Am 8.6. zeigt das Kinoptikum

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Sa. 18:00
CIVIL WAR  OmU
USA 2023, 109 Min.
Regie: Alex Garland
mit Kirsten Dunst, Cailee Spaeny, Wagner Moura
Eine beunruhigende Dystopie von der Berichterstatter-Front
Trailer zu CIVIL WAR
Weiterlesen... Angespannt feilt der US-Präsident (Nick Offerman) an den letzten Worten seiner Rede, übt Sätze und Betonung ein, um sich dann im Fernsehen seinen Bürgern zu präsentieren. Mit patriotisch-markanten Formeln beschwört er den Zusammenhalt, der ihnen den Sieg bescheren und einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern werde. So beginnt Alex Garland seine Dystopie, die von der explosiven Lage in Amerika und den Geschehnissen des 6. Januars 2021 maßgeblich inspiriert wurde. Der Sturm bewaffneter Trump-Anhänger auf das Kapitol scheint hinter der Fiktion ständig durch und geistert unweigerlich in den Köpfen der Zuschauer herum.
Das Filmszenario bleibt vage. Politische Zuschreibungen vermeidet das vom Regisseur verfasste Drehbuch. Klar ist allerdings, dass sich einige Bundesstaaten abgespalten haben und gewaltsam gegen die derzeitige Regierung vorgehen. Glaubt man anfangs, der Präsident stehe auf der guten Seite, zeigt sich bald, dass er seine Kompetenzen offenbar deutlich überschritten hat. Von einer rechtswidrigen dritten Amtszeit ist die Rede. Von der Abwicklung des FBI und Luftschlägen gegen die eigene Bevölkerung. Die USA sind in diktatorische Zustände zurückgefallen, was zum Auseinanderbrechen führte. Unterschiedliche Parteien befinden sich in einem schwer überschaubaren Krieg, den vor allem die Western Forces, eine Allianz der so gegensätzlichen Staaten Kalifornien und Texas, mehr und mehr ins Herz der Macht tragen.
Mittendrin in diesem Kampf stecken die Fotoreporterin Lee (Kirsten Dunst), ihr Reuters-Kollege Joel (Wagner Moura) und der New-York-Times-Schreiber Sammy (Stephen McKinley Henderson), die nach einem Selbstmordanschlag im Big Apple auf Grünschnabel Jessie (Cailee Spaeny) treffen. Eine junge Frau, die Lee als Vorbild sieht und sich ebenfalls eine Namen als Kriegsberichterstatterin machen möchte. Lee und Joel zieht es nach Washington D.C., wo sie ein Interview mit dem Präsidenten, vielleicht sein letztes, führen können. Der alte Hase Sammy schließt sich ihnen an, will jedoch nur bis nach Charlottesville/Virginia mitreisen, um dort an der Front die Stellung zu halten. Einen Platz im Wagen sichert sich außerdem Jessie, was Lee anfangs sehr missfällt. In ihren Augen ist der Jungspund nur ein Klotz am Bein.
Wie so viele dystopische Film- und Fernsehstoffe handelt auch „Civil War“ von einer Reise durch ein schwer getroffenes Land. Menschenleere Straßen, achtlos abgestellte Autos, Wracks, verlassene Häuser, bis an die Zähne bewaffnete Menschen, die ihr letztes Hab und Gut verteidigen, gehören einmal mehr zum Szenenbild. Angesichts der Flut an Kinowerken und seriellen Arbeiten, die in der jüngeren Vergangenheit den Zusammenbruch ziviler Strukturen beschrieben haben, gibt es viel Vertrautes zu sehen. Reizvoll ist allerdings die Entscheidung, den Trip oft, anders als üblich, in warme Farben zu tauchen. Nicht wenige Aufnahmen sind sonnendurchflutet, und der Himmel ist häufig strahlend blau. Eine schöne Abwechslung zur sonst so tristen Endzeitästhetik.
Wer Feind und Freund ist, lässt sich meistens nicht sofort sagen. Mehr als einmal, auch das kennt man, geraten die vier Reporter auf ihrem Weg in Situationen, die unverhofft eskalieren könnten. Haften bleiben dürfte besonders eine quälend eindringliche Begegnung, in der ein von Kirsten Dunsts Ehemann Jesse Plemons gespielter Rassist mit roter Brille und Gewehr im Anschlag eine höchst bedrohliche Präsenz ausstrahlt. Wir ahnen, was passieren wird, sind dennoch geschockt, weil es so unvermittelt geschieht. Was diese Sequenz noch niederschmetternder macht: Kurz zuvor erleben die Hauptfiguren Momente der spaßigen Befreiung.
Die Tatsache, dass er Fotografen bzw. Journalisten ins Zentrum seiner Bürgerkriegsvision setzt, nutzt Garland auch für moralische und ethische Überlegungen. „Wir berichten nur, Fragen müssen andere stellen“, heißt es sinngemäß an einem Punkt. Aber ist es wirklich so einfach? Gibt es auch für Reporter, die von der Front berichten, die sich ins Getümmel schmeißen, nicht gewisse Grenzen, eine Verantwortung? Etwa mit Blick auf die Macht der von ihnen geschossenen Bilder? Ist es vertretbar, das Leid anderer Menschen aus nächster Nähe einzufangen? Selbst wenn es zur Aufdeckung von Gräueltaten dient?
„Civil War“ kratzt spannende Aspekte an und scheut nicht davor zurück, die Protagonisten ambivalent zu zeichnen. Die Kriegschronisten mögen gute Absichten verfolgen. Irritierend ist aber ihr kompetitives Auftreten im Kampf um die besten Aufnahmen und die Begeisterung, mit der einige sich ins blutige Chaos stürzen. Joel ist ein draufgängerischer Adrenalinjunkie, den das gewaltsame Durcheinander, so sagt er selbst, geradezu erregt. Lee, von einer ungeschminkten Kirsten Dunst eindrücklich verkörpert, gibt sich unnahbarer, wirkt abgestumpft, ausgelaugt, bemüht sich, ihre Emotionen außen vor zu lassen. Und doch sickert das Erlebte mehr und mehr durch ihren Panzer. Während Sammy den weisen Mahner gibt, ist Jessie die aufstrebende, noch etwas naive Neueinsteigerin, die zunehmend in ihre Rolle hineinfindet. Vor allem ihre Schnappschüsse halten den Bilderfluss des Films immer wieder kurzzeitig an und laden die jeweiligen Augenblicke atmosphärisch auf.
Besonders tief gräbt Garland bei seinen Charakteren nicht, lässt sie keine allzu großen Entwicklungsbögen durchlaufen. Manchmal wirken sie gar wie Schachfiguren in einem grauenvollen Spiel. Dass es dem Regisseur und Drehbuchautor mehr um die Beschreibung eines völlig außer Kontrolle geratenen Konfliktes geht als um eine differenzierte Analyse zeigt auch der Schlussakt. Das im Titel suggerierte Actionspektakel bricht sich hier furios Bahn, treibt den Puls nach oben und lässt das Publikum mit einem unguten Gefühl zurück. Ist im Krieg, wie der Volksmund sagt, wirklich alles erlaubt? Ein Gedanke, der sich ebenfalls festsetzt: Was mag in den USA passieren, sollte Donald Trump im November 2024 die Wahl verlieren? Könnte Garlands Albtraumvision dann von der Realität eingeholt werden?
(programmkino.de)
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Sa. 20:30
EIN GLÜCKSFALL  DF
Coup de chance – F 2023, 93 Min.
Regie: Woody Allen
mit Lou de Laâge, Valérie Lemercier, Melvil Poupaud
Eine Allen´sche Menage á Trois im Labyrinth aus Zufall und Glück
Trailer zu EIN GLÜCKSFALL
Weiterlesen... Fanny und Jean sind ein glückliches Ehepaar, gut vernetzt in der Pariser Haute volée, unternehmungslustig und sehr wohlhabend. Zumindest auf den ersten Blick wirkt Fanny rundum zufrieden. Doch der Schein trügt: Jean, der erfolgreiche Geschäftsmann, betrachtet Fanny als seine Trophäe – sie erfüllt repräsentative Verpflichtungen und verleiht durch ihre Schönheit und Eleganz seinen Auftritten Glanz und Glamour. Diese Situation schreit geradezu nach einer Affäre, und so kommt es dann auch: Zufällig trifft Fanny ihren Schulfreund Alain wieder, und zwischen ihnen entwickelt sich eine leidenschaftliche Romanze. Doch Jean ist alles andere als naiv, und zudem scheint es, als ob er in diverse dubiose Geschäfte verwickelt ist.
Was die Stadt New York früher für Woody Allen bedeutet hat, wird hier vom herbstlichen Paris übernommen. Und so ist sein neuer Film auch eine kleine romantische und sehr atmosphärische Hymne an die französische Hauptstadt, an eine Stimmung zwischen Bohème und Reichtum, zwischen Eleganz und Lässigkeit, wobei die sanften Herbsttöne der Stadt immer mal wieder von grellem Rot durchbrochen werden. Sicherlich sind die entsprechenden Assoziationen geplant – sie zeigen etwas von der Raffinesse und von der schicken Ironie, mit der Woody Allen hier seine Story erzählt, die tatsächlich, und das ist fast ein Wunder nach so vielen Filmen, sehr originell ist.
Denn was hier als zunächst harmlose Gesellschaftskomödie daherkommt, entpuppt sich immer mehr und ziemlich unerwartet als hintergründige Schauergeschichte, die dennoch niemals ihren Komödiencharakter verliert. Dabei wird Fannys Mutter Camille, die Valérie Lemercier mit hintergründigem Witz spielt, immer mehr zu einer weiteren Hauptperson: als Hobby-Detektivin, die eigentlich von ihrem Schwiegersohn begeistert ist und sich immer mehr in Gefahr begibt, weil sie ihm nachspioniert. Lou de Laâge spielt die Fanny mit pragmatischem Hausverstand und mit einer coolen Eleganz, die ein wenig an Catherine Deneuve erinnert. Fanny war in erster Ehe war mit einem „Hungerleider“ verheiratet, der wesentlich ältere Jean gibt ihr finanzielle Sicherheit. Für sie geht es in dieser Ehe nicht um Leidenschaft, sondern schlicht und ergreifend um die Kohle. Dass sie tatsächlich von Jean auch so behandelt wird, verletzt sie trotzdem. Bei Alain (Niels Schneider) findet sie, was sie gesucht hat: eine verwandte Seele, einen Mann, mit dem sie sich unterhalten kann und der sie ernstnimmt. So überlegt sie dann auch tatsächlich, ob sie ihren Mann verlassen sollte. Melvil Poupaud spielt den Jean als Unsympathen, der durch seine Glätte und seine ausgestellte Höflichkeit beängstigend wirkt. Er glaubt, dass er alles in der Hand hat und dass sich mit Geld alles regeln lässt. Und da schließt sich der Kreis: In diesem Woody-Allen-Film sind es einmal mehr die Frauen, die eigentlich bestimmen, wo’s langgeht. Ein wenig erinnert Lou de Laâge an die junge Diane Keaton, wie eine modernere Version dieser früheren New Yorker Intellektuellen. Auch sie möchte sich befreien, nur dass sie in einem Goldenen Käfig gefangen ist, den sie sich eigentlich selbst ausgesucht hat. Von diesen kleinen ironischen Kommentaren verbergen sich noch mehr in diesem Film, der deutlich anspruchsvoller ist, als es den Anschein hat. Und außerdem ist er auch noch richtig spannend bis zur buchstäblich letzten Minute.
Inzwischen muss man ja leider bei jedem Woody-Allen-Film denken, dass dies sein letzter sein könnte, doch nach dem eher wenig überraschenden „Rifkin’s Festival“ zeigt der Meister hier noch einmal, wozu er in der Lage ist. Unterstützt von seinem Stamm-Kameramann und Bildgestalter Vittorio Storaro und von einem wiederum großartigen Soundtrack schafft er sehr sinnliche und stimmungsvolle Bilder zu einer für einen alten Herren ziemlich durchgeknallten und gleichzeitig tiefgründigen Geschichte, von der hier nicht allzu viel verraten werden soll.
(programmkino.de)
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