Am 14.7. zeigt das Kinoptikum

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So. 11:00
AUF TROCKENEN GRÄSERN  DF
TUR/F/D/S 2023, 197 Min.
Regie: Nuri Bilge Ceylan
mit Erdem Şenocak, Musab Ekici, Ece Bağcı
Eine vielschichtige, poetische Erzählung aus „dem wilden Kurdistan“
Trailer zu AUF TROCKENEN GRÄSERN
Weiterlesen... Im Osten der Türkei, in einer Kleinstadt mit großer kurdischer Bevölkerung, unterrichtet der Lehrer Samet (Deniz Celiloglu). Ein Traumjob ist der Posten in der Provinz zwar nicht, dennoch behandelt Samet seine Schüler mit Sympathie, gerade weil ihm bewusst ist, dass die kurdischen Kinder in der Türkei wenig Chancen haben, etwas aus ihrem Leben zu machen. Doch eines Tages beschuldigt ausgerechnet seine Lieblingsschülerin Sevim (Ece Bagci) ihn und seinen Kollegen und Mitbewohner Kenan (Musab Ekici), sich falsch verhalten zu haben. Anschuldigungen, die schnell das Ende der Karriere bedeuten können. Parallel dazu lernt Samet Nuray (Merve Dizdar) kennen, die an einer anderen Schule unterrichtet. Wirkliches Interesse an Nuray entwickelt Samet jedoch erst, als Kenan ihr Avancen macht.
Im Laufe von inzwischen neun Filmen hat Nuri Bilge Ceylan einen filmischen Stil entwickelt, der ihn im zeitgenössischen Kino zu einem der prägnantesten Autoren macht. Vom ersten Moment an, wenn man in „Auf trockenen Gräsern“ eine einsame Figur sieht, die sich mühsam durch eine Schneelandschaft kämpft, gefilmt in einer langen Einstellung, weiß man, dass man sich in einem Film des türkischen Regisseurs befindet. Und so geht es weiter. In langen Dialogpassagen werden Fragen und Themen mehr umkreist und angerissen als auf den Punkt gebracht, formt sich ein Bild der türkischen Gesellschaft, der fragilen Situation Anatoliens, wo gelegentlich auftauchende Militärfahrzeuge andeuten, dass der Bürgerkrieg zwischen Türken und Kurden keineswegs beendet ist.
Eine typische Ceylan-Figur ist auch Samet, ein auf den ersten Blick sympathischer, wenn auch etwas verschlossener Mann, der das Beste aus seiner Situation zu machen versucht, seinen Groll, sein misanthropisches Wesen, aber nur mühsam zurückhalten kann. Ein Ereignis, das als deutlicher Kommentar zur Problematik der Cancel Culture zu sehen ist, verändert das bis dahin einnehmende Wesen Samets von Grund auf.
Zunehmend lässt er seine Wut an seinen Schülern aus, hadert mit seiner Situation, die ihn dazu zwingt, fern der Metropolen und dem ihrem Kulturleben, im tiefen Anatolien zu unterrichten. Und dabei immer zu wissen, dass seine kurdischen Schüler kaum eine Chance haben, sich aus den Bedingungen, in denen sie leben, zu befreien.
Im besten Sinne anstrengend und fordernd ist das Kino von Nuri Bilge Ceylan, das oft eher an einem Roman erinnert, das mäandert, hier mal in die Tiefe geht, dort philosophische Gedanken zulässt und nicht einer straffen drei Akt-Struktur folgt, in der es Hindernisse zu bewältigen gibt und alles auf eine finale Katharsis zuläuft. Auch „Auf trockenen Gräsern“ verlangt, dass man sich auf ihn einlässt, sich mehr als drei Stunden Zeit nimmt, um in eine Welt einzutauchen, um einen Mann zu begleiten, der nicht wirklich sympathisch ist, der Ecken und Kanten hat, aber gerade deswegen eine bemerkenswerte Figur in einem herausragenden Film ist. (programmkino.de)
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So. 19:00
ZWISCHEN UNS DAS LEBEN  frz. OmU
Hors-saison – F 2022, 115 Min.
Regie: Stéphane Brizé
mit Guillaume Canet, Alba Rohrwacher, Sharif Andoura
Ein zutiefst romantisches Drama aus der Mitte des Lebens
Trailer zu ZWISCHEN UNS DAS LEBEN
Weiterlesen... Mathieu (Guillaume Canet) ist ein erfolgreicher Schauspieler. Er hätte demnächst im Theater debütieren sollen, hat aber kalte Füße bekommen und sich aus dem Projekt zurückgezogen. Jetzt hat er sich abseits der Saison in einem Hotel für eine Thalassotherapie eingebucht. Um den Kopf freizukriegen, um neue Drehbücher zu lesen, um sich damit auseinanderzusetzen, wieso er das Risiko scheute. Da erhält er eine Nachricht von Alice (Alba Rohrbacher), mit der er vor mehr als 15 Jahren zusammen war. Sie wohnt in diesem Ort und hat mitbekommen, dass er hier ist. Beide treffen sich, was zuerst ungelenk und eigenartig ist, wie es nun mal ist, wenn Menschen, die sich einst liebten, und bei denen der eine den anderen verlassen hat, wieder gegenübersitzen. Aber es ist ein schönes Treffen. Eines, das die Vergangenheit wieder aufwühlt.
Es ist grau an diesem Urlaubsort. Die meisten Häuser sind verlassen. Eine unwirkliche Stimmung macht sich breit, die perfekt für diese Geschichte ist. Als Mathieu und Alice sich wiedertreffen, könnte ihr Leben nicht unterschiedlicher sein, auch wenn beide verheiratet sind und ein Kind haben. Bei ihm ist es gekommen, wie es sein sollte, bei ihr ist es so gut gekommen, wie es nun mal ging. So fasst Alice den Unterschied ihrer beider Leben zusammen. Ihrer Leben – das ist das, was zwischen dem Ende der Beziehung und diesem Treffen existiert. Ein Treffen, das die alten Gefühle hochkommen lässt. Vom Verlassenwerden, vom Gefühl, nicht gut genug gewesen zu sein, von der guten Zeit. Weil es die Vergangenheit so an sich hat, dass die schönen Ereignisse umso strahlender sind, und die Schlechten ein Stückweit weniger schlecht erscheinen.
„Zwischen uns das Leben“ lebt von den beiden Hauptdarstellern. Ihre Chemie ist sofort spürbar. Stéphane Brizé hat mit Sorgfalt inszeniert, beweist aber auch den Mut, mit Konventionen zu brechen. Wenn Mathieu und Alice auseinandergehen, zeigt er Momente ihres jetzigen Lebens. Still, von außen. Andere Momente sind nicht weniger unkonventionell. Etwa, wenn beide auf einer Hochzeit sind und minutenlang der Performance zweier Künstler lauschen, die akustisch perfekt Vögel nachahmen können. Der Zuschauer sieht das zusammen mit den Beiden an. Es braucht schon Mut, diese Momente des narrativen Stillstands zu präsentieren, weil sie es dem Publikum erlauben, tiefer in die von dem Film ausgelöste Gedankenwelt einzutauchen.
Das ist die eigentliche Stärke von „Zwischen und das Leben“. Dass er konsequent von einem Treffen alter Liebender erzählt, aber mit dem, was er zeigt dem Publikum eine Leinwand für die eigene Projektion bietet. Weil dieser Film unweigerlich zum Nachdenken anregt, weil die Vergangenheit niemanden jemals wirklich unberührt lässt. (programmkino.de)
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