Die brillante Studie eines „Rebellen ohne Grund“ auf Beutezug
Weiterlesen...Die US-Drehbuchautorin und -Regisseurin Kelly Reichardt gehört zu den feinsinnigsten Filmschaffenden unserer Zeit. Immer wieder gelingt es ihr, mit einem Minimum an Mitteln ein Maximum an Wirkung zu erzielen. In „Wendy and Lucy“ (2008) schilderte sie etwa den Alltag einer obdachlosen jungen Frau – ganz ohne Melodramatik, aber dennoch absolut mitreißend. In „Auf dem Weg nach Oregon“ (2010) und „First Cow“ (2019) spielte sie mit Westernmotiven und variierte die üblichen Standardsituationen des Genres so einfallsreich, dass aus vertrauten Stereotypen etwas Außergewöhnliches entstehen konnte. In ihrem neuen Werk The Mastermind widmet sich Reichardt nun dem Heist-Movie. Vom Hochglanz und von der betonten Lockerheit der Ocean’s-Reihe von Steven Soderbergh ist ihr Film ebenso weit entfernt wie von der Kühle und der überhöhten Darstellung von Einsamkeit in den Arbeiten des Franzosen Jean-Pierre Melville, etwa in Der eiskalte Engel (1967). Ihr Protagonist James Blaine Mooney, verkörpert von Josh O’Connor, ist ein Anti-Held, dessen vermeintlichen Coup sie genüsslich als ziemlich schlecht durchdachten und haarsträubend stümperhaft ausgeführten Plan entlarvt. Dies sorgt für tragikomische, herrlich absurde Momente, eingebettet in einen präzise beobachteten historischen Kontext. James ist der Sohn des renommierten Richters Bill (Bill Camp). Eine existenzielle Notwendigkeit, einen Raubüberfall zu begehen, um schnell an Geld zu kommen, gibt es für ihn nicht. Auch scheint der Wunsch nach Unabhängigkeit vom wohlhabenden Elternhaus nicht der zentrale Antrieb seiner Tat zu sein, da er sich von seiner Mutter Sarah (Hope Davis) mit einer wacklig aufgebauten Lüge einen größeren Geldbetrag leiht, um seine Komplizen bezahlen zu können. Dass er wiederum, wie er behauptet, alles nur für seine Gattin Terri (Alana Haim) und die gemeinsamen Zwillingssöhne (Jasper und Sterling Thompson) tue, ist ebenfalls rasch als Unwahrheit zu erkennen. Obwohl James gewiss kein Sympathieträger ist, bereitet es durchweg Vergnügen, ihm bei seiner von Missgeschicken geprägten Reise zu folgen. Das liegt zum einen am Charisma des Hauptdarstellers Josh O’Connor und zum anderen an der ironischen Erzählweise, die in jedem Konflikt den bitteren Humor entdeckt und dann konsequent ausspielt. Wenn James und seine Kumpanen dem örtlichen Kunstmuseum in einer ruhigen Gegend von Massachusetts mit übergestülpten Nylonstrumpfhosen mitten am Tag vier Gemälde von Arthur Dove entwenden und dabei wirklich jeden erdenklichen Fehler begehen, fangen Reichardt und ihr Kameramann Christian Blauvalet das virtuos als Mischung aus Comedy und Suspense ein. Der von Rob Mazurek komponierte Jazz-Score trägt ebenso zur Atmosphäre bei wie die grobkörnige Anmutung der herbstlichen New-England-Bilder, die uns glaubhaft in die 1970er Jahre versetzen. Die historischen Kostüme wirken nie wie Kostüme, sondern schlichtweg wie normale Kleidung. Und auch die Figuren haben nichts Künstliches an sich. Der Vietnamkrieg ist als Hintergrundrauschen durch Fernsehnachrichten und Gesprächsfetzen zu spüren; zugleich hat das diffuse gesellschaftliche Unbehagen etwas sehr Aktuelles. „Weird times, huh?“, heißt es an einer Stelle. Reichardt vereint all das Seltsame, Frustrierende und Beängstigende in einem Film, der sich eigentlich nur auf eine Weise klar beschreiben lässt: Er ist durch und durch ein Kelly-Reichardt-Film. (kino-zeit.de)Ausblenden