Am 21.6. zeigt das Kinoptikum

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Fr. 18:00
JULIE - EINE FRAU GIBT NICHT AUF  frz. OmU
À plein temps – F 2023, 88 Min.
Regie: Eric Gravel
mit Laure Calamy, Anne Suarez, Geneviève Mnich
Außer Atem: Ein authentischer Blick auf den Alltag der modernen Frau
Trailer zu JULIE - EINE FRAU GIBT NICHT AUF
Weiterlesen... Die durchschnittliche Arbeitszeit sinkt, und doch werden die Menschen den Eindruck nicht los, immer weniger Zeit zu haben. Für manche mag das ein Luxusproblem sein. Für die alleinerziehende Mutter Julie ist es ein existenzielles. Die Wege sind zu weit, die Belastung nach Feierabend ist zu hoch, Raum für sich selbst nicht vorhanden. Regisseur Eric Gravel erzählt davon, was das aus einem macht – und lässt es sein Publikum am eigenen Leib spüren.
Immer wieder dieses Schrillen, das die Nacht zerreißt! Spätestens, wenn der Weckruf aus dem Mobiltelefon zum dritten Mal durch den Kinosaal dringt, sind auch wir Zuschauenden gerädert. Und sehen der von Laure Calamy famos verkörperten Titelheldin nur noch missmutig beim Aufstehen zu. Doch Julie gibt nicht auf, wie schon der Untertitel dieses Dramas verrät. Also quälen wir uns gemeinsam mit ihr abermals aus dem Bett, geben die zwei Kinder im Stockdunkeln bei einer pensionierten Nachbarin ab und fahren in Frankreichs Hauptstadt.
Paris, Stadt der Liebe, Stadt der Lichter – und der unsichtbaren Niedriglöhner. Dort schuftet sich Julie in einem Nobelhotel den Buckel krumm. Nach Jobverlust und Scheidung ist die Akademikerin nun Zimmermädchen wider Willen, aber immerhin eins mit Verantwortung. Sie teilt die Dienstpläne ein, bewertet die Kolleginnen und lässt Pragmatismus walten. Hat einer der Gäste einen Schweinestall im Badezimmer hinterlassen, rückt Julie der Ferkelei mit dem Hochdruckreiniger zu Leibe. Zwischen Putzeimern und frischen Bettbezügen träumt sie von einer neuen Anstellung in ihrem alten Berufsfeld. Unzählige erfolglose Bewerbungen später hat sie endlich ein Vorstellungsgespräch ergattert, aber keine Zeit, es wahrzunehmen. Doch Julie wäre nicht Julie, wenn sie nicht auch für dieses Problem eine Lösung fände.
Der Regisseur Eric Gravel wohnt auf dem Land. Viele seiner Nachbarn fahren jeden Tag zum Arbeiten nach Paris. Doch „es gibt nicht viele Filme über die Lebensrealität des Pendelns“, sagt Gravel in einem Interview über seinen zweiten abendfüllenden Spielfilm und fügt an: „Ich möchte zeigen, wie sich dieses Leben anfühlt.“ Bei Gravel fühl es sich wie ein Thriller an.
Wie lässt sich Zeitdruck besser auf Zelluloid bannen als durch einen Wecker, der viel zu früh schrillt? Gravel hat ein paar Ideen. Im von ihm selbst verfassten Drehbuch türmt sich Hindernis auf Hindernis. Ein Streik legt den öffentlichen Nahverkehr lahm. Der abgetauchte Ex-Mann zahlt die Alimente nicht. Die betagte Nachbarin verliert beim Kinderhüten die Nerven. Julies Chefin hat sie auf dem Kieker. Und der Warmwasserboiler gibt den Geist auf. Victor Seguins an den Jason-Bourne-Filmen geschulte Kameraarbeit, Irène Drésels elektronischer Soundtrack, der die Hauptfigur wie in einem Werk der Safdie-Brüder voranpeitscht, und Mathilde Van de Moortels perfekt auf den Beat abgestimmter Schnittrhythmus erledigen den Rest. Wir können Julies Anspannung förmlich greifen.
Dennoch steht und fällt in diesem Drama alles mit Laure Calamy. Sie ist in jeder Szene zu sehen und trägt den Film scheinbar mühelos. Calamy spielt eine Frau, die gelernt hat, gute Miene zum kapitalistischen Spiel zu machen. Wie ausweglos die Situation auch sein mag, ein ums andere Mal setzt Julie ihr umwerfendes Lächeln auf und marschiert unbeirrt weiter. Wie sehr sie sich dabei selbst verliert, vergisst und vernachlässigt, veranschaulichen kleine Momente, die leicht zu übersehen sind. Ein entspanntes Verschnaufen in einem warmen Bad, bevor der von Albträumen geplagte Sohn an der Wanne steht und Julie zurück in den Alltagsstress holt. Ein schüchterner Kuss, den sie einem flüchtigen Bekannten aufdrückt, bevor ihr Gesichtsausdruck offenbart, wie lange sie schon nicht mehr geküsst worden ist.
Laure Calamy, die leider viel zu selten für Hauptrollen besetzt wird, benötigt unglaublich wenig, um diese Gefühle nonverbal zu vermitteln. Und das ist großartig. Bei den 78. Filmfestspielen von Venedig, wo Julie in der Sektion Orizonti lief, gewann Calamy den Preis als beste Darstellerin. Gravel wurde als bester Regisseur ausgezeichnet.
Sein Drama über eine alleinerziehende Mutter am Rande des Nervenzusammenbruchs hätte auch ganz anders ausgehen können. Mehrfach deutet Gravel ein tragisches Ende an, entscheidet sich letztlich aber für ein im wahrsten Wortsinn erhebendes. Zusammen mit Julie atmen auch wir Zuschauenden endlich auf. (kino-zeit.de)
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Fr. 20:30
IRDISCHE VERSE  DF
Ayeh haye zamini – IRN 2023, 77 Min.
Regie: Ali Asgari, Alireza Khatami
mit Bahman Ark, Arghavan Shabani, Servin Zabetiyan
Ein kafkaesker Episodenreigen aus iranischen Amtsstuben
Trailer zu IRDISCHE VERSE
Weiterlesen... In neun Geschichten schildert „Irdische Verse“ von den alltäglichen und doch unglaublichen Begegnungen zwischen Menschen und dem bürokratischen Apparat im Iran. Es ist der gewöhnliche Wahnsinn, der sich in Form grotesker, nicht nachvollziehbarer Regelungen und Gesetze tief ins Leben der Menschen eingräbt. Der iranische Staat mischt scheinbar in jeglichen Fragen, sogar der Mode und des Körperschmucks, sowie intimsten Angelegenheiten seiner Bürger mit.
„Szenen einer Ehe“ heißt ein bekannter Film von Ingmar Bergmann. „Szenen einer absurden Bürokratie“ könnte ein passender Untertitel dieser Tragikomödie lauten. Sie stammt von den beiden preisgekrönten iranischen Regisseuren und Drehbuchautoren Ali Asgari und Alireza Khatami. Asgari und Khatami präsentieren mit „Irdische Verse“ ein bewusst überzeichnetes, aber dennoch im Kern treffendes Werk, das den alltäglichen Irrsinn behördlicher Willkür treffend aufzeigt. Dafür bedienen sie sich einer gehörigen Portion schwarzen Humors.
Formal und konzeptionell ist der Film minimalistisch gehalten. In statischen Einstellungen und ohne Perspektivwechsel sehen wir immer nur die jeweilige Person bei ihrem Amtsbesuch. Die Kamera ist streng auf sie oder ihn gerichtet, der Beamte hinter dem Schreibtisch bleibt unsichtbar. Die einzelnen Episoden führen ins Verkehrsamt, Kulturamt, mitten hinein in ein Bewerbungsgespräch, zum Bürger- sowie Arbeitsamt und in eine Schule. Dort bekommt ein Mädchen Ärger mit der gestrengen, unnachgiebigen Schuldirektorin, weil sie mit einem Jungen zusammen Motorrad gefahren ist. Und der Verdacht besteht, er könnte ihr Freund sein.
Überall wähnen die autoritären Amts- und Behördenmitarbeiter einen gezielten Affront gegen die islamisch-iranische Welt oder fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Penibel und überzogen exakt halten sie sich an die fragwürdigen Vorgaben und Vorschriften. Da reicht es schon, wenn eine unbescholtene Person, die einfach nur ihren Führerschein abholen möchte, ein harmloses Mickey-Mouse-Shirt trägt. An anderer Stelle verweigert ein Verwaltungsangestellter einem Vater den Wunschnamen („David“) für das neugeborene Baby – weil ihm dieser nicht islamisch genug ist.
Die Botschaften von „Irdische Verse“ lassen sich überdeutlich aus den Zeilen und Zwischentönen herauslesen. Die Politik (du damit die Religion) mischt sich überall ein, auch ins Intimste ihrer Bürger. Kann ich nicht einmal in der eigenen Wohnung privat und für mich sein? So heißt es in der Frage eines „Behördenopfers“ sinngemäß. Die brutale, aber ehrliche Antwort muss wohl lauten: vermutlich nein. Der Film zeigt konsequent und fast unentwegt politisch motivierte Herabwürdigung und Kontrollmacht auf. Es geht um Behördenstrenge und einen abschätzigen, bisweilen gar sexistischen oder erpresserischen Umgang mit Menschen, die lediglich einfache Anliegen haben und Hilfe benötigen. Ihnen gegenüber steht ein übermächtiger Verwaltungsapparat, der die Vorgaben der Regierung rigoros ausführt.
Ganz am Ende aber fällt, im wahrsten Wortsinn, das gesamte Konstrukt allerdings in sich zusammen. Und „Irdische Verse“ entlarvt einige der behördlichen Protagonisten mit Vehemenz und grimmigem Humor als Lügner und hemmungslose Zyniker. (programmkino.de)
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