Am 16.6. zeigt das Kinoptikum

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So. 11:00
GONDOLA
D 2023, 82 Min.
Regie: Veit Helmer
mit Mathilde Irrmann, Nino Soselia
Zarte Kinopoesie in luftiger Höhe und zauberhaften Bildern
Trailer zu GONDOLA
Weiterlesen... Diese Seilbahn mit den zwei ovalen Gondeln hat schon bessere Zeiten gesehen. Aber Tag für Tag fährt sie im georgischen Kaukasus zwischen einem Bergdorf und einer kleinen Stadt im Tal. Die wenigen Passagiere des museal anmutenden Technikobjekts wohnen im Dorf. Touristen scheinen sich in diese entlegene Gegend kaum zu verirren. Zur Beerdigung des alten Schaffners kommt seine Tochter Iva (Mathilde Irrmann) aus der Stadt und beschließt, seine Stelle zu übernehmen. In ihrer Dienstuniform begleitet sie fortan eine der Gondeln, die sich in luftiger Höhe mit der anderen, in die Gegenrichtung fahrenden kreuzt. In dieser steht die junge Schaffnerin Nino (Nino Soselia). Die beiden Frauen fangen an, sich für ihre flüchtigen Begegnungen kleine Überraschungen auszudenken, die bald aufwändiger werden.
Im Laufe seines 25-jährigen Schaffens seit seinem ersten Spielfilm Tuvalu hat der Regisseur und Drehbuchautor Veit Helmer ein paar markante Vorlieben entwickelt. Gondola ist nicht sein erster Film, der irgendwo im Osten spielt, auf dem ehemaligen Territorium der Sowjetunion, wo die Uhren ein wenig anders zu ticken scheinen. Die Sowjetära hat ihre technischen Errungenschaften hinterlassen – zu ihnen könnte dem Augenschein nach auch diese Seilbahn noch zählen. Dass sie weiterhin fährt, lässt die Betrachtenden weniger an eine solide Bauweise denken als dass es am Geld fehlen muss, um sie durch eine neue zu ersetzen. In einem Regiestatement nennt Helmer einen realen Ort in Georgien, wo man morgens in die Seilbahn statt in den Bus steigt, als Inspirationsquelle. Im Vorgängerfilm Vom Lokführer, der die Liebe suchte… von 2018 setzte er einem Vorort von Aserbaidschans Hauptstadt Baku ein Denkmal, in dem ein Zug zum Greifen nah an den alten, inzwischen abgerissenen Häusern vorbeifährt.
Solch urige Kulissen bilden einen geeigneten Schauplatz für skurriles Treiben, ein wenig naive Komik und sympathische Träumerei. Es wird, wie schon in Vom Lokführer, der die Liebe suchte…, nicht gesprochen. Man fühlt sich an die Entschleunigung bei Roy Andersson (Über die Unendlichkeit) erinnert, wo sich Menschen oder Ereignisse in reizarmer Umgebung merkwürdig ausnehmen. Hier aber gibt es keine Episoden, sondern eine durchgehende Handlung voller Poesie. Gondola lädt zum Zurücklehnen und Genießen ein. Helmer hat ein langsames Roadmovie inszeniert, in dem die Liebe die Dinge in Bewegung bringt.
Die beiden jungen Schaffnerinnen muten in dieser vom Fortschritt abgehängten Gegend wie Vorbotinnen einer neuen Zeit an. Dass sie hier Wurzeln schlagen, ist nicht zu erwarten. Nino hat der georgischen Fluggesellschaft einen Bewerbungsbrief geschickt. Wenn sie und Iva ihre Gondeln fantasievoll umdekorieren, verleihen sie ihren Träumen von der großen weiten Welt und ihren Metropolen Ausdruck, richten den Blick sogar gen Himmel. In dem archaischen Landstrich aber will sich das Patriarchat, vertreten durch den Stationsvorsteher (Zviad Papuashvili), nicht kampflos vom Sockel stoßen lassen. Der alte weiße Mann macht Ansprüche auf die jungen Frauen geltend und glaubt, ein Blumenstrauß oder eine Schachtel Pralinen reichten aus, um eine von ihnen zum Altar zu führen. Das Desinteresse der Frauen an ihm und ihre gegenseitige Zuneigung wecken seinen Wunsch nach Rache.
Kleine Nebenhandlungen garnieren die hübsche Romanze. Die Witwe (Niara Chichinadze) straft die heimgekehrte Tochter mit eisiger Missachtung, ein kleiner Junge wirbt um die Freundschaft eines lustigen Mädchens, das ihn zunächst schnöde abweist. Die Liebe aber geht mit gutem Beispiel voran und weckt in den Menschen die Lebensfreude. Als hätten sie schon immer den Schalk im Nacken gehabt, stimmen Leute plötzlich hier und dort in ein Konzert mit umfunktioniertem Hausgerät und Werkzeugen an. Die waldreiche Bergregion bildet für all das eine schöne Naturkulisse. Man könnte einwenden, dass die sparsame Handlung kaum über die knappe Filmdauer von 82 Minuten trägt. Aber die zarte, fröhliche Poesie des Films bleibt bis zum Schluss wirksam. (kino-zeit.de)
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So. 19:00
DREAM SCENARIO  DF
Cinema Obscure – USA 2023, 104 Min.
Regie: Kristoffer Borgli
mit Nicolas Cage, Julianne Nicholson, Michael Cera
Faszinierende Traumdeutung mit einem Biedermann als Freddy Kruger
Trailer zu DREAM SCENARIO
Weiterlesen... Paul Matthews ist Professor, verheiratet, hat zwei Kinder und lebt ein unscheinbares Leben. Bis er hört, dass er in den Träumen anderer Menschen auftaucht. Er tut darin nichts, er steht nur herum und sieht zu, was passiert. Erst sind es nur wenige, dann Hunderte, Tausende und mehr. Die Medien werden auf das Phänomen aufmerksam. Paul genießt diese Aufmerksamkeit und hofft, sie nutzen zu können, um endlich einen Buchvertrag an Land zu ziehen. Aber die Situation wird hässlich, als die Träume sich verändern und der Traum-Paul weit aktiver im Traumgeschehen agiert …
Das Skript sollte vor ein paar Jahren von Ari Aster inszeniert werden. Der wollte Adam Sandler für die Hauptrolle. Autor Kristoffer Borgli wollte am liebsten selbst inszenieren, er musste sich aber erst mit dem Film „Sick of Myself“ beweisen. Dann zog Aster zu einem eigenen Stoff weiter und A24 vertraute ihm die Regie an. Borgli hatte aber einen anderen Wunschkandidaten für die Hauptrolle: Nicolas Cage. Der hat, wie er das praktisch immer tut, selbst die Frisur und das Aussehen der Figur gewählt. So langweilig und normal wie hier sah Nicolas Cage wohl noch nie aus.
Der Film hat eine faszinierende Prämisse. Er ist skurril, auch und insbesondere in Hinblick darauf, wie die Leute auf Paul reagieren, weil sie glauben. „Dream Scenario“ zieht sofort in den Bann. Weil sich nicht erahnen lässt, wie diese Geschichte ausgehen wird. Das ist im heutigen Kino selten und darum umso wertvoller. Borglis Film findet am Ende eine Art von Erklärung für das Geschehen, sie ist aber eigentlich auch nicht relevant.
Wichtiger ist, was diese Traum-Epidemie auslöst. Denn anfangs ist das alles nur eine skurrile, vielleicht amüsante Angelegenheit, dann wird alles dunkler und grimmiger, als die Träume beginnen, sich immer mehr zu verändern und der Traum-Paul nicht mehr nur passiver Beobachter, sondern aktiver Teil des Traums ist. Der Film ist clever darin zu zeigen, welche Auswirkungen das auf Paul hat. Denn seine Studenten wollen nicht mehr in seine Vorlesung. Er wird für sie zu einem Trigger, womit sich der Film auch die Frage erlaubt, ob wir nicht in einer Welt leben, in der gefühlt fast alles zum Trigger wird und ein Trauma auslöst. Damit einher geht ein Diskurs über Cancel-Culture, und das im absoluten Extrem, denn Paul ist der Leidtragende, kann aber natürlich nichts dafür, was passiert. Er ist nicht der Träumer, er ist nicht mal der Traum – er ist das, was andere aus ihm in ihren Träumen machen, und das transportieren sie in die Realität.
„Dream Scenario“ ist ein Mysterium, aber genau deswegen so gut. Er spielt mit einer aktuellen Thematik, aber überhöht durch ein Phänomen, das es nicht gibt. Das Ergebnis ist imposant und abermals der Beweis dafür, dass Nicolas Cage in den letzten Jahren ein besonders gutes Händchen für ungewöhnliche Stoffe gezeigt hat. Das macht ihn zu einem der spannendsten Schauspieler des letzten Jahrzehnts, weil er regelmäßig sich und den Zuschauer herausfordert. (programmkino.de)
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