Am 16.11. zeigt das Kinoptikum

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So. 11:00
IN DIE SONNE SCHAUEN
D 2025, 159 Min.
Regie: Mascha Schilinski
mit Hanna Heckt, Lena Urzendowsky, Luise Heyer
Wenn Wände erzählen: Epochales Kino durch die Zeiten
Trailer zu IN DIE SONNE SCHAUEN
Weiterlesen... Viel war im Vorfeld des Filmfestivals von Cannes 2025 über den einzigen deutschen Wettbewerbsbeitrag In die Sonne schauen / The Sound of Falling spekuliert worden: Es handelt sich um den erst zweiten Langfilm der Regisseurin Mascha Schilinski. Ihr Erstling Die Tochter debütierte zwar 2017 im Wettbewerb der Berlinale. Trotz dieses prominenten Festivalauftritts ist Schilinski aber in der Riege der deutschen Filmemacher*innen noch die große Unbekannte. So war bereits die Einladung an die Croisette und noch dazu in den Wettbewerb ein erstes Ausrufezeichen, das In die Sonne schauen setzte. Das zweite ist zweifelsohne der Film selbst: Der schlug gleich zum Auftakt derart ein, wie man es in den letzten Jahren selten schon am ersten Wettbewerbstag erlebt hat.
Über rund 100 Jahre und vier Generationen von (vor allem) Frauen spannt Schilinski einen assoziativen, magisch-realistischen, formal wie erzählerisch gewagten Bogen, der ausschließlich in einen Gehöft in der Altmark in Sachsen-Anhalt angesiedelt ist und die Geister der Vergangenheit und der Gegenwart durchmisst. Virtuos wechselt der Film immer wieder die Zeitebenen und -perspektiven, die Erzählstimmen und auch die formalen Mittel: Die Bandbreite reicht von Daguerreotypien und verrauschten Homevideoaufnahmen über Kinobilder von erhabener Größe und Schönheit bis hin zu abstrakt anmutenden Passagen. Schilinski wechselt unversehens in die Unschärfe oder lässt die Bilder Kopf stehen, weil das ja die Art und Weise ist, wie wir eigentlich die Welt sehen würden, wäre da nicht der Kopf, der das verkehrte Bild erst wieder umdreht. Auf der Tonebene wiederum atmet der Film buchstäblich: Er knistert, brummt und dröhnt und wird so zu einem lebendigen Organismus, zu einer ebenso körperlichen wie sinnlichen Erfahrung, zu Meta-Kino, das weit über die Leinwand hinaus eine ungeheure Wirkung entfaltet.
Die Handlung dieses überaus assoziativen Bilder- und Tonreigens, dieses Kaleidoskops von Perspektiven und Konstellationen auch nur annähernd sinnvoll zu beschreiben, ist nahezu ein Ding der Unmöglichkeit und würde diesem ebenso vielschichtig-komplexen wie meditativen Werk auch nicht gerecht. Überhaupt hat man nach dem Verlassen des Kinos den drängenden Wunsch, diesen Film ein zweites, ein drittes und am besten noch ein viertes Mal zu sehen. Man würde zweifellos dabei immer wieder neue Details, neue Verbindungen erkennen, aufregende Entdeckungen machen. Das Bild, das man sich von dem Film gemacht hat, würde sich verändern. Klar bliebe aber sicherlich: In die Sonne schauen ist ein Meisterwerk, ein Solitär des Kinos, ein Monstrum von einem Film, das sich wie gesagt beständig verändert, bis ins Unermessliche wächst.
Stets geht es aber um die Frauen, die diesen alten Vierseithof bewohnen, die hier zu ganz unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen Staaten (im Deutschland des Kaiserreichs und des Nationalsozialismus, in der DDR und schließlich in der wiedervereinigten Bundesrepublik Deutschland) Kinder sind, heranwachsen. Sie bilden eine durch die Zeiten miteinander verbundene Kette von Schicksalen, nicht notwendigerweise verwandt und doch wie durch ein unsichtbares Band verknüpft zu einem Bund, einer Schwesternschaft des Entdeckens, Erleidens und Erduldens. Was diese Frauen über die Generationen hinweg miteinander verbindet, sind ähnliche Erfahrungen und sich wiederholende Muster. Es geht um Ausbeutung, Anpassung und Unterdrückung (auch der eigenen Gefühle, Nöte und Bedürfnisse), um Lebenslust und Todessehnsucht, um die stillen Schreie gegen die Unterdrückung. Sie leben in einem patriarchal-autoritären System, das bevölkert wird von den Geistern der Vergangenheit, in einem Zwischenreich zwischen dem Jetzt und dem Reigen des Vergangenen und der Verstorbenen, die hier ganz selbstverständlich in die Gegenwart hinein wirksam sind.
Am Ende erheben sich nacheinander zwei Gestalten während eines gewaltigen Sturms in die Lüfte. Sie schweben in einem Moment von bizarrer Schönheit inmitten des um sie stattfindenden Chaos über dem Boden, über den Dingen, über den Lasten und Sorgen, die sie niederdrücken. Und ganz ähnlich fühlt man sich nach dem Verlassen des Kinos. Man hat all die Schwere gesehen, die Geister der Vergangenheit, das Chaos und all das Böse, was Menschen widerfahren kann oder was sie sich gegenseitig antun. Und doch lässt In die Sonne schauen einen für Momente über dem Boden schweben. (kino-zeit.de)
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So. 15:30
DIE LEGENDE VON OCHI
KinderKinoThe Legend of Ochi – USA 2025, 96 Min.
Regie: Isaiah Saxon
mit Helena Zengel, Willem Dafoe, Emily Watson
Bildgewaltiges Märchenkino mit fabelhaften Tierwesen
Trailer zu DIE LEGENDE VON OCHI
Weiterlesen... Die eigensinnige Yuri lebt mit ihrem Vater auf einer abgelegenen Insel namens Carpathia. Von klein auf schärft man ihr ein, sich vor den geheimnisvollen Tierwesen der Insel, den Ochis, zu fürchten. Doch als Yuri ein einsames Baby-Ochi findet, kommen ihr Zweifel an der Gefährlichkeit der Wesen. Sie lässt ihr Zuhause hinter sich, um das Ochi zurück zu seiner Familie zu bringen, und erlebt das größte Abenteuer ihres Lebens. Die große Stärke des Films ist seine ästhetische Gestaltung. Gedreht wurde in den rumänischen Karpaten, die für eine beeindruckende Kulisse sorgen. Ein Wunderwerk sind die Spezialeffekte, die laut Aussagen des Filmteams überwiegend per Hand gestaltet wurden. Diese Effekte und auch die Gestaltung mit stark saturierten Farben und vielen 80er-Jahre-Referenzen lassen den Film wie aus einer anderen Zeit erscheinen und sorgen für beeindruckende, innovative visuelle Höhepunkte. Ein Fantasy-Spass für die ganze Familie! Ausblenden

So. 19:00
MIROIRS NO.3
D 2025, 86 Min.
Regie: Christian Petzold
mit Paula Beer, Barbara Auer, Matthias Brandt
Eine Filmsonate mit dem unverkennbaren Petzold-Sog
Trailer zu MIROIRS NO.3
Weiterlesen... Es sollte ein entspannter Ausflug nach Brandenburg werden, doch nach einer Unaufmerksamkeit am Steuer des Cabrios ist Lauras (Paula Beer) Freund tot. Sie selbst scheint nur leicht verwundet, ins Krankenhaus muss sie nicht, zumal sich Betty (Barbara Auer), vor dessen Haus der Unfall passierte, um Laura kümmert.
So kommt eins zum anderen, Laura übernachtet in dem fremden Haus, zieht die Kleidungsstücke an, die Betty ihr hinlegt und die erstaunlich gut passen. Einen Tag später kommen Bettys Mann Richard (Matthias Brandt) und der Sohn Max (Enno Trebs) zum Essen, es gäbe etwas zu feiern, hatte Betty gesagt, irgendwie angespannt wirkt das Verhältnis zwischen ihr und Mann und Sohn, die in der Nähe eine Autowerkstatt betreiben, sich auch dort etwas seltsam benehmen, viel mit Bargeld hantieren, an sehr teuren Limousinen arbeiten, die nicht recht in die brandenburgische Provinz zu gehören scheinen.
Als sie Laura sehen, verschlägt es besonders Max die Sprache, zu groß ist die Ähnlichkeit zur verstorbenen Tochter bzw. Schwester, deren Tod das Haus und seine Bewohner belastet. Je länger Laura nun dableibt, desto mehr scheint sie die Rolle der Toten einzunehmen, ihr Doppelgänger zu sein, ihr Spiegel.
Unverwechselbar wirken die Filme von Christian Petzold, verraten schon nach wenigen Einstellungen die Handschrift des Regisseurs, zumal nach Jahren der Zusammenarbeit mit Nina Hoss nun schon zum vierten Mal Paula Beer die Hauptrolle in einem Petzold-Film spielt. Eine Kontinuität, die sich auch inhaltlich zeigt, in der Variation ähnlicher Motive, dem Spiel mit Genre-Motiven, das sich besonders in den Polizeiruf-Krimis zeigt, die Petzold immer wieder zwischen seinen Kinofilmen dreht. Von dort mag man auch das Paar Barbara Auer und Matthias Brandt kennen, auch deren Film-Sohn Max ist ein Bekannter aus dem Petzold-Kosmos, in „Roter Himmel“ war Enno Trebs zu sehen.
Auch abgesehen von den wiederkehrenden Darstellern bereitet es Vergnügen, Variationen zu erkennen, Motive zu bemerken, die sich seit langem durch Petzolds Werk ziehen: Eine Frau, die einen Unfall hatte, fortan leicht irritiert, fast schlafwandlerisch durch die Welt taumelt, das erinnert an „Yella“, wo es noch Nina Hoss war, die tatsächlich so etwas wie ein Geist war, aber auch an „Undine“, wo schon Paula Beer eine Art mystisches Wesen spielte. Dopplungen: Auch das kennt man, in „Transit“ etwa, übernimmt ein Mann einfach Pass, Rolle und Leben eines anderen, auch Undine war zumindest zum Teil Ersatz einer anderen.
So ziehen sich Linien durch ein Werk, das sich in oft kleinen Variationen entwickelt, ohne einen bestimmten sicheren Kosmos jemals zu verlassen. Eine Komfortzone hat sich Christian Petzold in 30 Jahren erarbeitet, eine Art des Erzählens, eine Art des Kinos, die unverkennbar seine eigene ist, die er wohl auch nicht mehr verändern wird.
Mag man Petzold und seine Welt, mag man es, Zeit mit einer ganz bestimmten Art von Figuren zu verbringen, dann wird man auch „Miroirs No. 3“ mögen, neue Zuschauerschichten zu seiner Art des Filmemachens konvertieren, gelingt dagegen nicht, dürfte aber auch nicht das Ziel von Christian Petzold sein. (programmkino.de)
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