu finden. Wo sich Triers Oslo-Trilogie (Auf Anfang, Oslo, 31. August und zuletzt Der schlimmste Mensch der Welt) auf das Innenleben einzelner Figuren konzentrierte, richtet Sentimental Value seinen Blick auf eine zerrissene Familie. Doch diese Zerbrochenheit ist leise. Sie liegt in Blicken, in dem, was nicht gesagt wird, in langen Momenten des Schweigens. Trier und sein Co-Autor Eskil Vogt fordern uns nicht nur zum Zusehen auf, sondern auch zum Zuhören: dem, was gesagt wird, und dem, was unausgesprochen bleibt.
Renate Reinsve spielt Nora, eine Theaterschauspielerin, die von einer leisen Identitätskrise erfasst ist. Sie stolpert durch eine Rolle, an die sie nicht mehr glaubt. Das Bild des Erwachsenwerdens als Bühnensituation trifft ins Mark: Du trägst ein Kostüm, das dir nicht passt, stehst im Scheinwerferlicht, das brennt, und weißt nicht, wo der Text aufhört und deine eigenen Gedanken anfangen. Du sehnst dich nach Applaus, aber was du wirklich willst, ist gesehen zu werden. Nicht vom Publikum, sondern von denen, die dir am nächsten stehen. Deiner Familie. Deiner Vergangenheit.
Trier inszeniert dieses emotionale Theater mit großer Klarheit und Feingefühl. Als Noras entfremdeter Vater Gustav (Stellan Skarsgård), ein gefeierter Regisseur, mit einem Rollenangebot in ihr Leben tritt, ist das mehr als ein beruflicher Vorschlag. Es ist ein Versuch der Annäherung, ein stiller Ruf nach Vergebung, ein Test, ob Kunst echte Nähe ersetzen kann. Doch was, wenn selbst das zu viel verlangt ist? Gustav ist ein Mann, der Gefühle besser inszenieren als ausdrücken kann. Sein Zugang zur Welt führt über Skripte und Szenen. Vielleicht liegt die Tragik seiner Figur darin, zu glauben, das reiche aus. Seine Beziehung zur amerikanischen Schauspielerin Rachel (Elle Fanning), die schließlich die Rolle übernimmt, wirkt zugleich rührend und verstörend. Mit ihr ist er zugewandt, ermutigend, fast väterlich. Und genau das macht die emotionale Distanz zu seinen Töchtern umso schmerzhafter.
In der Stille lässt Trier seine Figuren atmen – manchmal schmerzhaft, manchmal wunderschön. Skarsgård und Reinsve liefern zurückhaltende, eindringliche Darstellungen. In einer Szene wird das bloße Weiterreichen einer Zigarette zum stillen Waffenstillstand, zum flüchtigen Moment von Nähe. Fast wirkt es zärtlich, wäre da nicht die Vergangenheit, die wie ein Schatten dazwischensteht. Im ganzen Film liegt eine tiefe Einsamkeit, die sich kaum in Worte fassen lässt. Man beginnt, sich mit anderen zu vergleichen, die heller scheinen, sicherer, lebendiger. Und fragt sich, was an einem selbst fehlt, was unterwegs verloren ging. Doch vielleicht geht es gar nicht darum, wie andere einen sehen. Vielleicht zählt nur, was man selbst erkennt, wenn der Vorhang fällt. Manchmal blickt man seinen Eltern ins Gesicht und fragt sich, ob sie einen überhaupt sehen. Aber vielleicht tun sie das. Vielleicht haben sie es immer getan. Vielleicht haben sie nur nie die richtigen Worte gefunden. Und man selbst auch nicht. In einem Zuhause, das längst still geworden ist, hängen die Erinnerungen noch in der Luft. Der Geruch vergangener Tage, ein altes Foto, ein vertrautes Zimmer. Man hält daran fest, auch wenn es schmerzt. Nicht weil es perfekt war, sondern weil es einmal etwas bedeutete. Und vielleicht immer noch tut
Am Ende steht Sentimental Value als leise Offenbarung. Nicht bloß Nostalgie, sondern die Traurigkeit über das, was war, und die zarte Hoffnung auf das, was noch sein könnte. Eine Liebe, die nicht verschwunden ist, sondern sich nur versteckt hat. Ein Zuhause, das nicht mehr spricht, aber noch zuhört. Eine Rolle, in die man erst noch hineinwachsen muss. Und vielleicht muss man das nicht allein tun. Denn manchmal reicht es, es einfach zu versuchen. Und das, sagt Trier, ist der radikalste Akt überhaupt. Kein Wunder also, dass Sentimental Value bei den Filmfestspielen von Cannes mit einer 19-minütigen Standing Ovation gefeiert wurde – der bisher drittlängsten in der Geschichte des Festivals. Der Film wurde schließlich mit dem Grand Prix ausgezeichnet. Es ist eine Auszeichnung für einen Film, der nicht laut sein muss, um zu berühren. (kino-zeit.de)
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WELCOME HOME BABY
Cinema Obscure – Ö/D 2025, 115 Min.
Regie: Andreas Prochaska
mit Julia Franz Richter, Reinout Scholten van Aschat. Maria Hofstätter
Ein atmosphärischer und zitatenreicher Provinzschocker
Trailer zu WELCOME HOME BABY
Weiterlesen... Mit dem Slasher-Movie „In 3 Tagen bist du tot“ (2006) brachte er den Horror gekonnt ins Salzkammergut – und in „Das finstere Tal“ (2014) mixte er auf virtuose Weise Western- mit Heimatfilm-Motiven, angesiedelt in den Alpen des späten 19. Jahrhunderts. Der 1964 in Wien geborene (Co-)Drehbuchautor und Regisseur Andreas Prochaska ist ein Experte für deutschsprachiges Genre-Kino, das seine Vorbilder nicht einfach nur kopiert, sondern eine ganz eigene Identität entwickelt. Diesen Weg beschreitet er nun auch in seinem neuen Werk „Welcome Home Baby“, das als übersinnlicher Psychothriller in der österreichischen Provinz daherkommt und unter anderem Versatzstücke aus Roman Polańskis „Rosemaries Baby“ (1968) und Dario Argentos „Suspiria“ (1977) mit lokalen Besonderheiten kombiniert.
Der Plot beginnt nach einem atmosphärisch-unbehaglichen Intro in Berlin. Judith (Julia Franz Richter) ist als Notärztin tätig; ihr Ehemann Ryan (Reinout Scholten van Aschat) arbeitet als (Hochzeits-)Fotograf. „Ich muss nach Österreich“, erzählt sie ihrem Kollegen auf einer nächtlichen Fahrt im Rettungswagen ziemlich emotionslos. Ihr leiblicher Vater, den sie nicht gekannt habe, sei gestorben – und habe ihr ein Haus vererbt. Also macht sich das junge Paar auf den Weg. Auf dem Dorf wird Judith von ihrer Tante Paula (Gerti Drassl) freudig empfangen. Und auch die übrigen Leute in der Gegend scheinen zu hoffen, dass Judith und Ryan in das Haus einziehen und zu einem Teil der kleinen Gemeinde werden. Judith reagiert indes sehr abweisend.
Prochaska, der das Skript zusammen mit Daniela Baumgärtl und Constantin Lieb geschrieben hat, baut geschickt Suspense-Momente ein, die uns rasch ahnen lassen, dass die beiden Hauptfiguren in Gefahr schweben. Die geerbte Immobilie wird als klassisches Haunted House in Szene gesetzt. Als Ryan die Räumlichkeiten fotografisch festhalten möchte, scheint ein seltsamer Schleier über den Bildern zu liegen. Hinzu kommen Mystery-Elemente. Unter welchen Bedingungen starb einst Judiths leibliche Mutter? Was war deren Gatte für ein Mensch? Und welche Erfahrungen hat Judith als Kind machen müssen? „Du kennst es ja…“, raunt eine kranke ältere Frau (Linde Prelog), als sie von „der anderen Seite“, dem Jenseits spricht.
Die Bezüge, die sich auf audiovisueller und auf dramaturgischer Ebene herstellen lassen, sind zahlreich – von Folk-Horror wie Robin Hardys The Wicker Man (1973) über Science-Fiction-Grusel wie Bryan Forbes’ Die Frauen von Stepford (1975) bis hin zum abgründigen Œuvre von Ari Aster. Die stilvollen und höchst originellen Aufnahmen der Kamerafrau Carmen Treichl sowie das für Beklemmung sorgende Sound-Design und das auf Details achtende Szenenbild gehen aber, wie bei Prochaska üblich, weit über eine Ansammlung von Zitaten hinaus. Der Film entwirft einen stimmigen Kosmos, der uns gemeinsam mit seiner Protagonistin allmählich an Raum und Zeit zweifeln lässt. Zu den Eigenheiten gehören neben dem pointiert gespielten Nebenpersonal (absolut großartig: Gerti Drassl als „Tante“) die gewählten Songs, die das Geschehen oft eher kontrapunktisch untermalen: So wird etwa eine Cover-Version des Joe-Dassin-Chansons Et si tu n’existais pas im besten Sinne irritierend zum Einsatz gebracht.
Gewohnt versiert verpackt Prochaska moderne Gedanken, in diesem Fall über Vergangenheitsbewältigung und Selbstbestimmung, in ein vertrautes (Kino-)Gewand, das durch Sorgfalt und Leidenschaft mit vielen neuen Nuancen versehen wird. Welcome Home Baby lässt das Böse im Wald dröhnen, lässt Flammen lodern und das provinzielle Nirgendwo zum Ort des ultimativen Schreckens werden. (kino-zeit.de)
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