Franz – CZ/D/F/IRL 2025, 127 Min. Regie: Agnieszka Holland
mit Idan Weiss, Karel Dobrý, Peter Kurth
Eine Kafka-Biographie, die aus der Masse herausragt
Weiterlesen...Der Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924) ist für seine rätselhaften, oft unheimlichen und ziemlich absurden Werke bekannt, darunter „Der Prozess“ und „Das Schloss“. Für die befremdliche Anmutung seiner literarischen Arbeit wurde gar das Wort „kafkaesk“ erfunden. Auf der Kinoleinwand befasste sich etwa schon Steven Soderbergh in „Kafka“ (1991) mit dem Künstler, indem er diesen inmitten einer atmosphärischen Verschwörungsgeschichte zeigte. Das Regieduo Georg Maas und Judith Kaufmann lieferte mit dem biografischen Drama „Die Herrlichkeit des Lebens“ (2024) nach dem gleichnamigen Roman von Michael Kumpfmüller wiederum einen verblüffend zarten Film, der sich weit von den üblichen Assoziationen entfernte, um das letzte Lebensjahr Kafkas zu schildern. In ihrem Biopic Franz K. wählt die Regisseurin Agnieszka Holland nun gemeinsam mit ihrem Co-Autor Marek Epstein einen weiteren spannenden Ansatz, um sich ihrem Titelhelden zu nähern. Der Hauptplot ist im Prag des beginnenden 20. Jahrhunderts angesiedelt. Die Inszenierung unternimmt jedoch immer wieder Zeitsprünge. Dies geschieht gleich in der Eröffnungssequenz auf sehr elegante Weise, wenn der Protagonist zunächst als kleiner Junge mit unzufrieden-skeptischer Miene beim Friseur sitzt – und sich im nächsten Moment als junger Mann, verkörpert von Idan Weiss, an ebenjener Stelle mit ganz ähnlichem Blick befindet. Weiss spielt Franz als hochsensiblen Menschen, der die alltägliche Geräuschkulisse in seinem privaten und beruflichen Umfeld im Elternhaus und in einem Unfallversicherungsbüro als extremen Lärm wahrnimmt. Kindheitserinnerungen blitzen zuweilen auf und vertiefen die schwierige Beziehung zum strengen Vater Hermann (Peter Kurth), der das „dumme Geschreibsel“ des Sohnes nicht ernst nimmt und zu heftigen Wutausbrüchen neigt. Neben dem engen Verhältnis zu seiner unterstützenden Schwester Ottla (Katharina Stark) und zu seinem guten Freund und Verleger Max Brod (Sebastian Schwarz) geht es auch um die unbeständige Liebe zu seiner Verlobten Felice Bauer (Carol Schuler). Gerade in der Interaktion mit dem Vater wird Franz als missverstandenes, unterdrücktes Genie gezeichnet – gewiss ein recht typisches Bild. Aber der Film wagt sich in vielen Szenen über das Erwartbare hinaus und sorgt im besten Sinne für Irritation. So sprechen die Figuren gelegentlich direkt in die Kamera, um uns ihre zum Teil widersprüchlichen Eindrücke von Franz anzuvertrauen. Zu den zahlreichen Charakterisierungen von außen kommt ein weiterer origineller Einfall: Immer wieder landet das Werk für kurze Augenblicke in der Gegenwart, bei Führungen durch das Franz-Kafka-Museum und bei touristischen Touren, die den sperrigen Künstler zu einem Konsumprodukt machen. „Eat like Kafka did“, heißt es etwa, um für einen Besuch in einem angeblichen Stammlokal des inzwischen verstorbenen Autors zu werben. Agnieszka Holland denkt die heutige Kafka-Rezeption in ihrer Rückschau auf dessen Leben stets mit – und macht klar, dass es nicht die eine Wahrheit, nicht den einen „echten“ Kafka geben kann, sondern nur Projektionen und Interpretationen. Die tschechisch-deutsch-polnische Produktion fängt die Härte und Grausamkeit der damaligen Zeit ein, ist häufig jedoch auch überraschend humorvoll. Neben dem in sich gekehrten, zerrissenen, hin und wieder pedantischen Franz lernen wir dessen ausgelassene Seite kennen, etwa wenn der Schriftsteller fröhlich lachend in einer freundschaftlichen Runde aus Der Prozess vorliest. Ein schöner Gegenentwurf zur Melancholie und zur verstörenden Schwere, die häufig unser Kafka-Bild prägen. (kino-zeit.de)Ausblenden
ZIRKUSKIND
KinderKino – D 2024, 86 Min. Regie: Julia Lemke, Anna Koch
Ein Jahr auf Tournee mit einem echten Zirkus
Weiterlesen...Für die meisten Menschen ist der Zirkus ein Ort der außergewöhnlichen, wenn auch seichten Unterhaltung, der bunten Lichter, Akrobatik und Artistik. Für den elfjährigen Santino allerdings ist die Manege ein Zuhause. Er ist im „Circus Arena“ groß geworden, wohnte nie an einem festen Ort, sondern zog, seit er sich erinnern kann, mit dem Zirkus durchs Land. Das Leben im Wohnwagen macht ihm nichts aus, denn seine Familie ist immer bei ihm. Mit seinen Geschwistern spielt er Verstecken zwischen den Wagen, er verteilt leuchtende „Zauberstäbe“ während der Shows oder hilft seinen Eltern beim Auf- und Abbau des Zirkuszelts. Auch den Umgang mit Tieren hat er schon früh gelernt, denn um den Zirkus am Laufen zu halten, helfen auch schon die jüngsten Familienmitglieder, wo sie nur können. Ein Lebensstil, der zusammenschweißt. Egal ob man tatsächlich miteinander verwandt ist, ob man ein Mensch oder ein Tier ist: Wer zum Zirkus gehört, gehört zur Familie. Zirkuskind ist der dritte Dokumentarfilm des Regie-Duos „Badabum“, bestehend aus Anna Koch und Julia Lemke, und zeigt, wie das Leben der Artisten weitergeht, wenn die Zuschauer*innen die Manege verlassen. Ein Jahr lang, angefangen mit Santinos elftem Geburtstag im Frühling 2023, sind sie mit dem „Circus Arena“ durch Deutschland gereist und haben das Leben des Zirkuskindes und seiner Familie dokumentiert. Entstanden ist ein knapp 90-minütiger, in die vier Jahreszeiten unterteilter Blick hinter die Kulissen, an dem sowohl Kinder als auch Erwachsene ihren Spaß haben dürften: Während Santino die Perspektive der Kinder einnimmt, erzählt Opa Ehe, der sich selbst als den ältesten Zirkusdirektor Deutschlands bezeichnet, von seiner eigenen Lebensgeschichte rund um den Zirkus. Diese Geschichten sorgen für die schönsten und unterhaltsamsten Momente des Films und werden durch die kinderbuchartigen Animationen von Magda Kreps und Lea Majeran wunderschön visualisiert. So berichtet Ehe beispielsweise von Sahib, dem größten Elefanten aller Zeiten, oder von der Gründungsgeschichte seines eigenen Kasperletheaters, das später zu einem ganzen Zirkus heranwuchs. Er spricht aber auch ernstere Themen an und berichtet von der Verfolgung der Sinti und Roma während des Zweiten Weltkriegs, bereinigt gängige Klischees und Vorurteile gegenüber Schaustellern und erklärt, wie umfangreich im Zirkusbetrieb für das Wohl der Tiere gesorgt wird. Und auch Santino macht klar, dass er nichts von den üblen Vorurteilen gegenüber den Schaustellerfamilien hält. Natürlich fällt es ihm schwer, immer wieder die Schule wechseln und neue Freunde finden zu müssen, doch er erzählt auch voller Stolz, dass er sich ein Leben ohne seine Zirkusfamilie und den alltäglichen Trubel nicht vorstellen könne. Denn trotz des zeitweise rauen Umgangstons ist die Liebe, die Toleranz und der enge Zusammenhalt der Familie in jeder Sekunde spürbar. Zirkuskind ist eine kindgerechte Dokumentation, die aus der Perspektive von Santino hinter die Kulissen des Zirkusalltags blickt und mit hartnäckigen Klischees aufräumt. Dabei gelingt es dem Regieduo, die Balance zwischen Opa Ehes Geschichten und dem Zirkusalltag zu wahren und trotz aller Begeisterung für die Sache nie zu einem Werbefilm für den „Circus Arena“ zu werden. Und auch wenn einige Fragen, die Erwachsene an den Zirkusbetrieb hätten, nur oberflächlich beantwortet werden, ist es bemerkenswert, dass eine 90-minütige Dokumentation einen Kinosaal voller Kinder an die Leinwand fesseln kann. (kino-zeit.de)Ausblenden
THE MASTERMIND DF
USA 2025, 110 Min. Regie: Kelly Reichardt
mit Josh O`Connor, Gaby Hoffmann, John Magaro
Die brillante Studie eines „Rebellen ohne Grund“ auf Beutezug
Weiterlesen...Die US-Drehbuchautorin und -Regisseurin Kelly Reichardt gehört zu den feinsinnigsten Filmschaffenden unserer Zeit. Immer wieder gelingt es ihr, mit einem Minimum an Mitteln ein Maximum an Wirkung zu erzielen. In „Wendy and Lucy“ (2008) schilderte sie etwa den Alltag einer obdachlosen jungen Frau – ganz ohne Melodramatik, aber dennoch absolut mitreißend. In „Auf dem Weg nach Oregon“ (2010) und „First Cow“ (2019) spielte sie mit Westernmotiven und variierte die üblichen Standardsituationen des Genres so einfallsreich, dass aus vertrauten Stereotypen etwas Außergewöhnliches entstehen konnte. In ihrem neuen Werk The Mastermind widmet sich Reichardt nun dem Heist-Movie. Vom Hochglanz und von der betonten Lockerheit der Ocean’s-Reihe von Steven Soderbergh ist ihr Film ebenso weit entfernt wie von der Kühle und der überhöhten Darstellung von Einsamkeit in den Arbeiten des Franzosen Jean-Pierre Melville, etwa in Der eiskalte Engel (1967). Ihr Protagonist James Blaine Mooney, verkörpert von Josh O’Connor, ist ein Anti-Held, dessen vermeintlichen Coup sie genüsslich als ziemlich schlecht durchdachten und haarsträubend stümperhaft ausgeführten Plan entlarvt. Dies sorgt für tragikomische, herrlich absurde Momente, eingebettet in einen präzise beobachteten historischen Kontext. James ist der Sohn des renommierten Richters Bill (Bill Camp). Eine existenzielle Notwendigkeit, einen Raubüberfall zu begehen, um schnell an Geld zu kommen, gibt es für ihn nicht. Auch scheint der Wunsch nach Unabhängigkeit vom wohlhabenden Elternhaus nicht der zentrale Antrieb seiner Tat zu sein, da er sich von seiner Mutter Sarah (Hope Davis) mit einer wacklig aufgebauten Lüge einen größeren Geldbetrag leiht, um seine Komplizen bezahlen zu können. Dass er wiederum, wie er behauptet, alles nur für seine Gattin Terri (Alana Haim) und die gemeinsamen Zwillingssöhne (Jasper und Sterling Thompson) tue, ist ebenfalls rasch als Unwahrheit zu erkennen. Obwohl James gewiss kein Sympathieträger ist, bereitet es durchweg Vergnügen, ihm bei seiner von Missgeschicken geprägten Reise zu folgen. Das liegt zum einen am Charisma des Hauptdarstellers Josh O’Connor und zum anderen an der ironischen Erzählweise, die in jedem Konflikt den bitteren Humor entdeckt und dann konsequent ausspielt. Wenn James und seine Kumpanen dem örtlichen Kunstmuseum in einer ruhigen Gegend von Massachusetts mit übergestülpten Nylonstrumpfhosen mitten am Tag vier Gemälde von Arthur Dove entwenden und dabei wirklich jeden erdenklichen Fehler begehen, fangen Reichardt und ihr Kameramann Christian Blauvalet das virtuos als Mischung aus Comedy und Suspense ein. Der von Rob Mazurek komponierte Jazz-Score trägt ebenso zur Atmosphäre bei wie die grobkörnige Anmutung der herbstlichen New-England-Bilder, die uns glaubhaft in die 1970er Jahre versetzen. Die historischen Kostüme wirken nie wie Kostüme, sondern schlichtweg wie normale Kleidung. Und auch die Figuren haben nichts Künstliches an sich. Der Vietnamkrieg ist als Hintergrundrauschen durch Fernsehnachrichten und Gesprächsfetzen zu spüren; zugleich hat das diffuse gesellschaftliche Unbehagen etwas sehr Aktuelles. „Weird times, huh?“, heißt es an einer Stelle. Reichardt vereint all das Seltsame, Frustrierende und Beängstigende in einem Film, der sich eigentlich nur auf eine Weise klar beschreiben lässt: Er ist durch und durch ein Kelly-Reichardt-Film. (kino-zeit.de)Ausblenden