Am 13.6. zeigt das Kinoptikum

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Do. 18:00
IRDISCHE VERSE  DF
Ayeh haye zamini – IRN 2023, 77 Min.
Regie: Ali Asgari, Alireza Khatami
mit Bahman Ark, Arghavan Shabani, Servin Zabetiyan
Ein kafkaesker Episodenreigen aus iranischen Amtsstuben
Trailer zu IRDISCHE VERSE
Weiterlesen... In neun Geschichten schildert „Irdische Verse“ von den alltäglichen und doch unglaublichen Begegnungen zwischen Menschen und dem bürokratischen Apparat im Iran. Es ist der gewöhnliche Wahnsinn, der sich in Form grotesker, nicht nachvollziehbarer Regelungen und Gesetze tief ins Leben der Menschen eingräbt. Der iranische Staat mischt scheinbar in jeglichen Fragen, sogar der Mode und des Körperschmucks, sowie intimsten Angelegenheiten seiner Bürger mit.
„Szenen einer Ehe“ heißt ein bekannter Film von Ingmar Bergmann. „Szenen einer absurden Bürokratie“ könnte ein passender Untertitel dieser Tragikomödie lauten. Sie stammt von den beiden preisgekrönten iranischen Regisseuren und Drehbuchautoren Ali Asgari und Alireza Khatami. Asgari und Khatami präsentieren mit „Irdische Verse“ ein bewusst überzeichnetes, aber dennoch im Kern treffendes Werk, das den alltäglichen Irrsinn behördlicher Willkür treffend aufzeigt. Dafür bedienen sie sich einer gehörigen Portion schwarzen Humors.
Formal und konzeptionell ist der Film minimalistisch gehalten. In statischen Einstellungen und ohne Perspektivwechsel sehen wir immer nur die jeweilige Person bei ihrem Amtsbesuch. Die Kamera ist streng auf sie oder ihn gerichtet, der Beamte hinter dem Schreibtisch bleibt unsichtbar. Die einzelnen Episoden führen ins Verkehrsamt, Kulturamt, mitten hinein in ein Bewerbungsgespräch, zum Bürger- sowie Arbeitsamt und in eine Schule. Dort bekommt ein Mädchen Ärger mit der gestrengen, unnachgiebigen Schuldirektorin, weil sie mit einem Jungen zusammen Motorrad gefahren ist. Und der Verdacht besteht, er könnte ihr Freund sein.
Überall wähnen die autoritären Amts- und Behördenmitarbeiter einen gezielten Affront gegen die islamisch-iranische Welt oder fühlen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Penibel und überzogen exakt halten sie sich an die fragwürdigen Vorgaben und Vorschriften. Da reicht es schon, wenn eine unbescholtene Person, die einfach nur ihren Führerschein abholen möchte, ein harmloses Mickey-Mouse-Shirt trägt. An anderer Stelle verweigert ein Verwaltungsangestellter einem Vater den Wunschnamen („David“) für das neugeborene Baby – weil ihm dieser nicht islamisch genug ist.
Die Botschaften von „Irdische Verse“ lassen sich überdeutlich aus den Zeilen und Zwischentönen herauslesen. Die Politik (du damit die Religion) mischt sich überall ein, auch ins Intimste ihrer Bürger. Kann ich nicht einmal in der eigenen Wohnung privat und für mich sein? So heißt es in der Frage eines „Behördenopfers“ sinngemäß. Die brutale, aber ehrliche Antwort muss wohl lauten: vermutlich nein. Der Film zeigt konsequent und fast unentwegt politisch motivierte Herabwürdigung und Kontrollmacht auf. Es geht um Behördenstrenge und einen abschätzigen, bisweilen gar sexistischen oder erpresserischen Umgang mit Menschen, die lediglich einfache Anliegen haben und Hilfe benötigen. Ihnen gegenüber steht ein übermächtiger Verwaltungsapparat, der die Vorgaben der Regierung rigoros ausführt.
Ganz am Ende aber fällt, im wahrsten Wortsinn, das gesamte Konstrukt allerdings in sich zusammen. Und „Irdische Verse“ entlarvt einige der behördlichen Protagonisten mit Vehemenz und grimmigem Humor als Lügner und hemmungslose Zyniker. (programmkino.de)
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Do. 20:30
LÜTZERATH - GEMEINSAM FÜR EIN GUTES LEBEN
MonatsDoku – D 2023, 95 Min.
Regie: Carmen Eckhardt, Gerardo Milsztein
Die naturalistische Langzeitbeobachtung des Protestcamps in NRW
Trailer zu LÜTZERATH - GEMEINSAM FÜR EIN GUTES LEBEN
Weiterlesen... Immerath und Manheim, Inden und Lützerath: In den letzten 80 Jahren wurden über 300 Dörfer für den klimaschädlichen Braunkohleabbau abgerissen und deren Anwohner umgesiedelt. Treibende Kraft ist das börsennotierte Unternehmen RWE, einer der wichtigsten Energieversorger Deutschlands. Für die Braunkohle machen die Führungskräfte des Unternehmens regelmäßig Gebrauch von ihrem Recht zur Enteignung, welches sie nach dem Bundesberggesetz (BBerG) ermächtigt, ganze Dörfer umzusiedeln, solange die Umsiedlung dem „Wohle der Allgemeinheit“ dient. Im Zuge einer Erweiterung des Tagebaus Garzweiler II wurde 2006 damit begonnen, den nordrhein-westfälischen Weiler Lützerath umzusiedeln. Bis zum Abriss des Dorfes im Januar 2023 bildete sich eine stetig wachsende Gegenbewegung, die mit Mahnwachen, Demonstrationen und Hausbesetzungen versuchte, den Abriss zu verhindern.
Über eine Zeitspanne von 20 Monaten haben die Filmemacher*innen Carmen Eckhardt und Gerardo Milsztein diese Gegenbewegung begleitet. In Lützerath – Gemeinsam für ein gutes Leben dokumentieren sie die Geschehnisse rund um den Weiler: Angefangen bei der Mahnwache im Juni 2020, bei der gegen den Abriss der Landstraße 277 protestiert wurde, über den Aufbau einer nahezu autonomen Parallelgesellschaft in Lützerath bis zur Räumung des Dorfes durch die Polizei.
Mit Handkameras und Handyaufnahmen wurden die Arbeit und der Alltag der Aktivist*innen eingefangen, während Drohnen in weitläufigen Bildern die dystopische Zerstörung durch den Braunkohleabbau sichtbar machen. Sie zeigen, wie der Zeltplatz auf dem Grundstück des letzten in Lützerath verbleibenden Landwirts zum Nährboden für eine solidarische Gemeinschaft wird. Eine hierarchiefreie und diverse Kommune, in der alle Strukturen aus recycelten Baumaterialien errichtet werden, in der gemeinschaftlich für alle Aktivist*innen gekocht wird, in der gemeinsam musiziert, voneinander gelernt und miteinander gelebt wird. Eine Parallelgesellschaft, in der die Bedürfnisse der Menschen im Mittelpunkt stehen, aber nicht auf Kosten anderer Menschen erfüllt werden müssen.
Durch ihre naturalistische Inszenierung gelingt es der Dokumentation, dieses Lebensgefühl im Camp der Demonstrant*innen festzuhalten und zumindest auf der Leinwand für die Zukunft zu erhalten. Auf extradiegetische Musik oder Erzählstimmen wird gänzlich verzichtet, immer ist Musik oder Gesang aus dem Camp und von den Demozügen zu hören, Menschen teilen ihre Eindrücke und Erlebnisse oder sprechen miteinander über kommende Aktionen. Neben den Demonstrationen und Mahnwachen werden Festivals, Workshops und Straßenfeste geplant, Menschen verschiedenster Religionen und Kulturen ziehen für das gemeinsame Ziel an einem Strang. Die Kamera ist immer unmittelbar dabei, es entsteht bereits beim reinen Zusehen ein Gefühl von Teilhabe, als wäre man selbst in Lützerath — zwischen idyllischer Utopie und dem Kampf um ein Dorf.
Dabei wird die Dokumentation zu einem Teil des Kampfes gegen RWE. Sie hält die Geschehnisse in Lützerath für die Zukunft fest, versucht das Vergessen zu verhindern. Denn spätestens in der zweiten Hälfte der Dokumentation wird klar, dass es um mehr geht als nur den Versuch, eine utopische Parallelgesellschaft aufzubauen. Wenn Tiere aus den Wäldern vertrieben werden, die ersten Häuser durch RWE abgerissen werden und die Polizeigewalt überhandnimmt, wird das Gezeigte immer realer, das Hinschauen immer anstrengender.
Lützerath – Gemeinsam für ein gutes Leben erfindet das Genre der Dokumentation nicht neu, wagt keine handwerklichen Spielereien und hat keine emotionalisierende Narrative. Stattdessen konzentrieren sich Carmen Eckhardt und Gerardo Milsztein vollkommen darauf, die Geschehnisse in Lützerath möglichst nüchtern zu zeigen und wortwörtlich zu dokumentieren. Sie schaffen Aufmerksamkeit und kämpfen gemeinsam mit den Aktivist*innen dafür, dass der Braunkohleabbau und die Umsiedlungen durch Energiekonzerne zu einem schnellstmöglichen Ende kommen.
(kino-zeit.de)
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