Am 9.6. zeigt das Kinoptikum

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So. 11:00
EIN GLÜCKSFALL  DF
Coup de chance – F 2023, 93 Min.
Regie: Woody Allen
mit Lou de Laâge, Valérie Lemercier, Melvil Poupaud
Eine Allen´sche Menage á Trois im Labyrinth aus Zufall und Glück
Trailer zu EIN GLÜCKSFALL
Weiterlesen... Fanny und Jean sind ein glückliches Ehepaar, gut vernetzt in der Pariser Haute volée, unternehmungslustig und sehr wohlhabend. Zumindest auf den ersten Blick wirkt Fanny rundum zufrieden. Doch der Schein trügt: Jean, der erfolgreiche Geschäftsmann, betrachtet Fanny als seine Trophäe – sie erfüllt repräsentative Verpflichtungen und verleiht durch ihre Schönheit und Eleganz seinen Auftritten Glanz und Glamour. Diese Situation schreit geradezu nach einer Affäre, und so kommt es dann auch: Zufällig trifft Fanny ihren Schulfreund Alain wieder, und zwischen ihnen entwickelt sich eine leidenschaftliche Romanze. Doch Jean ist alles andere als naiv, und zudem scheint es, als ob er in diverse dubiose Geschäfte verwickelt ist.
Was die Stadt New York früher für Woody Allen bedeutet hat, wird hier vom herbstlichen Paris übernommen. Und so ist sein neuer Film auch eine kleine romantische und sehr atmosphärische Hymne an die französische Hauptstadt, an eine Stimmung zwischen Bohème und Reichtum, zwischen Eleganz und Lässigkeit, wobei die sanften Herbsttöne der Stadt immer mal wieder von grellem Rot durchbrochen werden. Sicherlich sind die entsprechenden Assoziationen geplant – sie zeigen etwas von der Raffinesse und von der schicken Ironie, mit der Woody Allen hier seine Story erzählt, die tatsächlich, und das ist fast ein Wunder nach so vielen Filmen, sehr originell ist.
Denn was hier als zunächst harmlose Gesellschaftskomödie daherkommt, entpuppt sich immer mehr und ziemlich unerwartet als hintergründige Schauergeschichte, die dennoch niemals ihren Komödiencharakter verliert. Dabei wird Fannys Mutter Camille, die Valérie Lemercier mit hintergründigem Witz spielt, immer mehr zu einer weiteren Hauptperson: als Hobby-Detektivin, die eigentlich von ihrem Schwiegersohn begeistert ist und sich immer mehr in Gefahr begibt, weil sie ihm nachspioniert. Lou de Laâge spielt die Fanny mit pragmatischem Hausverstand und mit einer coolen Eleganz, die ein wenig an Catherine Deneuve erinnert. Fanny war in erster Ehe war mit einem „Hungerleider“ verheiratet, der wesentlich ältere Jean gibt ihr finanzielle Sicherheit. Für sie geht es in dieser Ehe nicht um Leidenschaft, sondern schlicht und ergreifend um die Kohle. Dass sie tatsächlich von Jean auch so behandelt wird, verletzt sie trotzdem. Bei Alain (Niels Schneider) findet sie, was sie gesucht hat: eine verwandte Seele, einen Mann, mit dem sie sich unterhalten kann und der sie ernstnimmt. So überlegt sie dann auch tatsächlich, ob sie ihren Mann verlassen sollte. Melvil Poupaud spielt den Jean als Unsympathen, der durch seine Glätte und seine ausgestellte Höflichkeit beängstigend wirkt. Er glaubt, dass er alles in der Hand hat und dass sich mit Geld alles regeln lässt. Und da schließt sich der Kreis: In diesem Woody-Allen-Film sind es einmal mehr die Frauen, die eigentlich bestimmen, wo’s langgeht. Ein wenig erinnert Lou de Laâge an die junge Diane Keaton, wie eine modernere Version dieser früheren New Yorker Intellektuellen. Auch sie möchte sich befreien, nur dass sie in einem Goldenen Käfig gefangen ist, den sie sich eigentlich selbst ausgesucht hat. Von diesen kleinen ironischen Kommentaren verbergen sich noch mehr in diesem Film, der deutlich anspruchsvoller ist, als es den Anschein hat. Und außerdem ist er auch noch richtig spannend bis zur buchstäblich letzten Minute.
Inzwischen muss man ja leider bei jedem Woody-Allen-Film denken, dass dies sein letzter sein könnte, doch nach dem eher wenig überraschenden „Rifkin’s Festival“ zeigt der Meister hier noch einmal, wozu er in der Lage ist. Unterstützt von seinem Stamm-Kameramann und Bildgestalter Vittorio Storaro und von einem wiederum großartigen Soundtrack schafft er sehr sinnliche und stimmungsvolle Bilder zu einer für einen alten Herren ziemlich durchgeknallten und gleichzeitig tiefgründigen Geschichte, von der hier nicht allzu viel verraten werden soll.
(programmkino.de)
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So. 19:00
GONDOLA
D 2023, 82 Min.
Regie: Veit Helmer
mit Mathilde Irrmann, Nino Soselia
Zarte Kinopoesie in luftiger Höhe und zauberhaften Bildern
Trailer zu GONDOLA
Weiterlesen... Diese Seilbahn mit den zwei ovalen Gondeln hat schon bessere Zeiten gesehen. Aber Tag für Tag fährt sie im georgischen Kaukasus zwischen einem Bergdorf und einer kleinen Stadt im Tal. Die wenigen Passagiere des museal anmutenden Technikobjekts wohnen im Dorf. Touristen scheinen sich in diese entlegene Gegend kaum zu verirren. Zur Beerdigung des alten Schaffners kommt seine Tochter Iva (Mathilde Irrmann) aus der Stadt und beschließt, seine Stelle zu übernehmen. In ihrer Dienstuniform begleitet sie fortan eine der Gondeln, die sich in luftiger Höhe mit der anderen, in die Gegenrichtung fahrenden kreuzt. In dieser steht die junge Schaffnerin Nino (Nino Soselia). Die beiden Frauen fangen an, sich für ihre flüchtigen Begegnungen kleine Überraschungen auszudenken, die bald aufwändiger werden.
Im Laufe seines 25-jährigen Schaffens seit seinem ersten Spielfilm Tuvalu hat der Regisseur und Drehbuchautor Veit Helmer ein paar markante Vorlieben entwickelt. Gondola ist nicht sein erster Film, der irgendwo im Osten spielt, auf dem ehemaligen Territorium der Sowjetunion, wo die Uhren ein wenig anders zu ticken scheinen. Die Sowjetära hat ihre technischen Errungenschaften hinterlassen – zu ihnen könnte dem Augenschein nach auch diese Seilbahn noch zählen. Dass sie weiterhin fährt, lässt die Betrachtenden weniger an eine solide Bauweise denken als dass es am Geld fehlen muss, um sie durch eine neue zu ersetzen. In einem Regiestatement nennt Helmer einen realen Ort in Georgien, wo man morgens in die Seilbahn statt in den Bus steigt, als Inspirationsquelle. Im Vorgängerfilm Vom Lokführer, der die Liebe suchte… von 2018 setzte er einem Vorort von Aserbaidschans Hauptstadt Baku ein Denkmal, in dem ein Zug zum Greifen nah an den alten, inzwischen abgerissenen Häusern vorbeifährt.
Solch urige Kulissen bilden einen geeigneten Schauplatz für skurriles Treiben, ein wenig naive Komik und sympathische Träumerei. Es wird, wie schon in Vom Lokführer, der die Liebe suchte…, nicht gesprochen. Man fühlt sich an die Entschleunigung bei Roy Andersson (Über die Unendlichkeit) erinnert, wo sich Menschen oder Ereignisse in reizarmer Umgebung merkwürdig ausnehmen. Hier aber gibt es keine Episoden, sondern eine durchgehende Handlung voller Poesie. Gondola lädt zum Zurücklehnen und Genießen ein. Helmer hat ein langsames Roadmovie inszeniert, in dem die Liebe die Dinge in Bewegung bringt.
Die beiden jungen Schaffnerinnen muten in dieser vom Fortschritt abgehängten Gegend wie Vorbotinnen einer neuen Zeit an. Dass sie hier Wurzeln schlagen, ist nicht zu erwarten. Nino hat der georgischen Fluggesellschaft einen Bewerbungsbrief geschickt. Wenn sie und Iva ihre Gondeln fantasievoll umdekorieren, verleihen sie ihren Träumen von der großen weiten Welt und ihren Metropolen Ausdruck, richten den Blick sogar gen Himmel. In dem archaischen Landstrich aber will sich das Patriarchat, vertreten durch den Stationsvorsteher (Zviad Papuashvili), nicht kampflos vom Sockel stoßen lassen. Der alte weiße Mann macht Ansprüche auf die jungen Frauen geltend und glaubt, ein Blumenstrauß oder eine Schachtel Pralinen reichten aus, um eine von ihnen zum Altar zu führen. Das Desinteresse der Frauen an ihm und ihre gegenseitige Zuneigung wecken seinen Wunsch nach Rache.
Kleine Nebenhandlungen garnieren die hübsche Romanze. Die Witwe (Niara Chichinadze) straft die heimgekehrte Tochter mit eisiger Missachtung, ein kleiner Junge wirbt um die Freundschaft eines lustigen Mädchens, das ihn zunächst schnöde abweist. Die Liebe aber geht mit gutem Beispiel voran und weckt in den Menschen die Lebensfreude. Als hätten sie schon immer den Schalk im Nacken gehabt, stimmen Leute plötzlich hier und dort in ein Konzert mit umfunktioniertem Hausgerät und Werkzeugen an. Die waldreiche Bergregion bildet für all das eine schöne Naturkulisse. Man könnte einwenden, dass die sparsame Handlung kaum über die knappe Filmdauer von 82 Minuten trägt. Aber die zarte, fröhliche Poesie des Films bleibt bis zum Schluss wirksam. (kino-zeit.de)
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