Am 15.2. zeigt das Kinoptikum

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22 BAHNEN
D 2025, 102 Min.
Regie: Mia Meyer
mit Luna Wedler, Zoë Baier, Laura Tonke
Die hochgelobte Bestsellerverfilmung um zwei Schwestern
Trailer zu 22 BAHNEN
Weiterlesen... Mit ihrem Debütroman „22 Bahnen“ gelang der Schriftstellerin Caroline Wahl im Jahr 2023 ein großer Erfolg. Die Coming-of-Age-Story erhielt überwiegend positive Kritiken, avancierte zum Bestseller und wurde vielfach ausgezeichnet. Die Drehbuchautorin Elena Hell hat das Werk adaptiert. Mit Mia Maariel Meyer hat sich nun eine Regisseurin des Stoffes angenommen, die bereits in ihren Arbeiten „Treppe aufwärts“ (2015) und „Die Saat“ (2021) ein sehr feines Gespür für Charakterdramen beweisen konnte.
Wir lernen die Protagonistin Tilda (Luna Wedler) dort kennen, wo sie sich am wohlsten fühlt: im Freibad. Es regnet; ihre jüngere (Halb-)Schwester Ida (Zoë Baier) ist bei ihr. Die beiden seien „ein intakter Organismus“, sagt uns Tilda via Voiceover. Meyer und ihr Kameramann Tim Kuhn erzeugen wuchtige Bilder, um die Lebenswelt der Heldin unter Wasser und an der Oberfläche zu visualisieren. Wahls ausdrucksstarke Sprache findet dadurch eine adäquate Übertragung auf die Kinoleinwand.
Direkt nach diesem Auftakt zeigt uns der Film, weshalb das perfekt funktionierende Miteinander zwischen den zwei Geschwistern doch immer wieder aus dem Gleichgewicht gerät: Die gemeinsame Mutter (Laura Tonke) ist alkoholabhängig. Als die beiden nach Hause kommen, hat die Mutter gerade versehentlich einen Brand in der Küche verursacht. Ein Stoffbeutel, gefüllt mit etlichen leeren Flaschen, genügt als Hinweis. „Tildchen, ich mach das schon!“, ruft die Mutter. Aber rasch wird klar: Tilda ist oft gezwungen, die Verantwortung zu übernehmen. Wiederholte Beteuerungen, dass von jetzt an alles besser werde, haben längst ihre Glaubwürdigkeit verloren.
Das Skript benötigt kaum Rückblenden oder erklärende Worte, um begreiflich zu machen, dass Tilda bereits viele Stationen auf dem Weg zum Erwachsenwerden hinter sich hat. Im Mathematikstudium hat sie ihre Erfüllung gefunden („Mathe schafft Ordnung“), ein Job an der Supermarktkasse sorgt fürs Überleben. Als ihr eine Promotionsstelle in Berlin nach ihrem Masterabschluss in Aussicht gestellt wird, muss sie jedoch eine Entscheidung treffen. Kann sie Ida in der Kleinstadt bei ihrer Mutter zurücklassen?
Das Verhältnis zwischen den zwei Schwestern ist der emotionale Kern der Geschichte. Wenn die beiden den melancholischen und zugleich ermutigenden Tokio-Hotel-Hit Durch den Monsun miteinander singen, ist das ein unfassbar schöner Moment, der die richtige Balance zwischen der Sehnsucht nach Kitsch und dem Erfassen der Realität findet. Luna Wedler verkörpert Tilda absolut glaubhaft.
An einer Stelle lesen die Schwestern zusammen mit ihrer Mutter Die Tribute von Panem. Ida idealisiert dabei ihre große Schwester, die sich für sie doch gewiss ebenso freiwillig für die „Hungerspiele“ melden würde, wie es die furchtlose Romanfigur Katniss Everdeen tut. Aber Tilda ist keine tapfere, selbstlose Kriegerin – und sollte es auch gar nicht sein müssen. 22 Bahnen wirkt authentisch, ist voller Empathie und durchdrungen von dem Wunsch, als junger Mensch einfach frei sein zu dürfen. (kino-zeit.de)
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DIE ROTE SCHILDKRÖTE
KinderKinoLa Tortue Rouge – F/B/JAP 2016, 81 Min.
Regie: Michael Dudok de Wit
Ein betörendes Anime aus dem Hause Ghibli
Trailer zu DIE ROTE SCHILDKRÖTE
Weiterlesen... Das Meer tost und gischt im Sturm, Wellen bäumen sich auf und überschlagen sich mit. Inmitten der aufgewühlten See befindet sich ein Mann, der um sein Leben kämpft, indem er versucht, sich an seinem gekenterten, kopfüber dahintreibenden Boot festzuhalten. Doch es gelingt ihm nicht.
Mit fulminanten und wunderschönen Bildern beginnt Die rote Schildkröte, der neuste Streich aus dem japanischen Animationsstudio Ghibli, das seiner liebevoll handgezeichneten Ästhetik auch hier treu bleibt. Die Geschichte stammt allerdings diesmal vom Niederländer Michaël Dudok de Wit. Nach dem Rückzug Hayao Miyazakis ist es hier Isao Takahata (Miss Hokusai), der die traditionelle künstlerische Ausführung von de Wits Geschichte über die rote Schildkröte übernommen hat. Und diese japanische-niederländische Zusammenarbeit ist ganz und gar gelungen.
Sparsam ist Die rote Schildkröte geraten, gerade mal knapp 80 Minuten braucht der Film, um eine ganz wunderbare, runde und tiefsinnige Geschichte zu erzählen. Der Mann aus dem tosenden Meer überlebt und strandet auf einer Insel mit einem Berg, einem großen Bambuswald, einer Frischwasserquelle und ein paar Fruchtbäumen — das ist gerade genug um zu überleben. Auch hier in der Ausstattung der Insel ist Sparsamkeit angesagt. Die Bilder zeigen einen minimalistischen Stil, doch er genügt, um eine Gefühl für die Umwelt herzustellen. Der Wald ist saftig grün, die Tage blau, das Wasser türkis und die Nächte schwarz; die Sterne erhellen die Szenerie ein klein wenig. Und der Mann? Versucht Flosse zu bauen und sich zu retten. Doch jeder einzelne Versuch scheitert, weil jedes Gefährt ein ums andere Mal zerstört wird — und zwar von einer großen roten Schildkröte, die ihn erst ein wenig aufs Meer paddeln lässt, um seine in mühevoller Handarbeit erschaffene Konstruktion zu versenken. Erst als er die Schildkröte, die zum Eier legen an den Strand gekommen ist, auf den Rückenpanzer drehen kann, so dass sie wehrlos ist, hätte der Mann eine Chance auf Flucht. Doch er nimmt sie nicht wahr, denn diese Schildkröte erweist sich als eine magische Kreatur.
Hier treffen sich die westliche und östliche Interpretationen dieses Tieres. Die asiatische Bedeutung von Langlebigkeit und Glück paart sich mit der altgriechischen Idee von Fertilität. Aus der Panzer schlüpft eine Frau, die fortan den Gestrandeten begleiten wird. Die beiden werden nie miteinander reden. Sowieso sind Worte völlig unnötig in diesem Film. Auch hier wirkt die Reduktion Wunder und erlaubt es, sich ganz und gar auf Körpersprache, Erzählung, Umgebung und die ganz besondere Verbundenheit der beiden Einsiedler zu konzentrieren. Die rote Schildkröte konzentriert sich ganz und gar auf die ProtagonistInnen und wie sie ihr Leben begreifen. Ob im Überlebenskampf, bei Unglücken wie einem verheerenden Tsunami oder in den schönen Momenten, beim Entdecken, beim Sich-nahe- sein, beim Schwimmen im Meer, das mit vielen weiteren Schildkröten aufwartet, überall ist man ganz nah dabei, erlebt und erfühlt alles in den kleinsten Nuancen und großen Dramen des Daseins. Was äußerlich recht unspektakulär erscheint, ist im Inneren eine tiefe und tiefsinnige Feier des Lebens und der Natur. (kino-zeit.de)
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DER LEHRER, DER UNS DAS MEER VERSPRACH  span. OmU
GEWEl maestro que prometió el mar – SP 2023, 105 Min.
Regie: Patricia Font
mit Enric Auquer, Laia Costa, Luisa Gavasa
Filmische Fortbildung in den Fächern Geschichte und Ethik in Koop mit der GEW
Trailer zu DER LEHRER, DER UNS DAS MEER VERSPRACH
Weiterlesen... Neben den Eltern sind Lehrerinnen und Lehrer die wohl prägendsten Personen im Leben junger Menschen. Im Mindest-Fall vermitteln sie für das Leben elementares Wissen, im besten Fall eröffnen sie ganz neue Perspektiven, Denkweisen, Möglichkeiten, befeuern den Geist, das Selbstbewusstsein und die Herausbildung der eigenen Identität. In diese Kategorie Lehrer fällt die Hauptfigur der spanischen Produktion „Der Lehrer, der uns das Meer versprach“.
Regisseurin Patricia Font und das Autorenduo Francesco Escribano und Albert Val verorten ihre Geschichte zur einen Hälfte in der Gegenwart, zur anderen in der Vergangenheit. In ersterer ist die junge Mutter Ariadna (Laia Costa) auf der Suche nach den verschollenen sterblichen Überresten ihres Urgroßvaters, um ihrem Großvater, der im Seniorenheim auf das Ende seines Lebens zusteuert, einen letzten Gefallen zu erweisen. Sie vermutet die Leiche in einem der hunderten Massengräber, die infolge der Machtübernahme von Francos Faschisten 1936 entstanden sind und gerade ausgehoben, untersucht und katalogisiert werden. Womit der Film die Brücke in die Vergangenheit baut.
Die darin handelnden Passagen, die durch eine deutlich wärme Farbgestaltung visuell von der Gegenwartserzählung abgegrenzt werden, bilden das Herzstück des Films. Im Mittelpunkt: Antonio Benaiges (Enic Auquer), der 1935 in einem abgelegenen spanischen Dorf als Lehrer anfängt. Und mit seinen unkonventionellen Methoden schnell auf Gegenwind der konservativen Erwachsenen, insbesondere beim örtlichen Priester stößt, mit dem er es sich sofort verscherzt, weil Antonio als Allererstes das Kreuz im Schulzimmer abhängt.
Die Kinder hingegen blühen regelrecht auf: Antonio arbeitet nicht (nur) den vorgesehenen Stoff ab, bringt den letzten Analphabeten Lesen und Schreiben bei, sondern fördert seine Schülerinnen und Schüler in dem, was sie können und lieben. Er bestärkt sie darin, selbstständig zu denken, über den Tellerrand zu blicken, und installiert sogar eine kleine Druckerpresse, mit deren Hilfe die Klasse eigene Hefte zu selbst ausgesuchten Themen herstellt. All dies gipfelt im Versprechen eines Klassenausfluges ans Meer – dorthin, wo noch keines der Kinder war. Es könnte alles so schön sein, wäre da nicht der aufkommende Faschismus, der wie eine düstere Gewitterwolke am Horizont aufzieht.
Abseits der Plot-Zweiteilung verläuft Der Lehrer, der uns das Meer versprach – entgegen seiner Titelfigur – in recht konventionellen Bahnen, ist solide, aber trotz ein paar schöner, berührender Momente nie herausragend inszeniert und wartet mit guten Schauspielleistungen auf. Das Herz des Films schlägt ganz klar in der Geschichte über einen Idealisten und Humanisten, von denen es in politisch finsteren Zeiten umso mehr braucht.
Die Verknüpfung mit der Gegenwart zeigt einerseits, dass das geistige Erbe solcher Persönlichkeiten weiterleben kann, dass ihre Mühen nicht vergebens sind, auch wenn ihre Ambitionen zu ihren Lebzeiten scheitern und repressive Kräfte sie aus der Geschichte tilgen wollen – und zwar in den Menschen, die sie geprägt und geformt haben, denen sie ein Vorbild waren. Andererseits machen die Bilder der Massengräber von den Opfern des Faschismus deutlich, dass, auch wenn hier ein Einzelschicksal beleuchtet wird, Antonio kein Einzelfall war. Vielmehr steht er stellvertretend für Tausende andere, die dem Faschismus zum Opfer gefallen sind. Der Lehrer, der uns das Meer versprach ist ein inspirierender Film über die Freiheit des Geistes, über den von Immanuel Kant geforderten Mut, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Erst recht dann, wenn andere es nicht tun. (kino-zeit.de)
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