Am 2.6. zeigt das Kinoptikum

Datum Home
So. 11:00
STERBEN
Family Entertainment – D 2024, 180 Min.
Regie: Matthias Glasner
mit Lars Eidinger, Corinna Harfouch, Lilith Stangenberg, Ronald Zehrfeld
Morituri te salutant: Eine Soap Opera von Film über das große Ganze
Trailer zu STERBEN
Weiterlesen... Lissy Lunies (Corinna Harfouch) sitzt im wahrsten Sinne des Wortes in der Scheiße: Ihr Mann Gerd (Hans-Uwe Bauer) leidet an Parkinson, läuft schon mal nackt durchs Treppenhaus und wird bald in ein Pflegeheim abgeschoben. Was Lissy nicht allzu sehr zu bedrücken scheint, die Liebe ist längst verschwunden, darüber hinaus plagen sie eigene gesundheitliche Sorgen.
Zwei Kinder hat Lissy, doch die stehen der Mutter nicht zur Seite, sondern kämpfen mit eigenen Problemen: In Berlin probt der Dirigent Tom (Lars Eidinger) mit einem Jugendorchester eine Komposition seines Freundes, dem depressiven Komponisten Bernard (Robert Gwisdek). Zusätzlich ist Tom quasi Vater geworden, denn seine Ex-Freundin Liv (Anna Bederke) hat ein Kind bekommen, will mit dem leiblichen Vater des Kindes aber nichts zu tun haben. Sowohl Tom als auch Bernard sind latent beziehungsunfähig, haben Affären, Sex, aber vor tieferen Emotionen schrecken sie zurück.
In Hamburg wiederum lebt Toms Schwester Ellen (Lilth Stangenberg) ein Leben im Rausch, trinkt, singt und beginnt mit ihrem Chef, dem Zahnarzt Sebastian (Ronald Zehrfeld) eine Affäre, als deren Basis Alkohol und Sex dient. Keine gute Voraussetzung für eine Beziehung, zumal Sebastian verheiratet ist und seine Frau in München mit den Kindern wartet.
In fünf Kapiteln und einem Epilog entwickelt Matthias Glasner seinen Reigen, ein breites Panorama von Emotionen und Exzessen. Während die ersten drei Kapitel nach den drei Familienmitglieder Lissy, Tom und Ellen benannt sind, heißen spätere Liebe und Leben, was ganz gut den inhaltlichen Bogen umfasst, den Glasner hier abdecken möchte.
Als Problem dabei erweist sich die Konstruktion des Films, die eigentlich diverse Figuren beschreiben will, am Ende aber doch vor allem Tom in den Mittelpunkt stellt. Während Ellen erst nach gut der Hälfte des Films auftaucht, verschwindet Lissy zu diesem Zeitpunkt fast völlig aus dem Film. Eine Szene zwischen Mutter und Tochter gibt es nicht, was das Verständnis für das exzessive Verhalten Ellens, die als emotional labil und unsicher geschildert wird, noch unverständlicher erscheinen lässt. Gerade diese Figur misslingt Glasner, sie wird zum Klischee einer Frau, die sich nur durch Trinken, Sex und Exzesse definiert.
Das ist umso bedauerlicher, da die anderen Figuren so genau beschrieben sind. Besonders zwischen Mutter und Sohn, zwischen Harfouch und Eidinger, entstehen einige schonungslos harte Momente, die präzise eine Entfremdung beschreiben oder vielmehr eine Eltern-Kind-Beziehung, die nie wirklich existiert hat. In diesen Momenten ist „Sterben“ das große Epos über die Schwierigkeit von Beziehungen, den ewigen Kampf zwischen sich selbst und dem Wissen, wie wichtig andere Menschen für das eigene Wohlbefinden sind.
In seinen besten Momenten zeigt „Sterben“ auch, dass Matthias Glasner wie nur wenige andere deutsche Regisseure den Mut hat, dahin zu gehen, wo es weh tut, Figuren zu zeigen, die oft zutiefst unsympathisch wirken, aber gerade dadurch komplex und wahrhaftig sind. Trotz mancher Schwächen also ein Film, der besonders ist, der viel riskiert und dabei manchmal scheitert, aber allein schon wegen seiner großen Ambition Beachtung verdient.
(programmkino.de)
Ausblenden

So. 19:00
EIN GLÜCKSFALL  DF
Coup de chance – F 2023, 93 Min.
Regie: Woody Allen
mit Lou de Laâge, Valérie Lemercier, Melvil Poupaud
Eine Allen´sche Menage á Trois im Labyrinth aus Zufall und Glück
Trailer zu EIN GLÜCKSFALL
Weiterlesen... Fanny und Jean sind ein glückliches Ehepaar, gut vernetzt in der Pariser Haute volée, unternehmungslustig und sehr wohlhabend. Zumindest auf den ersten Blick wirkt Fanny rundum zufrieden. Doch der Schein trügt: Jean, der erfolgreiche Geschäftsmann, betrachtet Fanny als seine Trophäe – sie erfüllt repräsentative Verpflichtungen und verleiht durch ihre Schönheit und Eleganz seinen Auftritten Glanz und Glamour. Diese Situation schreit geradezu nach einer Affäre, und so kommt es dann auch: Zufällig trifft Fanny ihren Schulfreund Alain wieder, und zwischen ihnen entwickelt sich eine leidenschaftliche Romanze. Doch Jean ist alles andere als naiv, und zudem scheint es, als ob er in diverse dubiose Geschäfte verwickelt ist.
Was die Stadt New York früher für Woody Allen bedeutet hat, wird hier vom herbstlichen Paris übernommen. Und so ist sein neuer Film auch eine kleine romantische und sehr atmosphärische Hymne an die französische Hauptstadt, an eine Stimmung zwischen Bohème und Reichtum, zwischen Eleganz und Lässigkeit, wobei die sanften Herbsttöne der Stadt immer mal wieder von grellem Rot durchbrochen werden. Sicherlich sind die entsprechenden Assoziationen geplant – sie zeigen etwas von der Raffinesse und von der schicken Ironie, mit der Woody Allen hier seine Story erzählt, die tatsächlich, und das ist fast ein Wunder nach so vielen Filmen, sehr originell ist.
Denn was hier als zunächst harmlose Gesellschaftskomödie daherkommt, entpuppt sich immer mehr und ziemlich unerwartet als hintergründige Schauergeschichte, die dennoch niemals ihren Komödiencharakter verliert. Dabei wird Fannys Mutter Camille, die Valérie Lemercier mit hintergründigem Witz spielt, immer mehr zu einer weiteren Hauptperson: als Hobby-Detektivin, die eigentlich von ihrem Schwiegersohn begeistert ist und sich immer mehr in Gefahr begibt, weil sie ihm nachspioniert. Lou de Laâge spielt die Fanny mit pragmatischem Hausverstand und mit einer coolen Eleganz, die ein wenig an Catherine Deneuve erinnert. Fanny war in erster Ehe war mit einem „Hungerleider“ verheiratet, der wesentlich ältere Jean gibt ihr finanzielle Sicherheit. Für sie geht es in dieser Ehe nicht um Leidenschaft, sondern schlicht und ergreifend um die Kohle. Dass sie tatsächlich von Jean auch so behandelt wird, verletzt sie trotzdem. Bei Alain (Niels Schneider) findet sie, was sie gesucht hat: eine verwandte Seele, einen Mann, mit dem sie sich unterhalten kann und der sie ernstnimmt. So überlegt sie dann auch tatsächlich, ob sie ihren Mann verlassen sollte. Melvil Poupaud spielt den Jean als Unsympathen, der durch seine Glätte und seine ausgestellte Höflichkeit beängstigend wirkt. Er glaubt, dass er alles in der Hand hat und dass sich mit Geld alles regeln lässt. Und da schließt sich der Kreis: In diesem Woody-Allen-Film sind es einmal mehr die Frauen, die eigentlich bestimmen, wo’s langgeht. Ein wenig erinnert Lou de Laâge an die junge Diane Keaton, wie eine modernere Version dieser früheren New Yorker Intellektuellen. Auch sie möchte sich befreien, nur dass sie in einem Goldenen Käfig gefangen ist, den sie sich eigentlich selbst ausgesucht hat. Von diesen kleinen ironischen Kommentaren verbergen sich noch mehr in diesem Film, der deutlich anspruchsvoller ist, als es den Anschein hat. Und außerdem ist er auch noch richtig spannend bis zur buchstäblich letzten Minute.
Inzwischen muss man ja leider bei jedem Woody-Allen-Film denken, dass dies sein letzter sein könnte, doch nach dem eher wenig überraschenden „Rifkin’s Festival“ zeigt der Meister hier noch einmal, wozu er in der Lage ist. Unterstützt von seinem Stamm-Kameramann und Bildgestalter Vittorio Storaro und von einem wiederum großartigen Soundtrack schafft er sehr sinnliche und stimmungsvolle Bilder zu einer für einen alten Herren ziemlich durchgeknallten und gleichzeitig tiefgründigen Geschichte, von der hier nicht allzu viel verraten werden soll.
(programmkino.de)
Ausblenden