Am 14.2. zeigt das Kinoptikum

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NINA UND DAS GEHEIMNIS DES IGELS
KinderKinoNina et le secret du hérisson – F/LUX 2023, 77 Min.
Regie: Alain Gagnol, Jean-Loup Felicioli
Phantastisches Zeichentrick-Abenteuer mit zwei Nachwuchsdetektiven
Trailer zu NINA UND DAS GEHEIMNIS DES IGELS
Weiterlesen... Die Kinder- und Jugendliteratur ist reich an kleinen Spürnasen: Erich Kästners „Emil und die Detektive“, Enid Blytons „Fünf Freunde“ und Robert Arthurs „Die drei ???“ lassen grüßen. Neben literarischen Vorlagen wie diesen tummeln sich im Kino aber auch jede Menge originäre Nachwuchsermittler. Eine davon ist Nina, die der blühenden Fantasie des Duos Alain Gagnol und Jean-Loup Felicioli entsprang. Was angesichts des Œuvres der beiden umtriebigen Franzosen nicht verwundert: Abseits des Filmgeschäfts schreibt Gagnol Kriminalromane und Felicoli Kinderbücher.
Alain Gagnol und Jean-Loup Felicoli sind nicht nur ein eingespieltes und vielfach gewürdigtes Team (ihr Animationsfilm Un vie de chat war 2012 unter anderem für einen Oscar nominiert), sie haben auch eine ganz besondere Vorliebe: den Kinderkrimi. In ihrer jüngsten Zusammenarbeit widmen sie sich ihm bereits zum dritten Mal, genauer gesagt einem waschechten heist à la Ocean’s Eleven. „Doch diesmal sind es nicht George Clooney und seine glamouröse Bande, die das Sagen haben. Unsere beiden Gauner:innen sind zehn Jahre alt. Das hindert sie aber nicht daran, genauso mutig, erfinderisch und entschlossen zu sein wie ihre berühmten Vorgänger“, gibt das Gespann zu Protokoll.
Die zwei Zehnjährigen heißen Nina und Mehdi und stecken, ganz so, wie es sich für einen Kriminalfilm gehört, in einer misslichen Lage. Beider Väter haben ihre Arbeit verloren, nachdem die Fabrik, in der sie angestellt waren, wegen Veruntreuung dichtmachen musste. Als Folge dessen fällt für die zwei Kinder mehr als nur der Sommerurlaub flach, für den nun das Geld in den Familienkassen fehlt. Ein Umzug in eine andere Stadt steht im Raum und droht die zwei Nachbarn und besten Freunde auseinanderzureißen. Doch zum Glück hat Nina einen Plan. Und dank des Regieduos ist das nicht nur hoch spannend erzählt, sondern sieht auch ganz entzückend aus.
Gagnol und Felicoli lernten sich Ende der 1980er-Jahre im südfranzösischen Valence kennen, wo sie für das wenige Jahre zuvor gegründete Trickfilmstudio Folimage arbeiteten. Hier entstanden der eingangs erwähnte Un vie de chat und weitere animierte Höhepunkte wie Phantom Boy (2015). Und hier entwickelten die beiden ihren unverwechselbaren Stil, der auf flache Figuren mit mandelförmigen Augen und leicht überproportionierten Köpfen setzt. Auch für ihren neuen Animationsfilm, ihren ersten am Computer und zugleich außerhalb von Folimage entstandenen, behielten sie diesen Stil bei. So zweidimensional die Animationen mitunter anmuten mögen, die Figuren, die sie bevölkern, sind alles andere als das.
Als Einzelkind in einer Zeit ohne Computer und Handys aufgewachsen, ließ Alain Gagnol in jeder freien Minute seiner Fantasie freien Lauf. Die von ihm erdachte Nina tut es ihrem Drehbuchautor gleich. Als das Mädchen spitzkriegt, dass sich das veruntreute Geld noch in der Fabrik befinden könnte, schmiedet sie mithilfe ihres imaginären Freundes, eines kleinen schwarz-weißen Igels, ihren Plan. Bekämen Nina und Mehdi die in der Fabrik versteckte Kohle in die Finger, wären die Sorgen ihrer Eltern auf einen Schlag verflogen. Doch zwischen ihnen und ihrer Beute steht mehr als nur der Maschendraht, der die Fabrik einzäunt. Der im Gefängnis versauernde Firmenchef hat einen Handlanger samt knurrigem Köter engagiert, um das Gelände rund um die Uhr zu bewachen.
Wie Nina und Mehdi diese scheinbar unlösbare Aufgabe nach allen Regeln des Heist Movies meistern, ist nicht nur ein abenteuerliches Unterfangen, sondern auch ein spannender Spaß. Einmal mehr gelingt Alain Gagnol und Jean-Loup Felicoli ein abwechslungsreicher Animationsfilm, der trotz aller Fantasie geerdet bleibt und dabei mehr als nur die Krimihandlung erzählt. Es geht um Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit, um die Sorgen der Erwachsenen und das Ende der Kindheit, das mit Schmetterlingen im Bauch einhergeht. Trotz alledem wirkt der Film aber nie überfrachtet. Ganz im Gegenteil flechten Gagnol und Felicoli all das beiläufig und kindgerecht ein. So, wie sich die Kinder den Ernst des Lebens ihrer Eltern zu Herzen nehmen, nehmen auch die Regisseure ihre zwei jungen Protagonisten und mehr noch ihr junges Zielpublikum ernst – in einem Kinderkrimi, der auch Erwachsene begeistert. (kino-zeit.de)
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IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMS  DF
Kino NahostAll That´s Left of You – D/PS/JOR/CY 2025, 145 Min.
Regie: Cherien Dabis
mit Cherien Dabis, Saleh Bakri, Mohammad Bakri
Eine generationsübergreifende Familiensaga aus dem Hain von Jaffa
Trailer zu IM SCHATTEN DES ORANGENBAUMS
Weiterlesen... In ihrem tragikomischen Langfilmdebüt „Willkommen in Amerika“ (2009) erzählte die 1976 geborene Drehbuchautorin und Regisseurin Cherien Dabis von einer alleinerziehenden palästinensischen Mutter, die voller Hoffnung mit ihrem adoleszenten Sohn nach Illinois immigriert. Die wunderbar feinfühlige Indie-Perle fand damals in den USA deutlich mehr Beachtung als in Deutschland, wo sie lediglich auf einigen wenigen Festivals präsentiert wurde.
Nach einem weiteren Film (May in the Summer aus dem Jahr 2013), in dem sie selbst die Hauptrolle übernahm, und zahlreichen TV-Arbeiten liefert Dabis nun mit Im Schatten des Orangenbaums ein auf historischen Ereignissen und persönlichen Erfahrungen basierendes Familiendrama, das drei Generationen umspannt. Das Werk beginnt im besetzten Westjordanland im Jahr 1988. Bei einer Demonstration gegen die israelische Besatzung zieht sich der jugendliche Noor (Muhammad Abed Elrahman) schwere Verletzungen zu. Seine Mutter Hanan (verkörpert von Dabis selbst) schildert daraufhin die Geschichte ihrer Familie.
Sie werde erzählen, wer ihr Sohn sei, sagt Hanan. Es wirkt, als richte die Figur ihren Blick dabei direkt in die Kamera. Wir werden quasi persönlich adressiert, wodurch der Film klarmacht, dass dies keine Erzählung ist, die sich nebenbei, ohne große Aufmerksamkeit verfolgen lässt. Vielmehr ist es der Einstieg in ein Epos, das auf die Erlebnisse von Noors Großvater Sharif (Adam Bakri) in Jaffa im Jahr 1948 zurückschaut und sich dann durch die Dekaden bis zum Anfangspunkt des Films bewegt und schließlich im Jahr 2022 landet.
Wir lernen Sharifs Frau Munira (Maria Zreik) und die vier gemeinsamen Kinder kennen – darunter Hanans zukünftiger Ehemann und Noors Vater Salim (in jung: Salah Al Din; später: Saleh Bakri). In einer zunächst harmonisch anmutenden Sequenz sitzt die Familie am Esstisch und redet über Poesie, als plötzlich durch einen Bombenangriff die schreckliche Realität des Krieges in den Alltag einschlägt. Sharif will Jaffa nicht verlassen; er möchte das Haus und den familiären Orangenhain nicht zurücklassen. Bald wird er jedoch verhaftet.
An anderer Stelle hält Dabis fest, wie der kleine Noor (Sanad Alkabareti) in den 1970er Jahren mitansehen muss, wie sein Vater auf dem Nachhauseweg von einem israelischen Soldaten gedemütigt wird – was entscheidend dazu beiträgt, dass er sich als Teenager radikalisiert. Der Film veranschaulicht, was generationsübergreifende Traumata anrichten können, wehrt sich aber gegen eine durchweg pessimistische Sicht und ist nicht daran interessiert, Hass zu schüren. „Menschlichkeit ist eine Form des Widerstands“, heißt es in einer Szene. Durch die komplex gezeichneten Figuren, die voller Angst sind und dennoch die Hoffnung nicht aufgeben wollen, wird Im Schatten des Orangenbaums zu einem mitreißenden Film. (kino-zeit.de)
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EDDINGTON  DF
Cinema Obscure – USA 2025, 148 Min.
Regie: Ari Aster
mit Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone
Grotesker Neo-Western vom dünnen Firnis der Zivilisation
Trailer zu EDDINGTON
Weiterlesen... Schmerzhafte Verlusterfahrungen, Familientraumata, tiefe Einsamkeit und massive Ängste: Im Einzelnen und mit teilweisen Überlappungen hat US-Regisseur Ari Aster diese seelischen Täler in seinen bisherigen drei Filmen „Hereditary“, „Midsommar“ und „Beau Is Afraid“ erkundet und beeindruckend entsetzliche Horrormomente kreiert. Mit seinem neuestem Werk, dem Neo-Western „Eddington“, greift Aster all diese Themen erneut auf und fügt sie in einem gesellschaftlichen Horror-Panoptikum zusammen, dessen Ausgangslage wohl nicht geeigneter sein könnte: eine amerikanische Kleinstadt in New Mexico zu Beginn der Corona-Pandemie.
Zur titelgebenden Kleinstadt Eddington führt uns der Obdachlose Lodge (Clifton Collins Jr.), der nachts durch die umliegende staubige Felsenlandschaft stolpert und im betrunkenen Singsang über diesen ruchlosen Ort und seine Einwohner schimpft. Er wird schließlich vor einer Bar Halt machen, um sich weiter zu betrinken – doch diese ist Corona-bedingt geschlossen und wird vom vorbildlich masketragenden Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal) für ein Treffen der Stadtverwaltung genutzt. Da Lodge vor der Bartür Radau macht, verständigt Ted den Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix), der wiederum kein Verständnis für die von Ted erlassene Maskenpflicht hat.
Schon der erste, aufgebracht durch die Fensterscheibe hindurch geführte Wortwechsel von Joe und Ted lässt auf einen erbitterten Antagonismus zwischen den beiden schließen. Dabei repräsentiert Ted als der hispanischen Minderheit entstammender Bürgermeister, der zudem zu höchster Vorsicht angesichts der gerade aufkommenden Corona-Epidemie aufgerufen hat, das progressiv-liberale Amerika. Der nicht ganz so souverän auftretende Joe, der in Sheriff-Montur samt Stetson das Gesetz weiterhin hüten will wie gewohnt (das heißt, ohne Maske, aber mit Verständnis und Bedacht), wurde von seiner Umgebung zum Konservativ-Rückständigen erklärt, dessen Einsätze bei jeder Gelegenheit via Handy gefilmt und dann online hochgeladen werden. Wenn Joe nach Feierabend heimgeht, erwartet ihn neben seiner psychisch labilen Ehefrau Louise (Emma Stone) auch noch seine verhasste Schwiegermutter Dawn (Deirdre O’Connell), die in das tiefe Rabbit Hole des Verschwörungstheoretikers Vernon (Austin Butler) rund um die angeblich erlogene Corona-Pandemie und angeblich reale Pädophilienetzwerke gefallen ist.
Schon in diesen ersten Szenen zeigt Aster eine erstaunliche Gabe für die detailreiche Darstellung komplexer gesellschaftlicher Gemengelagen und Bewegungen, wie sie im Pandemiejahr 2020 über die USA schrittweise hereinbrachen und bis heute andauern. Dabei deutet Eddington darauf, dass den politisch motivierten Konflikten, wie sie zwischen einzelnen Einwohnern von Eddington zuhauf stattfinden, zunächst persönliche Verflechtungen vorausgegangen sind. So sprechen es Joe und Ted einander gegenüber niemals aus, aber zwischen Ted und Louise hatte sich einst eine Beziehung angebahnt, deren Scheitern wohl mit Louise‘ psychischem Zustand zusammenhängt. Joes mit einem grandios atmosphärischem Western-Score von Bobby Krlic und Daniel Pemberton unterlegte Animosität gegenüber Ted wird dann aber wiederum vom Persönlichen zurück ins konkret Politische überführt, als er beschließt, selbst als Bürgermeister zu kandidieren.
Mit dieser Entscheidung schlägt Joe unbemerkt einen Weg ein, der die sich ohnehin schon abzeichnenden Risse in seinem Leben und im gesellschaftlichen Gefüge von Eddington weiter vorantreibt. Denn zum Streit über den Umgang mit Corona gesellen sich bald schon lautstark und eskalativ geführte „Black Lives Matter“-Proteste einer durchweg weißen Kleinstadtjugend, die sogar den Schwarzen Deputy-Sheriff Michael (Micheal Ward) als „Nazi-Cop“ betrachtet. Joes Überforderung hiermit und seine zunehmend unglückliche Ehe mit Louise, die sich nun auch dem Verschwörungstheoretiker Vernon zuwendet, führen wiederum in einen seinerseits erbittert und mit drastischen Worten geführten Wahlkampf, der in schockierende Taten mündet.
Auch wenn Eddington ähnlich wie Beau is Afraid in seinem brutalen Showdown surreal auszufransen droht und sich bisweilen schwertut, zum Abschluss zu finden, ist Aster mit diesem reflektierten Pandemie-Western eine sehr wagemutige Abhandlung über eine zutiefst fragmentierte Gesellschaft gelungen. Dabei wirft dieses nur bedingt satirische Horror-Drama unangenehme Fragen zu den destruktiven Aspekten politischer wie persönlicher Lager-bildungen auf. Und dies ist sowohl im Rückblick auf die Pandemiezeit als auch im Hinblick auf unsere politisch zerklüftete Gegenwart von äußerstem Belang. (kino-zeit.de)
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