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DIE ROTE SCHILDKRÖTE
KinderKinoLa Tortue Rouge – F/B/JAP 2016, 81 Min.
Regie: Michael Dudok de Wit
Ein betörendes Anime aus dem Hause Ghibli
Trailer zu DIE ROTE SCHILDKRÖTE
Weiterlesen... Das Meer tost und gischt im Sturm, Wellen bäumen sich auf und überschlagen sich mit. Inmitten der aufgewühlten See befindet sich ein Mann, der um sein Leben kämpft, indem er versucht, sich an seinem gekenterten, kopfüber dahintreibenden Boot festzuhalten. Doch es gelingt ihm nicht.
Mit fulminanten und wunderschönen Bildern beginnt Die rote Schildkröte, der neuste Streich aus dem japanischen Animationsstudio Ghibli, das seiner liebevoll handgezeichneten Ästhetik auch hier treu bleibt. Die Geschichte stammt allerdings diesmal vom Niederländer Michaël Dudok de Wit. Nach dem Rückzug Hayao Miyazakis ist es hier Isao Takahata (Miss Hokusai), der die traditionelle künstlerische Ausführung von de Wits Geschichte über die rote Schildkröte übernommen hat. Und diese japanische-niederländische Zusammenarbeit ist ganz und gar gelungen.
Sparsam ist Die rote Schildkröte geraten, gerade mal knapp 80 Minuten braucht der Film, um eine ganz wunderbare, runde und tiefsinnige Geschichte zu erzählen. Der Mann aus dem tosenden Meer überlebt und strandet auf einer Insel mit einem Berg, einem großen Bambuswald, einer Frischwasserquelle und ein paar Fruchtbäumen — das ist gerade genug um zu überleben. Auch hier in der Ausstattung der Insel ist Sparsamkeit angesagt. Die Bilder zeigen einen minimalistischen Stil, doch er genügt, um eine Gefühl für die Umwelt herzustellen. Der Wald ist saftig grün, die Tage blau, das Wasser türkis und die Nächte schwarz; die Sterne erhellen die Szenerie ein klein wenig. Und der Mann? Versucht Flosse zu bauen und sich zu retten. Doch jeder einzelne Versuch scheitert, weil jedes Gefährt ein ums andere Mal zerstört wird — und zwar von einer großen roten Schildkröte, die ihn erst ein wenig aufs Meer paddeln lässt, um seine in mühevoller Handarbeit erschaffene Konstruktion zu versenken. Erst als er die Schildkröte, die zum Eier legen an den Strand gekommen ist, auf den Rückenpanzer drehen kann, so dass sie wehrlos ist, hätte der Mann eine Chance auf Flucht. Doch er nimmt sie nicht wahr, denn diese Schildkröte erweist sich als eine magische Kreatur.
Hier treffen sich die westliche und östliche Interpretationen dieses Tieres. Die asiatische Bedeutung von Langlebigkeit und Glück paart sich mit der altgriechischen Idee von Fertilität. Aus der Panzer schlüpft eine Frau, die fortan den Gestrandeten begleiten wird. Die beiden werden nie miteinander reden. Sowieso sind Worte völlig unnötig in diesem Film. Auch hier wirkt die Reduktion Wunder und erlaubt es, sich ganz und gar auf Körpersprache, Erzählung, Umgebung und die ganz besondere Verbundenheit der beiden Einsiedler zu konzentrieren. Die rote Schildkröte konzentriert sich ganz und gar auf die ProtagonistInnen und wie sie ihr Leben begreifen. Ob im Überlebenskampf, bei Unglücken wie einem verheerenden Tsunami oder in den schönen Momenten, beim Entdecken, beim Sich-nahe- sein, beim Schwimmen im Meer, das mit vielen weiteren Schildkröten aufwartet, überall ist man ganz nah dabei, erlebt und erfühlt alles in den kleinsten Nuancen und großen Dramen des Daseins. Was äußerlich recht unspektakulär erscheint, ist im Inneren eine tiefe und tiefsinnige Feier des Lebens und der Natur. (kino-zeit.de)
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DIE UNERWÜNSCHTEN - Les Indésirables  frz. OmU
J'accuse!Bâtiment 5 – F 2023, 105 Min.
Regie: Ladj Ly
mit Anta Diaw, Alexis Manenti, Aristote Luyindula
Authentisches Banlieu-Drama mit universellem Anliegen
Trailer zu DIE UNERWÜNSCHTEN - Les Indésirables
Weiterlesen... Mit seinem Spielfilmdebüt „Die Wütenden – Les Misérables“ (2019) sorgte der 1978 in Mali geborene und in der französischen Gemeinde Montfermeil, etwa 20 km östlich von Paris, aufgewachsene Regisseur Ladj Ly bei den damaligen Filmfestspielen von Cannes für Furore. Das Werk, das sich ohne Schönfärberei mit den Lebensverhältnissen der Menschen in den Banlieues auseinandersetzt, wurde mit dem Jurypreis ausgezeichnet und erhielt später eine Oscar-Nominierung.
Der von den 2005 in Frankreich stattfindenden Unruhen inspirierte Film stellt bereits in seinem Titel einen Bezug zu dem ebenfalls in Montfermeil angesiedelten Romanklassiker Die Elenden (im Original: Les Misérables) von Victor Hugo aus dem Jahr 1862 her. Elend und Wut, Ungerechtigkeit und Unterdrückung sind (leider) zeitlose Themen, die Ly mit kämpferischer Einstellung in überaus starken Bildern erfasst.
Nun folgt mit Les Indésirables Lys neue Regiearbeit. Schon die Drohnenfahrt zu Beginn wirft uns mitten hinein in die Welt, die der Filmemacher aus eigener Erfahrung kennt – was diesem Werk, wie auch dem Vorgänger, stets anzumerken ist. Wir hören Bau- und Verkehrslärm und landen in einer kleinen Wohnung in einem der oberen Stockwerke eines sichtlich baufälligen Hochhauses.
Hier lebt Haby (Anta Diaw), die gerade ihre Großmutter verloren hat. Wenn der Sarg nach der Trauerfeier umständlich durch das viel zu enge Treppenhaus befördert werden muss, weil die Fahrstühle seit langer Zeit defekt sind, wird sehr greifbar und prägnant die mangelnde Wohnqualität der Leute in der Gemeinde veranschaulicht. „Wie können wir an einem Ort wie diesem leben und sterben?“, wird Haby voller Verzweiflung gefragt.
Direkt im Anschluss an diese Sequenz kommt es zu einem weiteren wuchtigen Moment: Ein Haus wird in Anwesenheit des Pariser Bürgermeisters gesprengt – und inmitten der heftigen Wolke aus Staub und Schmutz erleidet der Politiker einen Herzinfarkt. Als interimistischer Nachfolger wird eilig der hauptberuflich als Kinderarzt tätige Pierre (Alexis Manenti) eingesetzt. Dieser fängt alsbald an, hart durchzugreifen – und dabei insbesondere die angeblich so gefährliche Jugend in ihren Rechten einzuschränken. Als Pierre offiziell zur Wahl aufgestellt wird, tritt Haby, die als Praktikantin im Archiv des Rathauses arbeitet, kurzerhand als Gegenkandidatin an.
Das Drehbuch, das Ly zusammen mit Giordano Gederlini geschrieben hat, lässt diverse Graustufen zu. Auch wenn klar ist, dass der Film auf Habys Seite steht und das rigorose Vorgehen von Pierre ablehnt, wird ein eindimensionales Gut-Böse-Schema vermieden. Wir sehen, wie Pierre sich bedrängt und zunehmend von der großen Verantwortung überfordert fühlt. Und wir erleben, wie es in Habys Umfeld Uneinigkeit über die angemessene Reaktion auf die aktuelle Politik gibt.
So hält etwa Habys bester Freund Blaz (Aristote Luyindula) ihre Versuche, selbst politisch aktiv zu werden, um auf diesem Wege etwas zu verändern, für völlig sinnlos. Roger (Steve Tientcheu), ein afrikanischer Migrant, der für den Bürgermeister tätig ist, will indes mit Haby zusammenarbeiten. Diese glaubt jedoch, dass er die Interessen der Familien in den Banlieues nicht ernsthaft vertritt. So habe sie sich Frankreich ganz und gar nicht vorgestellt, meint wiederum eine junge Kollegin von Haby, die mit ihrem Vater aus Syrien geflohen ist – und sich für eine (selbstverständlich medial äußerst wirksame) Einladung von Pierre zum familiären Weihnachtsessen empfänglich zeigt. Dort kommt es schließlich zu einem dramatischen Vorfall.
Zuweilen mutet Les Indésirables etwas überfrachtet an. Figuren und Handlungsstränge geraten aus dem Fokus. In vielen Momenten erreicht Ly aber die Stärke, die sein gefeiertes Debüt auszeichnete. Zum Beispiel, wenn auf Pierres Anordnung hin das Hochhaus, in dem Haby wohnt, von der Polizei zwangsgeräumt wird und sich dabei die Brutalität des Staates offenbart. Innerhalb kürzester Zeit müssen die Leute ihre Wohnungen verlassen. Habseligkeiten werden hastig eingepackt; Matratzen und Möbelstücke werden aus den Fenstern geworfen. In diesen Bildern demonstriert Ly, dass er auf virtuose Weise konfrontatives Kino voller Zorn und mit dem Willen, etwas zu bewegen, schaffen kann. (kino-zeit.de)
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BUGONIA  DF
Cinema Obscure – GB 2025, 120 Min.
Regie: Yorgos Lanthimos
mit Jesse Plemons, Emma Stone, Alicia Silverstone
Ein Psychoduell der abgefuckten Sorte zur Rettung der Welt
Trailer zu BUGONIA
Weiterlesen... Teddy (Jesse Plemons) ist überzeugt davon, dass die Andromedaner auf der Erde sind, für das Bienensterben verantwortlich zeichnen und auch sonst alles tun, um der Menschheit das Vorankommen zu erschweren. Zusammen mit seinem Cousin Don entführt er Michelle Fuller (Emma Stone), die CEO einer großen Firma. Er ist sicher: Auch sie ist eine Andromedanerin, aber natürlich möchte die gefangene Frau das nicht eingestehen. Dabei will Teddy doch nichts anderes, als mit dem Herrscher der Andromedaner zu verhandeln: über einen Rückzug der Außerirdischen von der Erde.
Lanthimos hat „Bugonia“ im Format 1,50:1 gedreht. Es unterstreicht die beengende Wirkung der Geschichte, das Gefangensein der Protagonistin, aber auch den Tunnelblick der männlichen Figuren. Schon die ersten Minuten sind merkwürdig. Teddy redet auf seinen nicht gar so cleveren Cousin ein, wie ein Sektenguru, der sein Publikum voll im Griff hat. Das unterstreicht Lanthimos mit Bildern, die fast gegensätzlich dazu sind, insbesondere in einer Montage, in der er die zwei Männer beim Training zeigt, um sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten, und das mit dem High-Tech-Training der Protagonistin in Kontrast setzt. Es sind zwei Welten, die hier aufeinanderprallen, die der Verlierer und die der Gewinner.
Teddy erscheint uns von Anfang an als ein Verlorener. Als jemand, der bei seinen YouTube-Recherchen eine falsche Abzweigung genommen und sich hoffnungslos verirrt hat. Er ist ein Getriebener seiner eigenen Echokammer, jemand, der absolut und unveränderlich von seiner Wahrheit überzeugt ist. So sehr, dass er sogar eine Frau entführt, um zu beweisen, dass sie nicht ist, wer sie zu sein vorgibt. Jesse Plemons spielt das fahrig, aber nicht unsympathisch. Man merkt ihm an, dass dies ein Mann ist, der seines Schmerzes wegen in seine radikale Weltsicht abgedriftet ist. Teddy ist eine tragische Figur, Don ist es noch mehr, ein Mitläufer, der gar nicht anders kann, als zu tun, was sein Cousin aufträgt.
Emma Stone wiederum spielt die Gefangene perfekt. Michelle geht auf die Wahnvorstellungen ihres Entführers ein, als das nicht fruchtet, versucht sie es auf eine andere Tour. Erst mit Vernunft, dann mit einer Form von Mitleid, aber sie ist in einer hoffnungslosen Situation gefangen. Weil sie ihm nicht geben kann, was Teddy will. Sie kann ihm nach dem Mund reden, er hat dann jedoch Forderungen, die kein normaler Mensch erfüllen könnte.
Das alles lädt das Skript mit jeder Menge grimmigen Humors auf. Der geht auf Kosten Teddys, weil dessen Wahn so elaboriert und detailliert ist, dass es absurd, andererseits hochgradig traurig ist. Zugleich ist das Skript aber clever genug, um zumindest zeitweise das Publikum schwanken zu lassen. Ist Teddy wirklich verrückt oder der einzige Sehende unter Blinden? Es ist das satirische Element des Films, genau damit zu spielen. Denn was wäre denn, wenn Teddy recht hätte? Dann würde das praktisch jede Verschwörungstheorie validieren, von Echsenmenschen auf der Welt bis zur flachen Erde.
Am Ende präsentiert Lanthimos eine Auflösung, die konsequent ist, und das so richtig. „Bugonia“ ist ein intensives, grimmig-humoriges Kammerspiel, das Lanthimos visuell durchaus originell umgesetzt hat, mit einem Finale, das dann aus den beengten Grenzen des Kellers und des Hauses ausbricht, in dem die Frau gefangen gehalten worden ist. (programmkino.de)
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