Am 18.7. zeigt das Kinoptikum

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Do. 18:00
DER JUNGE, DEM DIE WELT GEHÖRT
D 2023, 92 Min.
Regie: Robert Gwisdek
mit Julian Vincenzo Faber, Corinna Harfouch, Denis Lavant
Ein ganz eigenes, faszinierendes und traumverzwicktes Filmerlebnis
Trailer zu DER JUNGE, DEM DIE WELT GEHÖRT
Weiterlesen... Eine einsame Villa in Sizilien: Ein junger Musiker namens Basilio (überzeugend verkörpert von Julian Vincenzo Faber, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Julian Pollina heißt und den die Musikwelt nur unter seinem Künstlernamen Faber kennt) sucht in diesem abgeschiedenen Ort nach seinen Noten und seinen Worten, um endlich die Musik zu erschaffen, die er sich vorstellt. Doch er hat ein Problem: Die Poesie der Welt, ihr Raunen dringt nicht zu ihm durch, er ist zu sehr in sich gefangen, zu wenig in Kontakt mit dem Draußen, um die Sprache der Welt zu verstehen und in seinen Texten und seiner Musik zu reflektieren.
Sein älterer Mentor Kasimir ist bei seiner tiefen Sinn- und Kunstsuche auch nur von zweifelhaftem Nutzen. Seine Wortkaskaden und ellenlangen und exaltiert vorgetragenen Monologe sind allerdings (für das Publikum) sehr unterhaltsam. Denis Lavant füllt diese Rolle mit überbordender Energie, die durchaus an seine Rollen in Léos Carax’ Merde (als Teil des Episodenfilms Tokyo!, gemeinsam mit Michel Gondry und Bong Joon-Ho) und eine Sequenz aus Holy Motors erinnert: Inspiration ist hier mal nicht eine sanfte Muse, die den Künstler umarmt und küsst, sondern ein irrer und völlig überdrehter Derwisch-Kobold, der mehr nervt, als hilfreich zur Hand geht, und der Notizzettel mit musikalischen Fragmenten gerne mal aufisst, sodass sich der Musicus nun noch einmal etwas Neues ausdenken muss.
Nur gelegentlich führen Basilios Wege nach draußen, wobei schon das Überschreiten der Türschwelle, die das Drinnen vom Draußen trennt, sich als schier unüberwindliches Hindernis erweist, das erst mehrmals wiederholt werden muss, um dann leichten Schrittes vollführt werden zu können. Dort sucht er vor allem ein Lebensmittelgeschäft auf, mit dessen Inhaber er sich schnelle und präzise Dialoggefechte voller Witz und Nonsens-Eleganz führt, die wie das federleichte Tänzeln zweier Florettvirtuosen erscheinen. Und dann ist da eines Tages die geheimnisvolle Karla (Chiara Höflich), mit der sich Basilios Welt langsam zu verändern beginnt.
Auch wenn man zunächst nicht viel um die Umstände der Entstehung von Der Junge, dem die Welt gehört weiß, ahnt man sie doch fast ein wenig: Mitten in der Corona-Pandemie mieteten sich der Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek (alias Käptn Peng) mit Mitstreiter*innen in einer verlassenen Villa in Palermo ein, drehten tagsüber und schrieben und musizierten am Abend. Die surreale Abgeschiedenheit dieser Zeit ermöglicht es dem Publikum, den Zauber der normalerweise sehr belebten sizilianischen Hauptstadt ohne Passanten zu erleben. Die Straßen wie auch das Haus atmen Leere und Einsamkeit, sie wirken wie Kulissen in einem allegorisch verrätselten Spiel der Realitäten und Halluzinationen, das aus der Zeit und der Hektik unserer Gegenwart gefallen zu sein scheint.
Der Junge, dem die Welt gehört erinnert nicht allein wegen der traumschönen Schwarzweißbilder (Kamera: Fabian Gamper) an ein Märchen, ein Mysterienspiel, mit all seinen Wiederholungen. Spiegelungen und Variationen an die visuelle Umsetzung eines streng komponierten Musikstücks, zwischen dessen Szenen man zugleich den Geist von improvisatorischer Freiheit und ungehemmten Spieltrieb erspürt. Zugleich meint man in den Szenen, in denen es um die Verbindung der Drinnen- zur Draußenwelt geht, genau jenen Zwiespalt zu erahnen, der die Zeit von Corona im Nachhinein in nicht wenigen Momenten zu einer heute kaum mehr begreiflichen Welt werden lässt.
Am Ende aber gelingt der Schritt, die Versöhnung von Innen und Außen. Und ähnlich wie seiner Hauptfigur Basilio ist auch Gwisdeks Suchbewegung nach einer ganz eigenen, unverkennbaren Sprache sowohl bei den Bildern wie auch den Dialogen schlussendlich von Erfolg gekrönt — der Film findet und erfindet seine ganz eigene Sprache, seine ihm innewohnende Poesie, sein innerstes Werden und Sein.
Sicherlich eines der ungewöhnlichsten Filmdebüts der letzten Zeit und in seiner liebevollen Versponnenheit und Exzentrik ein Unikum im deutschen Film. Und so verwundert es kaum, dass dieser Film ohne jegliche Förderung entstand. Denn bei allem Bemühen des deutschen Filmförderwesens nach mehr Kreativität: So viel Experiment ist derzeit durch Entscheidergremien kaum durchzukriegen. Schade eigentlich und umso bemerkenswerter, wenn es wie in diesem Fall doch gelingt. (kino-zeit.de)
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Do. 20:30
MARS EXPRESS  DF
F 2023, 88 Min.
Regie: Jérémie Périn
Virtuos animierter Sci-Fi Neo-Noir auf den Spuren der „Ghosts in the Shell“
Trailer zu MARS EXPRESS
Weiterlesen... In der Welt des Films, der im Jahr 2200 spielt, sind Roboter längst fester Bestandteil im gesellschaftlichen Miteinander. Besonders auf der Erde, die an einer Stelle als Drecksloch voller Arbeitsloser bezeichnet wird, regt sich jedoch massiver Widerstand gegen die Maschinenwesen, Gewaltausbrüche eingeschlossen. Auf dem längst kolonisierten Mars ist die Lage dagegen weniger angespannt. Die in die Programmierung der künstlichen Helfer eingeschriebenen Regeln – Scifi-Pionier Isaac Asimov lässt grüßen! – scheinen für Sicherheit zu sorgen. Neuerdings aber geht die Angst vor Robotern um, die sich ihrer Direktiven entledigen.
Bühne frei für die Privatermittlerin Aline Ruby und ihren befreundeten Partner Carlos Rivera, einen Androiden mit dem Bewusstsein eines verstorbenen Menschen! In der Mars-Hauptstadt Noctis begeben sich die beiden auf die Suche nach der Kybernetik-Studentin Jun Chow, die offenbar einen Roboter von seinen Protokollen befreien konnte. Bei ihren Recherchen stoßen sie schnell auf eine Leiche und kommen einer Verschwörung mit weitreichenden Konsequenzen auf die Schliche.
„Mars Express“ hebt sich mit seiner vom japanischen Anime-Stil beeinflussten Ästhetik spürbar ab von der Optik vieler US-amerikanischer Studiofilme. Schon das ist irgendwie erfrischend. Pate stand bei der visuellen Gestaltung sicher auch der klassische Film Noir, dessen Schattenspiele Jérémie Périn auf seinen Science-Fiction-Krimi überträgt.
Größter Pluspunkt ist allerdings die Ausgestaltung der hier präsentierten Zukunftswelt, die man bei der ersten Sichtung in all ihren Einzelheiten nur schwer erfassen kann. „Mars Express“ denkt Entwicklungen der Gegenwart weiter, benutzt und variiert viele bekannte Genre-Motive. Künstliche Katzen, deren Fell sich abziehen und waschen lässt, Selbsthilfegruppen für Androiden, die früher Menschen waren, die Möglichkeit, das eigene Gedächtnis zu vermieten – Périn und Koautor Laurent Sarfati bestücken ihr filmisches Universum mit zahlreichen aufregenden Details und ziehen uns so in das Geschehen hinein.
Beunruhigend sind nicht nur einige der skizzierten technischen Phänomene. Nachdenklich stimmt auch das langsame Verkümmern echter zwischenmenschlicher Kontakte. Der Professor der vermissten Jun beispielsweise gibt gegenüber Aline offen zu, dass er künstliche Liebhaberinnen bevorzuge, da er diese, wenn sie nerven sollten, einfach abschalten könne. So sieht sie aus, die schöne neue Welt!
Der Plot von „Mars Express“ schlägt einige überraschende Haken und wartet mit gut dosierten Actioneinlagen auf, gerät manchmal aber eine Spur zu gehetzt. Hier und da hätten sich die Macher etwas mehr Zeit für die Entwicklungen ihrer Geschichte nehmen können. Aline Ruby und Carlos Rivera geben ein solides Ermittlerduo ab, dem man gerne folgt, auch wenn sie ein typisches Kinoklischee repräsentiert. Wie so viele Noir-Detektive vor ihr kämpft Ruby nämlich mit dem Alkohol. Eine Eigenschaft, die ihre Figur nicht übermäßig plastisch macht. Interessanter wirkt da schon ihr Androiden-Kollege, den die Dämonen seines früheren Menschseins verfolgen. Schon vor Carlos‘ Tod kam es, nicht zuletzt wegen häuslicher Gewalt, zur Trennung von seiner Ehefrau, die ihm nun den Umgang mit der gemeinsamen Tochter verwehrt. Dieser Aspekt und andere relevante Themen, etwa die Auswüchse des Kapitalismus und Klassenunterschiede, greift die zum Ende hin spannungstechnisch merklich anziehende Erzählung ungezwungen auf, ohne die zentralen Fragen aus den Augen zu verlieren: Was macht uns Menschen aus? Haben Maschinen Gefühle, Sehnsüchte? Und wenn ja, warum sollten sie diesen nicht auch folgen dürfen? (programmkino.de)
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