Am 7.6. zeigt das Kinoptikum

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Fr. 18:00
GONDOLA
D 2023, 82 Min.
Regie: Veit Helmer
mit Mathilde Irrmann, Nino Soselia
Zarte Kinopoesie in luftiger Höhe und zauberhaften Bildern
Trailer zu GONDOLA
Weiterlesen... Diese Seilbahn mit den zwei ovalen Gondeln hat schon bessere Zeiten gesehen. Aber Tag für Tag fährt sie im georgischen Kaukasus zwischen einem Bergdorf und einer kleinen Stadt im Tal. Die wenigen Passagiere des museal anmutenden Technikobjekts wohnen im Dorf. Touristen scheinen sich in diese entlegene Gegend kaum zu verirren. Zur Beerdigung des alten Schaffners kommt seine Tochter Iva (Mathilde Irrmann) aus der Stadt und beschließt, seine Stelle zu übernehmen. In ihrer Dienstuniform begleitet sie fortan eine der Gondeln, die sich in luftiger Höhe mit der anderen, in die Gegenrichtung fahrenden kreuzt. In dieser steht die junge Schaffnerin Nino (Nino Soselia). Die beiden Frauen fangen an, sich für ihre flüchtigen Begegnungen kleine Überraschungen auszudenken, die bald aufwändiger werden.
Im Laufe seines 25-jährigen Schaffens seit seinem ersten Spielfilm Tuvalu hat der Regisseur und Drehbuchautor Veit Helmer ein paar markante Vorlieben entwickelt. Gondola ist nicht sein erster Film, der irgendwo im Osten spielt, auf dem ehemaligen Territorium der Sowjetunion, wo die Uhren ein wenig anders zu ticken scheinen. Die Sowjetära hat ihre technischen Errungenschaften hinterlassen – zu ihnen könnte dem Augenschein nach auch diese Seilbahn noch zählen. Dass sie weiterhin fährt, lässt die Betrachtenden weniger an eine solide Bauweise denken als dass es am Geld fehlen muss, um sie durch eine neue zu ersetzen. In einem Regiestatement nennt Helmer einen realen Ort in Georgien, wo man morgens in die Seilbahn statt in den Bus steigt, als Inspirationsquelle. Im Vorgängerfilm Vom Lokführer, der die Liebe suchte… von 2018 setzte er einem Vorort von Aserbaidschans Hauptstadt Baku ein Denkmal, in dem ein Zug zum Greifen nah an den alten, inzwischen abgerissenen Häusern vorbeifährt.
Solch urige Kulissen bilden einen geeigneten Schauplatz für skurriles Treiben, ein wenig naive Komik und sympathische Träumerei. Es wird, wie schon in Vom Lokführer, der die Liebe suchte…, nicht gesprochen. Man fühlt sich an die Entschleunigung bei Roy Andersson (Über die Unendlichkeit) erinnert, wo sich Menschen oder Ereignisse in reizarmer Umgebung merkwürdig ausnehmen. Hier aber gibt es keine Episoden, sondern eine durchgehende Handlung voller Poesie. Gondola lädt zum Zurücklehnen und Genießen ein. Helmer hat ein langsames Roadmovie inszeniert, in dem die Liebe die Dinge in Bewegung bringt.
Die beiden jungen Schaffnerinnen muten in dieser vom Fortschritt abgehängten Gegend wie Vorbotinnen einer neuen Zeit an. Dass sie hier Wurzeln schlagen, ist nicht zu erwarten. Nino hat der georgischen Fluggesellschaft einen Bewerbungsbrief geschickt. Wenn sie und Iva ihre Gondeln fantasievoll umdekorieren, verleihen sie ihren Träumen von der großen weiten Welt und ihren Metropolen Ausdruck, richten den Blick sogar gen Himmel. In dem archaischen Landstrich aber will sich das Patriarchat, vertreten durch den Stationsvorsteher (Zviad Papuashvili), nicht kampflos vom Sockel stoßen lassen. Der alte weiße Mann macht Ansprüche auf die jungen Frauen geltend und glaubt, ein Blumenstrauß oder eine Schachtel Pralinen reichten aus, um eine von ihnen zum Altar zu führen. Das Desinteresse der Frauen an ihm und ihre gegenseitige Zuneigung wecken seinen Wunsch nach Rache.
Kleine Nebenhandlungen garnieren die hübsche Romanze. Die Witwe (Niara Chichinadze) straft die heimgekehrte Tochter mit eisiger Missachtung, ein kleiner Junge wirbt um die Freundschaft eines lustigen Mädchens, das ihn zunächst schnöde abweist. Die Liebe aber geht mit gutem Beispiel voran und weckt in den Menschen die Lebensfreude. Als hätten sie schon immer den Schalk im Nacken gehabt, stimmen Leute plötzlich hier und dort in ein Konzert mit umfunktioniertem Hausgerät und Werkzeugen an. Die waldreiche Bergregion bildet für all das eine schöne Naturkulisse. Man könnte einwenden, dass die sparsame Handlung kaum über die knappe Filmdauer von 82 Minuten trägt. Aber die zarte, fröhliche Poesie des Films bleibt bis zum Schluss wirksam. (kino-zeit.de)
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Fr. 20:30
CIVIL WAR  DF
USA 2023, 109 Min.
Regie: Alex Garland
mit Kirsten Dunst, Cailee Spaeny, Wagner Moura
Eine beunruhigende Dystopie von der Berichterstatter-Front
Trailer zu CIVIL WAR
Weiterlesen... Angespannt feilt der US-Präsident (Nick Offerman) an den letzten Worten seiner Rede, übt Sätze und Betonung ein, um sich dann im Fernsehen seinen Bürgern zu präsentieren. Mit patriotisch-markanten Formeln beschwört er den Zusammenhalt, der ihnen den Sieg bescheren und einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern werde. So beginnt Alex Garland seine Dystopie, die von der explosiven Lage in Amerika und den Geschehnissen des 6. Januars 2021 maßgeblich inspiriert wurde. Der Sturm bewaffneter Trump-Anhänger auf das Kapitol scheint hinter der Fiktion ständig durch und geistert unweigerlich in den Köpfen der Zuschauer herum.
Das Filmszenario bleibt vage. Politische Zuschreibungen vermeidet das vom Regisseur verfasste Drehbuch. Klar ist allerdings, dass sich einige Bundesstaaten abgespalten haben und gewaltsam gegen die derzeitige Regierung vorgehen. Glaubt man anfangs, der Präsident stehe auf der guten Seite, zeigt sich bald, dass er seine Kompetenzen offenbar deutlich überschritten hat. Von einer rechtswidrigen dritten Amtszeit ist die Rede. Von der Abwicklung des FBI und Luftschlägen gegen die eigene Bevölkerung. Die USA sind in diktatorische Zustände zurückgefallen, was zum Auseinanderbrechen führte. Unterschiedliche Parteien befinden sich in einem schwer überschaubaren Krieg, den vor allem die Western Forces, eine Allianz der so gegensätzlichen Staaten Kalifornien und Texas, mehr und mehr ins Herz der Macht tragen.
Mittendrin in diesem Kampf stecken die Fotoreporterin Lee (Kirsten Dunst), ihr Reuters-Kollege Joel (Wagner Moura) und der New-York-Times-Schreiber Sammy (Stephen McKinley Henderson), die nach einem Selbstmordanschlag im Big Apple auf Grünschnabel Jessie (Cailee Spaeny) treffen. Eine junge Frau, die Lee als Vorbild sieht und sich ebenfalls eine Namen als Kriegsberichterstatterin machen möchte. Lee und Joel zieht es nach Washington D.C., wo sie ein Interview mit dem Präsidenten, vielleicht sein letztes, führen können. Der alte Hase Sammy schließt sich ihnen an, will jedoch nur bis nach Charlottesville/Virginia mitreisen, um dort an der Front die Stellung zu halten. Einen Platz im Wagen sichert sich außerdem Jessie, was Lee anfangs sehr missfällt. In ihren Augen ist der Jungspund nur ein Klotz am Bein.
Wie so viele dystopische Film- und Fernsehstoffe handelt auch „Civil War“ von einer Reise durch ein schwer getroffenes Land. Menschenleere Straßen, achtlos abgestellte Autos, Wracks, verlassene Häuser, bis an die Zähne bewaffnete Menschen, die ihr letztes Hab und Gut verteidigen, gehören einmal mehr zum Szenenbild. Angesichts der Flut an Kinowerken und seriellen Arbeiten, die in der jüngeren Vergangenheit den Zusammenbruch ziviler Strukturen beschrieben haben, gibt es viel Vertrautes zu sehen. Reizvoll ist allerdings die Entscheidung, den Trip oft, anders als üblich, in warme Farben zu tauchen. Nicht wenige Aufnahmen sind sonnendurchflutet, und der Himmel ist häufig strahlend blau. Eine schöne Abwechslung zur sonst so tristen Endzeitästhetik.
Wer Feind und Freund ist, lässt sich meistens nicht sofort sagen. Mehr als einmal, auch das kennt man, geraten die vier Reporter auf ihrem Weg in Situationen, die unverhofft eskalieren könnten. Haften bleiben dürfte besonders eine quälend eindringliche Begegnung, in der ein von Kirsten Dunsts Ehemann Jesse Plemons gespielter Rassist mit roter Brille und Gewehr im Anschlag eine höchst bedrohliche Präsenz ausstrahlt. Wir ahnen, was passieren wird, sind dennoch geschockt, weil es so unvermittelt geschieht. Was diese Sequenz noch niederschmetternder macht: Kurz zuvor erleben die Hauptfiguren Momente der spaßigen Befreiung.
Die Tatsache, dass er Fotografen bzw. Journalisten ins Zentrum seiner Bürgerkriegsvision setzt, nutzt Garland auch für moralische und ethische Überlegungen. „Wir berichten nur, Fragen müssen andere stellen“, heißt es sinngemäß an einem Punkt. Aber ist es wirklich so einfach? Gibt es auch für Reporter, die von der Front berichten, die sich ins Getümmel schmeißen, nicht gewisse Grenzen, eine Verantwortung? Etwa mit Blick auf die Macht der von ihnen geschossenen Bilder? Ist es vertretbar, das Leid anderer Menschen aus nächster Nähe einzufangen? Selbst wenn es zur Aufdeckung von Gräueltaten dient?
„Civil War“ kratzt spannende Aspekte an und scheut nicht davor zurück, die Protagonisten ambivalent zu zeichnen. Die Kriegschronisten mögen gute Absichten verfolgen. Irritierend ist aber ihr kompetitives Auftreten im Kampf um die besten Aufnahmen und die Begeisterung, mit der einige sich ins blutige Chaos stürzen. Joel ist ein draufgängerischer Adrenalinjunkie, den das gewaltsame Durcheinander, so sagt er selbst, geradezu erregt. Lee, von einer ungeschminkten Kirsten Dunst eindrücklich verkörpert, gibt sich unnahbarer, wirkt abgestumpft, ausgelaugt, bemüht sich, ihre Emotionen außen vor zu lassen. Und doch sickert das Erlebte mehr und mehr durch ihren Panzer. Während Sammy den weisen Mahner gibt, ist Jessie die aufstrebende, noch etwas naive Neueinsteigerin, die zunehmend in ihre Rolle hineinfindet. Vor allem ihre Schnappschüsse halten den Bilderfluss des Films immer wieder kurzzeitig an und laden die jeweiligen Augenblicke atmosphärisch auf.
Besonders tief gräbt Garland bei seinen Charakteren nicht, lässt sie keine allzu großen Entwicklungsbögen durchlaufen. Manchmal wirken sie gar wie Schachfiguren in einem grauenvollen Spiel. Dass es dem Regisseur und Drehbuchautor mehr um die Beschreibung eines völlig außer Kontrolle geratenen Konfliktes geht als um eine differenzierte Analyse zeigt auch der Schlussakt. Das im Titel suggerierte Actionspektakel bricht sich hier furios Bahn, treibt den Puls nach oben und lässt das Publikum mit einem unguten Gefühl zurück. Ist im Krieg, wie der Volksmund sagt, wirklich alles erlaubt? Ein Gedanke, der sich ebenfalls festsetzt: Was mag in den USA passieren, sollte Donald Trump im November 2024 die Wahl verlieren? Könnte Garlands Albtraumvision dann von der Realität eingeholt werden?
(programmkino.de)
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