Cinema Obscure – GB 2025, 120 Min. Regie: Yorgos Lanthimos
mit Jesse Plemons, Emma Stone, Alicia Silverstone
Ein Psychoduell der abgefuckten Sorte zur Rettung der Welt
Weiterlesen...Teddy (Jesse Plemons) ist überzeugt davon, dass die Andromedaner auf der Erde sind, für das Bienensterben verantwortlich zeichnen und auch sonst alles tun, um der Menschheit das Vorankommen zu erschweren. Zusammen mit seinem Cousin Don entführt er Michelle Fuller (Emma Stone), die CEO einer großen Firma. Er ist sicher: Auch sie ist eine Andromedanerin, aber natürlich möchte die gefangene Frau das nicht eingestehen. Dabei will Teddy doch nichts anderes, als mit dem Herrscher der Andromedaner zu verhandeln: über einen Rückzug der Außerirdischen von der Erde. Lanthimos hat „Bugonia“ im Format 1,50:1 gedreht. Es unterstreicht die beengende Wirkung der Geschichte, das Gefangensein der Protagonistin, aber auch den Tunnelblick der männlichen Figuren. Schon die ersten Minuten sind merkwürdig. Teddy redet auf seinen nicht gar so cleveren Cousin ein, wie ein Sektenguru, der sein Publikum voll im Griff hat. Das unterstreicht Lanthimos mit Bildern, die fast gegensätzlich dazu sind, insbesondere in einer Montage, in der er die zwei Männer beim Training zeigt, um sich auf ihre Aufgabe vorzubereiten, und das mit dem High-Tech-Training der Protagonistin in Kontrast setzt. Es sind zwei Welten, die hier aufeinanderprallen, die der Verlierer und die der Gewinner. Teddy erscheint uns von Anfang an als ein Verlorener. Als jemand, der bei seinen YouTube-Recherchen eine falsche Abzweigung genommen und sich hoffnungslos verirrt hat. Er ist ein Getriebener seiner eigenen Echokammer, jemand, der absolut und unveränderlich von seiner Wahrheit überzeugt ist. So sehr, dass er sogar eine Frau entführt, um zu beweisen, dass sie nicht ist, wer sie zu sein vorgibt. Jesse Plemons spielt das fahrig, aber nicht unsympathisch. Man merkt ihm an, dass dies ein Mann ist, der seines Schmerzes wegen in seine radikale Weltsicht abgedriftet ist. Teddy ist eine tragische Figur, Don ist es noch mehr, ein Mitläufer, der gar nicht anders kann, als zu tun, was sein Cousin aufträgt. Emma Stone wiederum spielt die Gefangene perfekt. Michelle geht auf die Wahnvorstellungen ihres Entführers ein, als das nicht fruchtet, versucht sie es auf eine andere Tour. Erst mit Vernunft, dann mit einer Form von Mitleid, aber sie ist in einer hoffnungslosen Situation gefangen. Weil sie ihm nicht geben kann, was Teddy will. Sie kann ihm nach dem Mund reden, er hat dann jedoch Forderungen, die kein normaler Mensch erfüllen könnte. Das alles lädt das Skript mit jeder Menge grimmigen Humors auf. Der geht auf Kosten Teddys, weil dessen Wahn so elaboriert und detailliert ist, dass es absurd, andererseits hochgradig traurig ist. Zugleich ist das Skript aber clever genug, um zumindest zeitweise das Publikum schwanken zu lassen. Ist Teddy wirklich verrückt oder der einzige Sehende unter Blinden? Es ist das satirische Element des Films, genau damit zu spielen. Denn was wäre denn, wenn Teddy recht hätte? Dann würde das praktisch jede Verschwörungstheorie validieren, von Echsenmenschen auf der Welt bis zur flachen Erde. Am Ende präsentiert Lanthimos eine Auflösung, die konsequent ist, und das so richtig. „Bugonia“ ist ein intensives, grimmig-humoriges Kammerspiel, das Lanthimos visuell durchaus originell umgesetzt hat, mit einem Finale, das dann aus den beengten Grenzen des Kellers und des Hauses ausbricht, in dem die Frau gefangen gehalten worden ist. (programmkino.de)Ausblenden
THE MASTERMIND OmU
USA 2025, 110 Min. Regie: Kelly Reichardt
mit Josh O`Connor, Gaby Hoffmann, John Magaro
Die brillante Studie eines „Rebellen ohne Grund“ auf Beutezug
Weiterlesen...Die US-Drehbuchautorin und -Regisseurin Kelly Reichardt gehört zu den feinsinnigsten Filmschaffenden unserer Zeit. Immer wieder gelingt es ihr, mit einem Minimum an Mitteln ein Maximum an Wirkung zu erzielen. In „Wendy and Lucy“ (2008) schilderte sie etwa den Alltag einer obdachlosen jungen Frau – ganz ohne Melodramatik, aber dennoch absolut mitreißend. In „Auf dem Weg nach Oregon“ (2010) und „First Cow“ (2019) spielte sie mit Westernmotiven und variierte die üblichen Standardsituationen des Genres so einfallsreich, dass aus vertrauten Stereotypen etwas Außergewöhnliches entstehen konnte. In ihrem neuen Werk The Mastermind widmet sich Reichardt nun dem Heist-Movie. Vom Hochglanz und von der betonten Lockerheit der Ocean’s-Reihe von Steven Soderbergh ist ihr Film ebenso weit entfernt wie von der Kühle und der überhöhten Darstellung von Einsamkeit in den Arbeiten des Franzosen Jean-Pierre Melville, etwa in Der eiskalte Engel (1967). Ihr Protagonist James Blaine Mooney, verkörpert von Josh O’Connor, ist ein Anti-Held, dessen vermeintlichen Coup sie genüsslich als ziemlich schlecht durchdachten und haarsträubend stümperhaft ausgeführten Plan entlarvt. Dies sorgt für tragikomische, herrlich absurde Momente, eingebettet in einen präzise beobachteten historischen Kontext. James ist der Sohn des renommierten Richters Bill (Bill Camp). Eine existenzielle Notwendigkeit, einen Raubüberfall zu begehen, um schnell an Geld zu kommen, gibt es für ihn nicht. Auch scheint der Wunsch nach Unabhängigkeit vom wohlhabenden Elternhaus nicht der zentrale Antrieb seiner Tat zu sein, da er sich von seiner Mutter Sarah (Hope Davis) mit einer wacklig aufgebauten Lüge einen größeren Geldbetrag leiht, um seine Komplizen bezahlen zu können. Dass er wiederum, wie er behauptet, alles nur für seine Gattin Terri (Alana Haim) und die gemeinsamen Zwillingssöhne (Jasper und Sterling Thompson) tue, ist ebenfalls rasch als Unwahrheit zu erkennen. Obwohl James gewiss kein Sympathieträger ist, bereitet es durchweg Vergnügen, ihm bei seiner von Missgeschicken geprägten Reise zu folgen. Das liegt zum einen am Charisma des Hauptdarstellers Josh O’Connor und zum anderen an der ironischen Erzählweise, die in jedem Konflikt den bitteren Humor entdeckt und dann konsequent ausspielt. Wenn James und seine Kumpanen dem örtlichen Kunstmuseum in einer ruhigen Gegend von Massachusetts mit übergestülpten Nylonstrumpfhosen mitten am Tag vier Gemälde von Arthur Dove entwenden und dabei wirklich jeden erdenklichen Fehler begehen, fangen Reichardt und ihr Kameramann Christian Blauvalet das virtuos als Mischung aus Comedy und Suspense ein. Der von Rob Mazurek komponierte Jazz-Score trägt ebenso zur Atmosphäre bei wie die grobkörnige Anmutung der herbstlichen New-England-Bilder, die uns glaubhaft in die 1970er Jahre versetzen. Die historischen Kostüme wirken nie wie Kostüme, sondern schlichtweg wie normale Kleidung. Und auch die Figuren haben nichts Künstliches an sich. Der Vietnamkrieg ist als Hintergrundrauschen durch Fernsehnachrichten und Gesprächsfetzen zu spüren; zugleich hat das diffuse gesellschaftliche Unbehagen etwas sehr Aktuelles. „Weird times, huh?“, heißt es an einer Stelle. Reichardt vereint all das Seltsame, Frustrierende und Beängstigende in einem Film, der sich eigentlich nur auf eine Weise klar beschreiben lässt: Er ist durch und durch ein Kelly-Reichardt-Film. (kino-zeit.de)Ausblenden