Da ist Musik drin! – F 2024, 134 Min. Regie: Mehdi Idir, Grand Corps Malade
mit Tahar Rahim, Bastien Bouillon, Marie-Julie Baup
Bühne frei für die Nacherzählung eines bewegten Lebens
Weiterlesen...Charles Aznavour wächst im Pariser Künstlerviertel Quartier Latin auf, wo seine Eltern, die dem Genozid am armenischen Volk knapp entkommen konnten, eine schlecht gehende Bar betreiben, in der sich die armenische Community mit jüdischen Einwanderern und den in Frankreich ansässigen Manusch (Sinti) trifft. Sein Vater Mischa ist ein herzlicher und lebensfroher Mann, leider ohne jeden Geschäftssinn. So wächst Charles mit seiner Schwester Aïda in einer liebevollen, aber von Not und Armut geprägten Umgebung auf. Mit sieben Jahren darf der kleine Charles für ein paar Puseratzen eine Minirolle am Theater Champs Elysee spielen, und sein erster Satz auf einer Bühne lautet: „Ja, ich bin angekommen.“ Ein nahezu prophetischer Satz, der für sein ganzes weiteres Leben gelten wird.
Als Paris im 2. Weltkrieg von der deutschen Wehrmacht besetzt wird, ist Charles, gespielt von Tahar Rahim, 16 Jahre alt. Er singt vor den deutschen Soldaten, unterstützt aber heimlich den Widerstand, und er findet einen Partner für seine Gigs: den lebenslustigen Pierre Roche (sehr überzeugend und mit viel jugendlichem Charme: Bastien Bouillon), der sein bester Freund wird. Die beiden reisen zu Fuß oder mit dem Fahrrad quer durch Frankreich und treten mit witzigen Couplets in Tanzlokalen und Bars auf. Doch eines Tages begegnen sie Edith Piaf, damals schon ein Star. Marie-Julie Baup spielt sie ganz wunderbar als großzügige, scharfzüngige Diva mit tyrannischen Zügen. Sie nimmt Charles unter ihre Fittiche, unter anderem, weil sie von seiner kratzigen Stimme angetan ist – mit seiner Reibeisenstimme hört er sich eigentlich immer an wie jemand, der eine schlimme Nacht hinter sich hat, seine Stimme klingt irgendwie rostig und sandig – als ob er mit Reißnägeln gegurgelt hätte. Und mit Edith Piafs Unterstützung gelingt ihm, wovon Charles geträumt hat: eine Gesangskarriere, für die er bereit ist, fast jedes Opfer zu bringen.
Im Film singt Charles Aznavour seine Original-Chansons – Tahar Rahim hat zwar offenbar sorgfältig die Bewegungen, die Gestik und die Mimik des Künstlers studiert sowie für seine Rolle auch Tanz- und Gesangsunterricht genommen, aber er überlässt dankenswerterweise wenigstens stimmlich dem großen Chansonnier die Bühne. Immerhin gibt ihm Tahar Rahim genau die richtige Portion Mut – und manchmal Übermut – zusammen mit einer unterschwellig spürbaren Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit. Aus diesen Kontrasten, aus der Energie eines zielstrebigen, couragierten Vollblutkünstlers, der um jeden Preis singen will und dafür bereit ist, praktisch alles andere aufzugeben, zieht Tahar Rahim seine Kraft. Das wird besonders zu Beginn deutlich, und darin liegt auch eine gewisse Tragik, die nach dem Verlust seines Sohnes Patrick besonders deutlich wird, denn eigentlich ist ihm nur seine Kunst wichtig. Als Patrick stirbt, ist Charles Aznavour ein Weltstar und hat gerade seine dritte Ehefrau Ulla (Petra Silander) geheiratet, doch Patricks Tod zieht ihn in tiefe Depressionen, aus denen er sich wie immer mit Arbeit rettet: die Bühne als Droge, die Musik als Medizin.
Eigentlich wollte Charles Aznavour, dass sein Biopic mit den ersten Erfolgen enden sollte. Doch seine großen Chansons, die ihm Weltruhm brachten, entstanden alle erst später, „She“ oder „La Bohème“ oder „Comme ils disent“. So entschlossen sich die beiden Regisseure Grand Corps Malade und Mehdi Idir, die auch als Autoren zusammenarbeiten („Lieber leben“), das gesamte Leben von Charles Aznavour zu zeigen, thematisch und chronologisch untermalt von seinen zur jeweiligen Situation passenden Chansons. Dieses Konzept ist großenteils gelungen. Wie sich Charles Aznavour mühsam von ganz unten nach ganz oben kämpft, ist aber deutlich interessanter, als die Erfolge abzuhaken. Der erste Teil des Films ist dadurch besonders fesselnd und atmosphärisch stark. Stimmungsvolle Bilder, zum Teil Originalaufnahmen, dokumentieren dabei den Kampf des armenischen Volkes gegen seinen Untergang ebenso wie das Leben der Flüchtlinge in Frankreich und die Last der deutschen Besatzung mit der Verfolgung der jüdischen Bevölkerung und der Manusch, aber sie zeigen auch das Glück, am Leben zu sein. Zwischen diesen beiden Extremen bewegte sich Charles Aznavour, vor allem zu Beginn seiner Karriere. Doch bis ins hohe Alter betätigte er sich auch politisch: Er unterstützte das armenische Volk auf seinem Weg in die Unabhängigkeit und wurde nicht nur armenischer Botschafter, sondern zu einem der wichtigsten Vertreter der armenischen Diaspora.
Merkwürdigerweise passt das sich steigernde Tempo des Films ganz gut zum Leben dieses Künstlers, der immer in Bewegung blieb. Seinen 90. Geburtstag feierte er auf der Bühne – in Berlin, und zwei Wochen vor seinem Tod mit 94 Jahren gab er sein letztes Konzert. Seine Frauen, seine Kinder, sogar seine geliebte Schwester spielen im Grunde nur unbedeutende Komparsenrollen. Auch das zeigt der Film. Nachdem sich Charles auf Rat von Edith Piaf entschieden hatte, für seine Karriere alles andere aufzugeben, inklusive Frau, Kind und Freund Jean Roche, wird er endgültig zum besessenen Arbeiter, obwohl er es als Flüchtling schwer hat. Da erinnert einiges fatal an heutige Social Media-Debatten. Aber er hat es trotzdem geschafft, bis an die Spitze – dass er stolz darauf war, aber auch niemals vergessen hat, woher er kam, zeigt der Film mit großer Eindringlichkeit: Ein Leben für die Kunst. Charles Aznavour wurde für die Bühne geboren, und die Bühne war sein Zuhause. (programmkino.de)Ausblenden
Fr. 20:30
IN DIE SONNE SCHAUEN
D 2025, 159 Min. Regie: Mascha Schilinski
mit Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Luise Heyer
Wenn Wände erzählen: Epochales Kino durch die Zeiten
Weiterlesen...Viel war im Vorfeld des Filmfestivals von Cannes 2025 über den einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag In die Sonne schauen / The Sound of Falling spekuliert worden: Es handelt sich um den erst zweiten Langfilm der Regisseurin Mascha Schilinski. Ihr Erstling Die Tochter debütierte zwar 2017 im Wettbewerb der Berlinale. Trotz dieses prominenten Festivalauftritts ist Schilinski aber in der Riege der deutschen Filmemacher*innen noch die große Unbekannte. So war bereits die Einladung an die Croisette und noch dazu in den Wettbewerb ein erstes Ausrufezeichen, das In die Sonne schauen setzte. Das zweite ist zweifelsohne der Film selbst: Der schlug gleich zum Auftakt derart ein, wie man es in den letzten Jahren selten schon am ersten Wettbewerbstag erlebt hat. Über rund 100 Jahre und vier Generationen von (vor allem) Frauen spannt Schilinski einen assoziativen, magisch-realistischen, formal wie erzählerisch gewagten Bogen, der ausschließlich in einen Gehöft in der Altmark in Sachsen-Anhalt angesiedelt ist und die Geister der Vergangenheit und der Gegenwart durchmisst. Virtuos wechselt der Film immer wieder die Zeitebenen und -perspektiven, die Erzählstimmen und auch die formalen Mittel: Die Bandbreite reicht von Daguerreotypien und verrauschten Homevideoaufnahmen über Kinobilder von erhabener Größe und Schönheit bis hin zu abstrakt anmutenden Passagen. Schilinski wechselt unversehens in die Unschärfe oder lässt die Bilder Kopf stehen, weil das ja die Art und Weise ist, wie wir eigentlich die Welt sehen würden, wäre da nicht der Kopf, der das verkehrte Bild erst wieder umdreht. Auf der Tonebene wiederum atmet der Film buchstäblich: Er knistert, brummt und dröhnt und wird so zu einem lebendigen Organismus, zu einer ebenso körperlichen wie sinnlichen Erfahrung, zu Meta-Kino, das weit über die Leinwand hinaus eine ungeheure Wirkung entfaltet. Die Handlung dieses überaus assoziativen Bilder- und Tonreigens, dieses Kaleidoskops von Perspektiven und Konstellationen auch nur annähernd sinnvoll zu beschreiben, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit und würde diesem ebenso vielschichtig-komplexen wie meditativen Werk auch nicht gerecht. Überhaupt hat man nach dem Verlassen des Kinos den drängenden Wunsch, diesen Film ein zweites, ein drittes und am besten noch ein viertes Mal zu sehen. Man würde zweifellos dabei immer wieder neue Details, neue Verbindungen erkennen, aufregende Entdeckungen machen. Das Bild, das man sich von dem Film gemacht hat, würde sich verändern. Klar bliebe aber sicherlich: In die Sonne schauen ist ein Meisterwerk, ein Solitär des Kinos, ein Monstrum von einem Film, das sich wie gesagt beständig verändert, bis ins Unermessliche wächst. Stets geht es aber um die Frauen, die diesen alten Vierseithof bewohnen, die hier zu ganz unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Staaten (im Deutschland des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus, in der DDR und schließlich in der wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland) Kinder sind, heranwachsen. Sie bilden eine durch die Zeiten miteinander verbundene Kette von Schicksalen, nicht notwendigerweise verwandt und doch wie durch ein unsichtbares Band verknüpft zu einem Bund, einer Schwesternschaft des Entdeckens, Erleidens und Erduldens. Was diese Frauen über die Generationen hinweg miteinander verbindet, sind ähnliche Erfahrungen und sich wiederholende Muster. Es geht um Ausbeutung, Anpassung und Unterdrückung (auch der eigenen Gefühle, Nöte und Bedürfnisse), um Lebenslust und Todessehnsucht, um die stillen Schreie gegen die Unterdrückung. Sie leben in einem patriarchal-autoritären System, das bevölkert wird von den Geistern der Vergangenheit, in einem Zwischenreich zwischen dem Jetzt und dem Reigen des Vergangenen und der Verstorbenen, die hier ganz selbstverständlich in die Gegenwart hinein wirksam sind. Am Ende erheben sich nacheinander zwei Gestalten während eines gewaltigen Sturms in die Lüfte. Sie schweben in einem Moment von bizarrer Schönheit inmitten des um sie stattfindenden Chaos über dem Boden, über den Dingen, über den Lasten und Sorgen, die sie niederdrücken. Und ganz ähnlich fühlt man sich nach dem Verlassen des Kinos. Man hat all die Schwere gesehen, die Geister der Vergangenheit, das Chaos und all das Böse, was Menschen widerfahren kann oder was sie sich gegenseitig antun. Und doch lässt In die Sonne schauen einen für Momente über dem Boden schweben. (kino-zeit.de)Ausblenden