Cinema italiano – Primadonna – IT 2022, 97 Min. Regie: Marta Savina
mit Claudia Gusmano, Fabrizio Ferracane, Francesco Colella
Die Geschichte einer Selbstbestimmung nach wahren Begebenheiten
Weiterlesen...In Sizilien ticken die Uhren oft anders als in anderen Landesteilen Italiens. Das gilt noch heute, aber viel mehr noch für die 1960er Jahre. Damals löste eine mutige junge Frau einen spektakulären Gerichtsprozess aus, als sie gegen alle Konventionen und Widerstände ihren Vergewaltiger anzeigte. Ihre Beharrlichkeit führte nach etlichen Jahren schließlich zu einer folgenreichen Gesetzesänderung. Dieser historische Fall lieferte die Grundlage für den ersten langen Spielfilm der italienischen Regisseurin Marta Savina. Sizilien 1966. In einer kleinen Landgemeinde lebt die ebenso schöne wie selbstbewusste Lia (Claudia Gusmano) mit ihrem jüngeren Bruder Mario (Francesco Giulio Cerilli) auf dem Bauernhof ihres Vaters Pietro (Fabrizio Ferracane) und ihrer Mutter Sara (Manuela Ventura). Lia hilft lieber ihrem Vater bei der Feldarbeit als ihrer streng religiösen Mutter im Haushalt. Trotz der Warnungen Pietros flirtet die 21-Jährige gelegentlich mit dem smarten Lorenzo (Dario Aita), dem Sohn des örtlichen Mafiabosses. Lorenzo, der gerade aus Deutschland zurückgekehrt ist, will Lia, die sich geschmeichelt fühlt, unbedingt für sich gewinnen. Als sie jedoch erkennt, dass sie in einer Ehe mit ihm ihre Freiheit verlieren würde, verweigert sie ein Wiedersehen. Lorenzo will das nicht hinnehmen und entführt sie mit einigen Freunden auf ein Landgut, wo er sich vergewaltigt. Da sie damit nach den regionalen Konventionen Schande über sich und ihre Familie gebracht hat, bleibt ihr nur eine sogenannte Wiedergutmachungsehe, um ihre Ehre wiederherzustellen: Sie muss ihren Vergewaltiger heiraten, der nach dem Artikel 544 des Strafgesetzbuches straffrei davonkommen würde. Doch Lia weigert sich, der Vater zeigt den Täter an, es kommt in Palermo zum Strafprozess. Juristischen Beistand erhofft sich die Familie vom Ex-Bürgermeister und Rechtsanwalt Orlando (Francesco Colella). Regisseurin Marta Savina wurde 1986 in Florenz geboren, wuchs aber in Sizilien auf. Sie kennt also die örtlichen Verhältnisse, was man ihrer nüchternen Inszenierung auch anmerkt. Nachdem sie sich bereits 2017 in dem 15-minütigen Dokumentarfilm Viola, Franca mit dem Fall aus Alcamo in Sizilien beschäftigt hatte, lehnt sie sich in ihrem Drehbuch für den Spielfilm eng an den Präzedenzfall von Franca Viola an, ändert aber – vermutlich aus dramaturgischen Gründen – einige Einzelheiten. Während der Vergewaltiger wie sein historisches Vorbild im Film zu elf Jahren Haft verurteilt wird, fallen die Haftstrafen für seine Helfershelfer im Film deutlich höher aus als im damaligen Gerichtsverfahren, in dem fünf mitangeklagte Entführer sogar freigesprochen wurden. Der Prozess um den Frauenraub, der noch als „Liebesflucht“ beschönigt wurde, sorgte seinerzeit für große Schlagzeilen, weil sich hier eine Frau gegen überkommene Konventionen und eine antiquierte Rechtsklausel wehrte. Ihr Widerstand und das Urteil lösten zudem langwierige politische und juristische Diskussionen aus, aber erst nach 15 Jahren konnte sich das Parlament 1981 dazu durchringen, die Regelung zum Matrimonio riparatore, also der Wiedergutmachungsehe, abzuschaffen. Die Autorin und Regisseurin nutzt den Vorfall nicht zu einem feministischen Kampffilm oder zu einem sentimentalen Rührstück, sondern inszeniert in ruhigen Bildern ein nüchternes, unspektakuläres Frauen- und Familiendrama. Gerade durch seine Zurückhaltung nimmt es umso nachdrücklicher die perfide Doppelmoral und die systematische Entrechtung von Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft wie der sizilianischen aufs Korn und tritt zugleich für die Gleichstellung der Geschlechter ein. Zu diesem realistischen Stil passt die bescheidene Spielweise der Hauptdarstellerin Claudia Gusmano. Vor allem ihre ausdrucksstarken Augen machen sofort die innere Zerrissenheit von Lia glaubhaft, die sich aus offenkundiger Scham gefährlich lange weigert, in der Öffentlichkeit des Gerichtssaals ihre Version der Gewalttat auszusprechen. Eher beiläufig zeigt der Film die Mechanismen der gesellschaftlichen Ächtung und die wirtschaftlichen Schäden, die die Familie des Opfers nach der Verweigerung der Heirat erleidet. Da wird Pietros Acker verwüstet und die Ernte vernichtet, vermutlich von dem Mafia-Clan, da zucken die herbeigerufenen Carabinieri nur mit den Achseln, da verweigert der Priester der Familie den Zutritt zum Karfreitagsgottesdienst. Da kann sich Lia kaum noch allein auf die Straße trauen und bekommt per Steinwurf eine Morddrohung, und eine wichtige Zeugin wird Zielscheibe eines blutigen Anschlags, ehe sie vor Gericht aussagen kann. Ähnlich unspektakulär streift Savina die Diskriminierung von Homosexuellen. Wegen seiner sexuellen Orientierung wurde der Bürgermeister Orlando vor einigen Jahren aus der Politik gedrängt, seitdem leidet er unter seinem schlechten Ruf. Ein Handicap, das ihn lange davon abhält, Lia vor Gericht zu vertreten. Sozial ausgegrenzt ist auch die Prostituierte Ines (Thony), die ebenfalls ein Opfer der Machenschaften des Mafia-Clans geworden ist und Lia heimlich ihre Unterstützung anbietet. Umso naheliegender und tröstlicher ist die Solidarität, die zwischen den drei Außenseitern aufkeimt. Bedauerlich ist, dass der Film kurz nach dem Gerichtsurteil endet. Wir hätten gerne erfahren, ob der Vater, der angesichts weiterer drohender Übergriffe mit der Familie nach Mailand ausweichen will, mit seinem Pessimismus recht hat, wenn er der erleichterten Tochter sagt: „Wir können nicht gegen sie gewinnen. Sie gewinnen immer.“ Zumindest mit dem langfristigen Blick auf die Gesetzesänderung von 1981 haben Lia und ihre Familie dann doch gewonnen. (kino-zeit.de)Ausblenden
So. 15:30
ROSA UND DER STEINTROLL
KinderKino – Roselil og stentrolden – DK 2023, 75 Min. Regie: Karla Nor Holmbäck
Eine schüchterne Blumenfee auf großem Abenteuer
Weiterlesen...Eigentlich führt die kleine Blumenfee Rosa ein schönes Leben in Sommerland. Sie wohnt in einem Rosenstrauch und schläft auf einer Blüte, die sie abends mit ihrem Zauberstab schließt und morgens wieder öffnet. Doch Rosa fühlt sich allein, weil sie niemanden zum Spielen hat. Außerdem ist sie sehr ängstlich und träumt schlecht, wenn sie unheimliche Geräusche hört. Tatsächlich ist Sommerland in Gefahr: Der böse Steintroll hat die Dunklen Berge verlassen und treibt nun sein Unwesen im Wald. Aber Rosa plagt auch ein ganz persönliches Problem: Hilfsbereit wie sie ist, hat sie dem traurigen Mäusejungen Karl Gustav, den kein Mäusemädchen heiraten mochte, die Ehe angeboten. Doch nun wird ihr bewusst, dass sie ihn doch nicht heiraten will. Als das mutige und oft auch übermütige Schmetterlingsmädchen Silk ihre Freundin wird, ist Rosa überglücklich. Doch eines Nachts verschwindet Silk, die ein Elfenfest im Wald besuchen wollte. Ist ihr etwas zugestoßen? Um das herauszufinden, muss Rosa ihre Ängste überwinden und sich in den Wald hineinwagen, wo der weise Uhu wohnt und Gefahren lauern. Der dänische Animationsfilm der Regisseurin Karla Nor Holmbäck basiert auf der dänischen Buchreihe „Rosa und ihre Freunde“ von Josefine Ottesen und richtet sich an ein Zielpublikum im Alter von vier bis acht Jahren. Wie so oft in Animationsfilmen für die Kleinen vermittelt eine schöne Naturumgebung zuerst heimelige Geborgenheit, bevor es dann auf einen abenteuerlichen Trip in unbekannte, ein wenig unheimliche Gefilde geht. Ähnliche Handlungsverläufe gibt es beispielsweise in Der Mondbär – Das große Kinoabenteuer und Karlchen – Das große Geburtstagsabenteuer. Die Blumenfee Rosa ist so hilfsbereit wie die bekanntere Fee Tinkerbell, jedoch kindlicher und weniger umtriebig. Das rothaarige Mädchen neigt zu ernster Nachdenklichkeit und ist entwaffnend treuherzig im Gespräch mit Charakteren, die ihre weiche Seite hinter Drohgebärden verbergen. Im Gegensatz zu Rosa ist das Schmetterlingsmädchen Silk eine echte Draufgängerin. Dank ihr fasst Rosa ebenfalls Mut, aus ihrem gewohnten Umfeld hinauszugehen – bis hin zur mächtigen Hexe in den Dunklen Bergen, in deren Nähe sich sonst niemand wagt. Selbst die bösen und furchteinflößenden Figuren wie die Hexe oder der Steintroll, der Tiere in Stein verwandelt, haben sozusagen eine menschliche Seite. Rosa erkennt, dass der unbarmherzige Steintroll unter Ausgrenzung und Einsamkeit leidet. Alle sehnen sich nach Freundschaft, Anerkennung und Liebe, auch der Mäusejunge Karl Gustav und das Mäusemädchen Frieda, die sich irgendwie lange verpasst haben. Die Figuren sind entweder niedliche, zum Teil bekleidete und sprechende Tiere, oder Charaktere aus der Märchenwelt, wie Rosa, die weiß konturierten, durchsichtigen Elfen mit ihrem König oder die Trolle. Auch finstere oder bedrohliche Gestalten können dank einer witzigen Eigenschaft rasch harmloser wirken. So ist der Uhu ziemlich unbeholfen und durchaus gutmütig, auch wenn er kleine Wesen wie Rosa wegen seiner schlechten Augen zuerst für Beute hält. Typisch für diesen Stil zwischen spannend und vergnüglich ist auch die Szene, in der sich Rosa in einem Spinnennetz verfängt. Die hungrige Spinne sieht mit ihren acht Augen und den Brillengläsern, die sie aufsetzt, so verwunderlich und komisch aus, das man sie neugierig betrachten mag. Überhaupt erweist sich die stimmige, mit märchenhafter Poesie erzählte Geschichte als Augenweide. Die 2D-Animationen gestalten ein fantasievolles und zugleich leicht zugängliches Universum mit klar gezeichneten Figuren und Pflanzen. Allein das Grün der Blätter kann die verschiedensten Farbnuancen annehmen, um Licht und Schatten abzubilden. Die Blumen, ein Dickicht aus Gras, die steinige Meeresküste, die Behausungen der Figuren samt Inventar, der in verlaufenden Aquarellfarben gemalte Himmel – alls das befördert die Lust, hinzuschauen und zu erkunden. Die Farbgebung wirkt niemals grell, sondern ausgesprochen geschmackvoll. Kinder schätzen ihre Lieblingsbücher ja meistens wegen ihrer Bilder, die die geschriebene Geschichte nicht nur begleiten, sondern in sich tragen. Die Fähigkeit, das Erzählte visuell aufblühen zu lassen und zu vertiefen, besitzt auch dieser Film. (kino-zeit.de)Ausblenden
So. 19:00
DIE DREI TAGE DES CONDOR
In memoriam Robert Redford – Three Days of the Condor – USA 1975, 117 Min. Regie: Sydney Pollack
mit Robert Redford, Faye Dunaway, Max von Sydow
Nervenaufreibender Spionage-Thriller mit Starbesetzung
Weiterlesen...Der Kalte Krieg war die Hochzeit des Spionagefilms. Kein Wunder, bot dieser Konflikt doch zwei einander entgegen gesetzte politische Systeme im großen Wettstreit um Technologie, Waffen und die Vorherrschaft auf der Weltkarte. Aber nur wenige Filme aus dieser Epoche beschäftigen sich mit inneramerikanischen Spionagethemen. „Die drei Tage des Condor“ lässt das Publikum tief in dieses Szenario eintauchen - mit allen Intrigen, politischen Mordkomplotten und Verfolgungsjagden, die der CIA kurz nach dem „Watergate-Skandal“ zu bieten hatte. Agent Joseph Turner (Robert Redford), Codename Condor, ist kein typischer CIA-Agent. Er arbeitet in einer geheimen Außenstelle. Seine Hauptaufgabe ist die Analyse von Büchern, die er nach Hinweisen auf Spionageaktivität und mögliche geheime Operationen absucht. Als er eines Tages nur kurz in der Mittagspause ist, ermordet ein mysteriöser Killer (Max von Sydow) Condors gesamtes Team. Der völlig überrumpelte Agent bittet seine Vorgesetzten um Schutz, doch er gerät nur in eine weitere Falle, in der ein Kollege von ihm stirbt. Für Condor ist klar, dass sein eigener Arbeitgeber hinter dem Anschlag auf ihn steckt. Mit dieser Erkenntnis kann er niemandem mehr trauen. Auf der Straße kidnappt er fast schon verzweifelt die Fotografin Kathy (Faye Dunaway), um sich in ihrer Wohnung zu verstecken und Zeit zum Nachdenken zu gewinnen. Condor muss ihr Vertrauen gewinnen, damit er sich an die Lösung seines eigentlichen Problems machen kann: Er beginnt mit der Suche nach den Drahtziehern und dem Motiv des Anschlages auf sein Büro. Insgesamt sieben Filme haben Regisseur Sydney Pollack („Tootsie“, „Jenseits von Afrika“, „Die Dolmetscherin“) und Robert Redford („Jenseits von Afrika“, „Der Clou“, „Spy Game“) gemeinsam realisiert. „Die drei Tage des Condor“ ist sicher der außergewöhnlichste von ihnen, denn er bietet nicht nur eine unheimlich spannende und brisante Geschichte, sondern vor allem einen sehr glaubwürdigen Protagonisten. Schon beim ersten Blick auf Agent Turner wird dem Zuschauer klar, dass er es mit einem leicht schrulligen, unangepassten Menschen zu tun hat. Joseph Turner bewegt sich beispielsweise auf einer alten Velo Solex durch die Straßen von New York und hatte zum letzten Mal in der Grundausbildung eine geladene Schusswaffe in der Hand. Das ändert sich bereits nach zehn Minuten. Im Laufe des Films entwickelt sich Condor zum gestandenen Außendienst-Agenten, der schließlich sogar bereit ist, seine eigenen Vorgesetzten herauszufordern. Er wächst mit der Herausforderung und passt sich der veränderten Lage so gut es geht an. Trotzdem haftet dieser Figur immer ein Hauch an Unverständnis und Melancholie an, die Redford perfekt zur Schau stellt. Ihm gegenüber steht eine bezaubernde Faye Dunaway („Bonnie und Clyde“), die als unfreiwilliges Opfer in die CIA-Intrige hineingezogen wird und ein gespaltenes Liebe-und-Hass-Verhältnis zu Joseph entwickelt. Neben dieser komplizierten und sensibel gespielten Beziehungsgeschichte überzeugt „Die drei Tage des Condor“ besonders durch seinen Stil. Die offensichtlichen Killer tragen noch einen langen Trenchcoat zu ihrem Hut, die Präsenz der politischen Bedrohung ist in jeder Szene spürbar. Davon lebt ein guter Thriller. Und dreißig Jahre nach der Fertigstellung des Films kann man sich vor allem an der Darstellung der damaligen Technik erfreuen. In einer Szene hört der Condor zunächst ein Telefongespräch in der Schaltzentrale ab, um dann die Nummer des Anrufers zu ermitteln. Diesen Prozess mittels ältester Schalttechnik, eines Kassettenrekorders und allerhand Trickserei zu beobachten, lässt das Kennerherz höher schlagen und wird zu einem Schlüsselerlebnis des Films. „Die drei Tage des Condor“ ist ein sehenswerter, vor allem in seiner Botschaft realistisch gemachter Klassiker, der auch am Genre weniger interessiertes Publikum überzeugen kann und mit großen Charakterdarstellern ausnehmend gut besetzt ist. Eine hervorragende Wahl für jeden Videoabend. Oder eben für einen Kinobesuch. (filmstarts.de)Ausblenden