Am 11.7. zeigt das Kinoptikum

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Do. 18:00
ZWISCHEN UNS DAS LEBEN  frz. OmU
Hors-saison – F 2022, 115 Min.
Regie: Stéphane Brizé
mit Guillaume Canet, Alba Rohrwacher, Sharif Andoura
Ein zutiefst romantisches Drama aus der Mitte des Lebens
Trailer zu ZWISCHEN UNS DAS LEBEN
Weiterlesen... Mathieu (Guillaume Canet) ist ein erfolgreicher Schauspieler. Er hätte demnächst im Theater debütieren sollen, hat aber kalte Füße bekommen und sich aus dem Projekt zurückgezogen. Jetzt hat er sich abseits der Saison in einem Hotel für eine Thalassotherapie eingebucht. Um den Kopf freizukriegen, um neue Drehbücher zu lesen, um sich damit auseinanderzusetzen, wieso er das Risiko scheute. Da erhält er eine Nachricht von Alice (Alba Rohrbacher), mit der er vor mehr als 15 Jahren zusammen war. Sie wohnt in diesem Ort und hat mitbekommen, dass er hier ist. Beide treffen sich, was zuerst ungelenk und eigenartig ist, wie es nun mal ist, wenn Menschen, die sich einst liebten, und bei denen der eine den anderen verlassen hat, wieder gegenübersitzen. Aber es ist ein schönes Treffen. Eines, das die Vergangenheit wieder aufwühlt.
Es ist grau an diesem Urlaubsort. Die meisten Häuser sind verlassen. Eine unwirkliche Stimmung macht sich breit, die perfekt für diese Geschichte ist. Als Mathieu und Alice sich wiedertreffen, könnte ihr Leben nicht unterschiedlicher sein, auch wenn beide verheiratet sind und ein Kind haben. Bei ihm ist es gekommen, wie es sein sollte, bei ihr ist es so gut gekommen, wie es nun mal ging. So fasst Alice den Unterschied ihrer beider Leben zusammen. Ihrer Leben – das ist das, was zwischen dem Ende der Beziehung und diesem Treffen existiert. Ein Treffen, das die alten Gefühle hochkommen lässt. Vom Verlassenwerden, vom Gefühl, nicht gut genug gewesen zu sein, von der guten Zeit. Weil es die Vergangenheit so an sich hat, dass die schönen Ereignisse umso strahlender sind, und die Schlechten ein Stückweit weniger schlecht erscheinen.
„Zwischen uns das Leben“ lebt von den beiden Hauptdarstellern. Ihre Chemie ist sofort spürbar. Stéphane Brizé hat mit Sorgfalt inszeniert, beweist aber auch den Mut, mit Konventionen zu brechen. Wenn Mathieu und Alice auseinandergehen, zeigt er Momente ihres jetzigen Lebens. Still, von außen. Andere Momente sind nicht weniger unkonventionell. Etwa, wenn beide auf einer Hochzeit sind und minutenlang der Performance zweier Künstler lauschen, die akustisch perfekt Vögel nachahmen können. Der Zuschauer sieht das zusammen mit den Beiden an. Es braucht schon Mut, diese Momente des narrativen Stillstands zu präsentieren, weil sie es dem Publikum erlauben, tiefer in die von dem Film ausgelöste Gedankenwelt einzutauchen.
Das ist die eigentliche Stärke von „Zwischen und das Leben“. Dass er konsequent von einem Treffen alter Liebender erzählt, aber mit dem, was er zeigt dem Publikum eine Leinwand für die eigene Projektion bietet. Weil dieser Film unweigerlich zum Nachdenken anregt, weil die Vergangenheit niemanden jemals wirklich unberührt lässt. (programmkino.de)
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Do. 20:30
DER JUNGE, DEM DIE WELT GEHÖRT
D 2023, 92 Min.
Regie: Robert Gwisdek
mit Julian Vincenzo Faber, Corinna Harfouch, Denis Lavant
Ein ganz eigenes, faszinierendes und traumverzwicktes Filmerlebnis
Trailer zu DER JUNGE, DEM DIE WELT GEHÖRT
Weiterlesen... Eine einsame Villa in Sizilien: Ein junger Musiker namens Basilio (überzeugend verkörpert von Julian Vincenzo Faber, der mit bürgerlichem Namen eigentlich Julian Pollina heißt und den die Musikwelt nur unter seinem Künstlernamen Faber kennt) sucht in diesem abgeschiedenen Ort nach seinen Noten und seinen Worten, um endlich die Musik zu erschaffen, die er sich vorstellt. Doch er hat ein Problem: Die Poesie der Welt, ihr Raunen dringt nicht zu ihm durch, er ist zu sehr in sich gefangen, zu wenig in Kontakt mit dem Draußen, um die Sprache der Welt zu verstehen und in seinen Texten und seiner Musik zu reflektieren.
Sein älterer Mentor Kasimir ist bei seiner tiefen Sinn- und Kunstsuche auch nur von zweifelhaftem Nutzen. Seine Wortkaskaden und ellenlangen und exaltiert vorgetragenen Monologe sind allerdings (für das Publikum) sehr unterhaltsam. Denis Lavant füllt diese Rolle mit überbordender Energie, die durchaus an seine Rollen in Léos Carax’ Merde (als Teil des Episodenfilms Tokyo!, gemeinsam mit Michel Gondry und Bong Joon-Ho) und eine Sequenz aus Holy Motors erinnert: Inspiration ist hier mal nicht eine sanfte Muse, die den Künstler umarmt und küsst, sondern ein irrer und völlig überdrehter Derwisch-Kobold, der mehr nervt, als hilfreich zur Hand geht, und der Notizzettel mit musikalischen Fragmenten gerne mal aufisst, sodass sich der Musicus nun noch einmal etwas Neues ausdenken muss.
Nur gelegentlich führen Basilios Wege nach draußen, wobei schon das Überschreiten der Türschwelle, die das Drinnen vom Draußen trennt, sich als schier unüberwindliches Hindernis erweist, das erst mehrmals wiederholt werden muss, um dann leichten Schrittes vollführt werden zu können. Dort sucht er vor allem ein Lebensmittelgeschäft auf, mit dessen Inhaber er sich schnelle und präzise Dialoggefechte voller Witz und Nonsens-Eleganz führt, die wie das federleichte Tänzeln zweier Florettvirtuosen erscheinen. Und dann ist da eines Tages die geheimnisvolle Karla (Chiara Höflich), mit der sich Basilios Welt langsam zu verändern beginnt.
Auch wenn man zunächst nicht viel um die Umstände der Entstehung von Der Junge, dem die Welt gehört weiß, ahnt man sie doch fast ein wenig: Mitten in der Corona-Pandemie mieteten sich der Schauspieler und Musiker Robert Gwisdek (alias Käptn Peng) mit Mitstreiter*innen in einer verlassenen Villa in Palermo ein, drehten tagsüber und schrieben und musizierten am Abend. Die surreale Abgeschiedenheit dieser Zeit ermöglicht es dem Publikum, den Zauber der normalerweise sehr belebten sizilianischen Hauptstadt ohne Passanten zu erleben. Die Straßen wie auch das Haus atmen Leere und Einsamkeit, sie wirken wie Kulissen in einem allegorisch verrätselten Spiel der Realitäten und Halluzinationen, das aus der Zeit und der Hektik unserer Gegenwart gefallen zu sein scheint.
Der Junge, dem die Welt gehört erinnert nicht allein wegen der traumschönen Schwarzweißbilder (Kamera: Fabian Gamper) an ein Märchen, ein Mysterienspiel, mit all seinen Wiederholungen. Spiegelungen und Variationen an die visuelle Umsetzung eines streng komponierten Musikstücks, zwischen dessen Szenen man zugleich den Geist von improvisatorischer Freiheit und ungehemmten Spieltrieb erspürt. Zugleich meint man in den Szenen, in denen es um die Verbindung der Drinnen- zur Draußenwelt geht, genau jenen Zwiespalt zu erahnen, der die Zeit von Corona im Nachhinein in nicht wenigen Momenten zu einer heute kaum mehr begreiflichen Welt werden lässt.
Am Ende aber gelingt der Schritt, die Versöhnung von Innen und Außen. Und ähnlich wie seiner Hauptfigur Basilio ist auch Gwisdeks Suchbewegung nach einer ganz eigenen, unverkennbaren Sprache sowohl bei den Bildern wie auch den Dialogen schlussendlich von Erfolg gekrönt — der Film findet und erfindet seine ganz eigene Sprache, seine ihm innewohnende Poesie, sein innerstes Werden und Sein.
Sicherlich eines der ungewöhnlichsten Filmdebüts der letzten Zeit und in seiner liebevollen Versponnenheit und Exzentrik ein Unikum im deutschen Film. Und so verwundert es kaum, dass dieser Film ohne jegliche Förderung entstand. Denn bei allem Bemühen des deutschen Filmförderwesens nach mehr Kreativität: So viel Experiment ist derzeit durch Entscheidergremien kaum durchzukriegen. Schade eigentlich und umso bemerkenswerter, wenn es wie in diesem Fall doch gelingt. (kino-zeit.de)
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